der von dem Könige, von dem Volke geachtetsten Personen Hatten bereits große Summen geboten, um nur das kleinste Werk von Cardillac 3u erhalten. Er warf sich dem Könige zu Füßen, und flehte um die Huld, nichts für ihn arbeiten zu dürfen. Ebenso verweigerte er der Maintenon jede Bestellung, ja mit dem Ausdruck des Abscheues und Entsetzens verwarf er den Auftrag derselben, einen kleinen, mit dem Emblemen der Kunst verzierten Ring zu fertigen, den Racine von ihr erhalten sollte.
Ich wette, sprach daher die Maintenon, ich wette, daß Cardillac, schicke ich auch hin zu ihm, um wenigstens zu erfahren, für wen er diesen Schmuck fertigte, sich weigert herzukommen, weil er vielleicht eine Bestellung fürchtet und doch durchaus nichts für mich arbeiten will. Wiewohl er seit einiger Zeit abzulassen scheint von seinem starren Eigensinn; denn wie ich höre, arbeitet er jetzt fleißiger als je, und liefert seine Arbeit ab auf der Stelle, jedoch noch immer mit tiefem Verdruß und weggewandtem Gesicht. — Die Scuderi, der auch viel daran gelegen, daß, sei es noch möglich, der Schmuck bald in die Hände des rechtmäßigen Eigentümers komme, meinte, daß man dem Meister Sonderling ja gleich sagen lassen könne, wie man keine Arbeit, sondern nur sein Urteil über Juwelen verlange. Das billigte die Marquise. Es wurde nach Cardillac geschickt und, als sei er schon auf dem Wege gewesen, trat er nach Verlauf weniger Zeit in das Zimnier.
Er schien, als er die Scuderi erblickte, betreten und wie einer, der, von dem Unerwarteten plötzlich getroffen, die Ansprüche des Schicklichen, wie sie der Augenblick darbietet, vergißt, neigte er sich zuerst tief und ehrfurchtsvoll vor dieser ehrwürdigen Datnc, und wandte sich dann erst zur Marquise. Die frug ihn hastig, indem sie auf das Geschmeide wies, das auf dem dunkelgrün behängten Tisch funkelte, ob das feine Arbeit sei? Cardillac warf kaum einen Blick darauf und packte, der Marquise ins Gesicht starrend, Armbänder und Halsschmuck schnell ein in das Kästchen, das daneben stand, und das er mit Heftigkeit von sich weg schob. Run sprach er, indem ein häßliches Lächeln auf seinem roten Antlitz gleißte: In der Tat, Frau Marquise, man mutz Rens Cardillacs Arbeit schlecht kennen, um nur einen Augenblick zu glauben, datz irgendein anderer Goldschmied in der Welt solchen Schmuck fassen könne. Freilich ist das meine Arbeit. — So sagt denn, fuhr die Marquise fort, für wen ihr diesen Schmuck gefertigt habt. — Für mich ganz allein, erwiderte Cardillac, ja Ihr möget, fuhr er fort, als beide die Maintenon und die Scuderi ihn ganz verwundert anblickten, jene voll Mißtrauen, diese voll banger Erwartung, wie sich nun die Sache wenden würde, ja Ihr möget das nun seltsam finden, Frau Marquise, aber es ist dem so. Bloh der schönen Arbeit willen suchte ich meine besten Steine zusammen, und arbeitete aus Freude daran fleißiger und sorgfältiger als jemals. Vor weniger Zeit verschwand der Schmuck aus meiner Werkstatt auf unbegreifliche Weise. — Dem Himmel sei es gedankt, rief dis Scuderi, indem ihr die Augen vor Freude funkelten, und sie rasch und behende wie ein junges Mädchen von ihrem Lehnsessel aufsprang, auf den Cardillac losschritt und beide Hände auf seine Schultern legte; empfangt, sprach sie dann, empfangt, Meister Rens, das Eigentum, das Euch verruchte Spitzbuben raubten, wieder zurück. Nun erzählte sie ausführlich, wie sie zu dem Schmuck gekommen. Cardillac hörte alles schweigend mit niedergeschlagenen Augen an. Nur mitunter stietz er ein unvernehmliches Hm! So! Ei! Hoho! aus und warf bald die Hände auf den Rücken, bald streichelte er leise Kinn und Wange. Als nun die Scuderi geendet, war es, als kämpfe Cardillac mit ganz besonderen Gedanken, die währenddessen ihm gekommen , und als wolle irgendein Entschluß sich nicht fügen und fördern. Er rieb sich die Stirn, er seuszte, er fuhr mit der Hand über die Augen, wohl gar um heroorbrechenden Tränen zu steuern. Endlich ergriff er das Kästchen, das ihm die Scuderi darbot, ließ sich auf ein Knie langsam nieder und sprach: Euch, edles, ehrwürdiges Fräulein, hat das Verhängnis diesen Schmuck bestimmt. Ja, nun weih ich es erst, datz ich während der Arbeit an Euch dachte, ja für Euch arbeitete. Verschmäht es nicht, diesen Schmuck als das Beste, was ich wohl seit langer Zeit gemacht, von mir anzunehmen und zu tragen. — Ei, ei, erwiderte die Scuderi anmutig scherzend, wo denkt Ihr hin, Meister RenS, steht es mir denn an,;- in meinen Jahren mich noch so herauszuputzen mit blanken Steinen? Und wie kommt Ihr denn dazu, mich so überreich zu beschenken? Geht, geht, Meister Rens, wär' ich schön wie die Marquise de Fontange und reich, in der Tat, ich ließe den Schmuck nicht aus den Händen, aber was soll diesen welken Armen die eitle Pracht, was soll diesem verhülltem Hals der glänzende Putz? — Cardillac hatte sich indessen erhoben und sprach, wie außer sich, mit verwildertem Blick, indem er fortwährend das Kästchen der Scuderi hinhielt: Tut mir die Barmherzigkeit, Fräulein, und nehmt den Schmuck.
Ihr glaubt es nicht, welche tiefe Verehrung ich für Eure Tugend, für Eure hohen Verdienste im Herzen trage! Nehmt doch mein geringes Geschenk nur für das Bestreben an, Euch recht meine innerste Gesinnung zu beweisen. — Als nun die Scuderi immer noch zögerte, nahm die Maintenon das Kästchen aus Cardillacs Händen, sprechend: Nun beim Himmel, Fräulein, immer redet Ihr von Euren hohen Jahren, was haben wir, ich und Ihr mit den Jahren zu schaffen und ihrer Last! Und tut Ihr denn nicht eben wie ein junges verschämtes Ding, das gern zu- langen möchte nach der dargebotenen süßen Frucht, könnte das nur geschehen ohne Hand und ohne Finger. Schlagt dem macfern Meister Renö nicht ab, das freiwillig als Geschenk zu empfangen, was taufend andere nicht erhalten können, alles Goldes, alles Bittens und Flehens unerachtet.
Die Maintenon hatte der Scuderi das Kästchen währenddessen auf- gedrungen und nun stürzte Cardillac nieder auf die Knie, küßte der Scuderi den Rock, die Hände, stöhnte — seufzte — weinte — schluchzte — sprang auf — rannte wie unsinnig, Sessel — Tische umstürzend, daß Porzellan, Gläser zusammenklirrten, in toller Hast von bannen.
Ganz erschrocken ries die Scuderi: Um aller Heiligen willen, was widerfährt dem Menschen! Doch die Marquise, in besonders heiterer Laune bis zu sonst ihr ganz fremdem Mutwillen, schlug eine helle Lache auf und sprach: Da haben roir’s Fräulein, Meister Renö ist in Euch
sterblich verliebt, und beginnt nach richtigem Brauch und bewährter Sitte echter Galanterie Euer Herz zu bestürmen mit reichen Geschenken. Die Maintenon führte diesen Sck^rz weiter aus, indem sie die Scuderi ermahnte, nicht zu grausam zu sein gegen den verzweifelten Liebhaber, und diese wurde, Raum gebend angeborner Laune, hingerissen in den sprudelnden Strom tausend lustiger Einfälle. Sie meinte, daß sie, stünden die Sachen nun einmal so, endlich besiegt, wohl nicht werde umhin können, der Welt das unerhörte Beispiel einer dreiundsiebzigjährigen Goldschmiedsbraut von untadeligem Adel auszustellen. Die Maintenon erbot sich, die Brautkrone zu flechten und sie über die Pflichten einer guten Hausfrau zu belehren, wovon freilich so ein kleiner Kiekindiewelt von Mädchen nicht viel wissen könne.
Da nun endlich die Scuderi aufstand, um die Marquise zu verlassen, wurde sie alles lachenden Scherzes ungeachtet doch wieder sehr ernst, als ihr das Schmuckkästchen zur Hand kam. Sie sprach: Doch, Fran Marquise, werde ich mich dieses Schmuckes niemals bedienen können. Er ist mag es sich nun zugetragen haben wie es will, einmal in den Händen jener höllischen Gesellen gewesen, die mit der Frechheit des Teufels, jawohl gar in verdammtem Bündnis mit ihm, rauben und morden. Mir graust vor dem Blute, das an dem funkelnden Geschmeide zu kleben scheint. Und nun hat selbst Cardillacs Betragen, ich mutz es gestehen, für mich etwas sonderbar Aengstliches und Unheimliches. Nicht erwehren kann ich mich einer dunklen Ahnung, daß hinter diesem allem irgendein grauenvolles, entsetzliches Geheimnis verborgen, und bringe ich mir die ganze Sache recht deutlich vor Augen mit jedem Umstande, jo kann ich doch wieder gar nicht auch nur ahnen, worin das Geheimnis bestehe, und wie überhaupt der ehrliche, wackere Meister Rens, das Vorbild eines guten, frommen Bürgers, mit irgend etwas Bösem, Verdammlichen zu tun haben soll. Soviel ist aber gewiß, daß ich niemals mich unterstehen werde, den Schmuck anzulegen.
Die Marquise meinte, das hieße die Skrupel zu weit treiben; als nun aber die Scuderi sie auf ihr Gewissen fragte, was sie in ihrer, der Scuderi Lage, wohl tun würde, antwortete sie ernst und fest: Weit eher den Schmuck in die Seine werfen, als ihn jemals tragen.
Den Auftritt mit dem Meister Rens brachte die Scuderi in gar anmutige Verse, diez sie den folgenden Abend in den Gemächern der Maintenon dem Könige vorlas. Wohl mag es fein, daß sie auf Kosten Meister Renes, alle Schauer unheimlicher Ahnung besiegend, das ergötzliche Bild der dreiundsiebzigjährigen Goldschmiedsbraut von uraltem Adel mit lebendigen Farben darzustellen gewußt. Genug, der König lachte bis ins Innerste hinein und schwur, daß Boileau Desprsaux seinen Meister gefunden, weshalb der Scuderi Gedicht für das Wichtigste galt, das jemals geschrieben.
Mehrere Monate waren vergangen, als der Zusall es wollte, daß die Scuderi in der Glaskutsche der Herzogin von Montansier über den Poni- neuf fuhr. Roch war die Erfindung der zierlichen Glaskuischen so neu, daß das neugierige Volk sich zudrängte, wenn ein Fuhrwerk der Art auf den Straßen erschien. So kam es denn auch, daß der gaffende Pöbel auf dem Ponineuf die Kutsche der Montansier umringte, beinahe den Schritt der Pferde hemmend. Da vernahm die Scuderi plötzlich ein Geschimpfe und Gefluche und gewahrte, wie ein Mensch mit Faustschlögen und Rippenstößen sich Platz machte durch die dickste Masse. Und wie er näher kam, trafen sie die durchbohrenden Blicke eines todbleichen, gramverstörten Jünglingsantlitzes. Unverwandt schaute der junge Mensch sie an, während er mit Ellbogen und Fäusten rüstig vor sich wegarbeitete, bis er an den Schlag des Wagens kam, den er mit stürmender Hastigkeit aufritz, der Scuderi einen Zettel in den Schoß warf, und Stöße, Faustschläge austeilend und empfangend, verschwand, wie er gekommen. Mit einem Schrei des Entsetzens war, so wie der Mensch am Kutschenschlage erschien, die Martiniere, die sich bei der Scuderi befand, entseelt in die Wagen- kisien zurückgesunken. Vergebens riß die Scuderi an der Schnur, rief dem Kutscher zu, der, wie vom bösen Geiste getrieben, peitschte auf die Pferde los, die den Schaum vor den Mäulern wegspritzend, um sich schlugen, sich bäumten, endlich in scharfem Trab fortdonnerten über die Brücke. Die Scuderi goß ihr Riechfläschchen über die ohnmächtige Frau aus, die endlich die Augen aufschlug und zitternd und bebend, sich krampfhaft festklammernd an die Herrschaft, Angst und Entsetzen im bleichen Antlitz, mühsam stöhnte: Um der heiligen Jungfrau willen, was wollte der fürchterliche Mensch? Ach, er war es ja, er war es, derselbe, der Euch in jener jchaucrvollen Nacht das Kästchen brachte! — Die Scuderi beruhigte die Arme, indem sie ihr vorstellte, daß ja durchaus nichts Böses- geschehen, und daß es nur darauf ankomme, zu wissen, was der Zettel enthalte. Sie schlug das Blättchen auseinander und fand die Worte:
Ein böses Verhängnis, das Ihr abwenden konntet, stößt mich in den Abgrund! Ich beschwöre Euch, wie der Sohn die Mutter, von der er nicht lassen kann, in der vollsten Glut kindlicher Liebe, den Halsschmuck und die Armbänder, die Ihr durch mich erhieltet, unter irgendeinem Vorwand — um irgend etwas daran bessern — ändern zu -ssen, zum Meister Rens Cardillac zu schaffen; Euer Wohl, Euer L.oen hängt davon ab. Tut Ihr es nicht bis übermorgen, so bringe ich in Eure Wohnung und ermorde mich vor Euren Augen!
Nun ist es gewiß, sprach die Scuderi, als sie dies gelesen, datz, mag der geheimnisvolle Mensch auch wirklich zu der Bande verruchter Diebe und Mörder gehören, er doch gegen mich nichts -Böses im Schilde führt. Wäre es ihm gelungen, mich in jener Nacht zu sprechen, wer weih, welches fonberbare Ereignis, welch dunkles Verhältnis der Dinge mir klar worden, von dem'ich jetzt auch nur die leiseste Ahnung vergebens in meiner Seele suche. Mag aber auch die Sache sich nun verhalten wie sie will, bas, was mir in diesem Blatt geboten wird, werde ich tun, und geschähe es auch nur, um den unseligen Schmuck loszuwerden, der mir ein höllischer Talisman des Bösen selbst dünkt. Cardillac wird ihn doch wohl nun feiner alten Sitte getreu, nicht so leicht wieder aus den Händen geben wollen.
(Fortsetzung folgt.)
verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und lverlag: Brühl'sche Aniversitats-Duch- und Steindruckerei, Lange, Dießen.


