kritisierende und gestikulierende Zuschauernrenge ihren wohl gemessenen ^Doch “in reichster Vielgestaltigkeit findet die winterliche Landschaft in der holländischen Malerei des 17. Jahrhundert ihre Widerspiegelung. Hier, wo sich alljährlich das fröhlichste Treiben auf den zugefrorenen, das Land durchziehenden Kanälen entfaltet, die Monate hindurch die eigentlichen Pulsadern des Lebens bilden, mußte der liebevoll der heimatlichen Scholle zugewandte Blick des Künstlers auch die Welt des winterlichen Hollands in sich ausnehmen, der sie mit der tiefen Wahrheitsliebe nachgestaltete, die dieser Malergeneration eignet. Als der früheste Vertreter dieser Bestrebungen tritt uns Avercamp entgegen, der mit emsiger Treue die von unzähligen wimmelnden Schlittschuhläufern, schlittensahren- den und sich mit einem damals beliebten Kugelspiel vergnügenden Menschen bis in die tiefste Tiefe belebte Eisfläche als fein besonderes L>eb- lingsmotiv zur wiederholten Darstellung bringt. Aber das Gefühl für den einzigartigen Stimmungswert, für die atmosphärischen Reize dieses Landschaftsbildes klingt erst in den Gemälden seiner jüngeren Zeitgenossen, eines Aert vanderReer, Jan van Gayen oder Esaias v an de r Velde mit. Kaum einer der Künstler, die der holländischen Landschaftsmalerei jener Zeit ihr Gepräge gegeben haben, ist an der winterlichen Schönheit seiner Heimat vorübergegangen, jeder hat in ihre Gestaltung seine persönliche Note hineingetragen. So liebte es Isaak van Ostade in seinen zahlreichen Winterbildern, den Bogen einer Brücke, einem dunkeln Rahmen gleich, über das frohe Treiben auf dem Eise zu spannen, indessen Adriaen van der Veldes Sunft ein glückliches Gleichgewicht zwischen den die Landschaft belebenden, in Haltung und Bewegung lndivl- dualisierten Menschen, die nicht mehr zur bloßen Staffage herabgedruckt waren, und der Erhabenheit und Größe ihrer Umwelt herzustellen wugte. Doch den persönlichen Stimmungsgehalt hat erst der frühgeborene Romantiker der holländischen Landschaft Jacob v a n R u i s d a e l seinen Winter- bildern verliehen, die freilich in seinem Werk nur vereinzelt auftreten. Drückend lastet der Himmel über den schneebedeckten Hausern, eine schwermutsvolle Trauer entströmt dieser von wenigen dunkeln Gestalten mehr betonten als belebten Einsamkeit. Ueber Zeit und Raum spannen sich von hier verwandte Wesen bindende Fäden zu den Winterbildern eines Caspar David Friedrich, zu jenen düster», schicksalhaften Gestaltungen der Winterlandschast, in deren kronenberaubten, jchneebeladenen Baumen, den schweigsamen Wächtern an Hünengräbern oder Fnedhofspforten, alle Trauer und Verlassenheit des Todes zu raunen scheint.
Eine andere Welt, ein anderer Geist spricht aus den Winterdarstellun- qen des Rokoko. Rur als Erhöher der Lebenslust, mit Schlittengeklingel und blitzenden Schlittschuhgleiten konnte der seiner grimmen Strenge beraubte Herrscher Einzug halten in diese festfreudige Zeck. Die zierlichen, dem rahmenden Rokokoschnörkel sich anpassenden Schlittschuhläufer, wie sie der Stift eines Nilson gestaltet hat, sind ebenso bezeichnend für die Auffassung dieser Epoche wie die eng aneinander geschmiegten und doch so pieleriich fröhlichen, einen ins Niedliche übersetzten Winter verkörpernden Putten auf dem durch und durch malerisch empfundenen Relief von Bo ucha rdon.
In Deutschland lag es wie ein düsteres Verhängnis, über der Wieder- aeburt der Winterlandschaft aus dem Geiste der Malerei. In einer Zeit, da unsere größten Dichter, da K l o p st o ck wie G o e t h e m Wort und Tat laut Zeugnis ablegtcn für das neu erschlossene Reich der Wmter- schönheit, da fehlte das im gleichen Sinne eingestellte Malerauge. Wie eine bittere Ironie erscheint es, daß jener Künstler, der zum Illustrator unserer Klassiker berufen war, daß Chodowieckl gleich den alten Meistern der Kalenderbilder den Winter wieder durch das Medium häuslicher Geborgenheit erschaute. Erst der ins Monumentale strebende R e t h c l, der in seinem Hannibalszug das Ringen der Söhne des Südens mit der nordischen Natur gestaltete, ward der Bahnbrecher einer größeren und tieferen Auffassung des Winters in der deutschen Kunst, neben der aber auch die anmutig Winter und Weihnachten zu einer innigen Einheit verschmelzende Art eines Schwind und Ludwig Richter, einer andern Gefühlswelt entsprossen, gleichberechttgt ihren Platz behaupten konnte.
Doch schon in jenen Jahren, da der junge Goethe flammend das Evangelium der winterlichen' Schönheit nach Weimar trug, traten tm fernen Westen die Schöpfer einer neuen Landschastsmalerei, die zugleich eine siegreiche malerische Eroberung der Winterwelt bedeutete, mit Constable und Turner ins Leben. Turner, der Maler des Lichts und der Atmosphäre, für deren letzte, feinste Werte, für deren unendliche Bewegtheit er das nachfühlende, nachtastende Organ besaß, war der berufenste Schöpfer des neuen Winterbildes. In seinem „Schiff tm Schneesturm , in diesem Gewoge kreisender, flimmernder Schnee- und Flutenwirbel um das fast verschwindende Schiff in ihrer Mitte, sprengte er d,e Schranken, die eine in die Bande altüberlieferter Sehensgewohnheiten gefesselte Kunst von dem Erfassen jener letzten Imponderabilien der aus Licht und Dust und Dunst gewobenen Winteratmosphäre geschieden hat. Von hier fuhrt der Weg hinüber zu den französischen Impressionisten, zu dem Ringen eines Monet mit den Geheimnissen der winterlichen Landschaft.
Als ein vertrauter Freund und vollkommeineir Genosse, der die Winter den Skandinaviern im Leben ist, zog er auch in die Kunst dieser reifer ein, von der nur einige Gipfelschöpfungen des 19. und 20. Jahrhunderts erwähnt seien. Mit einer in der Schule des französischen Impressionismus von hemmenden Fesseln befreiten Darstellungskrast hat Karl Nord- st r ö m in Schweden bahnbrechend und revolutionär mit den von feierlicher Stille und abweisender Unnahbarkeit erfüllten Winterlandschasten gewirkt, während sein Zeitgenosse Liljefors, im Innersten verbunden mit der ländlichen Natur im Wandel der Jahreszeiten, ihre große Einsamkeit durch liebevoll belauschtes Tierleben mildert. Und heruber- ragend in die neueste Zeit, krönend das Ringen des Nordens um die Gestaltung der Winterlandschaft, stehen die monumentalen Bilder des Norwegers Munch, dessen „Schimmelgespann im Schnee" oder „Schneeschipper" mit der grandiosen Wucht ihrer weißen Massigkeit die machtvolle Derkörpening der niederzwingenden Gewalt des nordischen Winters bedeuten.
Von den Miniaturen der Stundenbücher zu der packenden Größe dieser Bilder — wie weit, wie stationenreich der Weg. Und weit und reich an ungeahnten Wundern, wie die schweigende Unermehlichkeit des Winters selbst, führt er hinein in das Zukunftsreich der Kunst.
Das Fräulein von Seuderi.
Bon E. T. A. H o f f m a n n.
(Fortsetzung.)
Die Seubert gab ihr das geöffnete Kästchen, und die Marquise konnte sich, als sie das köstliche Geschmeide erblickte, des lauten Ausrufs der Ve» wunderung nicht erwehren. Sie nahm den Halspymuck, die Armbänder heraus und trat damit an das Fenster, wo sie bald die Juwelen an der Sonne spielen lieh, bald die zierliche Goldarbeit ganz nahe vor die Augen hielt, um nur recht zu erschauen, mit welcher wundervollen Kunst jedes kleine Häkchen der verschlungenen Ketten gearbeitet war.
Auf einmal wandte sich die Marquise rasch um nach dem Fraulein und rief: Wißt Ihr wohl, Fräulein, daß diese Armbänder, diesen Hals- schmuck niemand anders gearbeitet haben kann, als Rens Cardillac? — Rene Cardillac war damals der geschickteste Goldarbeiter in Paris, einer der kunstreichsten und zugleich sonderbarsten Menschen seiner Zeit. Eher klein als groß, aber breitschultrig und von starkem, muskulösem Körperbau hatte Cardillac, hoch in die fünfziger Jahre vorgerückt, noch die Kraft, die Beweglichkeit des Jünglings. Von dieser Kraft, die ungewöhnlich zu nennen, zeigte auch das dicke, trduje, rötliche Haupthaar und das gedrungene, gleißende Antlitz. Wäre Cardillac nicht in ganz Paris als der rechtlichste Ehrenmann, uneigennützig, offen, ohne Hinterhalt, stets zu helfen bereit, bekannt gewesen, sein ganz besonderer Blick aus kleinen, tiefliegenden, grün funkelnden Augen hätten ihn in den Verdacht heimlicher Tücke und Bosheit bringen können. Wie gejagt, Cardillac war in seiner Kunst der Geschickteste nicht sowohl in Paris, als vielleicht über- Haupt seiner Zeit. Innig vertraut mit der Natur der Edelsteine, muffte er sie auf eine Art zu behandeln und zu fassen, daß der Schmuck, der erst für unscheinbar gegolten, aus Cardillacs Werkstatt hervorging in glänzender Pracht. Jeden- Auftrag übernahm er mit brennender Begierde und machte einen Preis, der, jo geringe war er, mit der Arbeit ick keinem Verhältnis zu stehen schien. Dann lieh ihm das Werk keine Ruhe, Tag und Nacht hörte man ihn in seiner Werkstatt hämmern und oft, war die Arbeit beinahe vollendet, mißfiel ihm plötzlich die Form, er zweifelte an der Zierlichkeit irgendeiner Fassung der Juwelen, irgendeines kleinen Häkchens — Anlaß genug, die ganze Arbeit wieder in den Schrnelzllegel zu werfen und von neuem anzufangen. So wurde jede Arbeit ein remes, unübertreffliches Meisterwerk, das den Besteller in Erstaunen setzte. Aber nun war es kaum möglich, die fertige Arbeit von chm zu erhalten. Unter tausend Vorwänden hielt er den Besteller hin von Woche zu Woche, von Monat zu Monat. Vergebens bot man ihm das Doppelte für die Arbeit, nicht einen Louis mehr als den bedungenen Preis wollte er nehmen. Muhte er dann endlich dem Andringen des Bestellers weichen und den Schmuck herausgeben, so konnte er sich aller Zeichen des tiefsten Verdrusses, ja einer Innern Wut, die in ihm kochte, nicht erwehren. Halle er ein bedeutenderes, vorzüglich reiches Werk, vielleicht viele Tausende an Wert bei der Kostbarkeit der Juwelen, bei der überzierlichen Goldarbell, abliefern müssen, so war er imstande, wie unsinnig umherzulausen, sich, seine Arbeit, alles um sich her verwünschend. Aber so wie einer hinter ihm herrannte und laut schrie: Rens Cardillac, möchtet Ihr nicht einen schönen Halsschmuck machen für meine Braut — Armbänder für mein Mädchen usw., dann stand er plötzlich still, blitzte den an mit seinen kleinen Augen und fragte, die Hände reibend: Was habt Ihr denn? Der zieht nun ein Schächtelchen hervor und spricht: Hier sind Juwelen, viel Sonderliches ist es nicht, gemeines Zeug, doch unter Euer» Händen — Cardillac läßt ihn nicht ausreden, reiht ihm das Schächtelchen aus den Händen, nimmt die Juwelen heraus, die wirklich nicht viel werk find, hält sie gegen das Licht und ruft voll Entzücken: Ho, ho — gemeines Zeug? Mitnichten! Hübsche Steine — herrliche Steine, laßt mich nur machen! Und wenn es Euch auf eine Handvoll Louis nicht ankommt, so will ich noch ein paar Steinchen hineinbringen, die Euch in die Augen funkeln sollen wie die liebe Sonne selbst. — Der spricht: Ich überlasse Euch alles, Meister Rene, und zahle, was Ihr wollt! Ohne Unterschied, wag er nun ein reicher Bürgersmann ober ein vornehmer Herr vom Hofe [ein, wirft sich Cardillac ungestüm an seinen Hals, unb drückt und küßt ihn und spricht, nun sei er wieder ganz glücklich und in acht Tagen werde die Arbeit fertig {ein. Er rennt über Hals unb Kops nach Hause, hinein in bie Werkstall, hämmert barauf los, unb in acht Tagen ist ein Meisterwerk zustande gebracht. Aber so wie der, der es bestellte, kommt, mit Freuden bie geforberte geringe Summe bezahlen, und den fertigen Schmuck mituchmen will, wird Cardillac verdrießlich, grob, trotzig. Aber Meister Cardillac, bedenkt, morgen ist meine Hochzeit. Was schert mich Eure Hochzeit, fragt in vierzehn Tagen wieder nach. Der Schmuck ist fertig, hier liegt das Geld, ich muh ihn haben. — Unb ich sage Euch, daß ich noch manches an dem Schmuck ändern muß, unb ihn heute nicht herausgeben werde. — Und ich sage Euch, daß wenn Ihr mir den Schmuck, den ich Euch allenfalls doppelt bezahlen will, nicht herausgebt im guten, Ihr mich gleich mit Argenfons dienstbaren Trabanten anrücken sehen sollt. — Nun so quäle Euch der Satan mit hundert glühenden Kneipzangen, und hänge drei Zentner an den Halsschmuck, damit er Eure Braut erdroßle! Und damit steckt Cardillac dem Bräutigam den Schmuck in die Busentasche, ergreift ihn beim Ann, wirst ihn zur Stuben- tür hinaus, daß er die ganze Treppe hinabpoltert, und lacht rote der Teufel zum Fenster hinaus, wenn er sieht, wie der arme junge Mensch, das Schnupftuch vor der blutigen Nase, aus dem Hause hinaus hin«. Gar nicht zu erklären war es auch, daß Cardillac oft, wenn er mit Enchusiasmus eine Arbeit übernahm, plötzlich den Besteller mit allen Zeichen des im Innersten aufgeregten Gemüts, mit ben erschütterndsten Beteuerungen, ja unter Schluchzen und Tränen, bei der Jungfrau und allen Heiligen beschwor, ihm das unternommene Werk zu erlassen. Manche


