Ausgabe 
10.1.1928
 
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Jahrgang 1928

Dienstag, den 10. Januar

Nummer S

Nixe Binfefutz.

Von Eduard M ö r i k e.

Des Wassermanns sein Töchterlein tanzt aus dem Eis im Vollmondschein; sie singt und lachet sonder Scheu wohl an des Fischers Haus vorbei.

Ich bin die Jungfer Binlefuß, und meine Fisch' wohl hüten muh, meine Fisch', die sind im Kasten, sie haben kalte Fasten;

von Böhmerglas mein Kasten ist da zähl' ich sie zu jeder Frist.

Gell, Fischermatz? Gelt, alter Tropf, dir will der Wind nicht in den Kopf? Komm' mir mit deinen Netzen!

Die will ich schön zerfetzen!

Dein Mägdlein zwar ist fromm und gut, ihr Schatz ein braves Jägerblut.

Drum häng' ich ihr zum Hochzeitsstrauß Ein schüfen Kränzlein vor das Haus, und einen Hecht von Silber schwer, er stammt vom König Artus her, ein Zwergen-Goldschmiedsmeisterstück, wer's hat, dem bringt es eitel Glück: Er läßt sich schuppen Jahr für Jahr, da sind's fünfhundert Gröschlein bar.

Ade, mein Kind! Ade für heut!

Der Morgenhahn im Dorfe schreit."

gnedich", so daß das elastische Band meiner Zeitphantasie saft bis zum Zerspringen anriß, und der Jasminduft, das Spatzengezwitscher und Mi heiße Sonne sich unheimlich mit dieser regenzerfressenen Inschrift oer» mischten. Seitdem war ich im Mittelalter gewefen; ich wußte, was Mittel- alter war: der seien GOD gnedich sy!

Ein anderes Mal spielte ich im großen, düsteren Salon eines alte» Gutshauses. Die Fenster standen weit offen, ein Regen fiel raschelnd auf die tiefgrünen alten Parkbäume und einsam wimmerte es von ber Traufe in die Tonne hinein. Nie sind die Zimmer so heimlich-unheimlich, wie in solchen Stunden: die Möbel duften nach Waschleinüberzügen und Holz, und die ganze Zeit scheint in den dunklen Ecken und Schränken ruhig das Rascheln des Regens abzuwarten. Das ist die rechte Zeit zum Kramen, und jo kramte auch ich in dem knarrenden alten Bücherschrank und fand in seinem Moderduft (der merkwürdigerweise an frischen, feuchten Fichten­wald erinnerte) einDeutsches Knabenbuch für das Jahr 1850". Sogleich wurde die Beute auf eine Fensterbank geschleppt und aufgeschlagen. Mein erster Blick siel auf die Zeichnung von einem ungeheuerlichen Riesen- dampfer, einem Monstrum,das jetzt in England gebaut wird", mit zwei Schornsteinen, vier Masten und gigantischen Schaufelrädern", und dar­unter standDer neue Leviathan. Ich wußte damals natürlich noch nicht, daß dies das UnglücksschiffGreat Castern" war, das mehrere Aktiengesellschaften zugrunde richtete, bevor er überhaupt aufs Wasser tarn, auf. welches sodann Viehherden getrieben wurden, weil man an­nahm, daß es nicht schaukeln könne, so daß diese dann elend abgeschlachtet werden mußten das alles wußte ich nicht, sondern nahm die tech­nische Sensation von 1850 mit offenem Munde zur Kenntnis. Aber soviel wußte ich doch, daß dieses Ungetüm eine Spielerei war gegen unsere heutigen Kolosse, und eben dieser höchst moderne Stolz de» Buches auf seinen höchsten unmodernen, kindlich plumpen Dampfer ritz mich im Fluge durch die dazwischenliegenden sechzig technischen Jahre her und hm, bis mir Angst und bange wurde! Moderduft und Technik hielten meine Phantasie auf dieser Buchseite fest, und erst ein sehr heutiger Kaffeeduft und frische Kümmelkuchen ließen mich die Scharteke frech in die Ecke schleudern.

Und die dritte erlebte Vergangenheit, das war ein Mensch. Ein acht­zigjähriger Tischler, der in einer alten Windmühle mit abgebrochenen Flügeln seine Werkstatt hatte. Wenn er so, die Pfeife im Munde, hobelt», fing er manchmal mit zitteriger Greisenstimme verschollene Tischlerkieder zu fingen an:

Der Tischler mit dem Leimtiegel, _

das ist ein rechter Schweinigel ...

Gr hatte 1848 in Berlin als Soldat mitgekämpft und erzählte mir davon kaltblütig, als ob es gestern gewesen wäre.Na, ha," setzte er dann hinzu,jetzt seit dem Jahre siebzig ist das ja nu ein einiges Reich.. diese Nachricht besaß für ihn noch immer einen gewissen Neuigkeits­wert! Sein Geld berechnete er insgeheim nach Dahlern, Silbergroschen und guten" Groschen. Blumen hatten bei ihm gang merkwürdige Namen, wiePetersburger Treibhauspfefferminz" und so ähnlich. Nach der Ar- beit setzte er sich umständlich die Brille auf und nahmPaynes Land- kalender" vor, an dessen Humorecke er sich ein Jahr hindurch krank lacht«, bis es ihm von der Nase tropfte. Seinen Sarg hatte er sich selber solid« zurechtgezimmert (mit gedrechselten Beinchen) und ihn in einem Neben- raum aufgestellt.Wenn ich zu sterben komme," sagte er,dann leg« ich mich schnell hinein und wegtragen", hier begann er regelmäM glucksend zu lachen,wegtragen werden sie mich dann schon müssen: ich zahl' keinen Groschen dafür..."

Ich ließ mich von ihm in die Geheimnisse der Politur einweihen, und konnte mich an seiner uralten, prachtvollen Biedermeiersprache nicht satt­hören: man unterhielt sich mit einem wackeren Jahrhundert! Und iwch wirkte gerade seine frische Erinnerung an jede Einzelheit von anno Toback so unheimlich wie die Runzeln, die hängenden morschen Gesichts- Partien und der magere Greisenhals mit dem steckengebliebenen Adams- apfel. Das war alles so lebendig, daß man dem laufenden Augenblick mißtraute, und war doch alles so tot!

Einmal, kurz vor meiner Abreise, traf ich ihn auf dem Morast, zwischen den Sumpfbirken müde auf und ab gehend. Er sah mich prüfend ins Ge­sicht und sagte:Weißt du, das mit der unsterblichen Seele, mit dem Fortleben nach dem Tode das glaub' ich nicht ... Das wird bloß so geredet, aber.in Wirklichkeit ist bann wohl alles aus, es ist alles aus ..." Dann murmelte er noch lange irgendetwas in sich hinein und schüttelte immer wieder den Kopf. Ich wagte nicht, ihm zu antworten und ging, vom Schauder gepackt, schnell weg.

Furchtbar ist es, wenn Zeit und Zeit sich berühren. Und wir flüchten von da in den Augenblick einer spritzenden Welle, einer flackernden Flamme, eines Zentifolienhauches, in den herrlichen Augenblick, wo sich Zeit und Ewigkeit berühren.

Las Erlebnis der Vergangenheit.

Von Sigismund von Radeck i.

Wenn man über einem Abgrund steht und die riesigen Felswände sich durch die Luft winden sieht bis tief hinab zu den Schächtelchen der Häu­ser, dann ergreift einen das Unmaß mit körperlichem Schwindel: es scheint einem so außermenschlich, daß man sich hinabstürzen, daß man lieber nicht sein will, wo man so wenig ist. (Im Gegensatz hierzu erfüllt uns der An­blick einer winzigen Puppenstube mit Behagen: dem Betrachter der Tisch­chen, Stühlchen und Schränkchen krümmen sich zärtlich die Lippen, wie bei Kindern, wenn sie junge Hunde sehen.) Nur sehr selten aber erfahren wir jenen analogen Schauder, der sich bei uns mit einem Blick in den Ze itenab gründ einstellt, weil sich das elastische Band historischer Witterung, welches uns mit den Generationen unserer Ahnen verknüpft, Nur in einem imaginären Raum, dem der Phantasie, in die Länge strecken läßt. Gelingt dies jedoch einmal, so ist bas Gefühl des Unmaßes, ber Ver­lassenheit und des Entsetzens um nichts geringer wie beim dreidimen­sionalen Raume, so daß vir den Sonnenstrahl, das Blätterrauschen und den Blumenduft der lebendigen Sekunde doppelt dankbar ergreifen, um uns daran unserer Existenz wieder versichern.

Es gibt einen grandiosen Ausspruch, zwischen Leben und Tod getan, welchem sich dieses räumliche und dieses zeitliche Uebermaß zu einem furchtbaren Pathos vereinigen; ich meine jenes Wort Napoleons, das im Schatten der Pyramiden erklang:Vier Jahrtausende schauen auf Tuch herab!"

Ich selbst kann mich eigentlich nur dreier Fälle erinnern, wo mich die Vergangenyeit mit einem witternden Schauder gepackt hat, und alle drei liegen in meiner Knabenzeit zurück.

An einem heißen Junivormittag spielte ich einmal Ball in den buschi­gen Parkanlagen, die bas alte Ordensschloß Arensburg auf der Insel Oefel begütigend umwinden. Es herrschte jene schläfrige Pans-Stimmung, durch die das keife Zwitschern im Sande badender Spatzen hindurch­klingt. Ich lief meinem Ball durch die Flieder- und Jasmingebüsche nach, und kam an einen totenstillen, sonnigen Platz, wo drei steilaufgerichtete, regenzerfressene Leichensteine meine Aufmerksamkeit fesselten. Ich hielt im Sauf inne und las (unter einem Totenschädel mit gekreuzten Knochen):

Barbara Patkul ber seien GOD gnedich sy

Ich glaube, daß ich meinen Ball nicht weiter gesucht habe. Ich daß mein angstvolles Starren auf diese Lettern plötzlich alles

&ie unendliche Prozession von Männern und Frauen, die mein teben von dem Leben unter diesem Stein trennte, ich hörte den Stein« Metzen die Buchstaben ausmeißeln, ich fühlte das Sinnen und Glauben dieser Menschen in den großen Buchstaben GOD und den kleinen

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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger