loll sich in der Freiheit erst entwickeln, vermutlich unter Ihrer Beihilfe —"
„Sir dürfen mich nicht ungestraft beleidigen, Herr Direktor. Ich verlange, daß Sie —"
„Nur keine künstliche Erregung, mein Herr. Sie sind sich über die Folgen Ihrer Handlungsweise längst klar geworden. Ich für meine Person halte meine Frau nicht zurück, wenn sie gehen will. Und Sie, Herr Doktor, haben freie Hand. Ich leiste zu Ihren Gunsten auf meine Frau Verzicht. Damit bin ich meiner Pflichten ledig. Das wollte ich Ihnen mitteilen. Adieu!" *
Der Direktor verließ mit dröhnenden Schritten das Zimmer, hinter ihm fiel die Tür krachend ins Schloß.
Amandus heulte vor Wut auf. „Daß muß ich mir bieten lassen, von diesem Kerl — in Stücke möcht' ich ihn zerreißen!" Er schlug mit der geballten Faust aus den Waschtisch, daß die Wasserflasche klirrend herab- i prang und am Boden in tausend Scherben zerschellte. Nach dieser Kraftäußerung, die einen Zweikampf mit dem Direktor symbolisieren sollte, trat eine Reaktion ein. Er warf sich aufs Bett, lieh die Arme schlaff herunterhängen, bohrte den Kopf tief in die Kissen und monologisierte:
„Ich bin sehr krank. Ich habe wieder den Druck im Hinterkopf. Und das Ohrensausen! Der ganze Kurerfolg ist hin! Ich bin da in eine gräßliche Kalamität geraten — wenn ich nur nicht den Verstand darüber verliere. Nein, zum Teufel! Ich muß bei klaren Sinnen bleiben. Ist denn ein Wort über meine Lippen gekommen, das diese Frau günstig für sich deuten konnte? War es nicht das pure Mitleid, daß ich mit Engelsgeduld ihre Jeremiaden über mich ergehen lieh? Hat sie nicht feit Wochen mit ihren Ketten gerasselt, daß einem das Trommelfell weh tat? Habe ich ihr etwa versprochen, sie aus ihrem Kerker zu entführen? Mir dämmert, diese Frau treibt ein gefährliches Spiel. Sie will sich an meine Rockschöße hängen. Und mit den vier armen Würmern! Mir läuft es eiskalt über den Rücken. Nein, bei Gott! so schlecht kann sie nicht sein. Oder sollte meine Menschenkenntnis so klüglich Schiffbruch leiden? Habe ich nicht gleich bei meiner Ankunft die übelsten Erfahrungen gemacht? Ränkesucht und Niedertracht lauern hier in jeder Ecke. Ha! ich hab'sl War ich denn mit Blindheit geschlagen? Die Majorin und der Referendar! Bon diesem sauberen Paare kann man alles erwarten. Sie haben die Denunzianten gespielt, und der Herr Direktor gefällt sich in der Rolle des beleidigten Ehemanns. Warum? Weil er sich seine Frau vom Halse schaffen will. Er ergreift die Gelegenheit beim Schopf und tritt mir seine Gattin höchst edelmütig ab, ungefähr so, wie man einem Trödler ein abgelegtes Kleidungsstück auf den Karren wirft. Ich danke, Herr Direktor! Ich bin ein ausgemachter Hampel, das weiß ich, aber als dekorierter Esel trete ich hier nicht auf."
Amandus erhob sich und schrill mit Grandezza in seinem Zimmer auf und ab. Seine Gestalt hatte etwas Martialisches und in seinen Augen glühte ein unheimliches Feuer. Plötzlich fühlte er einen Stich im Rücken und knickte zusammen wie ein Rohr.
Mein Rückenmark! stöhnte er. Ich bin todkrank. Ich ruiniere mich. Ich werde hier geopfert. Cs gibt nur ein Rrttungsmittel: Flucht, schleunige Flucht!
In nervöser Hast langte er eine Karte aus feiner Schreibmappe hervor und warf ein paar Zeilen an Doktor Wenderoth hin. Eine unangenehme Nachricht, schrieb er, die ihn soeben erreicht, nötige ihn, unverzüglich die Heimreise anzutreten. Er klingelte dem Zimmermädchen und befahl ihm, das Billett erst nach dem Abendbrot Herrn Doktor Wenderoth ausMhändigen. Dann raffte er feine Effekten zusammen und ließ sie in die Postkutsche bringen, die die Verbindung mit der nächsten Bahnstation herstellte. Indes sich's die Kurgäste an der Abendtafel wohl fein ließen, gelang es dem guten Amandus, in aller Stille zu entwischen. Er drückte dem Postillon ein Fünfmarkstück in die Hand. Dieser hieb auf die Pferde los, daß die Funken stoben und die altertümliche Postchaise wie ein Gummiball auf der holprigen Landstraße hin und her flog. In vierzig Minuten legte der Flüchtling die acht Kilometer bis zur Station zurück und hatte bis zur Abfahrt des Zuges noch reichlich Zeit, sich in einem guten Wirtshaus für die Nachtfahrt zu stärken. Als er eine Stunde später ins CoupS stieg, hörte er einen Wagen vor dem Bahnhofsgebäude anfahren, Gepäckstücke wurden eiligst angerollt und da die Lokomotive eben anzog, fo schien es zweifelhaft, ob man die verspäteten Passagiere noch befördert hatte.
Amandus atmete erleichtert auf und streckte sich behaglich auf den weichen Polstern aus. Er hatte nun Muße, darüber nachzudenken, wie er Mutter und Kusine die Notwendigkeit seiner Flucht aus Wilhelmsbad verständlich machen solle. Nach seiner Art hatte er nur hin und wieder eine Postkarte nach Hause geschickt und jedesmal betont, daß er gewillt sei, seinen Aufenthalt in Wilhelmsbad bis zum Beginn des iWinter- semeflers auszudehnen. Es war jetzt nicht schwer, den Damen etwas vorzuslunkern, aber es schien ihm unwürdig, mit einer Unwahrheit über die Schwelle des Elternhauses zu treten. Unter ergebnislosen Grübeleien schwand ihm die Nacht. Im Osten glomm der junge Tag empor, um sechs Uhr brauste der Schnellzug in die Bahnhofhalle der Unioerfi» ■ tätsstadt.
Amandus winkte einen Gepäckträger herbei und gab ihm die Weisung, Koffer und Reifetuch in die Wohnung zu schaffen, er selbst schritt durch den Wartesaal zweiter Klasse dem Ausgang zu. Da traf der Kiang einer bekannten Stimme fein Ohr: „Geliebter Freund!" Er wandte sich nm und [ein Herzschlag stockte. Vor ihm stand die Direktorin und dahinter mit Übernächtigen Gesichtern das Kinderquartett.
„Geliebter Freund, hier sind wir. Welche Freude!"
Amandus wurde es schwarz vor den Augen und er nahm mit bebender Hand die Brille ab.
„Was — woher — ich kann gar nicht — wie kommen Sie denn —"
„Geliebter Freund, wir sind in diesem Augenblick mit dem Schnell- 3"g angekommen. Wahrscheinlich haben wir ahnungslos die Fahrt zusammen gemacht. Ach, welch ein Trost, daß ich Sie gleich —'
„Wo wollen Sie hin, Frau Direktor?"
„Sagt Ihnen das nicht eine innere Stimme, lieber Freund? Ich f,™ auf der Flucht. Ich — ich beabsichtige, mich Ihrer Mutter zu Fußen zu werfen —"
„Wem? Meiner Mutter?"
„Wenn sie fo hochherzig ist wie ihr Sohn, wird sie mir und meinen Kindern ein Plätzchen an ihrem Herd nicht verweigern."
Amandus überfiel ein jäher Zorn. „Das ist ganz unmöglich, grau Direktor."
„Wie, lieber Freund?"
„Meine Mutter ist eine alte, schwache Frau. Jede Aufregung würde ihr schaden."
„Wir könnten vielleicht hier warten. Wenn Sie sie vorbereiten wollten —"
„Das kann ich nicht. Sie suchen eine Unterkunft, Frau Direktor?" „Ja, werter Freund!"
„Gut, hier steht der Hotelwagen. Im Hotel „Zur Post" finden Sie ausgezeichnetes Quartier."
Die Direktorin machte eine Bewegung nach dem Herzen. „Wenn Sie meinen, daß ich da —"
„Entschieden — Sie sind da vortrefflich aufgehoben."
Das Kinderquartett stimmte einen Klagegesang an, denn es hatte Kaffeedurst und die Unterredung dauerte ihm zu lange. Amandus schob die Direktorin in den Omnibus, die Mädchen kletterten nach.
„Ich muß ein paar Stunden ausruhen," verabschiedete sich Amandus, „ich spreche später bei Ihnen vor. Auf Wiedersehen!"
Der Wagen rollte davon, aber der gute Amandus blieb wie angewurzelt stehen.
„Offenbar," murmelte er, „hat der Verstand dieser Frau gelitten. Sie ist wie eine Furie hinter mir her, sie wird mich nicht mehr loslassen. Ich werde ihr die Tür weisen, sie wird wiederkommen mit ihren vier Würmern. Ich werde sie fragen: „Was wollen Sie von mir?" Sie wird behaupten, ich hätte ihr Gott weiß was für Zugeständnisse gemacht. Sie wird das vor aller Welt wiederholen, die ganze Stabt läuft zusammen, man wird ihr natürlich Glauben schenken, man wird über mich herfallen und ich werde öffentlich an den Pranger gestellt. Ich werde toben wie ein Wilder. Man holt ihren Mann herbei. Der wird mit teuflischem Grinsen die Aussagen seiner flüchtigen Hälfte bestätigen, und dann hab' ich sie — hab' ich sie mit den vier Würmern!"
Er fuchtelte verzweifelt mit den Händen in der Luft herum, erst ater bemerkte, daß sich ein Häuflein Neugieriger um ihn versammelt hatte, raffte er sich auf und eilte in großen Sätzen seiner Wohnung zu. Da lag das Elternhaus mit dem schmucken Vorgärtchen vor ihm. Durch das Staket schimmerte ein helles Kleid.
„Tritt? Und so früh?"
Sie schaute empor.
„Jesus, Maria, Joseph, der Amandus!"
„Guten Morgen, Tilli! Schläft die Mutter noch?"
„Jawohl, fest —" Dem Blondkopf war der Schreck in alle Glieder gefahren. „Was ist denn passiert, Amandus?"
„Nichts, liebes Kind."
„Dein erbärmliches Aussehen straft dich Lügen. Komm mal mit, Wasserkurgast!"
Sie zog den Widerstrebenden in die Geißblattlaube und nahm ihn scharf ins Verhör. Amandus wand sich wie ein Wurm, aber Tilli setzte ihm so heftig zu, daß er nach kurzem Widerstand die Waffen streckte. Heiß tropfte es von seinen Wimpern und er machte seinem gepreßten Herzen durch ein umfassendes Geständnis Luft. Schweigend nahm ihm Tilli die Beichte ab, bann sah sie ihn voll an.
„Amanbus, hast du bir biefer Frau gegenüber nichts vorzuwerfen?"
„Nichts," beteuerte Amandus, „ich fchwör's bei allem, was mir heilig ist."
„Zum Kuckuck! Und du läßt dich fo ins Bockshorn jagen?"
„Liebe Tilli, es sind höhere Mächte, die feindlich in mein Leben eingreifen. Ich bin völlig wehrlos —"
„Das sind dumme Redensarten! Deine Nerven scheinen sich in einer trostlosen Verfassung zu befinden."
„Allerdings, liebe Tilli."
„Du gehst jetzt in dein Zimmer. Die Rieke soll dir Kaffee kochen. Der Mutter werde ich hernach sagen, daß du wieder da bist. Du verläßt mir teilte Minute das Haus."
„Wenn du denkst, liebe Tilli —"
„Ich werde dagegen die Direktorin aufsuchen —"
„Du?"
„Gewiß, ich werde dich von dieser Klette befreien."
„Und bas stellst du dir so leicht vor?"
„bei ruhig, Amandus, ich werde dich loseifen."
„Da mühte ein Wunder geschehen."
„Daran magst du immerhin glauben. Du verhältst Dich jetzt vollkommen passiv in dieser Sache und wartest die Dinge ab."
Amandus begab sich in fein Arbeitszimmer. Rings von den Botten nickten ihm die wohlgeordneten Bücher wie alte Bekannte vertraulich z«, auf feinem Schreibtische lag das ausgebreitete Manuskript noch genau so da, wie er es vor fünf Wochen verlassen hatte. Und auf dem Papier war fein Stäubchen zu sehen. Das feuerte ordentlich zur Arbeit an. ®r beugte sich über das Oktavblatt, das er zuletzt beschrieben hatte. Der Schwm b bedurfte der Feile. Ein neuer Jdeenstrom flutete durch sein Gehirn. Feder flog leise knirschend über die glatte Fläche des Papiers, Blau w Blakt füllte sich und in der nächsten Stunde hatte Amandus über |« • Geschichte des deutschen Romans die Direktorin mitsamt ihren vier « mern vergessen.
(Schluß folgt.) -----
Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. - Druck und Verlag: BrLhl'sche Universitäts-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Gieß-».


