Ausgabe 
9.10.1928
 
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Kathedrale, vor dem Fenster, Astfreien, darstellt, von Flaubert dich-

Die Wasserkur.

Von Alfred Bock.

(Fortsetzung.)

Am folgenden Nachmittag klopfte der Direktor an die Tür des guten Amandus, der sich trotz des ärztlichen Verbots nach Tisch ein Schläfchen gegönnt hatte und schlaftrunken öffnete.

Was verschafft mir die Ehre, Herr Direktor?"

Ich habe Sie um eine kurze Unterredung zu ersuchen."

Nehmen Sie Platz, Herr Direktor."

Dieser maß den guten Amandus mit einem verächtlichen Blicke und blieb in seiner ganzen Länge vor ihm stehen.Meine Frau hat wäh- rend unserer zehnjährigen Ehe stets zu Ueberspanntheiten geneigt. Ich etoas straff und schaffte mir so ein einigermaßen er­trägliches Leben. Seit einiger Zeit mache ich die Wahrnehmung, daß sich meine Frau nicht mehr um die Wirtschaft kümmert. Die Kinder lau en mit schmutzigen Ohren herum. In unserer Wohnung herrscht eine Un­ordnung, daß kein Durchkommen mehr ist. Meine Frau aber sitzt an ihrem Schreibtisch und schriftstellert. Ich habe vergeblich nachgeforscht, wer ihr diese Narrenspossen in den Kopf gesetzt hat. Seit gestern abend weih ich, daß der Unfug auf Ihren Einfluß zurückzuführen ist. Herr, ich frage Sie, rote kommen Sie dazu, sich in meine Ehe zu mischen?"

Amandus' linkes Bein begann zu zittern und er hatte die Empfin­dung, als ob er zu Boden schlagen müßte.

Sie fassen die Sache falsch auf, Herr Direktor", stotterte er. Ich habe gar kein Recht es ist mir gar nicht eingefallen, mich um Ihre internen Angelegenheiten zu kümmern. Ihre Frau Gemahlin hat viel-

Wagen Sie nicht zu leugnen", donnerte der Direktor.Sic haben sich in das Vertrauen meiner Frau geschlichen"

Wer hat Ihnen das gesagt?"

Das ist meine Sache. Sie haben meine Frau mit verrückten Ideen vollgepfropft. Sie haben geschürt und gehetzt*

Ich? Verleumdung, gemeine Verleumdung!"

«^Hitzen Sie sich weiter nicht. Für mich hört die Diskussion hier auf. Meine Frau will das Joch ihrer Ehe abschütteln. Ihre Eigenart

Das graue Haus am Ufer.

Von Kurt Kersten.

Eingekeilt zwischen Schieferbergen, ausgebrcitet über bucklige Hügel liegt Rouen, die alte Stadt der Normandie, in der die I u n q s rau von R-Jr J? n 3c öer£^?nnt unö Flaubert geboren wurde. Die Stadt taucht plötzlich auf nachdem man im rasenden Tempo seincabwärts gefahren ist mitten im Frühling; eine Fahrt durch ein heiteres Land von Wiesen und Garten, immer irn Angesicht des Stromes, an dessen Usern herrliche Pappeln stehen, so daß man unwillkürlich an die großen Impressionisten des letzten Jahrhunderts denkt, die dies Land malerisch entdeckt haben.

Idyll verschwindet, wenn man das dunstüberlagerte Rouen mit Kranen, Masten, Docks und hohen Eisenbrücken sieht, romantische Ironie - >p-he Turme, umflackert von allem Gewirr der Gotik, ragen empor.

Wenn man einen Tunnel passiert hat, rückt die Stadt wieder in die gerne und plötzlich steht man auf einem neuen, noch nicht vollendeten Bahnhof, geht durch schnurgerade, lange Straßen einer alten Stadt, mit ,P^mPen runden Türmen, riesig weiten Platzen, stillen Winkeln. Die Geschichte von Jahrhunderten wird lebendig. m t" Rouen nach Kirchen, der Jungfrau von Orleans und

Gustave Flaubert man denkt an den furchtbaren Haß, mit dem Flaubert die Burger der Stadt verfolgte.

beweglich sein wie die Seele des Menschen. Das ist die schwülttiae Er- sindung eines Intellektuellen, eines Artisten, und eine Art Kunstgewerbe das kehr pedantisch betrieben werden kann. Diese Stereometrie des Raumes, von unseren Regisseuren bereitwillig ausgenommen, wurde viel schiielle r 3 u ei n e r Last, als die Anspruchslosigkeit der alten gemalten Kulisse, die für sich keine große Bedeutung beanspruchte.

Der Alternde haßte die Stadt so sehr, daß er flußabwärts außerhalb der Stadt wohnte und sie mied. Hier war er geboren man zeigt im Krankenhaus sein Geburtszimmer. Hier liegt er begraben, aber im Geaen- satz zu den Burgern dieser Stadt entstand sein Werk, hier wurde gegen ihn gehetzt und intrigiert, hier war er der Prophet, der nichts galt, und es war wie ein Faustschlag, als der Küster in der Kathedrale, vor dem Fenster das die Legende St. Julians, des Gastfreien, darstellt, von Flaubert dich­terisch gestaltet, vor allem erwähnte, er wäre der Sohn eines berühmten ja, eines sehr berühmten Arztes gewesen.

die hohen Eisengerüste der Verladebrücke auf, unter der die höchsten Schiff« dahinfahrcn können.

Jenem Riesendock gegenüber aber liegt ein einsamer grüner Fleck Erde gana nahe am Fluß, am Fuße der Hänge, die langsam zu den Höhen hmansteigen, und den Lauf des Stromes geruhig begleiten.

. "Ifh hobe unten, am Flusse ein weißes Haus; ich ließ die Gartenmauer nut Rosen bepflanzen auch den Pavillon am Ufer. Um ein Uhr nachts im Juli, beim hellen Mondenschein sehe ich von dort den Fischern zu so schrieb Flaubert.

Der weiße Pavillon ist grau geworden, der Mörtel bröckelt ab, die blühen nicht mehr, sind verschwunden, und in der stillen Stunde nach Mitternacht tritt niemand heraus, um den Fischern zuzusehen. Das Wohnhaus flauberts ist langst niedergerissen, dort haben sie grausamer Witz des Lebens eine Papierfabrik gebaut, der Fleck Erde, den Flaubert besessen, auf dem er wie ein Mönch hauste und arbeitete, taaelana um einen einzigen Ausdruck rang, auf demMadame Bovary",Salambo" "Das^trage Herz" Die Versuchung des heiligen Antonius",Bouvard und Pecuchet geschaffen wurden unter so furchtbaren Anstrengungen und Opfern, dieser es läßt sich nicht anders sagen heilige Fleck Erde ,st eingeengt und lagert wie eine winzige Kostbarkeit zwi chen Fabriken und Docks. EinrStück Garten ist erhalten mit Statuen, einer Säule aus Karthago, einer Büste des Dichters. Und im Winkel steht jener Pavillon mit zwei Fenstern nach jeder Seite, einstöckig, einräumig, eine schmale Treppe fuhrt hinauf in den Raum, in dem Flaubert nie gearbeitet Hat in dem er ruhte nach qualvoll durcharbeiteten Nächten. Da saß er an der offenen Tür und sah auf den Fluß, auf die Segler, die hinausfuhren nach Afrika, Amerika, da sann dies Genie der Arbeit, dieser große Künstler

faltbare Raffer, dieser weiche Mensch, fanatisiert, wenn es ums Schaffen ging, dieser Schöpfer, den sie vergessen möchten, weil er so tief durchdrungen war von der Verantwortung gegenüber dem Werk, weil er verwarf und wieder verwarf, weil er ein Heiliger war in seinem Beruf und ein Genie gewesen ist.

Da haben sie in einem Raum Reliquien gesammelt; den Tisch, an dem er arbetete, die riesigen Gänsekiele, mit denen er schrieb, Bilder, Stöcke, Briefe, Photographien, Tücher, Andenken an die afrikanische Reise, man W.öas Bild des Hauses, das nun abgerissen wurde und der Papier- fabrik Platz machte. Man sieht Briefe von M a u p a f f a n t, das Bild der Geliebten, in einem Winkel sieht man eine Photographie des Grab- mals der Bovary auf dem Friedhof von Ry der Grabstein ist Der« ^muiiben; die Nachkommen fluchten, weil eine Frau ihrer Familie zu Weltruf gekommen war, sie ließen den Gedenkstein wegschaffen, das Grab ist namenlos. Niemand weiß mehr, wo die Bovary begraben liegt.

Man sieht Blätter aus Manuskripten, Hausrat, Kleinigkeiten rührend zufammengetragen in dieser kleinen Kammer. Der alte Koch Flauberts ist vor einigen Jahren gestorben, ein Invalide von Verdun ist zum Wächter gesetzt, ein zutraulicher, bescheidener Mensch. Die Stadt Rouen sorgt für ihn und diesen Fleck Erde, den man nicht vergißt.

Wenn man geht, sieht man auf der Höhe eine alte Ruine, ein Fracht­dampfer gleitet schwer den Fluß hinab, die Maschinen keuchen gen -westen stößt der Fluß gegen die grünen Hänge, die hart ans Ufer treten, er muß ihnen weichen und scheint einen See zu bilden, verschwindet.

Eine Fähre bringt Arbeiter ans andere Ufer in die Docks zur Nacht­arbeit. Männer mit hageren, müden, bleichen Gesichtern. Eine Sirene heult drohend auf.

Still, einsam träumt im Grünen das kleine graue Hau? am Ufer, ohne Rosen, ohne Herrn, winzig, der Welt gehörend.

Die Bürger von Rouen haben sich gerächt, haben ihm ein Denkmal gefegt aber in einem Winkel. Etwas abseits auf schmalem Platz, hart an der Straße, steht der große Hasser in einer stillen Gegend, einsam auf 6T C"LSt0(f^n,an h"* m leinen besten Jahren bargefteUt, als er mfhcfiwJ nie mrfu°ar tm 2°^' .D^ne $ut' frei- herausfordernd, un- Metifd^ als wolle er zu sprechen beginnen zu den Bürgern der Stadt, zu den Bouvards und Peeuchets. '

An das arme Mädchen von Orleans erinnert in dieser Stadt fast nichts iwtzdem man sich so sehr bemüht, das Andenken der Geopferten zu wahrem Aber außer der Kathedrale steht kaum noch ein Haus aus jener Zeit. In dem Turm, der ihren Namen trägt, hat sie nie gesessen. Die Säle, in denen fic verhort und verurteilt wurde, sind nicht mehr. Am düsteren, fenfte " Ä mTnth" a tern bischöflichen Schlosses in einer engen, krummen S1 gebückten, zusammengebrochenen Häusern sind zwei Tafeln an- ? auf denen man lieft, daß das Bauernmädchen aus Lothringen hert rourbf)aU C unf$ult"9 verurteilt und zwanzig Jahre später rehabili- .®an Eu6 die halbe Stadt durchqueren, um auf den Platz zu gelangen § verbrannt wurde. Jahrzehntelang hat man sich um die

ber, b ftanb, in dessen Flammen die

innirh0. Befreierin verkohlte Nach Forschungen, die mit aller philo- 2E Genauigkeit angestellt wurden, glauben sie endlich die Stelle h'?abrn- -Rus dem Marktplatz stehen zwei lange Hallen, an n ^frfi6nbC!V'e <LIafet'! auf dem Pflaster eine Inschrift angebracht, ?e>chnung des Platzes, wie er früher aussah, ist auch zu sehen. Das wnh °r-^r ^antafie freies Spiel. In der Halle hinter den hat der Schlachter Emile Boivin seinen Platz: sauber abgehäutet K H S £en bork frisch geschlachtet zwanzig Schafe in Reihe und J.,,, "P, ömtii trat em Arbeiter auf mich zu, begann von Rouen und r3rQb en' vaa den Folgen der Teuerung, dem Abbau, den schlechten bi hii emMm eleAben Seben ~ l° ^hob sich die Not des Tages an o , L^.cmschen Stelle, vor den geschlachteten Schafen, mitten in der mmt um die Ecke bog, traten auf die Treppe des Justizpalastes flt hi», in L1?1 unb diskutierten sehr lebhaft ich weiß nicht, wie ornudnn^n jPrfe^en m dieser stabt, in der vor vierhundert Jahren ein «auenoouer Justizmord begangen wurde. Und sodann fuhr ich nach °n der Seine entlang, abwärts zum Landhaus Flauberts.

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an ben Ufern der Seine zeigt sich unvermutet dem überraschten O-n 0anl vvderes Bild als im Gasfengewirr der inneren Stadt, des terFnnh?cn' bas auf Schritt und Tritt eine Tradition von Jahrhunderten Mein/ 0-?"-~b,en Quais liegen große Frachtdampfer, Kräne, Masten, ScrnrfX X pepse eiserne Gerüste, Speicher, es schreit in allen

bet mLf. ?er Welt. Bis Rouen fahren Seeschiffe. Seit Kriegsende hat sich (EurnnnJi gewaltig entwickelt, von Rouen fährt man nach den Hären der ben Austen Afrikas, nach Amerika. Zehn Kilometer dehnt sich » '{|,aus;JRouen ist eine Schlagader Frankreichs.

P hwr bas Mädchen von Orleans, vergessen Kathedralen, Cime vnd verschlafene Winkel des späten Mittelalters, aus ihrer bet uPan 'N die Weite; und wenn man flußabwärts fährt, öffnet auf breiter und breiter die Arme, dann taucht ein gewaltiges Dock Iaqfrn .peekiangenen Jahr vollendet, riesige Bäuche von Schiffsungetümen ingekeilt in den Docks, wendet man sich noch einmal um, tauchen