Gießener Zamilienblätter
_______Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger ■
Jahrgang §928 Dienstag, den 9. Oktober " .......... """ ^°^"Hmmer 81
Herbst.
Von Otto E h r h a r t.
Noch einmal fliegt ein stilles Leuchten Durch dieser Landschaft weite Fläche. Ein müder Acker brennt und loht. In allen Tiefen liegen Schatten Wie blaues Glas auf sattem Rot. — Kurz ist dein Scheinen jetzt, o Sonne! Gealtert dünkt dein Wesen mir — Doch wahrer. — Weil in jenen Wäldern, Die fern den Horizont umschatten, Die Nacht liegt, die den Winter birgt. ... Wie oft ein Lachen deckt ein Weinen, So, scheint mir, liegt ein Leid versteckt In diesem Sprühen und Verscheinen.
... Ein Leid, — das still bald Schnee bedeckt.
Von Asmus Asmuffen, der nie Zufrieden war.
Märchen von Hans Friedrich B l u n ck.
Von Asmus Asmussen habt ihr auch wohl schon gehört, er war ein Bäcker bei Heide in Dithmarschen und meinte, wie seine Art nun einmal ist, von allem das Gegenteil, was andere Leute meinten. Er blieb aber nicht dabei allein, er hatte auch an der schönen Welt und ihrem Schöpfer und an allen Mitmenschen und an allen Dingen rundum soviel 'auszusetzen, daß es bis über die Erde hinausdrang, was Asmus Asmussen alles besser gemacht hätte.
Einmal nun, als der Mann spät abends vorm Backhaus stand und alles Krumme grade wünschte und alles Grade krumm und sich über alles erboste und die Sterne des Bildes wegen gern anders geschoben hätte, zudem den Vollmond langweilig fand, weil man ihn niemals von feiner Backseite zu sehen bekommt, seht, da legte sich ein Wind dicht vor ihm nieder, der lachte ihn aus, stand noch einmal auf und drehte sich rund um ihn. So sah es wenigstens aus, vielleicht war es auch fo, daß der Mann gedreht wurde und der Wind stehenblieb.
„Ium Kuckuck," ärgerte Asmus sich, „was nun wohl wieder im Tange ist?"
Kurze Zeit darauf kam ein großer glänzender Hund die Straße entlang gelaufen. Er war größer als alle, dis der Bäcker bisher gesehen hatte, und er hätte ihn ganz gern zu sich gelockt. „Ach, laß sein," dachte er, „solange die Hunde nur bellen können, haben sie halben Wert. Hätt' ich die Welt einzurichten gehabt, hätte ich wenigstens ein Tier geschaffen, das Brot herumtragen und unsereins etwas bestellen kann. Dann könnte man was Besinnliches anfangen und brauchte nicht selbst über die Klei- erds hinter den Leuten herzulaufen."
Kurz darauf schwirrte ein großer Vogel mit glänzenden Federn hinter dem Hund drein durchs Dunkel. Er war viel größer als die gewöhnlichen Md erweckte Asmussens Neugier. Aber ehe er die Pfeife noch aus dem Mund genommen hatte, war der Vogel vorbeigeflogen.
Das märe überhaupt das beste gewesen, wenn Gott gleich Vögel hätte wachsen lassen, genau so groß wie Pferde, die einen auf den Rücken nehmen und ausfahren können, dachte er. Es wäre doch eine Kleinigkeit gewesen, ach, aber auf dieser Erde ist alles viel zu winzig und zimperlich >md unsereins kommt mit seiner Meinung nicht zu Wort.
In dem Augenblick kam eine riesengroße Mücke recht auf Asmus Zu, ihre Beine und ihr Rüffel waren fingerdick und der Leib armstark.
»Das ist ja wohl eine rechte Spökenstunde heut abend", dachte As- Ufen. Er trat einen Schritt in die Tür zurück, ein Stich von dieser schien ihm eine böse Plage. „Woher kommst du?" fragte er sie.
»Ach, sei nur nicht bange," sagte die Mücke, „ich habe mich ein wenig Wjlogen. Aber wo du grade ins andere Land Einblick hast, wirst du Mr schon weiterhelfen."
»Das hängt davon ab," knurrte Asmus, „und ich habe auch zuerst Magt, woher du kommst?"
Die Mücke nickte freundlich. „Ich habe mich vom Mond verflogen und m>! tnube. Hast du etwas zu trinken für mich? Wenn ich von deiner 'U-h nippe» darf, will ich dir wohl einen Gefallen tun."
^"fnewiß kannst du etwas trinken", sagte der Bäcker neugierig und hob mi, Deckel von einer Milchkanne. „Was für eine Art Gefallen darf ich mit denn wünschen?"
W** c ich nicht eben, daß du unzufrieden mit der Erde bist? Viel- M paßt du besser zu unserer weißen Insel, Freund."
ein»',»^L"^ch ein grobes Riesenvolk wohne», da hat unser Küster al dose Erfahrungen gemacht", knurrte Asmus.
„Nur im Kesselland auf Eurer Seite", lächelte die riesige Mücke sanft. „Auf dem Jenseits ist es lieblicher, da wohnen Wefen, die die Erde verlassen haben, weil es ihnen hier zu ungeschlacht und ruhelos zuging. Es ist em Bolt des Friedens, das da lebt, arbeitet nicht viel und lebt seiner Betrachtung, wie du dir es eben gewünscht hast."
Ds_e Mucke steckte ihren Rüssel noch einmal in die Milchkanne.
„Soll ich dich nach oben bringen, Bäcker?"
»Ach möchte doch erst einen Blick hinüber werfen", sagte der.
„Nichts leichter als das," sagte die Mücke sanft, „stell dich hinter mich und steh von yinten durch mein Auge hindurch."
Der Backer kroch ihr richtig auf den Rücken und die Mücke richtet« ihre ungeheure Brille erst zur Mondscheibe, so daß der Mann die ge- waltigen Schlunde und Wasserwerke der Riesen sah. Und dann war es sondervar dann krümmte sich der Blick und Asmussen konnte auf die ^cnieite des Mondes sehen.
„Sieh," dachte er, „das müssen wir auch noch lernen, so um die Ecke zu gucken.
t Könige des Volkes", flüsterte die Mücke. In dem Augenblick
sah der Backer deutlich drei Seen zwischen hohen weißen Bergen. Und an jedem See saß ein uralter Mann, hatte eine Angel ausgeworfen und be- trachtete den wippenden Korb, ohne sich zu rühren. Die Männer hatten alle große Augensäcke und hängende Unterlippen vor Uralter aber sie waren gewißlich zufrieden, das sah man ihren Gesichtern an; es ging eine 2trt Schlafen von ihren Blicken aus. Der dritte Greis aber hatte die Angelrute schon sinken lassen. Er hielt die Augen verzückt vor sich auf den Rand von See und Stein gerichtet und lächelte in sich hinein.
«Ku," sagte Asmus halb erfreut, „mehr hat man da nicht zu tun?" „Alas willst du, diese benötigen nicht mehr und wenn sie einen Fisch fangen, leben sie ein Jahr davon."
„Was sagst du," knurrte der Bäcker, „mehr haben sie nicht nötig?" Er rieb.sich die Augen, ste taten ihm weh von dem weißen Licht muf dem Eisgestein der Mondberge. „Brauchen ihre Frauen denn nicht mal 'ne bunte Jacke und werfen sie nicht mal mit der Bossel? Na, ja, — einen schonen Hof werden die Könige wohl hinterm Berg noch haben?"
„Nichts dergleichen, Freund", sagte die Mücke sanftmütig. „Wozu noch Hofe besitzen, wenn man glückselig ist; wozu bosseln, wenn doch alle gleich stark sind, und Frauen — ach, diese Alten sterben nicht aus. Frauen haben nur noch die wilden Riesen im Kesselland."
'.Was sagst du da?" fragte der Bäcker und kletterte vorsichtig der Mucke vom Rücken herab. „Ist das wirklich alles?"
Sein Gesicht verzog sich ein wenig, er wiegte den Kopf. „Du bist nicht boje, wenn ich s mir noch einmal überlege," sagte er, „dergleichen kann man nicht im Hoppla entscheiden." Asmus woüte scherzen. „Mau weiß za auch nicht, wieviel von Eurer Art da oben wohnt."
»Ach," antwortete die gute Mücke, „wir stechen nicht mehr, wir trinken kein Blut, wir sind nur noch die friedlichen Sänger der Könige. Aber wie du willst, vielleicht komme ich einmal wieder." Sprach's und flog singend in den Weltraum auf.
Es war inzwischen etwas heller geworden. Asmus Asmussen hatte Backhaus und Feuer und Brote vergessen, so verrückt war die Nacht um ihn. Er hatte eigentlich Reue, daß er die Mücke so ohne Gegendienst hatte fortfliegen lassen. Ach, tröstete er sich dann, diefe Jammerlappen da oben waren doch nicht das Rechte für dich, Asmus Asmuffen! Du mußt etwas haben, wo du zeigen kannst, was für ’n Kerl du bist. Wenn auf Erden alles ein Dreck ist, der Mond kann einem auch nur halb gefallen
Wie der Bäcker so bedenklich vor der Tür steht und nicht mit sich zurecht kommt, geht das erste Rot im Osten auf und drüben läuft aus einmal der große glänzende Hund und der bunte Vogel fliegt wieder vorbei. Sie sehen aber wunderschön aus, der Vogel voll glitzernder blutroter und goldener Federn und der Schäferhund mit klugen Augen und einem prachtvollen silbergeströmten Fell. Asmus winkt ihm mit der Pfeife.
„Donnerja", denkt er. „Die gefallen mir besser als die Spökenmücke aus dem Mondschein." Und er ruft noch einmal.
Da kommen die zwei denn ja auch gleich gesprungen aufgeregt wie Kinder. Sie sind sehr glücklich und erzählen, wie sie sich in der Dunkel- heit verirrt hätten. Oh, diese schwarzen Nächte auf Erden!
Was, denkt der Bäcker, wieder welche von einer andern Welt? Und er steht sich die beiden genau an. Fröhlich sind sie und tänzeln von einem Bein aufs andere vor Ungeduld und sind dabei so schön und bunt; seine Augen reichen kaum aus für all die Farben.
„Wohin wollt ihr denn?" fragt der Bäcker.
Wohin sie wollten? wiederholten die beiden. Einen Verwünscher suchten sie, hier herum wohnte jemand, der ständig die Erde los sein wollte, den könnten sie brauchen.
„Hm," sagt Asmus, „woher kommt ihr denn?"
„Woher wir kommen? Von dem schönsten, was es auf der Welt gibt, von der Sonne selbst!" - ■


