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die schlimmsten Scheusäligkeiten gegen Deutschland ausgebrutet wurden, der Redaktion des „Matin“. Ein Film rollte: „Les Gliedes casses“ -- Gesichtsverstümmelte erschienen auf der Leinwand gewissermaßen als An- sager. Und nun kommen Aufnahmen aus dem großen Krieg vom Toten Mann, von Niemandsland, vom Laufgräben, von waffergefüliten Granattrichtern, von frischen Schlachtfeldern — und die Mitspieler dabei sind ohne Namen, sind keine Filmstars, sie sind der poilu, der Feldgraue. Freund und Feind werden ohne jede billige Parteinahme oder Gehässigkeit vorgeführt. Diese Bildstreifen in ihrer schlichten Eindringlichkeit könnten Illustrationen zu „Le Feu“ von Barbusse durstellsuz einige der Kurbelmänner — man liest jhr» Nanien — sind unter der Arbeit ge- fÄlen. Stumm tfniS ergriffen 'gingen wir Zuschauer ins flutende Leben zurück: „Für den Frieden der Welt" strahlte draußen groß von den Plakaten des Kinotempels ...
Wochenende und Hygiene.
Bon Dr. med. Curt T h o m a l l a.
Hygiene ist ein mißliebiges Wort. Man denkt dabet unwillkürlich an Typhus und Cholera, an Tuberkulose und sonstige schlimme Seuchen und Leiden. Man sieht Desinfektionsapparate, Quarantänestationen, Serumspritzen und drohende Marterinstrumente des Medizinmannes. Aber Hygiene ist langst ein viel weiterer Begriff geworden. Denn auch Fragen wie Krllppelfürsorgc, Vererbungswissenschaft (früher vielfach mit Rassenhygiene bezeichnet), Gewerbehygiene, Fürsorge jeglicher Art sind in den Bereich der Hygieniker und ihrer vorbeugenden und aufklärenden Tätigkeit gerückt worden. 'Auch das modernste und aktuellste Problem wird allmählich reif: Die Verjüngung.
Ob man den alten, schnell diskreditierten Namen „Verjüngung" beibehält, den einst Steinach für seine operativen Eingriffe propagierte, ob man von Altersbekämpfung redet oder von Lebensoerlängerung, es ist ja letzten Endes alles das gleiche Bestreben. Es kommt aber hierbei viel weniger darauf an, die Zahl der Lebensjahre um einige heraufzusetzen, als vielmehr darauf, die Leistungsfähigkeit, die Lebsns- frifches die Genuhfreudigkeit in den durchschnittlich zur Verfügung stehenden Dezennien auf einer gewissen Höhe zu erhalten, vorzeitige Alterserschei- nuttgen und greisenhafte Degenerationen aufzuhalten.
Wenn wir von allen künstlichen Verjüngungsmitteln und -mittelchen, von allen operativen und sonstigen Eingriffen absehen, und nur die „natürliche" Verjüngung im Auge behalten, so haben wir drei grundlegende Faktoren vernünftiger Lebensweise, die uns Mit einer gewissen Sicherheit eine Verlängerung unseres Lebens, eine Erhöhung und Steigerung unserer Arbeitsfähigkeit und Lebensfreude gewährleisten. Einmal ist es eine reichlich und kräftig betriebene Bewegung in frischer Luft bei gleichzeitig intensiver Einwirkung von Licht, Luft und Sonne auf große Teile unserer Körperobersläche. Zweitens haben wir die Zusammensetzung unserer Nahrung als eine Quelle des Alterns oder des Jungbleibens erkannt, und drittens wissen wir, daß wirkliche und vollkommene Ruhepausen in unserem Alltagsleben eingeschaltet sein müssen, um uns frisch und leistungsfähig zu erhalten.
Für die Generationen unserer Ureltern waren dies alles noch keine bedeutungsvollen Fragen. Damals gab es noch keine Fahrstühle, elektrische Bahnen, Automobile, Fahrräder und sonstige technische Hilfsmittel der Fortbewegung, damals brachte das Alltagsleben jedes einzelnen reichlich genug an Bewegung, auch ohne Sport und Körperkultur. Auch in jener'guten alten Zeit herrschten in der Ernährung mit absoluter Selbstverständlichkeit die billigen oder wenigstens erschwinglichen Nahrungsmittel vor, die im eigenen Lande in reichlicher lieber« zahl erzeugt, tatsächlich auch die gesündesten sind. Und schließlich war der ganze Lebenslauf zu jenen Zeiten, als der Urgroßvater die Urgroßmutter nahm, noch so behäbig geruhsam, daß die Tagesfron ganz von selbst von reichlichen Ruhepausen unterbrochen wurde.
Seit das Zeitalter der Technik eine Unsumme körperlicher Betätigungen der Hausfrau, dem Arbeiter, dem Handwerker und ganz besonders dem geistigen Arbeiter abgenommen hat, seit Millionen von Menschen in stickigen Fabrikräumen, in dumpfen Bureaus, in lichtlosen Steinkerkern den überwiegenden Teil ihres Daseins verbringen müssen, hat sich mit Macht der gesundheitlich-natürliche instinktiv durchbrechende Trieb nach dem notwendigen 'Ausgleich geltend gemacht. In mächtiger Welle erhob sich die Sportbewegung mit der Gefolgschaft der Körperkultur und gymnastischen Uebungen zu einem früher nie geahnten Höhepunkt. Hand in Hand damit ging eine völlige noch für unsere Eltern kaum denkbare Umgestaltung der Kleidung. Und damit wieder eng verknüpft war eine fast restlose Umgestaltung unserer Anschauungen über Anstand und gute Sitte. „Erlaubt ist, was uns nützt!", ist heute die Devise. Ohne sittliche Entrüstung sehen wir Männlein und Weiblein im allerleichtesten Kostüm zusammen auf dem Sportplatz, auf dem Wasser, beim Turnen und Spiel zusammen sich tummeln. Nie war seit den Zeiten der Alten die Mode, sonst eine herrische Tyrannin, hygienischen Forderungen so gefügig wie in unseren Tagen. Licht, Lust und Sonne kommen heute in einer Woche mit dem Körper des halbwegs vernünftig lebenden Menschen länger und weit ausgedehnter in Berührung als früher in einem ganzen Sommer. Auch können wir im großen und ganzen mit der Entwicklung des Sports und des Kö'rperkulturgedankens und der dadurch erzielten gesundheitlichen Förderung restlos zufrieden sein. — Rur den Rekordhunger müssen wir beim Sport auszuschalten suchen. Vielleicht aber ist er unvermeidlich. Ihm opfern einzelne Individuen Gesundheit und Leben zum Besten des allgemeinen großen Gedankens, der dadurch Antrieb und Förderung erhält. Für den Durchschnitt sei aber mit allem Nachdruck jegliche Rekordgier als verderblich zurückgewtesen.
Auch^ in den Crnährungsfragen gibt es längst eine „Bewegung". Jeder Laie weiß heute in der Kalorienlehre Bescheid, wie vor zwanzig Jahren nur der beschlagenste Gelehrte. Es werden Aufbausalze
und sonstige mineralische Bestandteile unserer Nahrung propagiert unh angepriesen. Wir haben alle einen Heidenrespekt vor den Vitaminen, be. sonders wenn sie nicht vorhanden sind, und wir wissen genau Bescheid daß Rachitis, Skorbut und ähnliche Krankheiten auf den Vitaminmangej zurückzuführen sind. Wir wissen jetzt auch mehr oder wenig alle, daß diese empfindlichen und außergewöhnlich wirksamen Bestandteile unserer Nahrung in ihrem Entstehen vom Sonnenlicht stark abhängig und be. günftlgk find, durch allzuviel Kochen bei hohen Temperaturen geschädigt öder vernichtet werden. So ist die Rohkost stark in den Vordergrund getreten. Und die Vegetarier, früher als komische Heilige mitleidig belächelt, sind mit ihren Theorien hoch zu Ehren gekommen. Selbst wenn wir von allem Extremen absehen, wird es heute kaum halbwegs »er. nünftigen Menschen einfallen, sich vorwiegend mit Fleisch und sonstiger Eiweißnahrung zu beköstigen. Die vitaminreiche Milch, die bislang oer« achtete Kartoffel, das dunkle Roggen-Vollkornbrot, die rohen Gemüst und Salate, vor allem das Obst und im Winter die Südfrüchte, jg sogar der ungeschälte Hafer, der grob enthülste Reis, sind in Haus. Haltungen und Küchen als wesentlicher Bestandteil der täglichen Mahl. Zeiten eingezogen, wo sie früher kaum gekannt oder verachtet wurden, Und schließlich haben ja auch die in jüngster Zeit bekanntgewordenen, seit Jahrzehnten betriebenen Forschungsergebnisse des Kölner Arztes Dr. F u n ck, des Entdeckers der sog. „Allergie"- (Ueberempfindlichkeits.) Krankheiten, Klarheit darüber gebracht, daß eines der gefürchtetstsn Schreckgespenster der alten, älteren und nicht mehr ganz jungen Gegx, ration, nämlich die Arteriosklerose, die Aderverkalkung, Mit unserer Er- nahrung in innigstem Zusammenhang steht. Haben doch die langjährigen Experimente dieses Wissenschaftlers zutage gefördert, daß wir dieses Leiden, dem 25 Prozent aller durch die Lebensversicherung statistisch erfaßten Todesfälle zuzuschreiben sind, auf eine jahrzehntelange tagtäg- liche, sozusagen homöopathische Eiweißvergiftung unserer Ernährung zu. rückzusühren haben. Auch diese Erkenntnis wird dazu beitragen, inten« siver und rascher zu vernünftigen und grundlegend geänderten Prinzi. pien einer natürlichen Ernährung zurückzukehren. — Somit haben mir auch über den zweiten Punkt, den wir für eine Altersbekämpfung oder Lebensoerlängerung ins Feld führen können, bereits weit verbreitet und vernünftige Anschauungen in weiten Volkskreisen.
Nun schließt sich die Wochenend-Bewegung als eine Auswertung der dritten und vielleicht wichtigsten Möglichkeit der natürliche« Verjüngung mit selbstverständlicher Folgerichtigkeit der Sportbewegung dem Umschwung in unseren Ernährungsanschauungen an. Ruhe braucht der arbeitende Körper, dreimal Ruhe braucht der arbeitende Geist! Richt nur „Erholung" oder das, was wir Großstädter, der überkultivierte und höchst zivilisierte Mensch unserer Tage als Erholung bezeichnet. RiÄ sinnenkitzelnde Abendoergnügungen nach geleisteter Tagesarbeit, niqt aufregende Schaustellungen und Wettbewerbe, nicht Jazzband und Charleston geben Entspannung. Vielmehr kommen zu den Verkrampfungen und Anspannungen des hastig durchhetzten Alltags neue Anspannungen, neue Krämpfe Hinzu. Wo find die gestickten Ruhekissen unserer Groß, eitern hin: „Nur ein Viertelstündchen?" Selbst für dieses Viertelstündchen hat der moderne Mensch im Ablauf seiner Tagesarbeit, ja im Ad- lauf seiner Arbeitswoche keine Zeit mehr. Und es genügt auch fjeulr nicht mehr der geruhsame Spaziergang durch die Straßen und über die Plätze der Stadt. Er ist für den einigermaßen Empfindlichen mehr Ünal als Erholung. Und sucht man im Freien seine Ruhe, so vergällt die Notwendigkeit der schnell aufeinanderfolgenden Hin- und Rücksahrt mit all dem Pressen, Drängen und Hasten die Freude. Selbst die Wanderungen größeren Ausmaßes sind, wenn sie an einem Tage bewältigt werde« müssen, nicht immer und unbedingt eine Erholung. Denn der überarbeitete, körperlich und geistig ausgeschöpfte Organismus eines werb tätigen oder geistig schaffenden Menschen ist solcher Beanspruchung nicht mehr gewachsen. Selbst wenn er sie scheinbar mit Leichtigkeit meistert, bleibt ein Minus zurück statt eines Plus.
Das Wochenende, wie es unsere Vettern jenseits des Kanals längst ab Lebensnotwendigkeit zu traditioneller Bedeutung erhoben haben, ist für uns so gebieterische Notwendigkeit geworden, daß diese neue Bewegung nicht künstlich entfacht zu werden braucht, sondern mit elementarer ®e- walt sich durchsetzt. Mag es je nach den persönlichen, familiären um pekuniären Möglichkeiten bei dem einen nur der Samstagabend und der Sonntag sein, bei dem anderen der ganze Samstag und Sonntag, 6el dem Dritten gar noch der halbe Montag, der Effekt ist jedenfalls, daß eine geruhsame Nacht, fern von der Möglichkeit beruflicher Störung «- lebt wird, daß Hin- und Rückreise durch viele Stunden völliger AbsoiM rung getrennt sind, daß kein weites Ziel gebieterisch lockt und kein uti- bekannter und kaum zu bewältigender Rückweg droht. Mögen es M nur ein paar Kilometer sein abseits von der gewohnten Umgebung, gewohnten Ort. Es ist doch schon andere Luft, es sind andere klimatW Verhältnisse, naturnahen Daseinsbedingungen anzupasien, wirken au* gleichend, besänftigend, heilend, gesunderhaltend.
Auch Sport war einst das Vorrecht Bevorzugter. Auch von g* sunder Ernährung wußten einst nur kleine Kreise. Und doch hat R der Sportgedanke zur suggestiv wirkenden Massenbewegung auv wachsen, und doch sind die Ernährungsprobleme jetzt Allgemeingut a Mehrzahl. So wird auch die Idee des Wochenendes lawinenartig a schwellend bald alle erfaßt haben.
Der Hygieniker und Sozialmediziner reibt sich befriedigt schmuao« die Hände. Seit Jahrzehnten schon hat er so manche Krankheit aü 8 rottet oder zur Bedeutungslosigkeit herabgedrückt. Ständig sinken Todes- und Erkrankungskurven der schwersten Volksseuchen. Unem wirken sich all die vielfältigen Volksbelehrungen und =aufE[ärungen art aus, daß sie längst nicht mehr als hygienische Regeln emps». werden. Hoffentlich bringt das Wochenende, vielleicht als Ueoerganga gefunden Siedlungspolitik, auch das Ende der Hygiene. Denn diese Wissenschaft einmal nicht mehr nötig wäre, so wäre das Zm die sie betreiben werden, erreicht. __- :


