, in es schier verzaubert und überrascht durch seinen selbstgewebten Glanz.

-L dieser Zeit ist über allen Sumpf, über jede Torfkuhle, über Bruch- treisen und Moorwiesen ein weicher, weißer Flaum gesponnen. Ein chnceiges Wollgrasmeer ist in Helles Frühlingsgrün gebettet und spiegelt n seinen Hellen Wasseradern den blauweißen Himmel wieder. Das ist Sie schönste Zeit des Moores, und sie verdient, daß man sie nicht mit Verachtung straft.

Zur Moorblüte schlägt mein Lied in Dur um, ich moduliere und har­monisiere ohne Kontrapunkt und Komposstionsgesetz. Ich rufe deM Kiebitz nach, schwatze wie die Bekassine, locke mit dem Suinpfhuhn um die Wette und lausche der Rohrdommel die Weise ab. Mich reizen Sonnentau' und Goldenes Frauenhaar, Porst und Wacholder, Kiefern- lerzen und Birkenruten; ich fühle den Schleier der Nebelfrauen, den ich mutwillig zerreiße, und lasse mich durch das magische Licht der Irrwische chrecken, begegne dem Wassermann und dem Moorweib und pfeife auf alles, was sich in Kunstgebärde spreizt.

Auch ich ging einst durch dieLyrischen Revolutionen" eines Arno Holz angesichts des umwälzenden Alluviums, ich stieß mit dem Lin - de sch enCharon" an schwankende Ufer, ich kämpfte mit Pfemp- . sertsAktionen" gegen ewige Vertorfung und belud mich mit zeit- gebundener Kriegslyrik, von zeitlosem Moorkampfe umgeben. Ich rannte mit der künstlichenMenschheitdämmerung" des Pinthus gegen natürliche Offenbarung eines weltumspannenden Schöpfungsgeheimnisses, an dem jeder Durchschnittsmensch vorbeihastete. Ob ich aufSilber- gaülEit" kitt oder zu dem Stramin scheu PagodenDada" stam­melte, das düstere Moor kubistisch faßte oder konstruktivistisch linear und exzentrisch zerlegte, ob ich mit Zeih Doppel-Anastigmat arbeitete oder den weisen Hypothesen der Geologen mein Ohr lieh, immer kam ich nur entfernt an das heran, was in mir ist, was auch im Moore steckt und letztlich alles Irdische verbindet. Ich stammelte Worte und rang um (Mürben, ich suchte den Schöpfer und fand Geschöpfe.

Doch wohin habe ich mich im Moor verirrt? Auf meinem Tische steht ein blaues Glas, das die Farbe des Junihimmels leuchten läßt und aus dem verstaubte Wollgrasbüschel in die Sonne blinzeln. Sie mahnen mich, daß ich den Strauß, wie nun schon seit zehn Jahren, wechsele. Das Jahr ist um, und morgen geht es in das Moor, den neuen Busch zu pflücken; denn das Wollgras steht in Blüte. Mir würde etwas fehlen, bliebe diese Vase teer. Das alte Wollgras ist schon arg zerzaust, so daß es mir die krausesten Gedanken gab. Ich verspreche, daß sie mit den alten Stengeln in das Feuer wandern sollen.

Neues aus Paris.

Bon Julia Virginia Laengsdorff.

Es ist nicht mehr das Paris der Inflation, wie man es im Ge- düchlnis hatte. Wohl flutet der Menschenstrom nach wie vor; wohl gleiten die Autoschlangen unvermindert in ihren fünf, sechs Reihen über die großen Boulevards ... Aber der Einheimische ist es wieder, der die Situation beherrscht: Paris gehört von neuem den Parisern. Richt zu seinem Nachteil. Und wahrhaftig, man hätte noch lange nicht aus der Herbheit beider Kastilien zu kommen brauchen, um den Zauber zu ve- fpüren, den diese Stadt nun einmal ausübt. Weich ist die Luft am Seine­ufer, sinnlich weich, und sie flimmert silbrig um die Gegenstände, wie wir das von Monets und Sisleys Bildern her kennen. Nichts von harten Ecken, scharfen Kanten. So sind auch die Menschen, die diese Erde hervorbringt, voller Anmut, voll naiver Lebenslust; trotz ihrer Schminke oder vielleicht gerade wegen dieser, wegen ihrer Betonung des Äußerlichen.

Wohlig sitzt man an einem der unzähligen runden Marmortischchen vor dem Ca$6 de la Paix das ist ja immer der erste orientierende Vorstoß aller Frischimportierten, schlürft seinen Aperitif, und läßt das große Menschentheater hier am buntbelebtesten Straßeneck vorbeigleiten. Aald wird man wählerischer; geht auf Neues aus. Entdeckt zum Beispiel eine Galerie:Arcade des Champs Elysdes, die an Stelle des Palais Dufayel erstanden, einen Anbau des Claridgehotels bildet. Luxusläden zu beiden Seiten mit märchenhaften Auslagen. Zwischen Blumenrabatten und Springbrunnen Cafebetrieb, nachmittags und abends bei Jazzmusik, vann stellt man fett, daß die großen Umbauten aus dem Vorjahr auf dem Boulevard des Italiens und am neuen Durchbruch das Boulevard Hauß- ®änn wie man sich das schon gedacht hatte, immer noch nicht ganz be- °Mei sind. Oder man fährt auch mal ins Bois, wo jede Pariserin, die etwas Mf sich hält, mindestens zweimal die Woche Cer plebejische Sonntag ist

* 9 "uszuschalten) in den Morgenstunden durch die Avenue des Acacias, »Ä^ntier de la Vertu genannt, chauffiert, reitet, spaziert ... Lächer- «<9 billig eines der letzten Ueberbleibsel der tempi passati sind für £ i^sstastarken Ausländer die Taxis. Man kann durch ganz Paris von uue bis auf den Moniparnasse für acht, neun Franken fahren. Das b noch keine Mark fünfzig! Sonst sind jetzt die Preise so ziemlich überall öcs Weltmarkts angenähert, selbst in den kleineren Hotels der Rive n *Den großen Warenhäusern schießen sie sogar in manchem oaruver hinaus.

L bevorzugteste solcher Etablissements für alles, was der Mensch fiau,-9 , ,uoil der Windel bis zum Sterbehemd, sind noch immer die bet s ui <<ayette" Nirgends solch Gedränge wie hier bei den Ständen im t , - d- h- der vorteilhaften Ausverkäufe, oder auch am Nachmittag hn* e -vn' Kaum, daß deine Nachbarin die ihr vertrauteste Bewegung en ^nn diese sakrale Handlung, die sie als Pariserin von Sritrhns «zwangsläufig alle zehn Minuten vollführt, nämlich die des brannnnrr Neuschminkens ihrer ganzen Physiognomie. Vollends 8efhns. fürchterliche Enge aber herrschte, als die Schaufpielerinnen zum ober ^Kunstlerhilfe in der Lafayette verkauften. Wer einen Namen Kunst m ^mchen hatte, war erschienen, von den Priesterinnen der bujlf; uun ja, zuweilen, entschieden jedoch der Mode; noch immer n<ib[en n?^nll*9er denn je (man begreift, warum selbst in fashio- Btinenmäf* 11 Restaurants nur noch ... Papierservietten statt der teuern !«)e aufliegen), ferner waren sie höher gegürtet und um ein

Keines langer beredt. Dieserdernier cri der Mode wird nun schleuM von jedem Pariser Theatervorhang in den Zwischenakten kinematographisch ausposaunt. Was außerdem in den Tempeln Thalias verkündet wird?

Von etwa fünfzig Bühnen ungerechnet die der Varietes und Äa« barets kann sich das Publikum hier allabendlich etwas vorspielen lafseru ich habe mich mit deren einem halben Dutzend begnügt. Endergebnis! Plus ja change, plus cest la meine chose lamour, Pamour, und noch einmal lamour ... Im Theater der sensationellen Sketchs, im Grand Cuignol wurde in dem einen Stück mit Leichenschändung, in einem andern Mit Hafchischrausch gearbeitet. Im eleganten Thäatre Edouard VII. xnett Sacha Guitrys Lustspiel ,-7D6air£z_bas sich vom Unterbewußtsein nährt, monatelang das Zugstück. Heikelstes, Gewagtestes, nschtlsiha Sßurtfditräume werden von Ivonne Printemps, Guitrys bildhübscher Gattin, mH höchstem Takt vorgemimt, nein, vorgehaucht. Nun gar Guitry selbst in der Dienstrolle des dreist-blöden Desirt, eben des Ersehnten feiner Herrin so was geht denn doch nur hierzu land:Was ist die deutsch Sprak für eine plumpe Sprak!" Henry B e r n ft e i n feierte in feinem Theater, im Gymnase, wieder mal Triumphe mit einem feiner flachen Gesellschaft^, stückeLe Venia. Poonne d e Bray küßt, schmollt, kniet, rutscht kurz, spielt sich darin mit zwei Doucetroben und unbestrumpften Beinen durch den Hauptakt. Nachdem solches in Paris nicht mehr recht zog, tat sie es in Berlin vor vollen Häusern. ImFemina, inLEcole du Jazz (nach dem amerikanischenDancing Mothers von keinem Geringeren als Claude Farrere in Gemeinschaft mit Dal Medico zufammengebraut) ent­deckt die Frau von vierzig Jahren von neuem ihr Herz. Schade, daß sich die große Kunst Suzanne D e s p r e s' allabendlich für solches hergebeti mußte. Von Steilerem hört man von der Bühne der Porte Saint Martin immer noch Rostands tönende Verse. Im letzten Jahre war es LAiglon, diesmal ist es derChantecler, und zwar in prächtiger, neuer Aufmachung. Im Odeon erweist sich die nun schon fünfzehn Jahre alteBelle Aventure weiter zugkräftig. Und mit Recht. Dies Stück, das alsDie Fahrt ins Blaue" auch über deutsche Bühnen ging, ist eines der witzigsten, gelungensten Produkte der bewährten Doppelfirma Cail» lavet-Üe Flers, wobei diesmal noch ein Dritter, Etienne Rey, Erzeugerehren beansprucht.

In die geheiligten Räume der Gemäldegalerie des Louvre ist ein Selbstporträt Monets eingezogen, eine Schenkung Clömenceaust zwei blaurote Backen von grünlichem Wattebart umbauscht, ein paar tief- grüne Pinselstriche drumherum und weißer Leinwandgrund voila tont Aber diese Impression eines glücklichen Augenblicks kann das Gegenüber der Manet scheu Olympia getrost aushalten. Aus dem Luxembourg- mufeum sind nun endgültig alle Nichtfranzosen entfernt worden. Sie haben feit dem April ihr Heim an althistorischer Stätte, im MusSe du Paume. Ich war überrascht von dem vielen Ausgezeichneten, was es da zu sehen gibt in den Sälen der Spanier, Italiener, Holländer, Belgier, Amerikaner, Engländer, Polen und Japaner. Schade, daß Deutschland bislang nur mit einem einzigen Bild, mit einem nicht einmal sehr guten Liebermann, vertreten ist.

Paris ist bekanntlich die denkmalreichste Stadt der Welt. Letztes Jahr erlebte ich die Enthüllung des Denkmals der großen Sarah. In jenen Tagen durfte ich noch ein Frauensteinbild von der Hand Franpoi« S i c a r d s miteinweihen und im Huldigungszug durch den sommerlichen Luxembourgpark Rosen zu Füßen der Dargestellten legen. Es war George Sand, deren fünfzigjährigen Todestag wir so begingen. Nun ist wieder­um ein Künstlermal errichtet worden, im ältesten Paris, an der Kirchen­mauer von St.-Söverin: die Bronzebüste Berhaerens,offert ä la ville de Paris par le Comite Franco-Beige. In seiner charakteristischen vorgeneigten Kopfhaltung, die temperamentvollen langen Schnauzbart­enden in die Weste verloren, ist der Dichter gut erfaßt. Aks ich davor- stand, gab ich mir Mühe, mich bloß noch seiner hinreißenden Rubens- vorträge hier in der Universitä des Annales im Winter 1913 zu er­innern, nicht aber seiner Haßausbrüche ein Jahr später.

Noch etliches gibt es zu bemerken. Im Osten, nahe dem Jardin des Plantes ist wie ein Traum aus Tausendundeinernacht der Prachtbau einer Moschee aus der Erde aufgeschossen, und man erinnert sich gelesen zu haben, daß der kürzlich verstorbene Sultan von Marokko das Ge­bäude mit großem Pomp eingeweiht hatte. Mit Ausnahme des geheilig­ten Freitags sind diese von weißschimmernden Säulen getragenen, zedern- holzbekleideteil Kuppeln, diese mit Smyrnateppichen belegten Gebetsäle, diese Jnnenhöfe mit springenden Brunnen und Koransprüchen am bunt­schillernden Mauermosaik zur Besichtigung auch für die Ungläubigen zugänglich. Man erfährt bei der Gelegenheit, daß nicht weniger als 70 000 Muselmänner in Paris wohnen. Der Moschee schließen sich Ham- mans-Bäder und Suks-Basare mit Erzeugnissen des Orients an. Auch gibt es ein Cafs mit türkischer Musik, türkischem Mokka, nebst Rahat- lukum, dieserWonne der Kehle", und mit waschechten Pariserinnen zur Wonne der Augen.

Gar nicht farbenbunt, dagegen nüchtern, zweckmäßig wirkt die Stu- bentencite, die an der südlichen Peripherie der Stadt, an den Forti- fikationen gegenüber dem Volkspark Montsouris ersteht. Einige der Ge­bäude sind schon bezogen, so die Cit6 lUnivers für die Franzosen, eine großzügige Stiftung des bekannten Deutsch de la Meurthe. 350 unbemittelte Studenten haben hier ein ideales Heim gefunden. Auch die große Wohnstadt der Belgier sowie diejenige für Landwirtschastsbeflifsene ist bereits fertiggeftellt; für die Eite der Vereinigten Staaten und die der Japaner sind eben erst die Grundmauern errichtet worden. Ob hier auch einmal der Deutsche, der in der Sorbonne an der Weisheit Brüsten saugen möchte, Obdach findet?

Ich fürchte, damit hat es noch gute Wege. Die Wogen des Natio­nalismus gehen an manchen Tagen und an manchen Stellen noch recht hoch. Das Grab des unbekannten Soldaten unterm größten Triumph­bogen der Welt, dieser Glorifikation Napoleons und feiner Siege, P immer der gegebene Mittelpunkt solcher lwerpatriotischer Feiern. Ein Wölkchen Morgenrot seh ich indeß doch am Horizont schwimmen. Es war auf einem der großen Boulevards, nur ein paar Häuserlängen von der Stätte getrennt, wo vor zehn Jahren die dichtesten Lügennetze gewoben,