II.
Shilin sand wenig Schlaf. Die Nächte waren kurz. Durch eine Ritze im Holz er, wie es zu tagen beginnt. Mühsam richtet «r sich aus, chleppt sich zur Wand und erweitert die Ritze.
In das Tal führt, wie er durch die Ritze bemerkt, ein Weg, rechter band steht eine Hütte, zwei Bäume neben ihr. Auf der Schwelle liegt ,n schwarzer Hund, eine Ziege weidet mit den Zicklein — sie wedeln mit den Schwänzchen. Er sieht — den Berg heraus kommt eine junge latarin in farbigem Hemd ohne Gürtel, in Hofen und Stiefeln, den ggnf mit dem Kaftan bedeckt, und auf dem Kopf ein großer, blecherner «asserkrug. Sie hat schwer zu schleppen, geht gebückt, an der Hand schrt sic einen kleinen rasierten Tataren, der nur mit einem Hemde ^kleidet ist. Die Tatarin geht mit dem Krug in die Hütte, aus der M der Rotbärtige tritt — im seidenen Halbrock, einen silbernen Dolch n, Gürtel, mit Schuhen auf dem kahlen Fuß, auf dem Kopf ist eine hohe schwarze Lammfellmütze nach hinten gesetzt. Er reckt sich, glättet seinen Bart, bleibt ein wenig stehen, rüst etwas dem Arbeiter zu und gebt weiter.
Zwei junge Burschen treiben Pferde zur Tränke. Andere von diesen Rangen mit rasiertem Kopf, im Hemd, ohne Hose, versammeln sich, nähern sich dem Verschlage und stecken trockenes Reisig durch die Ritze. Wie Shilin sie anschreit, nehmen sie Reißaus — ihre nackten Knie alänzen.
Shilin möchte trinken, sein Hals ist trocken. Er wünscht, man möchte ihn jetzt aussuchen. Horch — man öffnet die Tür. Der rote Tatar tritt ein, mit ihm ein anderer Tatar, kleiner, mit schwarzem Haar. Die schwarzen Augen glänzen, er ist rotbäckig, den spärlichen Bart trägt er beschnitten; sein Gesicht sieht lustig aus, immer lacht er. Er ist noch besser gekleidet als der Rote: Tressen schmücken den dunkelblauseidenen Haib- ”oet, ein großer Dolch mit reichem isilbergriff steckt im Gürtel; auch die roten Sasfianpantoffeln sind mit Silber benäht; die dünnen Pantoffeln stecken in dicken Schuhen. Auf dem Kopf sitzt eine hohe weiße Lamrn- sellmlltze.
Der rote Tatar murmelt etwas, als ob er schimpfe, bleibt an der Schwelle stehen, lehnt sich an die Tür, spielt mit seinem Dolch und dabei schielt er wie ein Wolf auf Shilin.
Ser Schwarze aber, rasch, lebhaft, als befände er sich aus Sprung- sedern, geht gerade auf Shilin zu, hockt nieder zu ihm, fletscht die Zähne, dopst ihm auf die Schulter, zwinkert mit den Augen, schnalzt mit der Zunge und schwatzt für Shilin unverständliche Worte.
„Zu trinkenl gebt Wasser!" ächzt Shilin.
Der Schwarze lacht und schwatzt weiter.
Mit Lippen und Händen macht Shilin deutlich, daß er trinken wolle.
Jetzt begreift der Schwarze, wieder lacht er, wirft einen Blick durch die Tür und ruft:
„Dina!"
Ein schlankes zierliches, etwa dreizehnjähriges Mädchen kommt ange- laufen; die Aehnlichkeit mit dem Schwarzen ist unverkennbar; sichtlich ist es seine Tochter; das sind dieselben schwarzglänzenden Augen in dem schönen Gesicht. Sie ist in ein langes dunkelblaues Hemd mit breiten Aermeln ohne Gürtel gekleidet, rotbesäumt sind Brust und Aermel. Sie trägt Hosen und Pantosseln, die Pantoffeln stecken in Schuhen mit hohen hacken. Den Halsschmuck bildet eine Keile aus russischen Halbrubeln. Sie trägt den Kopf unbedeckt — über der schwarzen Flechte ruht ein Band mit Metallplatten und einem silbernen Rubel.
Der Vater ruft ihr einige Worte zu. Sie läuft fort, kommt wieder mit einem Blechkrug, reicht dem Gefangenen Wasser, hockt nieder und biegt sich so, daß ihre Knie die Schultern überragen. Mit weitoffenen Augen sieht sie auf Shilin, wie er trinkt, als fei er irgendein Tier.
Wie ihr Shilin den Krug zurückreichen will, springt sie fort wie eine wilde Ziege. Ihr Vater lacht laut auf und ruft ihr nach. Sie kehrt um, nimmt den Krug, läuft hinaus, kommt schnell zurück mit ungesäuertem Brot aus einem Brettchen, hockt nieder und läßt die Augen nicht von Ehilin.
Die Tataren gehen und verschließen die Tür.
Kurze Zeit darauf kommt der Nogaier und macht ihm Zeichen.
Auch er versteht nicht Russisch. Indes begreift Shilin, er solle dem Boten folgen.
(Fortsetzung folgt.)
Tolstoi und Deutschland.
Von Dr. Paul Landau.
Die Wirkung des genialen Menschen hat Tolstoi selbst einmal mit Oer der überall hindringenden, alles befruchtenden Sonnenstrahlen ver- lstichen. So ist auch fein Einfluß, der des Menfchen, des Dichters, des Denkers, des Gottsuchers, weltweit wie der des Himmelslichtes. Man braucht nur einmal die von B i r u t o f f in dem Band „Tolstoi und der Orient" vereinigten Zeugnisse zu betrachten, um zu erkennen, wie wichtig ein Schaffen für das geistige Erwachen des Ostens wurde, das wir ich! erleben. Der große indische Revolutionär Gandhi hat von ihm den entscheidenden Anstoß erhalten, und so geht die ganze von Gandhi entfachte Bewegung auf den Weisen von Jasnaja Poljana zurück. Der «nuskops des russischen Sehers blickt freilich ebenso nach Osten wie nach besten, und vieles an (einer Erscheinung steht dem Morgenland näher dem Abendland. Aber, wenn der Heilige und Prophet bei uns Weniger fruchtbaren Boden fand, so ist dafür der Künstler um so leidenschaftlicher bewundert worden. Tolstois Stellung zu Deutschland und in unserem Geistesleben ist ein in der reichen Tolstoi-Literatur wenig de- mndeltes Kapitel, das doch gerade den Deutschen besonders beschäs- btzen muß. r
Was verdankte Tolstoi dem deutschen Wesen, der deutschen Kultur? zunächst einmal stießt deutsches Blut in seinen Adern, denn sein Ur- M 'st im Jahre 1353 aus Deutschland nach Rußland eingewandert. 1,6 Familie hieß früher Dick, wie Tolstoi selbst Raphael L o e w e n -
seid erzählte, und der Name Tolstoi ist ja nur eine Ueberjetmug des deutschen Wortes. In zwanzig Generationen war freilich das Geschlecht ganz russich geworden, und Tolstoi hat in sich einen tiefen Gegensatz zu allem „Westlichen", auch zu Deutschland, empfunden. Doch am Eingang seiner bewußten Kindheit, die er so unvergleichlich geschildert, steht der deutsche Hauslehrer Feodor Iwanowitsch, der ihn liebte, als wenn er {ein eigener Sohn wäre und dem er feine Kenntnis der deutschen Sprache verdankte. Viel stärker als der deutsche Lehrer hat auf ihn der russische Pilger Grischa gewirkt, der ihm das Evangelium der Muttererde brachte. Die Bildung, die sich der junge Leutnant und Student aneignete, geht nicht tief, aber sie war im wesentlichen deutsch. Tolstoi berichtet in seiner Schrift über die Bedeutung von Wissenschaft und Kunst, daß die Lehre Hegels in der Zeit, da er ins Leben trat, „das Wesenselement aller Dinge" war. So hat er sich denn mit diesem Philosophen, der auch noch in seinen späteren Tagebüchern erscheint, viel beschäftigt, ist von ihm rückwärts zu Kant und vorwärts zu Feuerbach und Marx geschritten. Größer war der Einfluß Schopenhauers, dessen so stark östlich orientierter Lehre er „am ehesten zustimmte", während er N ietzsche völlig ablebnte und den „Zarathustra^ für „wahnsinnig" erklärte. Mehr aufgewühlt als durch das deutsche Denken wurde er durch die deutsche Musik, durch Bach und Beethoven, deren übermächtige „Berauschung" er in den Jahren seiner religiösen Einkehr als schädlich und sündhaft brandmarkte. Wagner stand ihm fern; den „Siegfried" bezeichnete er als „Kasperle-Theater". In dieser kunstfeindlichen Epoche verdammte er auch Goethe. „Was hat er denn Gutes gewirkt?" fragte er. „Gewiß lese ich manches von ihm gern, aber das wirklich Schöne aus seinen Werken wurde höchstens zwei Bände füllen." Da er den „ethischen Zug" bei ihm vermißte, ist es begreiflich, daß er Schiller höher stellte. Unter den modernen deutschen Dichtern ließ er nur den ihm geistesverwandten Wilhelm v. Potenz gelten, dessen „Büttnerbauer" er für den besten deutschen Roman erklärte; die russische Uebersetzung dieses Buches hat er durch ein Vorwort, eine Jeremiade gegen die moderne Kultur und Nietzsche, eingeleitet.
Einen Ehrenplatz in feiner Bibliothek hatten die Werke Berthold Auerbachs, den er seinen Lieblingsschriftsteller nannte; er verdankte ihm den Hinweis auf die Bedeutung der Volkserziehung, und er hatte sich io in seine Menschen hineingelebt, daß er sich Auerbach, als er ihn in Dresden besuchte, als einen feiner Helden, den Volkserzieher Eugen Baumann, vorstellte. Ueberhaupt fühlte sich der russische Gras am meisten der deutschen Pädagogik verpflichtet; um deutsche Schulen und Kindergärten kennenzulernen, kam er 1860 nach Deutschland, beschäftigte sich mit den Werken F r ö d e l s und W. H. Riehls, vertiefte sich in Luther, über den er nach dem Besuch der Wartburg in jein Tagebuch schrieb: „Luther ist groß". So ist seine Gründung von Bauern- schulen in Jasnaja Poljana und anderwärts, überhaupt fein langjähriges pädagogisches Wirken durch das deutsche Vorbild bestimmt worden. In seinen Dichtungen aber tritt eher eine deutschfeindliche Richtung zutage, seiner Abneigung gegen das von ihnen in Rußland hauptsächlich verkörperte „Westlertum" entsprechend. Die Deutschen erscheinen bei ihm zumeist als herzlos und berechnet, pedantisch und eingebildet, werden als Söhne der Finsternis den wahren Kindern des Lichts, den russischen Bauern, gcgenübergcfteUt.
Dieser Haltung des Dichters mag es mit zuzuschreiben sein, daß er bei uns, die wir sonst so bereitwillig alles Fremde aufnehmen, verhältnismäßig spät bekannt wurde. Tolstois Ruhm ist in Frankreich gemacht worden, wo die französische Uebersetzung von „Krieg und Frieden" 1884 zuerst Bewunderer fand, wo Melchior de Vogue das „Licht aus dem Osten" verkündete und 1890 die Veröffentlichung der „Kreutzerfonate" im „Figaro" ein Welterfolg wurde. Nach der Bibliographie von Dragana w steht Deutschland in der zeitlichen Folge, in der Tolstoi bet den verschiedenen Völkern bekannt geworden ist, an neunter Stelle; dafür übertrifft cs in der Zahl der Tolstoi gewidmeten Schriften alle anderen Nationen bei weitem. Als ein Unterhaliungsschriststeller, wie so viele andere, ward der Dichter den Deutschen zum erstenmal vorgestellt, als 1882 bei Uebersetzung der beiden Erzählungen „Luzern" und „Familien- gliick" bei Reclam erschien. Der moderne Gefellschaftsroman „Anna Karenina", der sich durch seinen pikanten Stoff empfahl, wurde, schon sechs Jahre nach dem Erscheinen, 1884 übertragen. Vorzügliche Verdeutschungen boten Wilhelm Wo 1 fsohn, der Freund Fontanes, mit der Uebersetzung von „Polikuschka" 1885 und Dr. Ernst Stange, der Erzieher von Tolstois Kindern, mit der von „Krieg und Frieden" (1886). Die großen Bekenntnisschriften, die seine „Bekehrung" schilderten, erschienen sofort deutsch, so 1884 „Worin besteht mein Glaube?", 1886 „Meine Beichte". Tolstoi war eine lebendige Macht unter uns geworden.
Während sich die „Alten" von seinem kühnen Realismus und dem fanatischen Ernst seiner Forderungen entsetzt abwandten, und diesen „wunderlichen Heiligen" für „zu russisch" erklärten, feierten die Jungen ihn enthusiastisch als den Vertreter einer urtümlich gesunden Welt, als einen „Riesen der Kunst". Georg Brandes bot 1888 in seinem deutsch- geschriebenen Tolstoi-Essay das erste psychologisch tiefschürfende, umfassende Bild seiner Persönlichkeit. Der unvergleichliche Beobachter und Gestalter der Wirklichkeit und des Seelenlebens war es, der die Naturalisten um 1890 so begeisterte und sie unter feinen Einfluß brachte. Dieser zeigt sich am stärksten in Hauptmanns Erstlingsdrama „Vor Sonnenaufgang", das ohne Tolstois „Macht der Finsternis nicht denkbar ist und dessen Held Loth Tolstoische Ideen vertritt, dhne daß sich freilich dies „klassische" Werk des deutschen Naturalismus zu der wundersamen Verklärung des letzten Aktes des russischen Dramas hatte auf- schwingen können. Tolstoi gehörte jedenfalls zu den wichtigsten Paten dieser Literaturrevolution. Doch war es hauptsächlich die künstlerische Seite seines Schassens, die in den 90er Jahren sich wirksam zeigte. Auch das Menschliche seiner Erscheinung fesselte nur als Eigenart des Dichters wie die ersten größeren Schriften über ihn, von Eugen Zadel und Raphael Loewenfeld, zeigen. Loewenfeld unternahm die erste beutfebe Gesamtausgabe seiner Werke, die nach mancherlei Zwischenfällen Ichließlich von Eugen Diederichs übernommen unb zu Ende


