geführt, die ganze Größe und Breite seines Wesens und Werkes asfen- barte. Nun trat um die Jahrhundertwende, als sich romantische und religiöse Stimmungen regten, der Denker, der Gesellschaftskritiker und Gottsucher deutlicher in. den deutschen Gesichtskreis. Ein Dichter wie Emil Gott, suchte ihm auch im Leben nachzufolgen, sein „Schüler" Eugen Heinrich Schmitt brachte seine Ideen in eine systematische Form, von der Tolstoi erklärte, er sei nie besser verstanden worden. Aber erst das ergreifende Ende dieses Daseins, seine letzte Pilgerfahrt, sein Tod in ewiger Gotisuche und Menschenliebe stellte der Menschheit sein Evangelium so recht vor Augen, und die Veröffentlichungen aus dem Nachlaß vertieften das Bild seines menschlichen und seines ewigen Wesens. Der Künstler wurde nun eins mit dem Propheten. Der „Lebende Leichnam" und „Das Licht scheinet in der Finsternis" wurden große Erfolge auf der deutschen Bühne, die seine Lehren verbreiteten. Die Tragik seiner Natur brach elementar hervor aus einem Werk, wie „Pater Sergius", während andere Erzählungen des Nachlasses, wie die herrliche „Chadschi Murat", sein einzigartiges Künstlertum neu enthüllten.
Besuch in Iasna;a PokZana.
Erinnerungen an Tolstoi.
Von W. W. W e r e s s a j e w.
Weressajew ist in Deutschland durch seine grauenhaft realistischen Schilderungen des russisch-japanischen Krieges bekanntgeworden, den er als Arzt miterlebt hat.
In den Jahren 1902 bis 1903 übermittelte mir ein guter Bekannter Tolstois wiederholt die Einladung Tolstois, ihn zu besuchen. Tolstoi hatte mein Buch „Memoiren eines Arztes" gelesen und sich darüber begeistert geäußert. Ich konnte mich lange nicht entschließen, die Einladung anzunehmen, bis ich endlich im August 1903 Mut fand und mich in Begleitung eines liberalen Abgeordneten G. aus Tula und eines mir bekannten Kreisarztes nach Iasnaja Poljana begab. Wir wurden von Sophia Andrejewna, der Gattin Tolstois, freundlich und liebenswürdig empfangen. Auf einer JBeranba faßen um den Kaffee tisch die Tochter Alexandra, der Sohn Leo, der Hausarzt und noch einige Erwachsene und Kinder. Leo Nikolajewitsch befand sich gerade mit seinen Enkelkindern auf einem Spaziergange. Rach dem Kaffee führte uns Sophia Andrejewna in den Garten. Unter anderem bemerkte sie, daß sie eine lange Erzählung geschrieben habe.
„Werden Sie sie drucken lasten?" —
Sophia Andrejewna antwortete lächelnd: „Wie kann die Frau Leo Tolstois ihre Werke veröffentlichen!? Ich habe das Manuskript dem Rumjanzew-Museum übergeben, — mag man nach meinem Tode damit machen, was man will."
Als wir wieder auf der Veranda saßen, bemerkte jemand: „Leo Nikolajewitsch ist vom Spaziergang zurückgekehrt." Das Herz stockte mir. Kurz darauf hieß es: „Er hat sich zur Ruhe begeben."
Eine Stunde später: „Er ist ausgestanden — wird sofort erscheinen." Ich war fehb erregt. Und bald vernahm man schnelle, leichte Schritte. In der Innentür erschien Leo Nikolajewitsch. Das erste, worüber ich in Erstaunen geriet, war seine kleine Figur. Ich hatte ihn mir hochgewachsen und breitschultrig vorgestellt. Aber da kam ein kleines vertrocknetes altes Männchen mit nach vorn stehenden Schultern, allerdings mit schnellen jugendlichen Bewegungen, obwohl er eben erst eine schwere Krankheit überstanden hatte. Er begrüßte uns und setzte sich. Mir fielen noch seine wundervollen Hände auf. Und nun mar’s, als ob diese Hände die Zügel ergriffen, mit der gewohnten Bewegung des sichern Fahrers — und die Unterhaltung glitt leicht, einfach, hin, nnmerklich wurden alle ins Gespräch gezogen. Er sprach mit mir über meine „Memoiren" und wandte sich dann an den Kreisarzt: „Sie teilen wahrscheinlich in vielen Punkten die Meinung Wikenti Wikentewitschs?" (Woher hatte er nur schon meinen Vor- und Vatersnamen erfahren?)
Der Arzt verzog die Miene und antwortete aus feiner Ecke heraus: „So ist es."
Nichts deutete auf einen Empfang von Fremden hin. Es war, als ob wir alle gute Bekannte wären. Er fragte jeden nach feinem Namen und nannte ihn dann immer mit dem Vor- und Vatersnamen, ohne sich ein einziges Mal zu irren. Er hörte allen aufmerksam und interessiert zu, man hatte den Eindruck, als ob jeder von uns ihn interessiere. Aber ich glaube, hier gab es tatsächlich noch etwas anderes — als ob er wirklich für uns alle ein lebendiges Interesse hegte. Leo Nikolajewitsch wandte sich wieder an den Arzt und kam auf sein Herz zu sprechen, fragte, ob er die verordnete Tropfenzahl beibehalten sollte. Der Arzt fühlte seinen Puls, während Leo Nikolajewitsch ihn in demütiger, kindlicher Erwartung ansah.
Das Mittagessen war bereit. Wir stiegen hinauf in den zweiten Stock. Aus der Treppe fragte mich Tolstoi: „Sind Sie verheiratet?"
„Ja."
„Haben Sie Kinder?"
„Nein."
Tolstoi wurde ernst: „Und sind Sie schon lange verheiratet?"
„Sechs Jahre."
Er schwieg. In seine Augen geriet aber ein harter Ausdruck, ich fühlte — er änderte plötzlich sein Verhalten. Er war wie zuvor höflich und freundlich, aber der warme Blick war verschwunden.
Ein großer Saal, leuchtendes Parkett, alle" Porträrts an den Wänden, in der Ecke eine Marmorbüste Tolstois. Ein langer Tisch. Behandschuhte Lakaien bedienten. Leo Nikolajewitsch wurden besondere vegetarische Speisen gereicht. Er fragte mich, weshalb ich in Tula lebe. Ich erwiderte, ich sei vom Innenminister dorthin verschickt worden. Tolstoi seufzte und sagte neiderfüllt: „Mich hat man kein einziges Mal verschickt, ich habe noch nie im Gefängnis gesessen, nie durfte ich dies Glück erleben." Nach dem Essen schlug uns Leo Nikolajewitsch einen Spaziergang
vor. Tolstoi schritt leicht und elastisch aus, der Wind zerrte feinen lange» silbernen Bart. Er sprach über die Notwendigkeit moralischer Verzoll, kommnung, sprach vom höchsten Glück, das dem Menschen durch hü Liebe beschieden würde. Ich sagte: „Aber wenn der Mensch diese Lieb« nicht im Herzen trägt? Sein Verstand kann einsehen, daß eine fott« Liebe das höchste Glück birgt, aber ihm fehlt jede unmittelbare, lebendig, Empfindung dafür. Das ist die größte Tragik, die ein Mensch erleben kann." Tolstoi zuckte die Achseln: „Ich verstehe Sie nicht. Wenn der Mensch eingesehen hat, daß das Glück in der Liebe besteht, wird er auch in Liebe (eben. Wenn ich mich in einem dunklen Zimmer befinde und sehe, daß das Nebenzimmer erleuchtet ist und ich selbst Licht brauch« — soll ich dann nicht dorthin gehen, wo das Licht brennt?"
„Leo Nikolajewitsch, aber alle ihre Helden beweisen, daß dies nicht so einfach ist. Sie erkennen völlig klar, wo das Licht ist, besitzen jedoch nicht die Kraft, zu ihm zu gehen."
Offensichtlich suchte Tolstoi diese „Tragik" aufrichtig zu verstehen, «, fragte aus, hörte aufmerksam und ernst zu.
„Entschuldigen Sie, ich verstehe es nicht."
Ich erzählte Tolstoi den Fall eines mir bekannten jungen Mädchens, Langsam und sicher ging es für feine Freundin zugrunde. Seine znr!« Gesundheit, seine Lieblingsbeschäftigungen, alles gab es hin, ohne sich sogar zu fragen, ob die Freundin solcher Opfer wert fei. Ich erzählt« den Fall in der naiven Voraussetzung, er würde Tolstoi besonders be- rühren: lehrt er doch so nachdrücklich, daß die wahre Liebe nichts von ihren Erfolgen wisse und auch nicht wissen wolle. Und plötzlich — plötz, lich sah ich: Tolstois Antlitz hatte sich ungeduldig und fast so leiderfüllt verändert, als ob er nicht atmen könnte. Er hob die Schultern und rief aus: „Um Gottes willen!" Ich war ganz fassungslos. Beim Wort „Tragik" lief es ihm aber wie ein Schauer über den Rücken. Ein höhnisches Lächeln zuckte um feinen Mund: „Tragik ... Wie oft kam Turgenjew und sagte auch immer: „Tragik, Tragi—i—k." Und so sprach er das Wort aus, daß man sich vor sich selbst schämte und di« sonderbare Frage auftauchte: Gibt es denn wirklich im Leben irgendein« Tragik? Dann sprach Tolstoi über Metschnikows „Essai de la Philosophie Optimiste". Unwillig und Höhnisch ließ er sich über di« „Unwissenheit" Metschnikows aus. „Er, Professor Metschnikow will .., die Natur verbessern! Er weiß besser als die Natur, was wir brauchen und was nicht! Die Chinesen haben ein Wort „Schu", das bedeutet — Achtung. Nicht Achtung vor jemanden, für etwas, sondern einfach Achtung — Ächtung, vor allem, für alles! Achtung vor dem Unkraut, einfach deshalb, weil es wächst, vor der Wolke am Himmel, vor dem schmutzigen Wege mit dem Wasser in den Radspuren. Wann werden wir endlich diese Achtung vor dem Leben haben? Nebenbei: in allen mir bekannten Uebertragungen wird das Wort „Schn" Konfuses folgendermaßen übersetzt: Tue dem anderen nicht, was bu nicht willst, daß es dir angetan wird!" Es wäre interessant zu erfahren, woher Tolstoi die Auslegung dieses Wortes gekommen ist. Vielleicht aus dem Verkehr mit den gebildeten Chinesen, die ihn besuchen.
Wir kehrten wieder zurück und tranken Tee. Sophia Andrejewna legte Patience. Unser Reisegefährte, der Abgeordnete G., holte eine vollständige Sammlung der erschienenen Nummern der Zeitschrift „Die Befreiung" herbei, die zu jener Zeit zu erscheinen begann. Tolstoi jagte: „Ach, das ist sehr interessant. Danke! Werde es bestimmt lesen. ' El durchblätterte die Zeitschrift, während G. über sein Programm und feine Aufgaben sprach. „Politische Freiheit!" — Tolstoi winkte verächtlich ab.— „Ist ganz unwichtig und unnötig. Wichtig ist moralische Vervollkommnung, wichtig ist Liebe — dies und nicht die- Freiheit wird brüderlich« Beziehungen zwischen den Menschen schaffen."
G. begann herablassend zu widerlegen: „Ader Leo Nikolajewitsch, 61« müssen doch zugeben — politische Freiheit ist notwendig — z. B. gerat)« deshalb, damit man die Liebe, von der Sie sprechen, verkünden kann. Und von oben herab in demselben herablassenden Tone, wie sich Erwachsene mit einem sehr netten, aber wenig klugen Kinde unterhalten, begann G. feine Ansichten über die Vorteile politischer Freiheit auszu- legen. Wie dumm war das! Wie dumm war das! Dachte er wirklich, Tolstoi habe diese Erwiderungen noch nicht gehört und tonnte ihn mit dieser Banalität überzeugen! Und der Ton, dieser ekelhafte, selbstgefällig — herablassende Ton! Und plötzlich wurde mein liberaler Abgeordneter Luft, ein Nichts. Als ob er aus dem Zimmer verschwunden wäre, sah ihn Tolstoi nicht mehr und lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema. Im Sessel mit ausgestreckten Beinen und gelangweilt mit den Fingern spielend, saß Leo der Sohn da. Er hat rote Haare, sein Kopf ist sehr klein. Auf seinem gelangweilten Gesicht konnte man lesen. „Ihnen ist da« neu, mir aber ist das schon so über!" Leo Nikolajewitschs Gesicht war blaß geworden. Man merkte ihm an, daß er übermüdet war. W standen auf und begannen uns zu verabschieden. Unter einem leuchcen- den Sternenhimmel fuhr unser Wagen durch die dunkelblaue AuM nacht. Ich erinnerte mich an das berühmte Repinskische Gemälde stois, auf dem er barfuß dasteht, die Hände durch den Gürtel gesteau mit sanftem Gesicht. Ich fühlte, wie falsch und tendenziös dieses Poma ist. Tolstoi hatte nichts d* Christus, nichts van Franz von Assifp, nm) von der Repinskischen Porträtfigur. Dieser Gang, diese schnellen, letcyr Bewegungen, die kleinen Augen unter dichten Brauen, die in fo lichem Feuer aufleuchten, und dieser beißende Hohn! Sein Berya. gegenüber der Tat des viel aufopfernden Mädchens! Und dieses Y« näd'ige Zurückführen aller Gespräche auf die Notwendigkeit snormW Vervollkommnung, und die graue Langeweile, die auf diesen Gefpram lastet. Als man mich daheim fragte, welchen Eindruck Tolstoi auf“/ gemacht hatte, antwortete ich offenherzig: „Hätte ich ihn zufällig ten gelernt und nicht gewußt, daß er — Tolstoi märe, würde ich • «, recht stumpfsinniger Tolstoiane'r, inkonsequent und widerfprucy • mag man mit ihm über Astronomie oder über Tomatenkultur IP alles wird er sofort auf moralische Vervollkommnung, auf meve z führen, die er völlig verzerrt hat, weil er dauernd von ihr jpr’.qt • _—
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch-- und Steinbruckerei, R. Lange, Gieße


