*) A-ul, zweisilbig: ein Tatarendorf.
Der Gefangene im Kaukasus.
Von Graf Leo N. Tolstoi.
I.
Shilin war Offizier im Kaukasus. ™ .. ,. .ut
Einst erhielt er einen Brief aus der Hemmt, ine alte Mutier schreibt ihm: Ich bin alt geworden und möchte vor memem Ende den gelrebtM Sohn Wiedersehen. Komm, um von mir Abschied zu nehmen. und dann tritt mit Gott deinen Dienst wieder an. Ich habe drr eine Braut ausgesucht, sie ist klug und gut und hat Grundbesitz — vielleicht heiratest bU Shllin "wurde^nachdenklich. In der Tat, die Mutetr ist schwach geworden, sann er; vielleicht bekomme ich sie nicht mehr zu sehen. Ich will reiien- und steht mir die Braut an, ich kann >a auch heiraten.
Er ging zu seinem Oberst, nahm Urlaub, verabschiedete sich von den Kameraden, stellte seinen Soldaten vier Wedro Branntwein zum Abschied und bereitete sich zur Fahrt. . . m , h
Damals war Krieg im Kaukasus. Bei -tage wie bei Nacht wur^n die Wege beunruhigt; kaum hatte einer von den Russen die Festung verlassen, so töteten ihn die Tataren oder schleppten ihn m die Berge. Deshalb wurde befohlen, daß zweimal in der Woche von Festungi »u Seftung ein Zug unter Bedeckung abginge: vorn und hinten Soldaten, M der M^Es^wa^im Sommer. Frühmorgens hatte sich hinter der Festung ein Wagenzug versammelt, die Bedeckung trat heraus, und man begab sich auf die Reise. Shilin ritt, sein Wagen mit dem Gepäck ging im ^Man hatte fünfundzwanzig Werst zurückzulegen. Langsam ging der Wagenzug. Bald blieben die Soldaten stehen, bald fiel em Rad ab oder ein Pferd stand still, so daß alles wartete. -
Die Sonne war schon über Mittag, und der Zug hatte erst die Halste des Weges zurückgelegt. Staub und Hitze, und die Sonne brennt, nirgends ist Schutz zu finden. Nackte Steppe; kein Baum, kein Busch
Shilln, der vorausgeritten war, hält an und wartet auf den Zug; hinter sich vernimmt er ein Hornsignal — also wieder bleibt der Zug stehen. Da denkt Shilin: soll ich nicht allein reiten ohne die Soldaten? Unter mir ist ein gutes Pferd, überfallen mich die Tataren — ich galoppiere davon. .
Wie er den Plan überdenkt, sprengt zu ihm em anderer Offizier, Kostylin, mit einer Flinte, und sagt:
„Wollen wir allein reiten, Shilin, kann s vor Hunger nicht aushalten, und es ist eine so furchtbare Hitze. Mein Hemd ist zum Auswringen." .... ,,
Kostylin, ein dicker Manu, ist ganz rot im Gesicht, der Schweiß fließt nur so von ihm, Shilin überlegt und sagt:
„Ist die Flinte geladen?"
„Geladen." . .
„Reiten wir. Eine Vedingimg jedoch: daß wir nicht auseinander- kommen."
Ist es nicht doch das Wesentliche, daß Tolstoi den ganzen Zimespalt zwischen ^Sehen und Denken in sich aufnahm? Daß er niemals Dichter nt ohne den Denker. Die bloße artistische Darstellung der Welt ist nichts, aber auch die bloße Predigt, die Entsagung, das Einsiedlertum ist nicht alles In unserer Zeit liegt ein besonderes Verlangen. Ungeheure Kräfte der end e ru n g " wachs en in ihrem schoße Man muh die Dinge andern. Miln fnnn hie Dinge änbern. Man (oll sie andern. m
Neben dem uns entrückten, heute 100jährigen Tolstoi stehen andere Gestalten lebende und gestorbene, doch gewaltige, suhrende Menschen unserer Zeit eines großen, noch unabsehbaren Überganges. Muh am, abgernb sthmerzhaft, zuweilen auch gewaltsam vollzieht sich ^ Ablösung aus den alten Dingen. Wir haben glänzende philosophische Systeme, die in großen Handlungen und Staatsformen münden, und wir haben einsame Beispiele eines neuen aufopfernden Lebens, einer neuen aUTnenju)- liehen Bindung. Im Nachlasse Tolstois ist eine „Erzählung des Monch- priesters Isidor". Nur wenige Seiten: die Geschichte eines ehemaliger ^ardeofsiziers, der Einsiedler geworden ist, und sich nn Zwejjel verzehrt, ob nicht auch seine Frömmigkeit nichts als ^ne furchtbare Sebstge^ig- keit ist. Die letzte Bemerkung des Mönches tragt em Datum. 15. S p tember 1902. Das ist ein Datum, an dem viele von uns schon gmeot haben. Das Problem der Erzählung, scheinbar ganz aus ber russischen Religi'ösität genommen, fast mittelalterlich, ist doch zeitlos; besteht denn dieser Konflikt nicht ewig? Ein solches unerbittliches Denken will mehr als nur die Ausschöpfung unserer Gegenwart, es will, wie das ganz tiefe Denken des Christentums, die ganze-Zukunft. . , .
Es wird stark darauf aumerksam gemacht, daß Tolstoi Vegetarier war daß er ohne diesen Standpunkt, der die Abkehr vom Fleischessen als die Grundlage wahren Menschentums bezeichnet, gar nicht denkbar gewesen sei daß die wenigen Obstbaiikolonien m Deutschland, wie auch die Siedlungen der Duchoborzen in Rußland und Kanada, die ihre Lebensweise nach den Gedanken Tolstois eingerichtet haben, die niedrigste-Sterb- lickkeitsuiier haben. Wir wissen ebenso, daß viele Gedanken —olfrots noch nicht verwirklicht sind, mit einem Achselzucken stellt mn M erfüllbar beiseite. Sie sind unbequem, sie scheinen aK6*1 erprobten be- währten lebensnotwendigen Gewohnheiten unserer Gesellschaft zu wider- sprechen. Und wenn man Tolstoi als einen der großen Wer der des heutigen Rußland bezeichnet, so ist doch m dem heutigen Rußland der soziale Gedanke Tolstois nur in der Form der Gewaltausubung verwirklicht nicht in der Form, die er meinte, und von der er sich die grüßen 'Wirkung versprach. Wir können hier nicht urteilen. Es ist uns heute nur möglich die Größe des Künstlertums und der persönlichen Lebenskraft zu ermessen, die in dieser ungewöhnlichen Erscheinung Tolstois zum Ausdruck kam. Aber vielleicht uurd einmal die «aat, die der Bauer Tolstoi ausstreute, länger dauern als das künstlerische Werk, das die Lebensspanne des Grafen Leo Tolstoi so breit überleit.
Und sie reiten voran auf dem Wege, reiten über die Steppe, unter» halten sich und spähen dabei nach beiden Seiten. Weit kann man in der
Kmim^st die Steppe zu Ende, jo führt der Weg zwijchen zwei Bergen in einen Paß. Da hebt Shilin an. . .,
Man muh auf den Berg reifen und nachschauen, sonst greift man n?nh» mir wissen gar nicht wie, vom Berge an."
Kostylin aber entgegnet: „Was ist da nachzusehen? Wollen wir auf dem Wege reiten."
Mdn,"^agte"er) "warte du hier unten, ich will oben einen Augen- ^^Und"tt°lleß""7s"Pferd nach links auf den Berg traben. Es war ein Iagdpserd für hundert Rubel hatte er es als Fullen in der Herde ge= rm.ft nnh Mbft xuaerittb - schnell, als hätte es Flügel, trug es ihn die Steile hinauf. Kaum war er oben, siehe, in geringer Entfernung von ihm hnftpn berittene Tu tuten ... UN dreißig MUNN. Ct 1UY> s unv wendete- auch die Tataren sahen ihn, jagten ihm nach, nahmen wahrend des Reitens die Flinten aus dem Futteral. Mit verhängten Zugern lieh Shilin se?n Pferd bergab laufen und rief. Kostylin an: „Die Flinte kenommenl" Und zu dem Pferde: „Mein Herzchen, trage mich heraus, stolpere nicht — stolperst du, so bin ich ver.oren.
Kostnlin indes, statt zu warten, jagte, sobald er die -laiaren erbacLe, de- Testung zu so schnell er vermochte. Bald von einer, bald von der anbe?en ©e8ite$ trieb je fein Pferd an. Am Staube ist zu merken, w.e das Pferd mit dem Schwanz schlagt.
Shilin begreift, daß seine Sache schlecht steht —.die ü-mte ist fod, mit dem Säbel allein läßt sich nichts machen. Er jagt zurück noch bentt er 7u entkommen. Aber sechs Mann sprengen von der weite, schneiden ihm den Weg ab. Sein Pferd ist zwar gut, jene indes haben ned) bessere Pferde. Er greift in die Zügel, will wieder umkehren, aber das Pfe'-d einmal im Jagen, fchnellt weiter — gerade auf die Feinde los Ein Tatar mit einem roten Bart auf eimnn grauen Pferde nähert sich Er grinst und hält die Flinte in Bereitschaft.
Ick kenne euch Teufel, denkt Shilin. Fangen fic einen lebendig, fo stecken sie ihn in eine Grube und peitschen ihn. Lebendig sollen sie "^ObchÄch^dcht groß von Wuchs, war Shilin ein mutiger Mann Er meist nach seinem Säbel, läßt das Pferd gerade auf den roteni Shann Pos unb denkt dabei: entweder tritt ihn mein Pferd nieder odcr ich mache ihn mit dem Säbel unschädlich.
mar Shilin nicht auf die Entfernung eines Pferdes heran- aeritter? als Schüsse, von hinten abgegeben, sein Pferd trafen — mit chler Gewalt schllig es auf die Erde und fiel auf den Fuß feines Reiters. (fr mill ück erheben aber schon sitzen auf ihm -wer dieser übelriechenden Tataren und 'binden ihm die Hände auf den ^ucten' reißt er sich los und drängt die Feinde von sich ab, aber noch dre. bringen von den Pferden und schlagen mit Kolben °Ä s»nen Kopsi m,irh es ihm wirr vor den Augen und er wankte. Die Tataren er griffen ihn, banden ihm mit ihren überzähligen Sattelgurteln die Hande am Rücken zusammen und machten einen tatarischen Knoten. Man M g chm db Mibe ab zog seine Stiefel aus, alles durchwuhtten sie, da L die Uh7 M sie und jerriffen die Uniform. «gj sich nach seinem Pferde um. Sein Herzenspferd, wie es auf die weite aefallen tvar so lag es noch und schlug mit den Fußen; ein Poch klafs ihm im Kopf und pfeifend quillt das schwarze Blut, benetzt eine z sch in der Runde den Staub. ,,
ffin Tatar nähert iid) dem Pferde und nimmt vorsichtig den waim abX W«
Kehle Ein Zi chen aus dem Halse — ein Zucken Des rrorpen- Sattel und Geschirr nehmen die Tataren ab. D-r Rotbärtige sitzt wieder auf. Und nun heben sie Shilin zu ihm auf den Satt , 7r nicht falle, binden sie ihn mit einem Gürtel an den Rucken Vordermannes — und fort in die Berge.
Hinter dem Tataren sitzt Shilin, schaukelt undtaumelnBor sich den breiten Tatarenrücken, den sehnigen Hals, und glanzend rundet s cy glattrasierte Hinterkopf. Shilins Kopf tft arg zersch agen Blut ttg! aebaden Über den Augen. Und er vermag sich auf dem Pferde zurechtzurücken und das Blut «bäumijd)en ©o fe,t mb b.e Arme zu sammengefchnürt, bah es ihn mi wchlufselbein schmerzt.
ßanae ritten sie von Berg zu Berg, setzten durch eine einen Fluß, gelangten auf einen Weg unb ritten im -tat wett -
- Wie gern hätte Shilin sich ben Weg gemerkt - ^Jeine jl waren mit Blut verklebt unb er vermochte nicht, fidj utnswenDen
Es begann zu dämmern; sie setzten noch> über emen F uß.
auf einen breiten Felsen kamen, wirbelte Rauch auf, Hunde » an - sie waren im Aul*). Die Tataren sahen ab, Zatarenjungen^ herzu, drängten sich um den Gefangenen, grohlten, , chz
warfen ihn mit Steinen. ,~hi(in a01n
Die tolle Jugend wird von dem Roten sortge>agt,der wy
Pferde hebt und in befehlendem Ton einen »uf 'rbW" ^^en, er Nogaier kommt, stark heben sich in seinem Gesicht die Backenk weg tränt nur ein Hemd. Das Hemd ist abgerissen, d.e Brus ... » herbei: ruft ihm etwas zu. Sogleich schafft der Arbeiter einen t 6 Krampe zwei Eichenklötze mit Eisenringen, an einem der Ringe
unb ein Schloß. ben Block
Shilin werben bie Hände losgebunben, man setzt mn m bantl unb führt ihn in einen Verschlag; er wirb b*n?mgef “r ejn wenig schließt sich bie Tür. Er taumelt auf ben Mist. Als e haben, gelegen, tappte er in der Dunkelheit, um die weichste unb legte sich nieder.


