Ausgabe 
8.9.1928
 
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SietzenerZamilienblätter

Kummer 72

Herrn.

9. Sepkember.

lassen, uni dem

Leo Tolstoi.

Zu seinem 100. Geburtslage am

eines Hundertjährigen ein Zufall, daß mir

Tolstoi.

Von Siegfried v. Vegesack. Und nur die Kinder und die Toren Erkannten ihn, wie einst den Herrn.

Blick war aber weltverloren Und über allen Menschen fern. Was einst das Höchste ihm erschienen: Der Worte wohlgeformte Kunst uwrf sie hinin heil'ger Brunst, Dem Volk der Armen stumm zu dienen. Und hat, wie Er, jein Kreuz getragen Und seinen Leib daran geschlagen

Von Alfons P a q u e t. - .id,net $>er Stift, der heute das Bild lesthalten will, einen Lebenden? Fast ist es nur Mffen, w.e vor achtzehn Jahren das Leben des ' ä riÄSfÄft.Ä w«ä keu eines Waldes zu vergraben. Das Leben T Ä .»X S!nf<T geworden. An diesem abgeschlossenen Leben, das uns allmahUck^Mer! w.ed, ,e mehr die zuverlässigen Urkunden, di. heimWn Auf'

die schon zu Lebzeiten Tolstois über den Dichter, den religiösen Zenker Si i)n ei,n Zwielicht. 1899 erschienen die oerüchmlen

H-»-a^k?^fpr"Ae ,0lne apokalyptische Dichtung des iin gleichen Jabr Religionsphilosophen Wladimir Solowiew. Sie stnd (9pn5nf aU-^ ttCÄCC uni) kluger Gedanken zwischen einem Politiker' einem und einem Fürsten, und Solowiew gibt diesem bekannten Zuge des Dichters Leo Tolstoi verleibt ihm bes Erfolges, aber innerlich drückt er das iwrrite .Mißtrauen, ja Abneigung und Ent,etzen gegen ihn aus.

Damals, 1899, lebte Tolstoi noch. Er schrieb sogar in demselben Habr im« knem ,?°JnatI. .-Auferstehung '. Während uns int Westen erst das ein^ae *?e .Holtum Tolstoi bekannt wurde, empfanden ihn

L e^mlli ^ren. Gesicht des Bauern, der mitten in eine? «oßen I bie Sreih, nn1 s-or fle,n.cn "ber die ganze Welt reichenden Beziehungen Üurch Tm.lenh^ e/nes gewöhn ichen russischen Bauern annahm, und fiomr.hL,.> r2.ben Ä? einPraphet, Tausenden als ein widerlicher phische-/ ^üaoVi h*l ®!r-ffen heute aus den unzähligen autobiogra- » Romanen verstreut sind, und mit derselben

fachen Leut?Leben der großen russischen Gesellschaft wie der ein. bas 'Lnf? walen und m der natürlichen Umgangssprache der Epoche oKenr nh " hre Menschen aller Gesellschaftsklassen wiedergeben vor I T das Le7.n Fvnfe, ^S'büchern, welcher Gedanke es ist, nist'den stfben dieses seltenen Mannes sich müht. Es ist das leiden-

Äckstn chu?? "och Umfassen der Gesellschaft mit allen in ihr Wen ' ®erotf|en hinemgetragenen, unverwirklichten Ge-

was ihn » fchopfensche, unfertige Element in der Gesellschaft ist es bas GEmnit ei"e 7" Erkenntnissen und Bedenken: Es gibt ewige Gebote des Gewissens, ohne deren Bsr- 6(f)mmen9 ehiL a Gesellschaft nicht besteht. Solange muh sie die Zustandeines Msenhaften Zustandes leiden. Diesen Tolstois Da! Menschlichkeit zu spüren, war das Schicksal

feine aedrucktPEH°raktenst,sck)eandiesem Schriftsteller sind nicht nur glücklichen 5,",olt "Uferen Daten, und di« hohen, sehr »er Dingx 2 e,ne? Lebens. Sondern, daß gerade der Glanz ">h>g«nden »m 9!^ und in Frage gezogen schien durch den beun- für ihn Lf!, oul die Kehrseite. Aus diesem doppelten Sehen kam

Duttes, das quälende, unablässige Gottsuchertum, die furcht- s

Sem Blick war aber weltverloren Und über allen Menschen fern Und nur die Kinder und die Toren Erkannten ihn, wie einst den

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L SH» §*«« »"<»p»fd)cn L«Lm,f,k, -rhM L ftig» lK SÄÄ in" U Li-LL-SN,L"LL ferne berühmteBeichte" und nach ihr die lange Ä bet' Ira ff 1» « r7?h7 Slaak und Kirche der Kritik unterzag Lr Roman A Ü b-

I ?5st e u n g ist sein großes Selbstbekenntnis. Ms dieses Werk aL Uneben war, ermßte den Dichter der Gedanke, seine Familie ,u

I l flen- um dem Widerspruch zwischen seinem Leben und seinen Ueber» | zeugungen em Ende zu machen. Zwanzig Jahre lana sand »r mAi- I h? bQ3ll s®rft ?? Einern Novembertage 1910 verließ er Jasnaja Pol, I S bt Einsamkeit und Stille aufzusuchen. Doch schon am Är^Ä" franf Un& ftarb aUf einer Ä'ÄÄ1 L EWA Ä Ob^es fTen ®°^re tun' nämlich, ihre Familie oerlaflen. Al, ob es so gleichgültig wäre, was endlich über das Leben dieses unas.

I ^uren Grestes Macht bekam. Der Gedanke der Heiligung bewegte ibn "noblaffig. Es ist das Schicksal des Menschen Tolstöi^ßdmch &

I großes Künstlertum eine ganze Welt an diesem Ringen teilgenommen hat. , Tolstoi sprach ablehnend über Goethe. Er äußerte sich Ziemlich hart über das moderne Theater. Er verfaßte eine Schrift gegen Shake»

i LP Cmre' Er konnte die Buntheit, den schnellen Witz, die derben Späße I »IC F esQs3z versteckte Unmoral des großen Briten nicht leidem Er

b ???, Reuter als ein Spielzeug für Erwachsene, und schätzte di. "/. sten Dichter, auch die großen, als Unterhalter. Dennoch schrieb er selbst für das Theater und bediente sich auch dieses Mittels der Unter* Haltung, um den Menschen ernste Dinge zu sagen. Auch Tolstoi schüttelt die menschlichen Figuren wie Pfeile in seinem Köcher, auch er steht rot« I «*afeF A°rl uber. icmcn Gestalten, durchschaut sie vollständig, läßt st« I f'rh nach ihrem inneren Gesetz bewegen und erkennt, daß das Bgs» j b05 er agreren und sich in hundert Gestalten, in Beamten, Geistlichen. | Damen, Aerzten, bürgerlichen und bäuerlichen Typen verkörpern läßh der Lnbe fei; ohne das Böse kann es ja überhaupt fein« Offenbarung der Liebe geben. Ohne den uralten sanften Streit zwischen dem Bosen und der Liebe wäre auch das Tolstoische Drama ohne ein« Spannungen und Energien. Seine Technik ist ganz westlich, nur sein Ethos wirkt neu und schwer. Nicht jeder Dichter hat den Mit, die Heldin eines herrlichen Romans schließlich unter den Rädern eine» Schnellzuges enden zu lassen und ihr neben der Kraft, dem Liebreiz, dem LAT 6rjr ?fu3res c^rer Person ein so feickes Gewissen zu geben, das schließlich den Tod fordert.

5 europäische Theater ist Tolstoi ein Seitenweg der natura» listischen Epoche, und doch zugleich Fortschritt auf dem Hauptweq aller dramatischen Kunst. Tolstoi behauptete, das Theater nicht zu lieben, doch gab es eine Zeit, wo er es genau studierte. Fast immer stellt das Tol» stoische Stuck eine Art Predigt dar, die beim Zuschauer neben dem Interesse an dramatisierten Familienvorgängen ein Empfinden hinter» lagt, als habe man ihm, während er da saß, die Taschen abgeklopst, ein wenig in seine Geschäftsbücher hineingeschaut, die Hutnummer festgestellt und seine eigenen Familienangelegenheiten unliebsam in die Debatte gezogen. Man tröstet sich dann damit, zu sagen: das ist russisch. Figuren wie diesen Fedsa, oder wie diesen Gutsbesitzer, oder diesen Bauern gibt es bei uns im Westen gar nicht. Solche Sachen wie denLebenden Leichnam gibt es nur in Rußland. Aber das Leben ist inzwischen auch im Westen sozusagen russischer geworden. Wie wäre sonst der Erfolg zu erklären, den auch bei uns die Tolstoischen Stücke haben.

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1928"