Ausgabe 
8.5.1928
 
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Daß über die Funktion und die Verbesserung derartiger Einrichtungen non den Erftndern und den sich damit beschäftigenden Stellen der Schleier des Geheimnisses gebreitet wird und man nicht so leicht Einzel- beiten darüber erfährt, liegt auf der Hand. Jedenfalls steht aber fest, daß man nach all den jahrelangen Versuchen allmählich zu positiven praktischen Erfolgen gekommen ist, die längst weit über die Modellver­suche hinausgewachsen und großtechnisch erprobt sind, so daß der Radio­welle neben den anderen Erfindungen ein weites Tor einer neuen Wun­derwelt offensteht.

Jussuf und Adduvah

Von Albert $). Rausch.

(Sortierung.)

Die häufige Abwesenheit des Prinzen und das Geheimnis, welches diese einsamen Ritte umgab, erregten natürlich die Neugierde seiner Umgebung. Viele glaubten, daß seine heimlichen Besuche einer Ge­liebten gälten, der Sohn des Sriegsminifters aber, Ali, ein heimtückischer und mißtrauischer Mensch, ahnte, daß es ganz andere Dinge waren, die den Prinzen so oft sortlockten, und beschloß, die Sache auszuforschen. Er gedachte dabei eines sehr deutlichen Winkes, den ihm der Bey selbst vor der Abreise gegeben hatte: genau über das Treiben des jungen Jussuf zu wachen und dem Hofe einen Bericht zu erstatten, wenn irgend etwas Außergewöhnliches Vorfälle. Es war aber auch ein Gefühl der Rache, das ihn antrieb: denn er hatte sich wochenlang im stillen um die Gunst des Prinzen bemüht, jedoch vollkommen vergebens, da gerade sein düsteres Wesen der offenen und auf das Heitere gerichteten Natur Jussufs zuwider war. Diese Abneigung schmerzte ihn um so mehr, als fein Vater, ein äußerst ehrgeiziger Mann, der bei dem Fürsten in hohem Ansehen stand, ihm fast befohlen hatte, die Freundschaft des Prinzen um jeden Preis zu erringen und darüber zu wachen, daß nicht irgendein anderer, vor allem nicht der Sohn des Oberbefehlshabers Said, ihm zuvorkomme. Um nun selbst nicht in den Verdacht eines Spions zu ge­raten, bestach Ali einen Berber, der sich schon des öfteren zu allerhand Auskundschaftungen hergegeben hatte und dem Prinzen völlig unbekannt war, in einer gewissen Entfernung hinter Jussuf herzureiten und auf das genaueste auszuspüren, wohin dieser sich begebe.

Es dauerte keine sieben Tage, da fand sich eines Abends der Berber

bei Ali ein und sagte:

Herr, laßt mir die Zunge aus dem Munde reißen, wenn ich nicht die Wahrheit spreche: Zu keinem anderen reitet der Prinz als zu dem Sohn des Olivenhandlers Almansor, der das schone Landgut am Fuß der Berge besitzt. Als ich ausgespäht hatte, wohin sich die beiden Jünglinge am liebsten begaben, schlich ich in das dichte Myrtengebüsch, das die kleine Anhöhe bedeckt und hielt mich vorsichtig verborgen. So hörte ich alle ihre Reden. Vieles Gelehrte sagten sie, das ich nicht verstand, auch Strophen lasen sie vor ... Schließlich tarnen sie auf das, was Euch zu hören wertvoll fein wird: ,Ach, seufzte der Prinz, wenn es doch mein Vater erlaubte, daß ich mit dir auf die Hochschule von Kahira zöge! Nichts konnte mir wichtiger fein, als mein Wissen zu bereichern und die Stern- und Erdkunde zu erlernen. Denn das W ssen eines Fürsten darf keine Grenzen haben, um so weniger, als die meisten seiner Umgebung doch nur von mittelmäßiger oder dürftiger Begabung sind, und auch selten ihren Sinn auf etwas anderes gerichtet haben als auf den Krieg und allerhand Beutezüge, die ihren Säckel füllen. Ich weiß ja, daß meine Heirat mit der Tochter des Prinzen Sadi in Kahira beschlossen ist und sich bald verwirklichen wird: damit wäre ja der beste Anlaß gegeben, in diese Stadt zu ziehen und eine Zeit lang dort zu leben. Doch wie dem auch sei, Abdullah, laß uns nicht traurig werden noch den Mut verlieren. Die Zeit wird kommen, wo wir unsere Pläne ver­wirklichen können. Wenn ich einundzwanzig Jahre alt bin, fällt mir die Herrschaft über die Provinz vom Kairovan zu. Bis dahin kannst auch du, zumal du ja drei Jahre älter bist als ich, deine Ausbildung vollendet haben und mein Ratgeber werden. Bin ich aber erst ein­mal Herr von Tunis, so werde ich dich zum Großwesir ernennen, da mir niemand geeigneter scheint als du, eine so schwierige Stellung

auszufüllen. Dann mag das Volk sehen, daß sich auch mit Weisheit und Milde eine Herrschaft führen läßt; die Kriegsleute aber werde ich auf ihren Platz verweisen und ihnen in meinem Lande nicht mehr an Einfluß gönnen, als ihnen von Rechts wegen zukommt. Denn niemals werde ich zulassen, daß dieser Ali, der in der unverblümtesten Weise um meine Gunst wirbt, und nicht ein Mittel scheut, sich vorzudrängen, bei mir die gleiche Rolle spielt wie fein Vater bei dem meinen. Wenn es sich erweist, daß er wirkliche Verdienste hat und etwas von dem Heere

versteht, will ich ihm gerne die Stellung geben, die ihm dann zukommt. Doch in meiner Nähe wird er nicht länger fein, als es die Geschäfte des Staates nötig machen. Ich prüfe schon heute die Fähigkeiten aller, die mich umgeben und beobachte stillschweigend ihr Reden und ihr Tun, so daß ich im voraus weiß, was ich von jedem einzelnen zu halten habe. Ich glaube, es werden manche sehr überrascht sein, wenn sich die Dinge einmal anders wenden als sie denken.' So sprach der Prinz, mein gnädiger Herr, und wenn Ihr wollt, will ich Wort für Wort vor dem Bey wiederholen."

Es ist gut, sagte Ali. Du haftest mit deinem Leben für die Wahr­heit deiner Erzählung. Hier diese Sklaven sind die Zeugen für deine Aussage."

Damit schlug er einen Vorhang beiseite, hinter dem zwei schwarze Nubier mit entblößten Schwertern standen.

Ich hafte Euch dafür, entgegnete ruhig der Berber. Allah sei mit Euch."

Er kreuzte die Arme auf der Brust und ging davon.

In der gleichen Nacht noch schrieb Ali einen langen Brief an den Bey und befahl dem Berber, noch vor Tagesanbruch dieses Schreiben nach Tunis zu bringen.

Jussuf ahnte nichts von dem, was hinter feinem Rücken geschah Er ritt, wie immer, jeden zweiten Tag zu Abdullah hinaus und genoß die schönen Stunden in der Nähe des Freundes.

Und gerade an dem Abend, wo seine Anwesenheit in der Stadt großes Unheil hätte vermeiden können, kehrte er zum erstenmal gar nicht in den Palast zurück, da sich die Gespräche bis tief in die Nacht hingezogen hatten. Es war vielleicht eine Stunde vergangen, seit sich alle zur Ruhe begeben hatten, als plötzlich Trompetensignale die Schläfer vom Lager scheuchten. Die Hunde erhoben ein wütendes Geheul, die Pferde in den Ställen zerrten an den Ketten, fremdes Stimmengewirr schlug in die Gemächer empor. Abdullah und der Prinz stürzten an das Fenster im oberen Geschoß des Hauses. Sie sahen im Mondlicht Waffen blitzen und silbernes Geschirr an prächtig gezäumten Pferden aufleuchten. Bunte Gewänder und Rüstungen schimmerten in der Helle, es waren zum mindesten fünfzig Leute, die vor dem Gehöft standen.

Wir sind verraten, rief Jussuf, ich erkenne die Gestalt meines Vaters."

Eine Stimme schallte vom Hose heraus:

Im Namen des Bey: laßt alle ungehindert etntreten, die Einlaß begehren.

Was sollen mir tun?" flüsterte Jussuf, seine Stirne mit der Hand fassend ... Mein Gott, was sollen wir tun? Wenn dir ein Unglück geschieht, fo bin ich schuld daran!"

Was soll mir geschehen? beruhigte Abdullah, was habe ich getan, das eine Strafe verdiente? Ich fürchte nur, der Zorn deines Vaters schlägt auf dich! Und ich bin es, der dein Unheil verschuldet!"

Da tönte zum zweiten Male der Rus aus dem hellerleuchteten Hof. Und Abdullah, kurz entschlossen, sandte einen Sklaven, um zu öffnen, und befahl ihm, die Eintretenden in den großen Empfangsraum zu geleiten und ihnen das Kommen des Hausherrn anzuzeigen.

Der Bey und der Großwesir traten in das Zimmer, Soldaten mit brennenden Fackeln stellten sich an den Wänden auf, und schon horte man die Schritte der Niedersteigenden auf der marmornen Treppe. Erhobenen Hauptes, bleich, aber vollkommen ihrer selbst sicher, traten Jussuf und Abdullah durch die offene Tür in den trübrot erleuchteten Raum und blieben vor dem Fürsten stehen. Lange herrschte tödliches Schweigen. Dann sagte der Bey, ohne die Augen von seinem Sohne zu wenden:Den Prinzen auf ein Pferd und nach Hause in den Palast, dessen Türen bewacht werden und den dort in Ketten und in den Kerker!"

Da schrie Jussuf auf:

Vater! Das wollt Ihr mir und meinem Freunde tun? Was hat mein Freund verbrochen, um eine solche Strafe zu verdienen? Rächt Euch an mir, solange Ihr wollt! Aber laßt Abdullah frei, der mir nichts alles Siebes erwies und Euren Dank, aber nicht Euren Haß ver­diente. Wie könnt Ihr Verleumdern das Ohr leihen, anstatt mich selbst zu hören, ehe Ihr auf folche Grausamkeiten sinnt!"

Es hilft dir nichts, daß du hier den Edelmütigen spielst! Ich weiß, was ich weiß. Auch habe ich es satt, mich über deine Launen uni Umtriebe zu ärgern. Denen aber, die sich zu Dienern deiner unfinnigen Pläne machen, weil sie dumm genug sind, einen Lohn zu erhoffen, der ihnen nicht sicherer als ein Vogel auf dem Dach, will ich zeigen, wie man solcher Vermessenheit begegnet. Kein Wort mehr. Es ist spät genug, und mich gelüftet nach Ruhe."

Da legte Jussuf seine Arme um den Hals Abdullahs und begann ,fu weinen, so schmerzlich und lautlos, daß selbst der Großwesir, der kein weicher Mann war und viel an Leid und Schändlichkeit gesehen hatte, in seinen Bart griff und sein dunkles Haupt schüttelte, indes er den Bey ansah, als ob er sagen wollte, daß einer, der solche Tränen für einen Freund vergießen könne, doch unmöglich ein Empörer sei. Doch der Fürst, ganz die Beute feiner Wut, rief den Soldaten zu:Beendet dieses Possenspiel und reißt sie auseinander!"

Da sagte Abdullah mit tiefer, ruhiger Stimme zu Jussuf:

Höre auf zu meinen, mein armer Freund! Zeige den Mut, der den Unschuldigen kennzeichnet. Vielleicht will Allah uns prüfen: verderben will er uns gewiß nicht. Sei meiner Liebe und meiner Treue gewiß, was auch kommen mag!"

Seit diesem Tage waren schon viele Wochen ins Land gegangen. Jussuf lebte in strenger Bewachung aus einer einsamen Burg am Dtcer, nördlich von Karthago. Abdullah aber lag in dem Kerker von Tunis.

Da kam eines Tages ein Bote aus dem Paläste und brachte die Aufforderung des Fürsten, der Prinz möge sich unverzüglich in dis Stadt begeben, da seine Mutter erkrankt sei und ihn zu sehen wiiniche. Die Fürstin hatte ihr Ruhebett in den Garten tragen lassen. Sie Ing in der milden Abendsonne, dicht bei dem Springbrunnen, dessen Ge­räusch sie liebte, da es ihren traurigen Gedanken eine gewisse Schlösng- teil und Ermattung gab. Der Himmel hatte einen rosenen Schein, die bläulichen Säulenschatten lagen auf purpur überstrahlter Erde. Unver­wandt waren die Augen der Fürstin noch der Tür gerichtet, durch dn Jussuf eintreten mußte. Die Minuten schienen Stunden, und sie fürajrc« Schon, daß man ihre Botschaft nicht ausgerichtet habe. Da hörte i lästige Schritte auf den Fliesen, das Klirren von Säbeln un*LP darauf tauchte zwischen den beiden schmalen Säulen die Wantc' dunkle Gestalt Jussuf» auf.

Und sie breitete die Arme aus, wie wenn sie ihn durch die Lust 3 sich herüberziehen könne, und lächelte ihm entgegen. Er aber sank vo ihren Füßen zusammen und barg seinen Kopf an ihren Hüsten, w er es oft als kleiner Knabe getan hatte, wenn ihn die Wärterin jo* holen wollte. Da winkte die Fürstin den Aerzten, den beiden Dll1^ .. der Woche und den Mägden, beiseite zu treten, und blieb allein m ihrem Sohne in der schonen, lauen Abendluft.

Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl sch« UniversitLtS.Buch. und Steindruckerei. Ä. Lang«,