Ausgabe 
7.12.1928
 
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der Klostergelstslchkeit gewählt wurde, so war der Abt von Solowetzky Kandidat aus den Erzbijchofssitz (Metropolit) in Wetersburg, Moskau oder Kiew, und seine Stimme hatte großes Gewicht in Rußland. Einer der letzten Aebte war einer der flottesten Gardeoffiziere der Zarenstadt gewesen. Aus einem der Welt unbekannten Grunde hing er plötzlich seine Uniform an den Nagel, wurde Mönch und nach mehreren Jahren Prior des Klosters von Soiowetzky. Wenn auch fern von der Welt, hatte er die Welt nicht vergessen. Ueber sein weißbärtiges Asketengesicht huschte oft ein weltmännisches Lächeln, wenn er sich mit den vornehmen Be­suchern und Besucherinnen des Klosters unterhielt, und in den Stunden der Muße zog er sich in seine Bibliothek zurück, in der alle Schätze der in- und ausländischen Literatur aufbewahrt wurden. Seinem Or­ganisationstalent war es hauptsächlich zu verdanken, daß auf den Inseln des Weißen Meeres Wersten entstanden, aus denen große Boote gebaut wurden, Sägewerke, Gerbereien. Transiedereien usw., in denen nicht nur die Mönche, sondern auch viele Pilger arbeiteten. Das Kloster bezog aus diesen Anlagen bedeutende Einkünfte.

Aber das Kloster von Solowetzky war im Laufe der Jahrhunderte nicht nur ein Bollwerk der griechisch-orthodoxen Christenheit, es war gleichzeitig dank seiner Weltabgelegenheit ein Verbannungsort für Jrr- lehrer der Kirche und eine kurze Zeitspanne auch für einige den Zaren unliebsame Staatsmänner gewesen. Namentlich zur Zeit der Verfolgung der Altgläubigen, die den Reformen Nikons nicht zustimmten, wurden Tausende und Hunderttausende nach Sibirien und an das Eismeer ver­trieben. Im Solowetzky-Kioster wurden Hunderte von widerspenstigen Priestern und Bischöfen begraben. Es waren die Jahre der Märtyrer des altrussischen Glaubens. Noch heute ist der Erzpriester Awakum un­vergessen, der die Massen mit sich fortriß und der nicht nur der Kirchen­reform, sondern den Moskauer Großfürsten gefährlich wurde. Unseren Tagen ist sein Glaubenseifer nicht recht verständlich. Wie die meisten Sektierer, denen das Volk Gefolgschaft leistet, beanstandete er im be­sonderen eine Aeußerlichkeit bei den Anhängern der neuen Staatskirche, er behauptete, daß der dritte Finger, mit dem sie das Zeichen des Kreu­zes schlügen, dem Teufel geweiht sei, und von diesem Gedanken ließ er sich nicht abbringen. Er und sein ständig wachsender Anhang ließen sich knuten und in den Kerker werfen, sie wurden verbannt und wie wilde Tiere gejagt, blieben aber bei ihrer seltsamen Behauptung. Die Sitten waren damals rauh in Rußland, und die Großfürsten und die ersten Zaren verfolgten die Altgläubigen mit Feuer und Schwert, be­sonders Peter der Große, dessen Reformen sie ablehnten und den sie als einen Sohn der Hölle betrachteten, ließ sie ausrotten oder scharen­weise in die nordischen Wälder flüchten. Auch aus jenen Zeiten waren die Erinnerungen im Solowetzky-Kloster lebendig geblieben. Auf den Grä­bern frommer Einsiedler und Märtyrer sollen Wunder geschehen sein ... aber heute ist alles vernichtet und verdorben. Von den Kirchen sind die Kreuze entfernt worden, die Heiligtümer sind verwüstet und die Mönche vertrieben. Nur einige Eremiten leben noch in der Stille der wilden Landschaft, da die Bolschewiken ihnen nichts nehmen konnten, weil sie nichts besaßen und nichts brauchten. Fast -alle von den Mönchen er­richteten gewerblichen Betriebe sind zugrunde gerichtet, und die Ge­fangenen, die in den Klosterbetrieben eingeschlossen sind, verkommen und sterben langsam dahin. Lenin lehrte, daß die Diktatur des Prole­tariates nichts anderes als Macht, gestützt auf Gewalt, daß sie durch keine Art von Gesetz und durch keine Regel begrenzt werde. Weder religiöse noch moralische Bedenken dürften die Verfolgung der Sowset- feinde hemmen. Ein sittliches Gebot sei ein bourgeoises Vorurteil. Diesem Grundsätze getreu werden die Gefangenen in Solowetzky behandelt. Das alte, heilige Kloster ist heute eine Stätte der Schrecken und des Elends.

Bis Archangelsk führt eine Eisenbahn. Die Stadt an der nördlichen Düna war einst reich und blühend. Der Strom und das Weiße Meer sind reich an Fischen, die umliegenden Waldungen, die sich über Tau­fende von Quadratkilometer erstreckten, speisten zahlreiche Sägewerke, Felljäger fanden lohnende Beute. Heute verödet der hohe Norden Ruß­lands. Im Oktober beginnt der strenge Winter. Die Flüsse sind mit meterdickem Eis bedeckt, und nur die Eisenbahn vermittelt noch den Ver­kehr nach Archangelsk. Fast täglich bringen die Züge neue Verbannte, die darauf warten, weiter nach Solowetzky verschickt zu werden. Schlecht gekleidet und schlecht verpflegt, werden sie in Gefängnissen, die von Un­geziefer verseucht sind, untergebracht und harren der Schrecken, die ihnen vevorstehen. Man schätzt die Zahl der nach Solowetzky Verschickten auf über zehntausend. Moskau Hal versprochen, die Hölle im hohen Norden aufzuheben, aber es hat das Versprechen nicht eingelöst. Solowetzky. das Kloster der Wunder und der Schrecken im Eismeere, das in der Ge­schichte Rußlands eine große Rolle gespielt hat, behält auch für die Zu­kunft feine Bedeutung.

Am Rande der Sahara.

Von Fritz Niederding.

Ezbeth el Scheich Mahmud, Spätherbst 1928.

Da, wo das fruchtbare Riltal allmählich in die Sahara übergeht, liegt etwa 30 Kilometer westlich von Luxor ein kleines Araberdorf, seit fast zwei Jahren mein fester Aufenthaltsort. Der Scheich des Dorfes, El Hag Mahmud, sorgt für mein leibliches Wohl, wofür ich bemüht bin, ihm als Gegenleistung eine mit allen Schikanen der Neuzeit eingerichtete Be­rieselungsanlage zu bauen, die die Erträge seiner ausgedehnten Baum- wollplantagen um mindestens 50 % steigern soll. Langsam geht meine Arbeit der Vollendung entgegen, und mit bangem Herzen sehe ich den Zeitpunkt herankommen, an dem ich dieses noch so sehr tn den Kinderschuhen der Kultur steckende Araberdorf verlassen muß, um nach Kairo, der Luxusstadt, zurückzukehren. Notgedrungen habe ich mich den primitiven Lebensver­hältnissen anpassen müssen, noch einmal zwei Jahre und ich bin fest davon überzeugt, daß man mich kaum noch von den waschechten Beduinen unterscheiden könnte. In jeder kleinen Lehmhütte bin

kch besannt und ein gern gesehener Gast. Seine von den sonst so scheuen Frauen verdeckt vor mit ihr Gesicht mit dem langen schmutzig-schwarzen Schleier, den sie über den Kopf gehängt, in langer Schleppe hinter sich herzieht. Jeder begrüßt mich freundlich und eherebietig. Die jungen Mädchen lachen mich schelmisch aus ihren großen schwarzen Augen an, und niemand verwehrt ihnen trotz der sonst so strengen Sitte der Trennung zwischen unverheirateten Männern und Frauen, sich mit mit zu unterhalten.

Des Abends^ nach getaner Arbeit, stnden sich immer eine Anzahl junget Fellachen bei mit em, um mich zu einem Plauderstündchen bei einem Glase Tee einzuladen. Die aus ungebrannten Lehmziegeln gebauten Hütten gleichen sich wie ein Ei dem andern. Durch einen kleinen Borraum, der meistens als Stall für den oder die Esel und Kamale dient, gelangt man in des Wohn-, Schlaf- und Eßzimmer, das aber gleichzeitig als Küche dient, und auch derGamussa" (Büffelkuh) Unterschlupf bieten muß. Im Hinter­grund dieses Univetsalzimmers ist bann der große, die ganze Breitseite des Zimmers einnehmende Backofen aufgemauert. Gleichfalls aus Lehm, in einer Höhe von etwa einem Meter, dient er außerdem als Nachtlager für die ganze Familie Aus diesem Ofen sitze ich nun fast Abend für Abend im Kreise luftiger brauner Gesellen und schlürfe den starken, schwarzen Tee oder eine Schale arabischen Mokkas. Zu unseren Füßen kauern die Frauen und Mädchen, wagen ab und zu einmal eine Bemerkung, während sie damit beschäftigt sind, denMeluchiah" (eine Art Spinat), das Nationalgericht bet Araber, für den nächsten Tag vorzubereiten. Der alte Groß- und sehr oft sogar Urgroßvater sitzt schweigend tn einer Ecke, in seinem Schoß einen Haufen gereinigter Baumwolle, die er kunstgerecht in lange dünne Fäden zieht und bann auf eine Art Quirl dreht, bem er mit bewundernswerter Geschicklichkeit bie schnellstmögliche Umdrehung verleiht, inbem er ihn wie einen Kreisel zwischen Dauemnu nd Zeigefinger in Bewegung setzt.

Auch heute waren wir wieder beisammen. Das Gespräch drehte sich um bie in bet verflossenen Woche vollzogene Hochzeit Ibrahim el Nagar» mit Saiba Bent el Said Achmed. Er 15, sie kaum 12 Jahre hatten, sie vor dem Dorskadi bie Heiratsurkunde mit bem Daumenabdruck unterzeichnet. Der Kauspreis der Frau betrug 20 Pfund, doch hatte Ibrahim nut 10 Pfund angezahlt. Den Rest sollte er ht monatlichen Nate« von je einem Pfund tilgen. Es klingt drollig, aber auch hier, fern vo» europäischer Kultur hart am Rande der Wüste, hat man die Annehmlich­keiten der Ratenzahlung bereits erkannt, und der gewöhnliche Araber kauft seine Frau nurAus stottern". Anders in den Städten wie Kairo ober Alexanbrien. Während auf bem platten Lande bie gemeinsame Feld­arbeit und bas enge Zusammenhausen beibe Teile schon von klein auf zwingt, sich kennen zu lernen, ist dies in den besseren Kreisen der Stadt einfach ein Ding bet Unmöglichkeit. Die Eltern beibet Teile machen die Ehen ihrer Kinder perfekt, und ber Bräutigam kauft noch heute sozusagen bie Katze im Sack, ohne auch nur bie geringste Ahnung von ihrem Aussehen ober ihren Charaktereigenschaften zu haben. Kein Wunder, wenn sich bort bet Vater ber Braut bcn Kaufpreis im voraus bat auszahlen läßt. Eine Heirat unter Aegyptern ober Arabern ist daher auch in den allerseltensten Fälle« eine Herzensangelegenheit. Außerdem erlaubt das Gesetz in ber zweiten, britten ober vierten Frau das zu suchen, was man in ber ersten vermißt. Diese Bigamie sinbet man jedoch fast nur noch in den niederen Steifen auf dem Lande, ber gebildete Araber und Aegypter dagegen heiratet stets nur eine Frau, von ber er sich, falls sie ihm nicht zufagt, erst scheibe« läßt, bevor et eine anbere in sein Haus führt.

Noch saßen wir frieblich beisammen, rauchte« unsere selbstgedrehte» ägyptischen Zigaretten und lachten und scherzten übet allerhand nette Begebenheiten, die sich anläßlich ber Hochzeitsfeierlichkeiten abgespielt hatten, als plötzlich ber Wächter des Dorfes hereingestützt kam und uni entgegenschrie:Taale, taale, el Dieb gamb el ftellad!" Was wat vor­gefallen? Ein Rubel Schakale hatte sich mit bet ihm eigenen Frechheit laut heulenb bis an ben Rand bes Dorfes gewagt und drohte, den Hühner- und Jungviehbestanb zu vernichten. So harmlos diese kleineren Vetter« bet Wölfe auch einzeln sinb, so gefährlich werden sie, wenn sie in großer Anzahl und noch dazu ausgehungett auftreten. Im Handumdrehen hatte« wir uns mit langen Knüppeln bewaffnet, wer eine Schußwaffe bei sich hatte, nahm sie mit, und nun schlichen wjt heimlich und geräuschlos zwischen hohen Maisfeldern dahin. Das widerliche Heulen ber Tiere übertönte bas Knacken des langen, Dünnen Maisstrohes, und ungehört und ungesehen traten wir ganz plötzlich auf das vor uns liegende weite Kleefeld, kaum 30 Meter von einem mindestens 80 Schakalen zählenden Rudel entfernt Wenn wir geglaubt hatten, daß nun alle sofort Reißaus nehmen würden, so sollten wir uns geirrt haben. Nur wenige schwache Tiere waren e-, die bei unserem Anblick das Weite suchten, während die anderen mit fletschenden Zähnen unsere Ankunft ermatteten. Wie auf ein Kommando stürzten wir uns mit unseren dicken langen Knüppeln mitten unter sie, laut heulend brachen die getroffenen zusammen. Sie taten mit leid, dies« schmucken, tapferen Gesellen, aber der Selbsterhaltungstrieb war größer. Nicht lange dauerte der Kamps, die Tiere hatten bald eingesehen, daß wir die Uebermacht besaßen, und bie wenigen, bie noch nicht durch einen kräftige« Schlag zu Boden gestreckt waren, suchten laut heulend das Weite. Min­destens 40 hatten ihren Mut mit dem Tode bezahlen müssen. Sie ihrem Schicksal überlassend kehrten wir ins Dors zurück, um zunächst einmal bie Wunden derer auszuwaschen, die während des wüsten Durcheinanders gebissen worben waren.

Schön ertönte vom Minoret der nahen Moschee der melancholische Ruf des Beters, der die Gläubigen zum ersten Morgengebet aufforberte; Alahi ou akbar/ akbar Alahi ou akbari 4 Uhr morgens, ich schaue auS bem Fenster nach Osten, beutlich erkenne ich bas Strombett bei Nils, der seine trägen, gelben Wasser in das Mittelländische Meer wälzt, dahinter wieder Wüste, endlos weiße Flächen, die sich bis ans Rote Meer und darüber hinaus erstrecken. Keine Wälder, keine Täler wie in der lieben Heimat, und dennoch hat dieses Land seine eigenen unvergeßlichen Reize, und nicht ohne Grund wird behauptet, daß der Nil und die Sonne Aegyptens eitw unwiderstehliche Anziehungskraft auf denjenigen ausüben, der sich einmal an ihnen erfreuen durfte.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. Druck und Verlag: BrLhl'fche UnlversitStS-Buch- und Stetnbruckeret, 5L Lange, Siebe«-