folge an. Der König hatte immer Freundinnen gehabt, die ihm vorlasen und ihn zerstreuten, aber diese Liaisons mit Fräulein La Fayette und Madame de Motteoille dauerten nur zwei Jahre und waren harmlose Freundschaften; er hatte die Frau nötig zu feiner Gesellschaft, weiter verlangte er nichts von ihr. Mit bet Königin verstand er sich nicht. Neben der blonden, strahlenden Schönheit der Hauteville verblaßten alle anderen Sterne. Alle äußeren Vorzüge schienen auf sie gehäuft zu fein; sie war groß, von biegfamer Gestalt, schlank, eine Göttin an Wuchs, besaß wunderbare Augen, einen festen feurigen Blick, zarte schöne Hände. Eie schrieb entzückende Briese, war musikalisch, sang und spielte; sie war belesen, sprach mehrere Sprachen — eine Seltenheit damals, als die Samen kaum ihre eigene richtig schreiben konnten. Ihre Tugend hatte täglich Proben zu bestehen, alle Männer des Hofes waren entzückt von ihr, sie hatte Verehrer genug, Bewerber: Prinzen, Fürsten, Gesandte, Feldmarschälle, aber sie wies alle ab. ,Hch diene meiner Königin." Der König iah nachdenklich zu, wie die Hauteville sich opferte, ihre Jugend verbrachte, um feiner Frau Gesellschaft zu leisten, die es ihr niemals danken würde. Er riet ihr selbst, zu heiraten. „Vous servez une ingrate" („Sie werden an mich denken"). Aber die Hauteville blieb fest. Ihre junge, energische Seele war die einer Heroine, sie fühlte sich so eng mit dem Hof verwachsen, war allmählich so mit den Interessen des Königshauses verknüpft, mit der Politik, mit allem, was den Hof betraf, daß sie sich nicht entschließen konnte, diesen Platz auszugeben. Sie hatte es nicht leicht: die Königin war launisch, gereizt, ungerecht gegen sie; Richelieu haßte sie, er wollte niemand zwischen sich und der Königin haben; Mazarin intrigierte gegen sie, er fürchtete ihren Einfluß bei der Königin, die Hofdamen neideten ihr den Platz als Favoritin des Königs, als unzertrennliche Freundin der Königin, das Volk machte spöttische Bemerkungen hinter der Karosse her, welche die beiden Königinnen ausfuhr.
Der König litt und schwieg. Er saß bei den Festlichkeiten neben der Hauteville, sie mit Blicken verzehrend, er ließ ihr von einer Reife durch reitende Boten Grüße fenden und den Auftrag geben, ihren Nockfauin zu küssen, aber in ihrer Gegenwart war er schüchtern wie ein Kind. Sie Königin belustigte sich darüber. Sie war nicht eifersüchtig auf ihren Gemahl. Eines Abends trat er in ihr Schlafzimmer, als die Hauteville ihr beim Ankleiden half. Die Hauteville las einen Brief und schob ihn rasch in ihre Taille, als sie den König sah; dieser fragte mißtrauisch, was sie da verberge, und die Königin nahm lachend die Hofdame bei den Händen, und befahl dem König, sich den Bries herauszuholen. Er tat es, errötete und verließ das Zimmer.
Richelieu ruhte nicht, er stellte eines Tages den König vor die Wahl: „Sie Hauteville ober ich", und der König mußte sich schweren Herzens entschließen, feine Geliebte ziehen zu lassen. Sie zog sich empört in ein Provinzkloster zurück. Der König vermißte sie sehr, er trauerte ihr nach, er resignierte stumm, und er starb. Doch kaum war er tot, als die Königin der Hauteville ihren Wagen schickte und sie zurückhvlen ließ. Sie Hauteville war damals 27 Jahre alt und in voller Blüte ihrer Weiblichkeit, sie kam und nahm ihren alten Platz wieder ein, und dieser Platz war so hoch und fo unerschütterlich, daß alles fortan durch ihre zarten Hände ging. In diesen Händen liefen alle Fäden zusammen; in dem Salon der Hauteville wurde Geschichte gewebt. Wenn sie sich für jemand einfetzte, wurde er begnadigt und vom Schafott befreit; durch sie wurden Kirchen gebaut und Klöster geschaffen, Orden gestiftet, Intrigen entdeckt und vernichtet. Sie war gut, liberal, wohltätig, und hat Sh nie bereichert. Sie gab alles den Armen, brauchte wenig für sich.
escheiden, anmutig, vornehm, eine reine, starke Seele, der Lügen und Verstellung fremd waren, beherrschte sie den Hof, und die Geistlichkeit und bas ganze Lanb würbe von ihr unmerklich geleitet
Die Königin und sie verstanden sich nicht so gut wie einst, und die zweite Hofperiode dauerte nur ein Jahr. Mazarin stand zwischen ihr und der verliebten Königin. Die Hauteville sah knirschend zu, wie sich die Königin, ausatmend, endlich frei zu sein, einem ungebundenen Geben überließ, und war ständig auf dem Posten, das Prestige zu wahren, das die Anne d’Antriebe oft genug verletzte. Nach den Hoffestlichkeiten zog sie sich mit Mazarin zurück, jeden Abend verbrachte er bei ihr auf ihrem Zimmer, man tuschelte darüber am Hof, aber auf den Gassen rief man es sich zu: Die Königin und Mazarinl Die Hauteville warnte die Freundin, die lachte sie aus. Sie drang in sie, ihr die Wahrheit zu gestehen. Die wich ihr aus. Sie hatte schlaflose Nächte, sie beschwor die Königin, von ihrem Freund zu lassen; aber sie kam schlecht an, die Königin verteidigte hochmütig ihren Standpunkt, sie fei Witwe, sie sei rei, an ihrer Freundschaft sei alles rein. Die Hauteville ließ sie das be- chwören, auf dem roten Samtpult ihres Betschemels. Die Königin be« chwor es, die Hauteville glaubte es. Aber Mazarin blieb der Stein des Anstoßes zwischen beiden Frauen. Sie waren erbitterte Gegner geworden. Mazarin und die Hofdame, jeder kämpfte um seine Stellung, seinen eroberten Platz. Die Königin begann die enge Freundschaft mit der klugen, sie beherrschenden Hauteville als lästig zu empfinden ... ihr Gewissen, das ständig neben ihr herging. Die mahnte und warnte. Eie ertrug es nicht länger, sie suchte sich von ihr zu befreien.
Eines Abends, als sich die beiden Frauen in das Schlafzimmer der Königin zurückgezogen hatten — die Kammerfrauen waren entlassen Und die Hauteville pflegte noch am Bett zu sitzen bei der Königin und zu plaudern, brach die Königin einen Streit vom Zaun, die Hauteville erwiderte scharf, es gab heftige Worte, und die Königin besah! der Hauteville, augenblicklich bas Zimmer zu verlassen. Diese erbleichte, stand erschüttert, sie wußte, was das hieß; dann ordnete sie das Zimmer, zog die Vorhänge zu, und jagte mit einem Blick auf das Kruzifix über dem Bett: „Vous savez, Seigneur, ce quo je fais pour eile“, und ging. Am anderen Morgen bekam sie den Abschiedsbrief und verlieh den Hof. Das Wort des Königs hatte sich erfüllt. Sie war erkrankt, aber sie ließ sich in den Wagen tragen und, zum zweiten Male verbannt, verlassen von ollen, verstoßen, zog sie sich in dasselbe Kloster, das sie schon einmal ausgenommen hatte, zurück, wie sie dachte für immer. Aber auch dorthin folgten ihr ihre Getreuen nach; sie erhielt Werbungen von ihren
Freunden, sie hätte sich ost verheiratest können, aber sie wollte sich hinter die grauen Mauern der Provinz vergraben, in der Stille von ihrer Enttäuschung genesen. Der unermüdliche Feldmarschall Herzog »tut Schömberg hat es nach vielen Jahren erreicht, daß sie sich mit ihm trauen ließ.
Der Hof vermißte ihre strahlende Erscheinung, sie fehlte überall, die gütige, warme Fürsprecherin, die Vermittelnde zwischen Volk und Königin, zwischen Kirche und Hof. Die Königin atmete auf. Mazarin lächelte fein; er hatte gesiegt. Ein kleiner Verehrer trauerte ihr nach, der spätere Ludwig XIV., damals noch ein Kind; er hatte sehr an der Hofdame gehangen, hatte das Erbe seines Vaters angetreten, für die Hauteville zu schwärmen, es war eine Liebe, fast übernatürlich, fast ekstatisch, er spielte nur in ihren Zimmern; wenn sie krank war, saß er an ihrem Bett, und er bewahrte ihr lebenslänglich eine tiefe Bewunderung und Anhänglichkeit. Der Herzog von Schömberg wurde Gouverneur von Metz. Marie folgte ihm nach Lothringen, schuf sich dort ihren eigenen kleinen Hof, an dem sie residierte, eine noch immer schöne, reizvolle, scharmante Frau, berühmt wegen ihrer Feste und von bezaubernder Gewalt über die Männer nach wie vor. Sie war 37 Jahre alt, als sie heiratete, die Ehe war wolkenlos glücklich, bis auf eine kurze Periode, als der etwas leidende Feldmarschall sich in eine junge Pflegerin, die ihm vorlas, verliebte. Eine Periode, über die Marie mit der ihr eigenen Überlegenheit und Philosophie hinwegglitt.
Als sie Witwe wurde, bezog sie ihr Stadthaus in Paris, und lebte zurückgezogen von der Welt in ihrem schönen Palais, das den Frieden einer ausgeglichenen großen, reinen Seele atmete. An den Hof kam sie nicht mehr, aber der Hos kam jetzt zu ihr. Ludwig XIV. versuchte alle», um sie als Palastdame zu sich zu ziehen. Aber die Herzogin von Schömberg hat lächelnd für diese Gnade gedankt. Als Anne d Antriebe starb, eilte die Hauteville-Schomberg herbei, um ihr die Hand noch einmal zu küssen und sich auf dem Sterbebett mit ihr auszuföhnen. Sie oer» löfchte still, mit 75 Jahren, betrauert von dem ganzen Lande, besonders von den Armen; sie wurde in Nanteuil begraben.
Das Kloster der Wunder und der Schrecken.
Von E.v.Ungern-Stemberg.
Fern im Weißen Meere, weltabgewandt und roettfrem'i, liegt da« Solowetzky-Kloster, das in der Geschichte Rußlands eine große Rolle spielte und das heute wieder nur allzuoft genannt wird. Jetzt im Herbst, wenn die Stürme einsetzen, die Nebel steigen und die Schneewehen beginnen, wenn sich das Eis an den Ufern zusammenballt und das Nordlicht in den endlos langen Nächten eine weiße, tote Fläche beleuchtet, ist das Kloster fast von jeder Verbindung abgeschnitten. Die Dampfer, die im Sommer den Verkehr zwischen Archangelsk und den Inseln vermitteln, liegen eingefroren da, und der Winterschlaf fällt auf das Land im hohen Norden. Heute stehen zwar nur noch die Kirchen, das Kloster und die Wirtschaftsgebäude. Unter den vergoldeten Kuppeln läuten aber keine Glocken mehr, keine Pilger versuchen ihre Sünden durch Kasteiungen an den geheiligten Stätten abzubeten, und die Mönche mit den Asketengesichtern unter den Kegelhütten sind verschwunden. Die Bolschewiken haben unsägliches Grauen über das einst blühende und reiche Kloster am Eismeere gebracht. Sie haben es in einen SBerbannungsort für Andersdenkende, für Verdächtige, für ihre Widersacher verwandelt. Es ist eine Hölle geworden, in der Skorbut und Verzweiflung herrschen und aus der sich nur wenige In das Leben zurückretten.
Das Solowetzky-Kloster wurde im 15. Jahrhundert gegründet. Von dort sollte unter den Lappen und Samojeden das Christentum verbreitet werden. In der Tat gelang es den frommen Mönchen, die sich hier auf den Inseln des Eismeeres niederließen, Felder zu bestellen, auf denen das Getreide, dank der warmen Strömungen, die die Inseln umflossen, gedieh, und neben den Kirchen primitive Kulturzentren zu schaffen, die di« auf dem Festlande nomadisierenden Stämme teils zur Seßhaftigkeit bekehrten. Das Christentum, das den Samojeden und Burjäten gepredigt wurde, schlug nicht allzutiefe Wurzeln, es vermengte sich mit allerlei Zauberspuk und Aberglauben, und auch noch heute werden den Gottern Tiere geopfert, der Waldgeist und die Fürsten der Winde gelten al» mächtig und man sucht ihre Gunst durch allerlei Sprüche und Opfer in mondhellen Nächten zu gewinnen. Schon im 16. und 17. Jahrhundert war die Kunde vom frommen Solowetzky-Kloster über das ganze russisch» Reick) gedrungen. Es wurden ihm bedeutende Stiftungen zugewandt, die Kirchen wurden mit Reichtümern an Gold und Edelsteinen ausgestattet, herrliche Bilder schmückten die Wände, und rings um da» eigentliche Kloster ließen sich in der Einsamkeit der Wälder, weitab von jedem menschlichen Treiben, Eremiten und Asketen nieder, deren einzige Nahrung in ein wenig Brot bestand, das sie sich allwöchentlich oder allmonatlich aus der Klosterküche holten. Ihr Getränk lieferte geschmolzener Schnee ober eine nahe Quelle. Manche dieser Eremiten genossen bald den Rus der Heiligkeit, in ihrer unbeschreiblichen Armut waren sie reich an Güte und Liebe, und die Pilger, die schuldbeladen zu ihnen hinauszogen, um Trost und Frieden zu finden, kehrten geheilt und versöhnt in die Welt zurück. Es gab in Rußland, dem Lande der Gott- fudjer und Mystiker, sehr viele solcher Pilger, die mit schweren Ketten beloben, oft barhäuptig unb barfuß, von einer geweihten Stätte zur anderen zogen, um zu beten unb um zu beichten, bie irgenbein Ge- lübbe erfüllten, unb gerade für sie war der beschwerliche unb gefährliche Marsch nach Solowetzky eine Pflicht, der sie sich selten entzogen. Unter ben Pilgern gab es bis zum Weltkriege zahlreiche vornehme Männer unb Frauen, hohe Beamten unb Offizieren, neben einfachen Bauern, reiche Kaufleute, benen ihr Besitz plötzlich als nichtig unb als Sflnbe er schien. Sie alle scheuten nicht bie Fahrt bis zum Eismeere, knieten in ben Klosterkathebralen, bie von Golb unb Ebelsteinen schimmerten, beichteten unb gingen bann weiter in bie einsame Landschaft hinaus, um sich von ben Eremiten segnen zu lassen. — Der Abt des Klosters Solowetzky war stets ein hochgebildeter Geistlicher. Da in der russischen griechisch- orthodoxen Kirche die hohe Geistlichkeit, vom Bischof auswärts, nur aus


