einer völlig anbereu Welt stammten als der alte, romanische Bau, saßen sie doch mit einer Sicherheit da, als müsse es so fein. Und so war alles auf diesem märchenhaften Platze, alles erschien kühn, rtefig und abenteuerlich, und alles war dennoch schön, war voll Sinn und Matz, und der beinahe erschreckende erste Eindruck wurde sanster und stiller und klang rein und froh in mir weiter, als alle Ueberrumpelung längst überwunden war/ Wie schön würde es {ein, morgen dies alles, und wer weiß wie viel ungesuchte andere Schönheiten dazu, in stiller Muhe bei Tageslicht anzusehen!
Daheim im Gasthoszimmer saß ich lang auf dem Bette, die große, reine Musik des Domplatzes klang in mir nach, dazwischen zeigten aus- steigende Erinnerungsbilder mir Bauten, Gärten, Menschen aus Bergamo, die weite ebene Landschaft der Bahnfahrt, den stillen, sonnigen Steinplatz in Treviglio, was alles, vor Stunden erst gesehen, schon seltsam weit zurückzuliegen schien.
Und ich besann mich wieder einmal: was ist das nun eigenlich, das unsereins immer auf Reife reibt? Warum fahren wir Jahr um Jahr io viel hundert Meilen, da und dorthin, stehen dankbar und froh vor den Bauwerken und Bildern reicherer Zeiten, sehen neugierig und zufrieden dem Leben fremder Völker zu, die uns nichts angehen, plaudern in Eisenbahnzügen mit fremden Menschen und belauschen einsam das Straßengetriebe fremder Großstädte? Einst war mir dies als eine Art von Lernbegier und Bildungsdrang erschienen, damals hatte ich mir Notizhefte voll über Freskenwände altitalienischer Kirchen geschrieben und mein am Essen abgefpartes Geld für Photographien alter Skulpturen ausgegeben. Dann wieder war ich dessen müde geworden und hatte das Reisen in ärmeren Ländern vorgezogen, wo Landschaft und fremdes Volkstum allein mich interessierten und da war mir dieser rätselhafte Reisetrieb als eine Art Abenteurerlust erschienen. Es sind jedoch, genau genommen, keine Abenteuer, die man auf Reisen erlebt, es sei denn, daß man fehlgefahrene Koffer, gestohlene Mäntel, Zimmer mit Schlangen und Betten mit Mosguitos als Abenteuer ansähe. Nein, das war auch nicht das Richtige. Heute wo von Bildungsdurst kaum ein verblaßter Rest in mir geblieben ist, wo ich mir nichts daraus mache, ohne Baedeker und ohne Notizbuch durch italienische Städte zu bummeln und ganze Kirchen und Sammlungen voll der schönsten Bilder zu versäumen, während ich doch, was ich von dergleichen Dingen finde und sehe, intensiver und zarter als ehemals genieße — heute, wo auch der Glaube an die Abenteuerlichkeit des Reifens mir verloren gegangen ist, gehe ich nicht seltener und nicht mit kleinerem Drang und Bedürfnis auf Reifen als vor fünfzehn oder zehn oder fünf Jahren.
Mir scheint, das Unterwegsein auf Reisen ersetzt unsereinem die Betätigung des rein ästhetischen Triebes, der unseren Völkern beinahe völlig abhanden gekommen ist, den die Griechen und die Römer und die Italiener der großen Zeiten hatten und den man noch etwa in Japan findet, wo kluge und keineswegs kindische Menschen es verstehen, nm Betrachten eines Holzschnitts, eines Baumes oder Felsens, eines Gartens, einer einzelnen Blume, die Hebung, Reife und Kennerschaft eines Sinnes zu genießen, der bei uns selten und schwach ausgebildet erscheint. Das reine Schauen, das von keinem Jwecksuchen und Wollen getrübte Beobachten, die in sich selbst begnügte Hebung von Auge, Ohr, Nase, Tastsinn, das ist ein Paradies, nachdem die feineren unter uns tiefes Heimweh haben und beim Reisen ist es, wo wir dem am ehestens und am reinsten nachzugehen vermögen. Die Konzentration, die der ästhetisch Geübte jederzeit sollte Hervorrufen können, glückt uns Aermeren wenigstens in diesen Tagen und Stunden der Losgebundenheit, wo keine sorge, keine Post, kein Geschäft aus der Heimat und dem Alltag uns nachlaufen kann. In dieser Reifestimmung vermögen wir, was wir daheim selten vermögen, stille, zwecklose, dankbare Stunden vor ein paar herrlichen Bildern hinzubringen, hingerissen und offen den Wohlklang edler Bauwerke zu vernehmen, innig und genießerisch den Linien einer Landschaft nachzugehen. Da wird uns zum Bilde, was uns sonst nur im trüben Netz unseres Wollens, unserer Beziehungen, unserer Sorgen erscheint; das Leben der Gasse und des Marktes, das Spiel der Sonne und Schatten auf Wasser und Erde, die Form eines Baumes, Schrei und Bewegung eines Tieres, Gang und Betragen der Menscheli. Uni) wer auf Reifen geht, ohne im Innern das zu suchen, der kommt leer zurück und hat höchstens seinen Bildungssack etwas belastet.
Allein hat dieser ästhetische Trieb zum reinen Sehen, zum selbstlosen Aufnehmen nicht doch eine höhere Beziehung? Ist er nur Sehnsucht nach dunklem Lustgefühl? Ist er nur rächende und mahnende Pein eines vernachlässigten Sinnes? Warum gibt mir dann doch der Anblick eines Mantegna mehr als der einen schönen Eidechse, warum ist mir eine Stunde in einer von Giotto ausgemalten Kapelle letzten Grundes doch mehr als eine, die ich am Meeresstrande verliege?
Nein, im Grunde ist es doch überall das Menschliche, was wir suchen und wonach uns dürstet. Ich genieße an einem schönen Berge nicht die zusällige Wirklichkeit, ich genieße mich selbst, ich genieße die Fähigkeit des Sehens, des Linienfühlens, ich laufe in einer schönen, sremden Landschaft keineswegs der Kultur^ davon, sondern übe und liebe und genieße Kultur, indem ich meine Sinne und Gedanken an ihr übe. Darum kehre ich auch immer wieder dankbar und willig zu den Kühnsten zurück, darum gewährt mir ein kühner Bau, eine schön bemalte Wand, eine gute Musik, eine wertvolle Zeichnung schließlich doch mehr Genuß, mehr Befriedigung dunklen Suchens, als das Beobachten natürlicher Schönheiten. Ich glaube, das, worauf jener ästhetische Trieb hinausgeht, ist keineswegs ein Loskommen von uns selbst, sondern nur ein Loskommen von unseren schlechten Instinkten und Gewohnheiten und eine Bestätigung des Besten in uns, eine Bestätigung unseres heimlichen Glaubens an den Menschengeist. Denn wie ein wohliges Bad im Meere, ein frohes Ballspiel, eine tapfere Schneewanderung mein leibliches Ich bestätigt, ihm in feinen besten Gelüsten und Ahnungen recht gibt und durch Wohlbefinden auf fein Verlangen antwortet, so antwortet beim reinen Schauen der große Schatz menschlicher Kultur, geistiger Leistung auf
unteren fordernden Glauben an die Menschheit überhaupt. Was soll mir die Freude an Tizian, wenn seine Bilder mir nicht Ahnungen wahr machen, Triebe bestätigen, Ideale erfüllen?
So scheint mir, reisen wir und schauen und erleben die Fremde, im tiefsten Grunde als Sucher nach dem Ideal des Menschentums. Darin bestätigt uns und bestärkt uns eine Figur von Michelangelo, eine Musik von Mozart, ein toskanischer Dom oder griechischer Tempel, und diese Bestätigung und Bestärkung unseres Verlangens nach einem Sinn, einer tiefen Einigkeit, einer Hnsterblichkeit der menschlichen Kultur ist es, was wir auf Reisen besonders innig genießen, auch wenn wir nicht klar daran denken.
Lange noch sah ich und dachte nach und ine Gedanken flössen nut den Erinnerungen an hundert Reisen, feit der frühesten Jugend zufammen, und es wurde mir klar: wieviel auch die Zeit wegnimmt, wie sehr man altern, ermüden, schwächer werden mag, jenes Erlebnis, das der Sinn unseres Reifedrangs ist, wird nie feinen Glanz verlieren, und wenn ich in zehn und zwanzig Jahren mit anderen Ansichten, anderen Erfahrungen, anderen Perspektiven als heute durch die Welt reifen werde, so wird es schließlich doch im selben Sinne geschehen wie heute, und es wird mir, über alle Verschiedenheit und reizvolle Gegensätzlichkeit der Länder und Völker hinweg, immer mehr und immer klarer der einheit- liche Sinn alles Menschentums entgegen treten.
Englands jüngste Kolonie.
Ein Kapitel Geschichte in Briefmarken.
Von M. Büttner.
Ein halbes Jahrhundert ist in diesem Sommer vergangen, seit zum erstenmal die britische Flagge über der schicksalsreichen Insel Cypern wehte. In mancherlei Weise ist das 50jährige Jubiläum der englischen Besetzung- festlich begangen worden, am schönsten und — nicht nur für die Markensammler — fesselndsten vielleicht durch die englische Postverwaltung, die sich von jeher der weltweiten Wirksamkeit guter Briefmarken bewußt gewesen ist. Die aus diesem Anlaß geschossene Gedenkmarkenreibe, die während des ganzen Jubiläumsjahres gültig bleibt, besteht aus wirklichen kleinen Meisterwerken der graphischen Kunst und ist wohl, geeignet, der Philatelie neue aufrichtige Freunde zu geraumen.
Erinnern wir uns, daß Cypern, nächst Sizilien und Sardinien, ine drittgrößte Insel des Mittelmeeres ist, datz sie heute etwa 340 000 Be- wohner zählt, von denen 80 v.H. Griechen und nahezu alle übrigen mohammedanische Türken sind, datz die im Innern gelegene Hauptstadt Nicosia ist und 20 000 Einwohner hat. Für interessante und malerische Bnef- marten könnte sich kaum ein anderes Land besser eignen als dieses alte Jnselreich am Eingang zum Orient, das dank seiner eigenartigen Lage zwischen Griechenland, Kleinasien, Syrien, Palästina und Aegypten aus eine ungemein bunte Geschichte zurückblickt. Heb eraU noch erhaltene schone Denkmäler der griechischen, romanischen, byzantinischen, gotischen und muselmanischen Kunst sind ehrwürdige Zeugen der historischen Geschicke QTnperns.
' Wie oft haben nicht die Herren dieser vielbegehrten und oielumftrittenen Insel gewechselt! Phönizier, Assyrer, Perser und Römer betraten und verließen sie wieder, ohne ihren eigentlichen hellenischen Charakter verändern zu können. Neun kleine Königreiche bestanden zeitweise auf diesem Gebiet, das noch nicht halb so groß sein dürfte wie die Provinz Pommern. Im Jahre 1191 eroberte es der englische König Richard Lowenherz auf dem dritten Kreuzzug; er vermählte sich dort mit Berengaria von Navarra. Noch heute zeigt man in einer wenig verfallenen gotischen Festung in Limassol eine mittelalterliche Kapelle, in der die Trauung vor sich gegangen sein soll. Nachdem König Richard die Insel an die Tempelherren verkauft und von diesen — da sie die griechische Bevölkerung nicht zu regieren vermochten, alsbald zurückerhalten hatte, belehnte er damit dieFamilieLusignan. So wurde Cypern von 1192 bis 1489 ein französisches „Königreich" der Levante unter 18 Herrschern der Dynastie Lusignan. Die Witwe des letzten aus dieser Reihe, Caterina Cornaro, schenkte 1489 die Insel ihrer Heimatstadt Venedig. Die Herrschaft der Venetianer dauerte 82 Jahre, bis Cypern 1571 von den Türken unter Sultan Selim II. erobert wurde. Drei Jahrhunderte lang blieb es dann eine türkische Provinz. Im Juni des Jahres 1878 wurde zwischen Großbritannien und der Türkei ein Vertrag geschlossen, wonach die Insel der englischen Verwaltung unterstellt wurde, aber weiterhin als ottomanischer Besitz gelten sollte. Der Weltkrieg hat schließlich auch das politische Schicksal Cyperns endgültig besiegelt. Als die Türkei in den Krieg als Gegner der Alliierten eingetreten war, hob England am 5. November 1914 das Abkommen von 1878 auf, und in einer königlichen Verordnung würbe förmlich die Aneignung der Insel ausgesprochen. Im Mm 1» erhielt Cypern endlich den vollen Rang als britische Kolonie unter einem Gouverneur an Stelle des bisherigen High Commissioner zuerkannt Englands jüngste Kolonie steht mithin heute im zarten Atter von orc, Jahren. .
Es leuchtet auch dem philatelistisch HnbeschoUenen ein, daß sich aus einer so reichen und bunten geschichtlichen Vergangenheit mancherlei • live für Darstellungen auf Briefmarken schöpfen lassen, deren ureigenstes Wesen ja nicht nur äußerttch vielfarbiger Wechsel ist. Die im tnusterhaf Stahlstich hergestellten Jubiläumsmarken umfassen zehn wen stufen mit ebensoviel verschiedenen Darstellungen. An die ferne Zett neun griechischen Königreiche, die im 5. Jahrhundert v. Chr. zuglei) l der kleinen Insel Platz hatten, erinnert die Marke zu % Piaster, bc e antike Silbermünze mit einem Zierkopf aus Amathus zeigt, einem j damaligen Duodezstaaten. In Larnaka, dem alten Citium, wuro berühmteste Sohn Cyperns geboren, der Philosoph Zen o, be .
4. Jahrhundert v. Chr. in Athen die Schule des Stoizismus begr ■ Sein bärtiges Bildnis, das sich auf der I-Piaster-Marke findet, f M Künstler nach einem zeitgenössischen Marmorstandbild, bas test ■ öffentlichen Gürten von Larnaka ausgestellt ist. Besonders interess n i der Wert zu IS Piaster, auf dem eine mittelalterliche Karte d o mit den wichtigsten Städten und dem Berg Olympos wiebergeg


