Ausgabe 
7.7.1928
 
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Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'fchr UniversitStS-Buch. und Steindruckerei,«. Lange, Gießen.

düsteren Natsmänner gerührt wurden und die Zitternde iHi'*- hierauf in aller Fornr mit dem Manne verbunden wurde.

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Biolands aber, welche von ihrem früheren Wesen und Treiben her alle möglichen Heiratsfülle im Gedächtnisse hatte, erwiderte:Gewalt ist auch nicht nötig. Die Ruechensteiner haben seit altem her die Satzung, daß eilt zum Tode verurteiltes Weib von jedem Manne gerettet werben kann und demselben übergeben wird, der sie zu ehelichen begehrt und sich auf der Stelle mit ihr trauen läßt!"

Dietegen schaute der Sprecherin verwundert und wunderlich ins Gesicht, nicht ohne sein spöttisches Soldatenlücheln.

Ich soll also eine Art Dirne zur Frau uehmerl, meint Ihr ?" sagte er, indem er seinen hervorsprossenden Schnurback drehte nnb sich sehr un­gläubig anstellte, obgleich es ihm durch das Antlitz zuckte.Sag' nicht Dirne", antwortete Violande,sie ist es nicht!"

Und plötzlich in Tränen ausbrechend, ergriff sie Dietegens Hände und fuhr fort:WaS sie gefehlt hat, ist meine Schuld, laß es mich bekennen; denn ich wollte euch trennen und beide aus dem Hause bringen, um den Baler zu bekommen! Darum habe ich das Kind zu allen seinen Torheiten verleitet!"

Sie hätte sich nicht sollen verleiten lassen", rief Dietegen,ihre Eltern lind von guter Art geloesen; aber sie ist nicht geraten!"

Und ich schwöre dir bei meiner Seligkeit," rief Biolande,es ist alles ivie vom Feuer weggebrannt, was sie verunziert hat; sie ist gut und sanft und liebt dich jo, daß sie schon längst sich ein Leid angetan hätte, wenn du nicht in der Welt zurückbleiben würdest. Uebrigens gedenke doch dessen, was du ihr schuldest! Würdest du jetzt in deiner Kraft und Schönheit da- steheu, lvenn sie dich nicht aus dem Sarge des Henkers genommen hätte? Und gedenke auch der Mutter Küngolts und ihres braven Baters, die dich erzogen haben wie ihr eigenes Kind. Und bist denn du der einzige Richter über den Fehl eines schwachen Kindes? Hast du selbst noch nie unrecht getan?» Hast du keinen Mann erschlagen in deinen Kriegen, dessen Tod nicht gerade notig gewesen ioäre? Hast du keine Hütten von Armen und Wehrlosen verbrannt? Und lvenn du auch dies nicht getan, hast du immer Barinherzig- leit geübt, wo du es gekonnt hättest?"

Dietegen errötete und sagte:Ick will nichts geschenkt haben und niemandem etwas schuldig bleiben! Wenn sich verhält, wie Ihr sagt, mit dem Ruechensteiuischen Rechtsbrauche, so lvill ich hingehen und das Kind zu mir nehmen! Möge Gott mir nnb ihr dann weiter helfen, wenn sie nicht mehr recht tun kann!"

Sogleich gab er der gänzlich erschöpften Frau, die ihm nicht Hütte folgen können, einiges Geld, womit sie sich etwas pflegen und zur Rückreise stärken sollte. Er selbst ging augenblicklich, seine Waffen ergreifend, auf und davon, quer durch das Land, und ruhte nicht, bis er die finstere Stadt Ruechen- steirr erblickte.

Dort hatten sie nicht lange Spaß gemacht, sondern nach wenig Tagen die Klingelt, die int alten Turme saß, zum Tode verurteilt, und zwar wegen ihres unbescholtenen Baters, der für das Vaterland gefallen sei, aus be­sonderer Milde zuut Tode durch Enthauptung, statt durch Feuer oder Rad oder eine anders ihrer üblichen Praktiken.

Sie. wurde demgemäß zum Tore hiuausgeführt nach bem Richtplatze, barfüßig und mit nichts als dem Armensünderhemde bekleidet, Nacken und Rücken von bem schweren flatternden Haare bedeckt. Schritt für Schritt ging sie ihren Todespfad, in mitten ihrer Peiniger, zuweilend strauchelnd, aber gefaßten Mutes, da sie sich ergeben und aller weiteren Lebens- und Glückeshoffnung entschlagen hatte.So kann es einem ergehen!" dachte sie mit einem fast merklichen Lächeln, und erst als sie wieder an Dietegen dachte, entfielen ihren Augen süße Tränen; denn sie bedachte auch, daß er ihr sein blühendes Leben danke, und sie fühlte sich durch dieses Erinnern getröstet, so selbstlos und gut war ihr Herz geworben.

Schon saß sie auf dem Stuhle und war gewissermaßen froh, daß sie nur sitzen und ausruhen konnte von dem mühseligen Gang. Sie schaute zum letzten Male über das Land hin und in den blauen Schmelz der Ferne. Da verband ihr der Henker die 'Äugen und schickte sich an, ihr das reiche Haar abzunehmen, soweit es unter der Binde hervorguoll, als Dietegen in einiger Entfernung zum Vorschein kam und mächtig rufend seinen Hut und seinen Spieß schwenkte. Gleichzeitig aber, um die Handlung aufzuhalteu, riß er feine Büchse von der Schulter und sandte eine Kugel über den Kopf des Henkers weg. Ueberrascht und erschreckt hielten die Richter inne nnb alles griff zu den Waffen, als der reisige Jüngling in Weiten Sätzen heran und auf das Blutgerüst sprang, daß dasselbe von der Wucht seines Sprunges beinahe zusammeubrach. Die sitzende Küngolt bei der Schulter fassend, da ihre Hände auf den Rücken gebunbeit waren, suchte er eine Weile nach Atem, ehe er sprechen konnte. Die Ruechensteiuer, als sie sahen, daß er allein War und kein weiterer Ueberfall erfolgte, harrten der Dinge, die da kommen sollten, und als et endlich fein Begehren erklären konnte, traten sie zur Beratung der Angelegenheit zusammen.

Sowohl ihre Art, an den einmal herrschenden Rechtsgewohnheiten un- verbrüchlich festzuhalten, als das Ansehen, welches Dietegen in diesen kriege­rischen Tagen und mit seiner ganzen Erscheinung behauptete, ließen den Handel ohne Schwierigkeit beilegen, nachdem der grämliche Verdruß über die ungewöhnliche Störung einmal überwunden war. Selbst der Rats­schreiber, der sich nicht versagt hatte, sein Amt in dieser Sache selbst zu ver­sehen und sich von dem Untergänge der Hexe zu überzeugen, verbarg sich, so gut er konnte, um den wilden Kriegsmann, dessen Hand er trotz seines Mutes fürchtete, nicht auf sich aufmerksam machen.

Der gleiche Priester, der vorher mit der Verurteilten gebetet hatte, mußte nun stehenden Fußes die Trauung auf dem Gerüste vornehmen. Küngolt wurde losgebunden, aus die schwankenden Füße gestellt und be­fragt, ob sie diesem Manne, der sie zu ehelichen begehre, als seine rechte Ehesrau folgen und ihm ihre Hand geben wolle.

Stumm blickte sie zu ihm auf, der das erste war, waS sie nach abgenom­mener Augenbinde von der Welt wieder sah, und sie blickte tote in einen Traum hinein; doch um, auch wenn es ein solcher wäre, nichts zu verfehlen, nickte sie, da sie nicht reden konnte, mit Geistesgegenwart und geisterhaft drei- ober viermal, und gleich bntauf noch ein paarmal, so daß selbst die

, Erst jetzt wurde sie ihm mit Leib und Leben, wie sie stauo ullö ohne Nachwähr noch irgend einigen Anspruch auf Gut oder SchadeneÄ' übergeben, gegen Erlegung der Gebühr für den Trauschein dem und Bezahlung von zehn Kopf WeirtS für den Scharfrichter und seine Knecku als Hochzeitgabe, auch drei Pfund Heller für ein neues Wams dem Achter.

Als er alles bezahlt hatte, nahnt Dietegen fern Weib bei der Hand uni verließ mit ihr den Richtplatz. Weil er sie aber nehmen mußte, wie sie »a2 und ging, und sie barfuß und mit nichts als dem Totenhemde bekleidet auch die Jahreszeit noch früh und kühl war, so befand sie sich nicht otl und konnte nicht wohl neben dem Manne fortkommen. Er hob {te bäte vom Boden auf den Arm, schob seinen Hut über die Schultern zurückitz schlang sogleich ihre Arme um seinen Nacken, legte ihr Haupt auf das emia« und schlief nach wenigen Schritten ein, die er mit dem Speer in der andern Hand zurücklegte. So wandelte er rüstig weiter auf einsamer Höhe und fühlte, wie sie im Schlafe leise weinte und ihr Atem in süßer Erlösung hei» wurde, und als ihre Tränen seine Stirne benetzten, da wurde es ihm 1U Mctte, als ob er vom seligen Glücke selbst getauft würde, nnb dem rauh«, starken Gesellen rollten die eigenen Tränen über bie Wangen.

Aks sie auf der Stelle anlangten, wo er selbst als Kind im Sünde» Hemdchen unter den Frauen gesessen und kürzlich Küngolt gefangen worden war, schien die Märzensonne so hell und Warnt, daß ein kurzes Ausruher erlaubt schien. Dietegen setzte sich auf den Grenzstein und ließ feine reich, Last fachte auf seine Knie nieder; der erste Blick, den die Erwachende ihm gab, und die ersten armen Wörtchen, die sie nun endlich stammelte, be­stätigten ihm, daß er nicht sowohl eine Pflicht treu erfüllt, als eine neu, eingegairgen habe, nämtid) diejenige, fo gut und wacker zu werben, daß et des Glückes, das ihn jetzt bejeelte, auch allezeit wert fei.

Der Boden um den Markstein her war schon mit Maßliebchen und andern frühen Blumen besät, der Himmel Weit fjerum blau, und kein Ton unterbrad) die Nachmittagsstille, als der Gesang der Buchfinken in den Wäldern.

Weiter sprachen sie nun nichts, jvnoern atmeten einträchtiglich in di, laue Lust hinaus; endlich aber erhoben sie sich, und weil der Weg nur noch über weichen Moosboden durch die Bnchenwaldnng abwärts führte nach dem Forsthause, fo gingen sie nun nebenemanber hin.

Unversehens griff Küngolt an ihr Goldhaar, welches sie erst jetzt ab­geschnitten glaubte, und da sie es iiod) fand, wie es gewesen, stand sie stA nnb sagte zu Dietegen, inbem sie ihn treuherzig ansah:Kann idj nicht noch ent Brautkränzchen befummelt?"

Er sah sich um unb gewahrte eine glänzend grüne Stechpalme. Rasch schnitt er einen starken Zweig vom Strauche, machte einen Kranz darau» unb setzte ihr denselben sorgsam aufs Haupt mit de» Worten:Es ist ei# rauher Brautkranz, aber wehrhaft, wie unsere Ehre es jederzeit sein soll! Wer sie mit Wort oder Tat beleidigen will, wird die Strafe fühlen!"

Er küßte sie hierauf ein einziges Mal fest unter ihrem Kranze und j« ging zufrieden Weiter mit ihm.

DaS Forsthaus stand leer und verlassen, als sie es erreichten. Das Ge­sinde hatte sich wegen der vermeintlichen Hinrichtung teils aus Trau«, teils aus ungetreuem Leichtsinn verlausen und niemand kehrte an diesem Tage mehr zurück. Um so traulicher Wurde das rasch auflebende jrtnge Weid mit jedem Augenblick. Sie eilte von Schrank zu Schrank, von Kammer zu Kammer, unb balb erschien sie in bem köstlichen Brautkleid chrer Mutter, von Welchem sie ihrem jetzigen Manne in jener Nacht erzählt, als sie zu- sammen im gleichett Kinberbettchen gelegen. Dattn beckte sie ben Tisch mit festlichen Sinnen unb trug auf, WaS sie an Speise unb Wem hatte finde» unb bereiten können.

In tiefer Stille und Einsamkeit jaßen sie nun nebeneinander, jie in ihrem Kranze und er mit abgelegten Waffen, unb nachdem sie ihr einfachet Mahl genoffen, gingen fie zur Ruhe.So kann es einem ergehen!" sagte Küngolt heute zum zweiten Male unb mit leichterem Herzen leise vor sich hin, als jie zusrieben au der Seite ihres Mannes lag; denn es blieb immer ein Restchen von Schalkheit in ihr.

Dietegen würbe ein angesehener Mann durch das Kriegswejeii, nicht besser als andere jener Zeit, vielmehr ben gleichen Fehlern unterworfen. Er iourbe ein Felbhauptmann, der für ober wider die fremden Herren Partei nahm, Söldner warb, Gold und Beute raffte unb fo von Krieg zu Krieg sein Wesen trieb, gleich den Ersten seines Landes, so daß er emporkam und einen oft gewalttätigen Einfluß übte. Allein mit seiner Frau lebte er in ununterbrochener Eintracht und Ehre und gründete mit ihr ein zahlreich^ Geschlecht, das jetzt noch in Blüte steht in verschiedenen Ländern, wohin der kriegerische Zug der Zeiten die Vorfahren einst getrieben.

Violande ihrerseits war bald nach der Hochzeit Dietegens und Küngolt», die ihr zum Tröste gereicht hatte, in ein wirkliches Kloster gegangen und em« wirkliche Nonne geworden, welche den Kindern Küngolts znweilen allerlei Backwerk und Näschereien sandte. Anch gefiel sie sich darin, lvenn Her< Dietegen auf der Höhe seines Ansehens etwa große Gasterei hielt und mn langem Bart unb golbener Ritterkette dasaß, als geistliche Fran auf Besuch zugegen zu sein unb mit einem golbenen Kreuze auf bet Brust, und intrigante höfliche Reden mit den Kriegsherren zu wechseln.

Wie Küngolt im Anfänge des sechzehnten Jahrhunderts ausgejeheu, tj noch ans dem Bilde eines guten Malers zu enttiehmen, welches m eine« befamtten Galerie hängt und laut Inschrift ihr Bildnis ist. Man fsem eine schlanke feine Patrizierfrau, deren schölle Gesichtszüge einen geivige tiefen Ernst verkünden, durchblüht aber von sanfter kluger Laune.

Auch sie starb noch in guten Jahren an einer Erkältling, flkw) Mutter, der Forstmeisterin, als nämlich ihr Mann in einem der Maumw Feldzüge endlich ums Leben kam und auf dem Friedhöfe eines lornbardM Kirchleins begraben wurde. Sie eilte hin, in der Absicht, ihm ein Grao zu errichten, in der Tat aber, um ungesehen eine lange Regennacht hnw» auf seinem Grabe zu sitzen, so daß ein Fieber sie in zwei Tagen dahwrafi ' und sie an der Seite Dietegens ihre Rllhestatt faitb. __