Eines Morgens schwimmen zahlreiche Eisschollen bugvorauf, das Schiss tritt in die weiße Herde ein, die auseinander zu treten scheint, wie wenn man auf einer Landstraße einer Schafherde begegnet. Aber die Herde wird dichter^ und die Individuen werden größer, man sieht grünliches Eis, Ueerers, Eis aus Salzwasser, aber auch bläuliches Eis, und man mag Men, daß es Gletschereis ist. Eis aus Süßwasser und also von einem Lande stammend, das man in der Nähe vermuten kann, das man aber in «ebelverhängter Kimme nicht sieht.
Und Plötzlich gibt es einen Ruck, das Schiff, das schon mit sehr langsamem Kurs fuhr, stößt gegen eine große Scholle und stoppt. Packeis! xie Scholle gibt den Stoß weiter und knirscht dahinten laut an anderen Schollen auf, ein unheimlicher Knirschton geht durch die stille Welt — die Polarwelt hat aufgeknirscht. Nie wird man diesen Ton vergessen, Ton aus Keltenmund!
Und nie wird man den Stoß vergessen, der durch das Schiff ging, als tt an dieser unerbittlichen Grenze anlief!
Bor uns dehnt sich weit das Eisfeld, leicht schwankend, leicht schaukelnd, in der Ferne schon starr, mit Krusten und aufgekrempelten Rändern die Paine der weißen Felderflur bezeichnend.
Vor uns liegt also der Pol. Oh, gar nicht so weit. Etwa tausend Kilo- Meter weit, so weit nur wie der Durchschnitt Deutschlands lang, wie Rügen von der Zugspitze entfernt ist, liegt der geheimnisvolle Pol, wir sind auf 80° 25' nördlich und 10° 50' östlich. Vor uns das stumpfweiße, von Rand- känzen seiner Schollen und einigen auf die großen gesetzten kleinen Schollen belebte Eisfeld. Vorn von Nebel und hinten und höher von Wolken überlagert, und die Ferne sich verlierend in Nebel und Wollendunkel. Ein schwarzer Strich am Himmel im Norden vor uns ist wohl ein sogenannter Wasserhimmel. Widerschein einer großen Wake im Eise, aber für uns, für die Empfindung steht er am Himmel hingezeichnet, hingezogen, als wollte er ein wahres Ende der Welt bedeuten: Strich! Aus!
Man ist leicht enttäuscht. ..
- Wer in dieses stille Gefühl tritt ein anderes, ein schreckhaftes, ein grausames, wild aufregendes — ein furchtbares Gerücht läuft über Bord, es heißt plötzlich: Rußland hat mobil gemacht.
Es war am 29. Juli 1914.
lind da steht es, es gibt keinen Zweifel mehr, auf dem schwarzen Brett auf dem Hinterdeck angeschlagen, dieses Lakonische: Rußland hat mobil gemacht!
Wohl hatte uns die drahtlose Telegraphie in den letzten Tagen mit Nachrichten aus Europa versehen, und die Bordzeitung hatte sie im Auszug bekannt gemacht, gefährliche politische Nachrichten, aber sie ließen im ganzen doch Hoffnung. Das aber ist eine ernste Kunde. Doch noch nicht so ernst und so hoffnungslos, daß der Kapitän das Schiff umdrehen müßte.
Chinesisches Totenfest.
Von Dr. Hans Maier, Leipzig.
£>er Verfasser, der erst kürzlich von der Stötznerschen Helung- kiang-Expedition zurückgekehrt ist, stellt uns nachstehend die Schilderung eines chinesischen Totenfestes zur Verfügung, dem er während seines letzten Aufenthalts in China beiwohnte.
Es war in einer kleinen Stadt tief im Innern von Nordchina, einem weltverlorenen Orte, weit weit von der Eisenbahn. Ein paar hundert niedriger Lehmhäuser, Bauernhöfe, Kaufbuden, Ställe und Schuppen, alles von einem verfallenen Erdwall umzogen, mit vier altertümlichen Etadttoren, hinter denen im winzigen Torhäuschen einige eisgraue Soldaten in zerlumpter Uniform sich die Zeit mit Opiumrauchen" vertrieben: Ein Stück Mittelalter, das sich trotz Bürgerkrieg und nationaler Modernisierung Chinas hier in der Kleinstadt im menschenleeren und verkehrsarmen Norden des Reiches bis heute erhalten hat. Vor den Toren des Städtchens wälzte ein breiter Fluß seine Wasser durch die weite baumlose Steppe, die sich hier ausdehnte, nur in der Ferne von waldbedeckten Bergen überrragt.
. Wir hatten auf unserer Reise durchs Innere einige Tage Aufenthalt m diesem weltvergessenen Städtchen, und in diese Tage fiel gerade ein hoher religiöser Feiertag: das Totenfest. Die Chinesen hatten bisher nur wenige Feiertage: Neujahr, Erntefest und Totenfest. Erst in neuester Zeit wurden zum Andenken an politische Ereignisse der jüngsten chinesischen ^«schichte eine Reihe von Nationalfesttagen eingeführt, die mit großem Pomp begangen werden, während die religiösen Feiertage in den Der« tchroreichen Städten an der Küste ihnen gegenüber zurückgetreten sind Kur im Innern, wo die moderne Aufklärung noch nicht Fuß gefaßt hat, werden sie noch ganz nach altem Brauch gefeiert.
Während unsere dem Gedächtnis der Toten gewidmeten Gedenktage Allerseelen und Totensonntag im Spätherbst liegen, wird in China das u-otenfest im Hochsommer gefeiert, mitten in der Zeit reichsten Lebens der Jtatur, wenn überall die Früchte reifen, und die Saaten sich zur Ernte Mm. Wird doch auch der Tod von den Menschen dort nicht als ein Myor.en und Untergehen des Daseins empfunden, sondern als ein Einehen in ein gereiftes, weiter entwickeltes, höheres Leben.
chinesische Volksreligion, in der uralte pantheistische Vorstellungen i neben, stellt eine Mischung von Buddhismus und Ahnenverehrung .„■/ ,n welcher der Gedanke der Seelenwanderung mehr oder weniger i,i-0opragt enthalten ist. Die Seelen der Abgeschiedenen leben im Jen- LdL®• lr* beiden mit ihrer Familie und Sippe verbunden und haben tfnatl-c- Einfluß auf deren Schicksal. Die Nachkommen bringen ihnen ven m u 9 Erster, Räucherwerk, Speise und symbolische Nachbildungen Toten ' ^^gegenständen wie Geld, Wagen und Pferde, damit es den bei jenseits nicht an dem Nötigsten mangele. Man betet zu ihnen
'Atigen Familienereignissen, damit die Ahnen gütig über den Ge
schicken der Familienmitglieder walten mögen. So verfließt für bei Chinesen der Tod in ein neues Leben, von dessen Formen zwar klare Vorstellungen fehlen, das aber, vollkommen und besser als das irttfche Leben, segensreich in Zeit und Ewigkeit weiterwirkt.
Schon am frühen Morgen des Festtages — es war der Tag ta Augustvollmondes —, wurden alle Türen des vielräumigen Tempels geöffnet und schon von Tagesbeginn an strömten zahlreiche Pilger herein, um zuerst den Göttern, dann in dem seitlich vom Hauptgebäude gelegenen Ähnentempel den abgeschiedenen Vorfahren zu opfern, und die Glocke am Altar, durch welche die Gottheit herbeigerufen wird, verstummte, bis zum Abend nicht mehr. Ganze Bündel von Räucherstäbchen und ganze Scheiterhaufen aus durchlochten Papierstückchen, das chinesische Geld iim- tierenb, mit papiernen Puppen von Tieren und Vögeln wurden vor den Altären verbrannt, während der Tempeldiener die vorgeschriebenen Gebete murmelte und der Opfernde sich dreimal zu Boden warf und mit der Stirn die Fliesen berührte.
Die Hauptfestlichkeiten aber begannen erst am Abend unten am Fluß- ufer. Wie in China die unterweltlichen Gottheiten des Wassers eine besondere hohe Bedeutung haben, so ist das Totenfest in besonderer Weise den Seelen der im Wasser Umgekommenen gewidmet. Als die Dämmerung anbrach, entwickelte sich am Ufer ein geschäftiges Leben. Die ganze Bevölkerung der Stadt, Männer, Frauen, Greife und Kinder versammelte sich hier, und alle brachten aus farbigem Papier gefertigte Schiffchen mit, in welche Lämpchen eingesetzt wurden. Auf Barken, die auf den Fluß hinausruderten, wurden Lämpchen entzündet und dann aufs Wasser gesetzt, um als Opfer für die Toten den Fluß hinabzutreiben. Bald war r der dunkle Fluh, dessen jenseitiges User sich in der Nacht verlor, von Tau- "senden, ja Zehntausenden dieser Lichter übersät, die in ununterbrochenen Reihen langsam dahinglitten, bald ruhig und gleichmäßig abwärtsschwim- mend, bald von Wasserwirbeln bewegt geheimnisvolle Kreise beschreibend, kleiner und kleiner werdend, zuletzt in weiter Ferne verschwindend.
Von der Stadt her nahte jetzt mit den unmelodisch wimmernden Tönen chinesiscl)er Leichenzugsmusik eine Prozession dem Fluhufer. Hier waren Opferaltäre aufgestellt, und unter eintönigen Gesängen, Gebeten und Trommelschlag wurden die Speisopfer in den Fluh gestreut und Räucherwerk und laut knallendes Feuerwerk entzündet. In lautloser Stille standen die Menschen und gedachten der Toten. Erst kurz vor Mitternacht endete die eindrucksvolle Feier.
Während ich den letzten in der Ferne verlöschenden Lichtern nachschaute, dachte ich, welch schöner und sinnvoller Brauch dies doch war: Die mit dem Strom in die Ferne, in die weite Unendlichkeit treibenden Lichtflammen, Symbole unseres menschlichen Lebens, den Toten geweiht als ein Zeichen des Gedenkens und des Sichbesinnens: Auch wir treiben so, früher oder später verlöschend, im Strome dahin, der einst ins Meer der Ewigkeit einmünden wird.
©telegen.
Erzählung von Gottfried Keller.
(Schluß.)
In solcher Tracht tvar er, ehe er sich zu dem Zuge des törichten Lebens gesellt hatte, auch einen Augenblick auf dem Försterhofe zu Seldwyla erschienen, einem Abkömmling aus uraltem, reinem Volksstamme gleichend, so kühn, sicher, stark und zugleich gelenk bewegte er sich.
Ms Küngolt ihn so sah, der er im Vorübergehen ein kaltes wildes Lächeln zugeworfen, wie er es sich im Felde angewöhnt, waren ihre Augen wie geblendet. Während er nun in Welschland lag, war es ihr einziges Tun, über die Vergangenheit zu grübeln und in den glücklichen Tagen der verlorenen Kindheit zu leben. Besonders verweilte ihr Sinnen fast zu jeder Stunde auf jener Waldhöhe, wo die Seldwyler Frauen das vom Tode errettete Kind Dietegen einst in seinem Armensünderhemde gekost und mit Blumen geschmückt hatten, und sie eilte, so oft sie konnte, hinauf und schaute voll Sehnsucht nach dem fernen Südwesten, wo man sagte, daß die drohende Schar der unbezwinglichen Jünglinge sich gelagert habe.
Aber in der gleichen Berggegend, welche vom Ruechensteiner Grenz- banne durchschnitten Ivar, kreiste der Ratsschreiber Schafürli herum, der stetsfort nach Heilung des ihm angetanen Schadens oder aber nach Rache dürstete; denn es waltete in Rilechenstein trotz der vermeintlichen Hexerei wegen der Tötung des Schultheißensohnes doch ein offener und geheimer Haß gegen ihn, den er durch den Tod der von den Seldwylern nach Ruechensteiner Ansicht unbestraft gelassenen Küngolt zu sühnen hoffte. Als daher eines Tages die arme Küngolt achtlos gerade auf einem Grenzsteine saß, und zwar so, daß ihre Füße auf dem Ruechensteiner Boden ruhten, trat Schafürli unversehens mit einem Ratsknechte aus den Bäumen hervor, nahm sie gefangen und führte sie' gebunden nach seiner Stadt, wo ihr wegen des durch ihre Zauberei herbeigeführten ungefühnten Todes des Schultheißensohnes sofort von neuem der Prozeß gemacht wurde.
In Seldwyla war, zumal in diesen aufgeregten Zeitläufen, niemand mehr, der sich ihrer angenommen hätte, auch wenn ein Erfolg in Aussicht gewesen wäre. Es hieß daher bald, ihr Leben werde wohl dahin sein. Nun war es die einst so schlimme Violände, welche, von Reue und Mitleid erschüttert, sich aufraffte und die einzige Hilfe aufsuchte, die ihr denkbar schien. Sie machte sich auf und wanderte Tag und Nacht gegen Westen, um die Bande des tollen Lebens und Dietegen zu finden. Das Gerücht von dem Treiben der verwegenen Schar leitete sie auch bald auf den rechten Weg und sie sand den Gesuchten, wie er eben mit einigen Gefährten in einer Schenke gleichgültig um Geld würfelte.
Sie gab ihm Kunde von dem neuen Unglücke Küngolts und er hörte ihr wider Erwarten aufmerksam zu, sagte aber bann: „Hier kann ich nichts machen! Das ist eine Rechtssache und da die Seldwyler selbst nichts tun, so würde ich le ne zehn Gesellen finden, die mir folgen.würden, um das Kind zu befreien!"


