Ausgabe 
7.7.1928
 
Einzelbild herunterladen

11. Las Eismeer.

Jetzt tut sich rechts der Blick auf einen großen flachen See auf. Kahl find feine Ufer nein, in einigen Buchten steht emigeS grüne ^mjengras. Hier liegt ein grüner Wasen und da. Auf oder an ibm einjame Höfe, mit fltünen Rasen gegen die Windseite völlig gedeckte Hstuser, die halb als Erdhütten ober -höhlen erscheinen. Die Stirnseite aber mit Tur und Fenstern ist mit Holz verplankt, dieses ist dunkelrot gestrichen. Welche Farben! Ein lichtblauer See im braunen Stumpen der Laven, das Dunkelgrün der Wasen und Hütten und das Tiefrot der Verschalungen, die durch ihre fast vollkommene Lebensleere unermeßlich weit wirkende Skemwuie braun und schwarz. Am Horizont, stehen. mr..den

Wir fahren ins Land hinaus. Biele Schafe sieht nmn, viele hornlose Rinder, Herden von kleinen, struppigen Pferden, grüne Wasen. h,er und da und keine Bäume. Was die Temperatur zuließe, verbietet der Wirch. Ueber meilenweite braune Felder geht die Fahrt, aber es ist nicht Herbst, und das Braun ist keine umgebrochene Ackererde, sondern.Lavafeld - Lava, selber, eines nach dem anderen. Da raucht es hoch und stark auf, em fast siedend heißer Bach fließt in der Wüste. Und werter gehts über die braune 9at)a in der Ferne stehen steinige, völlig kahle, dunkle Gebirgszüge, nur in den Höhen von Schneeflecken weiß gefprenkelt.

lonuiae Himmel trägt dazu bei, daß diese Oase ein Paradies für Kinder imb Hunde wird. Denn nicht nur Babies, auch Hunde aller Rassen und Nichtrassen leben hier ein wahrhaft seliges Dasein. Freilich, Gegensätze von größtem Elend und breitester Fülle stoßen hier vielleicht harter Zu­sammen als anderswo, aber es wird andererseits m wenigen Landern der teett eine so sorgsam geleitete Kinderfürsorge geben, soviel hilfsbereiten tatkräftigen Willen des Einzelnen wie hier.Wir haben viel weniger Konflikte im Leben als ihr Deutschen" sagte eine der Vorstandsfrauen^emes meßen BabS.home.Ihr denkt mehr nach, wrr arbeiten. Diese Worte beben zu denken, denn es ist nicht der Ausdruck der oft erwähnten englischen Nüchternheit, der man Übrigens auch in Dingen der Kunst, in Dingen des geistigen Lebens so wenig begegnet, daß der Begriff im Grunde genommen hinfällig ist. Konzerte finden in der Sapon, also im Mm bis. Ium, statt, und die Menschen versammeln sich um halb drei oder um halb sech- Uhr oft bei glühendster Hitze in den RecitaWmlls, um Musik zu hören.

Mrs. Loeb, eine Tochter Hans Richters, lud uns ein, am nächsten Tag in ihrem Hause mit Bernhard Shaw zu frühstücken, er sei em Ieiben|d)of * kicher Musikfreund und mürbe sich sehr freuen, Mozart zu hören. Als wir gut festgesetzten Stunde kamen, fanden >v,r eine kleine Gesellschaft von Damen und Herren versammelt. Bald öffnet sich die Ture und Mr. und Mrs. Shaw wurden gemeldet. Der Dichter, schlank, weißhaarig, mit oer um yuttäuut |lcvcll uultl r.

Frifche und Elastizität eines Jünglings, kam lebhaft auf dw Frau des Hauses I cJ^tc Berge. Und die kräftigblaue Kuppel des Himmels ruht am zu. Er begrüßt sie, nimmt die Namen der übrigen Gäste m Empfang, Das Auge trinkt sich sarbensait.

schüttelt allen die Hände und ist sofort der Mittelpirnkt des kleinen Kreifes. I ^m. d ......----------- «*

Bald darauf wird zu Tisch gegangen.

Der berühmte Gast präsidiert, er spricht und lacht, studiert die Menu­karte, streicht ein paar Gänge durch, bittet um Gemüse an Stelle des Fisch aerichtes, und während man ißt, staunt und zuhort, beherrscht er die Kon versation wie ein Spieler seinen Ball: er wirft ihn stoa), faicht 'hu auf und verwandelt ihn in ein Prisma, das, durch fernen funkelnden Espr.t bestrahlt, in allen Farben zu schillern, zu leuchten begmick. Er erzählt von der Zeck,

FSÄ SMi» ÄBSS.

-immer versammelt hatte, ironisch und mit drohendem Funkeln seiner stahlblauen Augen,warum diese Deutschen und Europäer eigentlich Mozart spielen?" Ich sage, auf ihn weisend:weil die,e Eng ander Mozart lieben." Worauf er lacht, und während wir beginnen, m em schönes und durchaus unkritisches Zuhören versinkt.

Später kommen noch einige Shawsche Selbstverständlichkeiten: daß Sckmbert ein Scharlatan sei, Schumann nicht weiter m Betracht komme und Brahms meist allzuviel Gefühl, um nicht zu sagen, Sentimentalität habe, während ihm Geist gänzlich mangle. Ich war eben rm Behrisf, ihn »u fragen ob GounodsFaust", die bedeutendste Oper der Welt sei, als die Hausfrau ein Album mid Bayreuther Bildern brachte und das amüsante Fangballspiel paradoxer Bemerkungen unterbrach. Erinnerungen an Wag ner, an Hans Richter wurden erzählt, schöner, laug vergangener Zer gedacht, und als wir uns von den licbcnSitnirbigen Gastgebern »ub ihren Freunden verabschiedeten, bekamen Wir einen herzlichen und sehr un- ironischen Händedruck und Dank des berühmten Dichters nut auf den Weg.

heißen, rauchenden Quellen und Springbrunnen, und dessen Kranz nur, die ganze große Insel hemm, dürftig von germanischen Menschen bewohnt ist.

Augenwimpern. c f .

Am anderen Tag verdichtet sich links der Fahrt der Nebel wi , auf der Höhe des europäischen Nordkapszu einer Ungeheuern, mcht ho ) über der Erde liegenden Wolkenbank, sie läßt wenigstens den Fuß desberg gen einsamen Landes, das sie überlagert, frei und uns sehen - die In!« Jaii Meyen. Wir dürfen uns mit dem Wenigen, diesem Fußlupsen Des Wolkenkleides sozusagen, zufriedengeben, denn für gewöhnlich bleck Insel verhüllt. Wir können dunkle vulkanische Grate und LinienZahnen un wiederum einenEisberg", wiederum die atmospharisch-mastive B kleidung^eines^toteü Vulkans «sehen ober zu sehen meinen. Unbewohnt ist ^^^Noch"zwel Tage pflügt der Dampfer, fast Nordkurs haltend und das vom großen über die Faröerschwelle gegangenen Golfstromarni ff gehaltene Eismeer aufsuchend das grüngraue Was erfeld, ^-g und stetig rauscht die Bugwelle, so gleichmäßig wie die Uhr klopft. Schonf & m bet bet not bild) en $)3 (5ibitien§ unb Ä)ien§, unu - ] stillen Dasein am sauberen Bord des blanken Schisses nichtszuverzi - 'als daß man das Schlafengehen verspätet. Man schaut aus die Uhr - » fast Mitternacht, und noch immer ist Tag, grauer.Tag freilich, ab

Und nun wird es überhaupt nicht mehr Nacht, um Mitterna t man eine bleiche Sonne nahe am Horizont sie beschreckt hinter^ schleiern zu erraten, einen Kreis am Himmel, aber tai c ins Meer. ... , Girier

Der Unerfahrene wird sich denken, der monatelange Polar ag o sommerlichen Jahreszeit müsse schön, das Fehlen der Nacht ange h^^ aber es ist quälend. Wtan schlaft em es ist Tag, man wach m c§ auf es ist Tag, man erhebt sich morgens (nur die Sonne sagt, ° P Morgen ist) - es ist Tag. Nicht Ausgeschlafenheck kündet eurem i Uhr den Morgen, diese uns fast als Störung der Natur J g^an hat graphische Gegebenheit hat auch unser gewohntes Leben geston. sich mit der fehlenden Nacht um die zugemessene Ruhe betrogem ,^ ehnt sich - es ist, als ob die Körperorgane sich sehnten nach Gesetz der unerbittlichen Weltuhr, das auch rhuen rhr Recht Mr.

Ern gewisser Mißmut ist in einem, und die ganze große Reqeg > I ist mißlaunig, man hört die Musikkapelle sprelen - und ist nnßim

Weiter fahren wir auf dem schlechten Wüstenwege, und nun senkt sich ter Strich der Straße in eine viel Kilometer lange Schlucht nut steilen Wänden: Ein junger, dicker, schwarzer Lavastrom brach auf, und da- wurde die Schlucht. Und wir stehen auf dem isländischen mittelelterlichen ger­manischen Tingfelde. _

Der See ist dahinten geblieben, sein Zuflußwasser braust durch die Schlucht. Draußen mäandriert der Fluß in weiten Schotterfeldern unb «ätmiu» 6* «M * Hf»- I -«*

SÄÄ SSÜ Ä'ätt I >rnb d°» »kl»,mit dich- WMklMI blld-I ein. WW-, weiße Kirche auf einer grünen Terrasse.

Hier also ist das Tingseld. Keine Spur von Gebäuden, keine Fels- terrasse, architektonisch nutzbar gemacht als Bühne oder Kanzel alles ist nur Natur. So hat der isländische Germane getagt und in.lllmcmner» Versammlungen" das politische Schicksal der Gesamtheit, Fahrten ubers Meer oder die endwsen Stammes- und Fainilienfehden beraten, weil sie nun^em- mal germanisch sind, auch öffentliche unb zum Teil furchtbare Srttenzucht geübt (in einem nahen Wasser sollen bie ehebrecherischen Frauen ertrankt worden sein) - die herbe Welt der Sagas Hingt um uns unb in uns auf.

c>>, ter Dänemarkstraße zwischen Jslanb und Grönland, etc ist so breit wie etwa Bremen von Berlin entfernt ist. Der Polarkreis wird uberschrckten. Wir fahren in der offenen warmen Trift des Island umfchlmgenden Go>u itromarmes ein anderer unb ber stärkere Arm des Jslanbarms hat sich südlich von Island in Richtung Amerika zurückgebogen - dünn,st der ver-

Fahrt ins (Eismeer. I =

- ffÄtax ä ®

I. Island. I . ,, («tj\niant. Das laute Treiben einer müßigen Schiffsgesellschaft ist

Eisland" bedeutet-der Name, und ob es eine ganz von vulkamfchen I 1)ei.-tummt/ man hat sich in Warmes Zeug gewickelt. Das Meer ist grau, und noch jungen, teilweise »och lebenden Kräfte» untenVnb monoton und unendlich, nasser Nebel steht m der Lust und bela,.ct

bas Eis bedeckt sie zum guten Teil. Kosmische Feuermacht von unten und kosmische Eismacht von oben, unb dazwischen die braune und schwarze Lavaplatte, in der es noch raucht und rollt, und um sie herum das wecke I vereinsamende Meer das ist Island.

Man nähert sich dem Meer. Als weiße, breite Kuchen hegen die Eis­massen auf dem Lande und um die höchsten Erhebungen, die Vulkane sind tote ober augenblicklich nur unter der Eisdecke schlafende. Berge von Eis stehen dem äußeren Bild nach da. Eisberge m einem anderen Sinne, als man sonst zu sagen pflegt. Schwarze, hohe, vulkanische^, bem Land vorgesetzte Klippen sind von Tausenden von Seevogeln umschwirrt, in den dumpfen Rollton des Meeres und das ewige Rauschen der Burgwelle j mischt sich der fremdartige tausendstimmige Vogelschrei.

Der Himmel ist trüb, Wolkenbänke schließen sich an die Köpfe der Berge und mögen uns die eigentlichen Köpfe verbergen, diesig ist die Luft über dem Meer; denn obgleich auch hier ein Arm des Golfstroms, em ^wacherer zwar als der, der sich zwischen Orkneyinseln undFaroerndurchpreßt,in weitem Bogen ausschwingt und wieder m ruruckbiegenber 8 förmiger Kurve über Norden nach Osten hinüber sogar Island umschlingt von Norden herunter kommt auch der kalte Polarstrom, der zwar drüben an der Ostküste Grönlands sich vorbeidrückt, dieses durch schwemmende Eisberge und feste Eisbarren unzugänglich machend. Seme Abkühlung wirkt aber bis hierher, unb bie Folge ist diese fast ewige Trübe von Luft.undHimmel. Die mit den Meeresströmungen ziehenden Wmde (umgekehrt, die ®tro mungenziehen mit den Winden) begegnensich hwr und drehen und schrauben sich auf in einer Zyklone, bie jahraus, fahrem südwestlich von Island steht. Das ist bie Geburtsstätte des europäischen schlechten Wetters. Die Lust; die von hierher, ber Erdumdrehung entgegen, kommt, kennen Wir, m br großen Zugstraßen zieht sie mit ihrer Feuchtigkeit ostwärts über Europa hm, bald biese, bald jene Zugstraße wählend. Jede aber ist feucht und naß.

Uns jedoch ist der Himmel günstig. Als Wir am anderen Morgen in derRauchbucht" (Reykjavik) vor Anker gehen, spannt sich blauer Himmel über das ungeheure bergige Halbrund. Nackt, baumleer, steinig, braun unb schwarz ist das Laub. Nüchterne Häuser stehen am Straub, es riecht nach Fisch und Tran. Hier ist die Hauptstadt eines tote Suddeutschland großen Meerlandes, dessen große Mitte eine Wüste ist von Eisschilden und Vulkanmassen, von eiskalteii Gletscherflüssen und Geröllfeldern unb glüh-