Ausgabe 
7.7.1928
 
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Gießener Zamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage Zum Eichener Anzeiger

Jahrgang 1928 Samstag, -en I. Juli Nummer

Abendduft.

Bon Wilhelm Schüssen.

Es schlief bei Sonnenuntergang Der Schmetterling samt Blume ein, Als ich im Tale Heimwärtssang ITnb stehenblieb zwischenhinein.

Die Blume träumt, der Schmetterling Wiegt sich auf ihr. Und holde Lust Trägt hügelher von Ding zu Ding Des Tages atterfeinsten Duft.

Brausendes Variets

Bon Paul Eipper.

I.

Tempo, Tempo! Gruudnwtiv unserer Zeit und des Varietetheaters. Daher ist dieSpezialitätenbühne" von allen Vergnügungsstätten anr meisten der Spiegel unseres Jahrhunderts.

A>n 31. abends um % 11 Uhr beendet der Artist Apsilou seinen Auftritt in Hamburg. Erschöpft von den zehn Minuten restloser Kraftentfaltung kommt er aus dem Vorhang hinter die Szene. Eben lächelte noch sein Ge­sicht unter dem Applaus des Publikums, graziös war die Verneigung seiner Dankbarkeit (eiserne Disziplin ermöglicht es ja gerade dem Artisten, immer zu lächeln, anmutig zu sein auch unter der Erschöpfung, ja selbst im Schmerz) nun eilt er, in seinen Mantel gehüllt, durch den Bühnenkorridvr der Garderobe zu. Kostüm herunter, kalte Brause aufgedreht, frottieren und etwas Gymnastik, Zivllkleider an, die Kostüme in den reisegewohnten Koffer, aus der Tischschublade die Puderquaste schnell noch gerettet und schon rollt der Karren eines Dienstmanns das Gepäck zum Bahnhof. Der Artist sitzt im Zug, die ganze Nacht, trifft zehn Stunden später in Frankfurt ein, meldet sich beim Direktor, baut seine Geräte auf, bespricht die Musikbeglei­tung mit der Kapelle, probt zwei Stunden die eigene Arbeit und schläft dann den kurzen Schlaf der Müdigkeit, um 10 klhr am Abend lächelnd und graziös im Scheinwerferlicht zu stehen.

!I.

Der Artist hat zwei Abende frei im Jahr: Karfreitag und am 24. De­zember. Dreihundertdreiundsechzig Tage arbeitet er, oft auch nachmittags, und kein Morgen ist ohne Probe; denn nur die ununterbrochene Beherrscht­heit des Körpers hält ihn auf der Höhe seiner Kunst. So reist er von Monat zu Monat durch Städte und Kontinente; sein Ohr vernimmt die Sprachen vieler Länder; er kennt die Artistenpensionen in Madrid und in San Fran­zisko, aber über allem Wechsel der Grenzen steht unverrückbar die gleiche Arbeit, seine Freude und feine Existenz. Mr ivird untergeordnet, was zu den bürgerlichen Genüssen zählt; Äusschwerfungen verbieten sich von selbst; Borwärtskommen ist die Devise, seine Rümmer ausbauen, die Sensation steigern, bmnit ber Name immer größer leuchtet auf den Programmzetteln, bis er ein Signal geworden ist, beim Agenten und beim Publikum:Der große Ypsilon".

III.

Air bunt sieht eine Barietebühne von hinten aus! Du kommst durch einen Seitengang auf den Hof und stehst einem vergitterten Wagen gegen­über, hinter dessen Eisenstäben Tiger schlafen; aber dein Ohr sangt schon bellende Geschrei der Seelöwen, die unter einem Bretterdach in ihrem Tünrpel um Fische betteln. Du gehst die Laderampe hinauf, eine Rolltür 'st spaltbreit offen, und ivenn du dich an den lächelnden Chinesen vorüber gezwängt hast, die stets und stets auf Bainbusstäbcheu Teller tanzen lassen, dann betrittst btt die weite, nüchterne graue Bühne, wo zwischen angelehnten Kulysen Radfahrer zu vieren übereinander klettern und ein Reckturner im buntleu Trikot seiner Partnerin Unterricht erteilt. Bon» an der Rampe stbstuuliert in amerikanischem Dialekt ein Herr zmn Orchesterraum hinunter bespricht mit dem Kapellmeister einen neuen Trick, weil er will, daß k ^ttkorps zündenderen Abgang habe. Neben der Beleuchterloge aber nn klt bet Inspizient mit einer korpulenten Dame, demUntermann" ,. "ssbl fabelhaften Sprungkünstlern, um ihr an Hand der Eintragungen daß das blaue Licht in der genau sestgelegten Sekunde auch Mem nach rot geschaltet wurde.

eJ*0,6' Elowns bringen einen Ziegenbock, drei Gänse und ein rosiges m Körben herbei, schimpfen holländisch und ftanzösisch durch- ^z-stder, weil es schon fünf Minuten über die Zeit ist, die ihnen vertrags- "en ganzen Bühnenranm zur Probe zuspricht und doch immer noch

sechzehn Mann der marokkanischen Pyramidenbauer in weiter Kette den Platz versperren.

Rur das kleine Töchterchen des japanischen Hofzauberers lächelt, lächelt stiü, sicher auch im Schlaf. Sie lächelt, ivenn der Vater Dolche durch den Rohrkorb sticht, in dem ihr Körperlein beivegungslos kauert; das Gesichtchen lächelt, ivenn die Füße oben von der Leiter aufs Drahtseil treten, und es wird auch in jener Stunde lächeln, ivenn der Artistentod mit kalt« Faust das Herz berührt.

IV.

Nirgendwo herrscht eine solche Tradition, diese Liebe zur Familie, tote beim guten Artisten. Die vier Bruder Bronett, Clowns von großem Format, reisen zur Zeit von der Schweiz durchs Rheinland nach London, Skan­dinavien und voraussichtlich weiter nach Amerika. Seit Jahren geht dte Fahrt und wird viele Jahre weiter dauern. Niemals aber sind sie ohne ihre Mutter. Die heute mehr als sechzigjährige Dame ist das Oberhaupt der Familie geblieben, von allen geliebt, den Söhnen, den Schwiegertöchter« und ber Enkelin. Abend für Abend, in Schweden und in der Schweiz, sitzt sie in ber Garderobe, bespricht alle Neuerungen, richtet die Requistten, sorat für die rechte Unterkunft und beobachtet während der Minuten de» Äw» tritt» kritisch und aufmerksam vorn Zuschauerraum aus Arbeit und Erfolg ihrer Söhne.

Eines Abends, als das Berliner Engagement schon seinem Ende zu­neigte, gab mir die alte Dame den Stammbaum chres Geschlecht» und sagte mit vielem Stolz: Daraus können Sie manches sehen, vor allem dte Vielseitigkeit unseres Berufs. Als meine Söhne kleine Jungen» waren, «- zählte ich ihnen im Zirkuswagen, was ich durch meine Mutter von unsere» Borfahren wußte:Alles haben sie gekonnt, wollt ihr schlecht« sein?" Und so karn's, daß die Clowns nebenbei auch vollkommene Kunstreiter sind, Reckturner, Akrobaten, daß sie Tiere dressiert haben, ein halbes Dutzend Instrumente spielen, während des Schweizer Gastspiels heute deutsch, morgen ftanzösisch ihre Späße treiben und immer noch Neue» hinzu­lernen, Jahr um Jahr.

Der älteste Vorfahr war Seiltänzer, Zauberer und Kunstreiter und wurde an der Krönunasfeier der Kaiserin Maria Theresia von der Regentin mit kostbaren Geschenken ausgezeichnet.

V.

Bor ein paar Jahren sah ich in der Berliner Scala einen alten, grau­haarigen Reger, groß und athlettsch, der eine riesenhafte Bambusstange auf seiner linken Schulter balancierte. Oben auf der Stange arbeitete ein Knabe von vielleicht 15 Jahren, Halbblut, zierlich im weißen Seidentrikot. Eine erstklassige Artistennummer, hoch bezahlt und in aller Welt begehrt.

Applaus auf offener Szene, bann setzte die Musik aus. Em dumpf« Kehllaut des Untermanns, sein Blick zuckt nach oben all right; fast zehn Meter übet ihm steht bet Junge auf dem Kopf, Arme und Beine ab- grätscht. Ruck, zuck, die Hände des Regers fassen die Stange am uut«en Ende, ein hell singender Zuruf von oben, der Athlet stemmt den Bambu» von der Schulter auf seine Stirn. Dann steht auch et, Arme und Beine gespreizt; von seiner Stirn steigt das schwankende Rohr senkrecht auf, und am oberen Ende balanciert ruhig, als sei nichts dabei, ber zierlich zart« Knabe auf dem Kopf.

Vorhang, dröhenbet Applaus. Ich habe ihn nicht mehr gehört, wett kalter Schweiß mich jäh aus dem Zuschauerraum trieb. Zu Hause notierte ich in meinem Tagebuch die schreckliche Halluzinatton, daß ich für eine Sekunde da oben unter dem Bühnenbach auf dem Bambus einen Toten­kopf lächeln sah.

Am andern Abend, als wieder die Musik aussetzte, tat der Jüngling einen leis piepsenden Schrei. Damr zrrckt ein heller Körper durch die Lust, dumpf« Fall, die Musik setzt lärmend wieder ein, der Reg« nimmt dte Stange von seiner Stirn, aber schon steht der Knabe wieder auf den Seine» und verbeugt sich hold lächelnd.

In der Nacht ist der junge Artist an inneren Blutungen gestorben und durch die Agentur herbeigerufen fuhr zur gleichen Stunde von irgendwo her aus bem Reich ein anderes Artistenpaar, um die Lücke auszufüllen. I» den Blumenläden Berlins ob« wurden große Kränze gewunden, Grüß« der Kollegen, die den schmalen Sarg vollkommen bedeckten. Jeder Artist, d« in diesem Monat irgendwo in Berlin arbeitete, ging mit dem Trauerzuo eine große Familie, die üb« Nationalität und Rasse hinweg die Zunft vereint.

Begegnung mit Shaw.

Bon Magda von Hattingberg.

(Nachdruck verboten.)

Wer an einem Sommermorgen durch den Londoner Regentspark nach St. Johns Wood geht, vergißt, daß er sich in einer der größten Städte d« Wett befindet. Alles ist still, grün und frisch. Auf großen Rasenflächen stehen Babywagen, ganze Familie,r fiedeln sich hi« tagsüber an, und der