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läuteten immer noch die Osterglocken ...
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Berantwortltcd: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Derlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange,
-niaten, gefüllt mit Gänseleber, dazu Chateaubriand-Soße. Die Schrift- ’ steiler werden sich gern ihren größeren Kollegen kulinarisch widmen und in verehrungsvoller Erinnerung an sie schlemmeri,ch sein wollen. Da ist zunächst Balzac, der die Rühreier mit nudelig geschnittenen Trüffeln und Zunge verinifchte und sie auf gebackenen Brotschnitten anrichtete, mit Zwiebelpüree gefüllt. Beranger ließ die Eier auf jungen Artischockenböden backen, gefüllt mit geschmolzenen Tomaten. B r i l l a t - S a v a r i n füllte den Eierkuchen mit Schnepfenfleifch, mit drei Trüffelscheiben verziert, mit Schnepfensaft umkränzt, oder er tat Karpfeninilch hinein und Thunfisch. Grimod d« la Reyniere überkrustete die Eier — besonders lieb war es ihm, wenn sie ein Kiebitz legte — mit Krebsragout, auf Blätterteigkruste gelegt, übergossen mit Soße Mornay. M a r i v a u x vermischte das Rührei mit Trüffelpüree und umlegte es mit ausgehöhlten Tafelpilzen, die mit Hahnenkämmen, Hühnernieren und Trüffeln gefüllt fein mußten. Malier« ließ sich weiche Eier auf Unterlage von Fafche- gefüllten Tomaten anrichten. Nach M ii r g e r nennen sich ebenfalls verlorene Eier auf Artischockenböden, mit gehackter Zunge gestillt, mit Bechamelsoße vermischt und von einer Trüffelscheibe gekrönt. Auf österliche Art bieten sich die Pascal-Eier dar: Kartoffelkruste, Spinatunterlag«, jedes Ei andersfarbig übergoffen mit Mouffeline-Soße, Spinat- farb«, Efpagnole-, Krebs-, Trüffel-Soße, Petersilie verziert. Sardous verlorene Eier werden auf Röstbrot angerichtet, mit Artifchockenpüree gefüllt, mit grünen Spargeln und streifig geschnittenen Trüffeln umlegt, mit ' Bechamelsoße übergossen. Scribe heißt: die Eier mit Hühnerleberpuree I gefüllt, auf Teigkruste. Madame de Sevign«: auf Röstbrot, mit ge- ! dünstetem Salat gefüllt.
Aehnlich und vielfach noch raffinierter nahen sich uns die Komponisten, Sängerinnen, Tänzerinnen, Schauspielerinnen, Forscher usw. Auf Rebhuhnragout müssen die weichen Eier nach B e r I i o z serviert werden, mit Tafelpllzen vermischt, mit Wlldsaft bekränzt. Geformt« Eier nach dem Flieger BI« riot kommen in Becherform, die mit Trüffeln, hartem Eiweiß, Hummercorall ausgestreut und mit rohem poschiertem, erkalteten Ei gefüllt ist, alles auf französischen Salat gestürzt. Verloren« Eier nach Boieldieu werden mit in Del gebratenen Tomaten gefüllt und auf Röstbrot gelegt, deutsche Soße darüber. Die heute schon legendäre Prinzessin C h i m a y ließ harte Eier halbieren, mit dem passierten Eigelo füllen, vermischt mit Rahm und Duxelle, mit Soße Bechamel Überkrusten. Unter den Eiern in Tiegeln, „cocottes" genannt, wären die nach Edison zu nennen: auf Hllhnersafche, umkränzt mit Trüffelsoße: die nach Gladstone: mit Austernragout, Trüffelscheibe darauf: die nach Ros- s i n i: mit Gänseleberpüree, Trüffelsoße darüber. Ueberkrustete Eier nach Admiral de Ruyter: abwechselnd Lagen von Kartoffelscheiben, geschnittene hart« Eier, Salzhering, gebackene Karpfenmilch, mit Sahne übergoffen, mit Parmesan bestreut. Verlorene Eier mit Makkarom- krusteln, darüber Soße Mornay mit Tomatenpüree, in der Röhre glafiert — wurden der göttlichen Eleonore D u s« zu Ehren benannt. Setzeier nut gebratenen Tafelpllzen heißen nach G o u n o d und sind mit Tomatensoße zu bekränzen. Nach der G r i m a I d i werden kleine Eierkuchen, mit Parmesan vermischt, in größere eingerollt und mit Krebspüree vermischt. Nach Jenny Lind fülle man die verlorenen Eier auf Röstbrot mit Blumenkohlpüree, Bearnaise darüber. Nach Lesseps nennen sich die Rühreier mit Kalbshirn mit Kapern, in brauner Butter zubereitet. Die kürzlich verstorbene Serpentintänzerin Loie Fuller legte das verlorene Ei auf Röstbrot, übergoß es mit Hummersoße. Setzeier mit Hommel- nieren, bekränzt mit Trüffelsoße, tragen den Namen Meyerbeers. Mozarts verlorene Eier auf Röstbrot sind mit Kalbsleberpüree zu füllen und mit getrüffelter Rahmsohe zu übergießen. Rührei nach Offenbach sind mit Krebsschwänzen, Sardellenschnitten, mariniertem Thunfisch zu vermischen und mit gebackenen Brotdreiecken zu umlegen. Gratinierte Eier nach der Tänzerin Otero kommen in gebratenen aus- gehöhlten Kartoffeln, darüber Bechamel-Soße und Parmesan. Der Eierkuchen mit geschnittenen Artifchockenböden und Trüffeln heißt der Sängerin P a 11 i zu Ehren. Womit wir es, um unseren Fcsttagsmagen etwas zu schonen, für diese Ostern genug sein lassen wollen. Guten Appetit!
Ausflug in die Jugend.
Eine Ostergeschichte von Hans v. Hülsen.
Ein Jahr gab es in Thomas Brandeyfers Leben, das er später, wenn er auf die im allgemeinen stillen und völlig gleichmäßig verlaufenden Pfade seiner Existenz zurückblickte, gern das „schicksalsvolle" nannte — bei sich, versteht sich, denn andern gegenüber sprach er niemals von diesem schicksalsvollen Jahre, das wäre ihm als einem Landgerichtsrat nicht angemessen erschienen. Er saß nun längst in Amt und Würden droben in der alten Hansestadt am blauen Meere, hatte Frau und Kinder, drei wilde Jungen, die, wie man so sagte, zu den schönsten Hoffnungen berechtigten. Seine Sturm- und Drangzeit lag längst hinter ihm, der Kreis des bürgerlichen Lebens hatte ihn eingefangen, unter gleichmäßiger Arbeit verrannen die Tage, wohlgeordnet nach dem Kompaß des Sommerurlaubs: in einförmigem Trott zog der Wanderer feine Straße durchs Leben. Wer ihm das früher vorausgesagt hatte ... ha, den hätte er ausgelacht. Damals war er ein flotter Bursch oder auch erst ein krasser Fuchs der „Baltia", der Himmel hing ihm voller Geigen, das Wort Resignation fand sich nicht in seinem Wörterbuch ...
„Herrgottnochmal — man ist doch nur einmal jung!"sprach Thomas Brandeyser manchmal vor sich hin, wenn er, über dicke Aktenbände gebeugt, in seinem Amtszimmer auf dem Landgericht an jene längst verstossenen Tage zurückdachte: und dann strich er sich mit der flachen Hand über das langsam schütter werdende Haar und fühlte im Herzen, daß er ja längst resigniert hatte und ansing, alt zu werden im stillen Hafen ...
Wie kam es nur, daß er gerade in diesem Jahre so besonders oft und so besonders innig zurückdachte an jene lang versunkene Jugendzeit? War es der hochentwickelte Sinn des Juristen für „Termine" — da jenes schicksalsvolle Jahr und jener Ostertag nun gerade zwei Jahrzehnte zu
rücklagen? Oder lag es daran, daß dies Jahr mit feinem unwahrfchMi frühen, schon den März sommerlich erwärmenden Frühling so gei. jenem Frühling vor zwanzig Jahren glich — damals? Der LandgM rat hob den Kopf ... ihm war, als husche dies kleine Wörtchen „Danich immer wieder durch die Aktenfolianten und schaue ihn spöttisch-lSH, an, den alten Mann ...
Manchmal trat seine Frau zu ihm, wenn er abends noch am Sd)rfs tische sah und Reste aufarbeitete, fuhr ihm mit der Hand über die und fragte: Was er habe?, denn sie hatte ihn still und versonnen x sich hin lächeln gesehen. Aber er gab eine ausweichende Antwort: vieltz wußte er auch selbst nicht, was er „hatte", vielleicht ahnte er es, ‘ dumpf und traumhaft von ferne.
Doch in einer schlaflosen Nacht vor dem Dfterfeft sah er sie beim wieder vor sich, seine Jugend, wie er sie als flotter Balte bin* durchträumt, durchjauchzt. Und da zwang ihn ein übermächtiges Qejii, wie er es [eit langem nicht gekannt, vom Lager aufzustehen. Er ins Arbeitszimmer, holte aus dem Schub des Schreibtisches hervor, Ix allein von jener Zeit noch übrig war: Band und Mütze der „BM sah sie lange an, ließ das schmale, zweifarbige Moireband durchs Finger gleiten und probierte sogar vor dem Spiegel die Mütze...4 dann tat er etwas, was er sich selber nie zugetraut und was er, so stz | es ihm später, traumwandlerisch vollführte: er kleidete sich leise an i: i schlich sich aus dem Hause in die schon durchsonnte Aprilfrühe.
Der Frühwagen der Straßenbahn führte ihn aus der Stadt, d« menschenleere Straßen, nach dem kleinen Vorort, der sich verschlaft! den Rand weiter, alter Wälder schmiegte. Drei Haltestellen vor i» Endpunkte flieg er aus, an der gleichen Stelle, wie damals, als ne die Pferdebahn hier fuhr. Damals war er auch so an einem strahl«»!, Frühlingsmorgen hinausgefahren, mit ihr, um die heut wie damals- feine Erinnerung, all feine zage, uneingeftanbene Sehnsucht kreiste- 6 sänne Auf dem Langenmarkte hatten sie sich getroffen, damals, in d ersten Morgenfrühe, noch ganz schlaftrunken waren ihre hubfchm, m teren, kornblumenblauen Augen gewesen, und er hatte sie erst recht m! geküßt, während die Pferdebahn davontrudelte und sie hinausroaM - in die frische Gotlesnalnr, dem Walde zu ... Allein und doch nicht alle ging Thomas Brandeyser die alten Pfade: sie, bereit liebliche Ech feine Erinnerung beschwor, ging neben ihm, es war ihm, als führtei sie bei der Hand, wie damals, als hörte er ihr silbernes Lachen, ir damals, als fühlte er den warmen Strom ihres Blutes, wie damals,, Damals' Das Wort, bas er im Wachtraum so oft gehört, die ich. Wochenlang, es warb ihm plötzlich lebendig; die kleinen gefiederten Ä- qer auf den schon zactbelaubten Zweigen, Amsel und Drostei, riest« ihm zu: Damals! Damals! ... Umfangen von stillem WaldessrM Hand in Hand, schritten Thomas und Susanne durch den Tann-ii nabelüberliite Grund federte unter ihrem Fuß, das taufriscye SOloos R t ihre Tritte auf; die langen Haare junger Birken hingen bis zur K herab, die Morgensonne malte weichgoldene Arabesken auf die schiW Wege' auf denen man nur enganeinbergeschmiegt wandeln konnte.» hüpfte ein kleiner Quellbach den moosigen Abhang hinao, uoer re blanke Kiesel hinweg, murmelnd und schwätzend — und Susanne out sich, fing Wasser in der hohlen Hand und netzte sich und Th-imsl! heißen Lippen ... Wie hübsch war sie in ihrem blautarierten Kleid.» । weizenblonde Haar trug sie in Schnecken über den Ohren auiammt^ steckt, und ihre schöngewölbte Brust atmete ruhig. Ihre Hand war ® I wie eine Kinderhand, aber kräftig war ihr Druck. Sie schlang den w s um seinen Nacken und zog ihn hernieder auf den trockenen, sonnemm« ■ Waldgrund. Durch den zackigen Laubrahmen des Waldes sthunmeriek schöne Bild: fern, in der großen, bunten Ebene, die alte Stadt unJ» gendunst ... massige und zierliche Türme über dem Meer von JW Sankt Marien und Sankt Katharinen und der schlanke Rathaustum. und durch die Ebene schlängelte sich das breite Sllberband des Strom Ganz nahe aber, zu Füßen des Waldhügels, das Dor,: sa)mucke i> ferchen und kleine Villen, herumgebaut um die alte, zweiturmige KW kirche, deren blaues Schieferdach in der Morgensonne schimmerte- Hinten, weit hinter der bunten Ebene, blaute das Meer, unermeM * bis es mit dem Horizonte verschmolz ... Ach, stürmisches Blut.»- stürmische Hingabe! Ach, Seligkeit der Jugend! Wollte sie ewig tw Horch: vom Kloster drunten klang es heraus. Osterglockengelant ...» Thomas Brandeyser reckte die Arme aus, die Geliebte zu umfangen,® griff ins Leere ... stöhnend sank er zurück, ihm war, als hätte er Leere dieser zwei Lebensjahrzehnte gegriffen ... &
Schritte (langen hinter ihm, fröhliche Strnnnen von Mensch-ä ü ist gut sein!" rief ein kräftiger Männerbaß: „Wie geschaffen M nick!" Verwirrt hob er den Kopf, strich di« trockenen- Tannennaden dem Haare. Ein Menfchenanttitz schob sich vor sein. Gesicht, Gelacht dröhnte, Landgerichtsrat Pollinger, Kollege und Duzfreund, MS kräftig auf die Schulter: „Nanu, Brandeyser, was machst du dem» oller 'Schwede?! Und so ganz alleine, ohne die Gaitun die teure- • \ sind wir denn doch ein besseres Ehepaar, was, Magda? >,
Thomas Brandeyser hatte sich verwirrt aufgerichtet, er W';
Gattin des Freundes die Hand, er wollte eine Erklärung für ein I fames Treiben stammeln, aber zum Glück ließ ihn Pollinger nchL ‘ Reden kommen: „Das ist aber charmant, daß wir dich hier auw .
haben! Wir haben uns auf einen kleinen Osterspaziergang gew nach „Faust", wir wollten hier ein bißchen frühstücken ... na, i reicht wohl für dreie, was? ... Hier, kannst dich gleich nutzum A ! brich mal freundlichst der Roten den Hols ..." Und schon packte tne
aus ihrer Handtafckfe die Brote aufs sorgsam mitgebrachte ^laio. „
Jugend — ade!, dachte Thomas Brandeyser, indem er betit in knallen ließ und behutsam die ineinandergeschobenen Silverve r- füllte; lebt wohl für immer!, dachte er, und ihm war, als styw j farme in ihrem blauweißen Kleide davon und würde zu Alchen am Himmel und zerginge vor dem geblendeten Auge ...


