Ausgabe 
7.4.1928
 
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selbst erheben wollen und doch ohnmächtig zu Boden sinken. Weih und qtou iüqe bet eine (Sninb&ttovb, bet hlet eitles uetmäl)lte uno in liefet Trauer zusammenhielt. Lautlos schwieg die weite Ebene, jebet Ton Dßts sank in dem schweren weihen Teppich des unendlichen Schnees. Dee große Melancholie der Landschast machte uns alle gedrückt und schweigsam, mir murrten und knurrten einander an, wir gingen scheu um uns herum es war von diesem Frontabschnitt bei bestem Willen nichts zu melden, und es wurde ein Ereianis, als einmal, in später Dämmerung, die russische Artillerie zu schießen begann, und ihre Mündungsseuer wild und rot durch mein farbenentwöhntes Scherenfernrohr zuckten:

Und da begann, am Höhepunkt unserer stillen Verzweiflung, an einem Taae, als wir es am wenigsten vermuteten wir lebten aller Hoffnung bar so vor uns hin die herrliche Auferstehung dieser toten Landschaft: an diesem Tage schien plötzlich die Sonne. Es war nach diesen grauen Wochen ein ganz unglaubhaftes und prachtvolles Wunder.

In Rußland kommt der Frühling über Nacht. Gleich untewbem Schein dieser einen Sonne begannen sich in unserem Dorf kleine Wassernnnen zu bilden, der Schnee schmolz. . .. , ... .

Aber die ganze Gnade der österlichen Naturseier strömte doch durch die Scherenglüser in- unsere beseelten Augen. Was der über die Land­schast gleitende Blick nur in flüchtigem Ungefähr zu erfassen vermag, lehrte uns dieses Wunderglas in tausend beglückenden Einzelheiten. Jetzt wich die Leichenstarre auch aus dieser harten Umgebung, Warben ent­standen und die Farben sangen wieder das Lied des Lebens und Wer­dens. Wir hatten es nicht geahnt, daß zwischen den feindlichen Graben ein kleiner Bach flösse, jetzt hatte er sich plötzlich gemeldet, er lies munter zwischen den Stellungen einher, wußte gar nichts vom Krieg und die Schneemasten hüben und drüben liefen in ihn ab und machten ihn auf­schäumen. Was aber unter dem Schnee war: grüne Wiese und eine fette schwarze E^de; was die merkwürdigen Schneeanhäufungen immer bedeutet hatten: zcrstörie weihbedeckte Bauerngehöste, welche jetzt auf einmal die grellen Bemalungen ihrer Wände zeigten; was die Hänge drüben gewesen waren: satigelber Sandbruch und was alles hinter dieser weihen Me­lancholie verborgen gewesen war, die wir für die Seele Ruhlands ge­halten hatten, das war ein übermächtig strömendes, üppiges Fruchtbar­lein, das jetzt seine grünen Halme und bunten Blüten aufreckte; auch die Blumen, waren sie schon in den Scherenaugen nidjt größer als Steck­nadelknöpfe, sie erschienen doch, sie leuchteten aus ihrer-saftigen Wiese und nrtqen mit allen Farben zusammen den ewigen Fruhlingsgesang.

lieber alle diese Wunder, die mir nach der russischen Winternacht mrt einer ungläubigen Freude erleben mutzten, ragte aber das größte.

Immer war uns der Blick in die Ferne versagt geblieben. Wir sahen wohl bis zum Beginn einer Hochfläche, die sich hinter unserer Niederung erhob, aber wir erfuhren niemals, was sich auf ihr begab, weil sie sich immer hinter einen weißen Schleier von Schwermut verbarg. Rum fiel auch diese melancholische Hülle, es war seltsam, aber es geschah: medene hob sich vor unseren Augen, ihr Geheimnis konnte uns nun nicht mehr länger verborgen bleiben, und in aller Ferne, von Sonne umflimmert, iahen wir die goldenen und patiirabezogeuen Kirchtürme einer großen Stadt Wir griffen zur Karte; sie trug einen fremden märchenhaften Namen mib war schon, mit ihlcv. glitzernden Zinnen und feinen prangen­den Menschen, uns Kanonieren, Unteroffizieren und Gefreiten entrückt wie eine glänzende Pracht aus den tausendundein Nächten, sie- strahlte und funkelte verheißungsvoll, und ihre ferne Erscheinung vollendete das große Wunder dieser österlichen -und östlichen Auferstehung des heiligen Lebens.

BsrÄhmls Ostereier.

Bon Alfred Richard Weyer.

Wenn man für die Kinder, zur Erholung ihrer Festfreude, die schönen frischen Eier vom Osterhasen in allerlei prächtigen Farben recht bunt leoen läßt, so könnte es nicht schaden, wenn man diese selben Gaben für die Erwachsenen nach den mannigfaltigen Rezepten der internatio­nalen Küche aus die verschiedensten Arten zubereitete, tue nach den Namen berühmter Persönlichkeiten benannt sind. Wenn wir nun schon einmal einige Tage in einer Eierüppigkeit leben sollen und wollen, so können wir uns diesen tutinarifdjen Segen ohne viele Mühe, allerdings nut gewißen Nebenkosten, noch reichhaltiger und vor allem viel geschmackvoller ge- ftOlSenverlorenen" Eiern nach deutscher Art (aus Sauerkraut, 2Burft= scheiben, Speckschnitten, mit Kalbssaft übergossen) können sich anschlie­ßen- die afrikanische Art: auf gerösteten Brotschnitten, Reispilafs, eine ge­bratene Schilikenscheibe, geschmolzene Tomaten darüber; die amerikanische Art- in Del gebacken und auf Schinkenscheibe ungerichtet, extra Tomaten­sauce dazu; die andalusische Art: auf halben Tomaten, mit krebsgarnierter Mayonnaise überzogen, mit Zwiebelringen verziert; die engi'sche Art: aus Röstbrot, das mit geschmolzenem, mit Cayennepfeffer vermischten Chester­käse bestrichen ist; aus bömische Art: auf gebackener Bro scheibe Satze Bechamel, bestreut mit gehacktem Schinken; die baskische Art aus roten Pfesferschoten, gefüllt mit Risotto, dazu Madeirasoge; auf Brüsseler Art. mit Kohlsprossenpüree, mit Rahmsoße übergossen; mit Semmelbroseln be­deckt- auf dänische Art: die halben Eier mit Hummer-Mayonnaise gefüllt; auf holländische Art: auf Röstbrot, mit Luchspuree gefüllt, holländische Soße dazu; auf indische Art: die Reisunterlage stark mit Currypulver gemischt; aus italienische Art: Risotto-Unterlage mit Tomaten vermiscyt; auf Moskauer Art: auf Unterlage von rohem Sauerkraut, dazu Sellene- salnt, Gurken, rote Rüben; auf polnische Art: auf gepilztem Hainmel- hackfleisch; auf schwedische Art: Füllung der halbierten Gier nut Brenn- neffeibutter und dem passierten Eigelb; schließlich noch Toulouser Mode: auf Röstbrot, mit Gänseleberpüree gefüllt, darüber Truffelfoße.

Verlassen wir die verschiedenen Erdteile, Lander. Provinzen und Städte und wenden wir uns einigen berühmten Persönlichkeiten zu, die auf der internationalen Speisenkarte, mit anderen, noch viel raffinierteren Eiern prangen. Da ist zunächst Christoph Columbus, dessen E>, ent­gegengesetzt der historischen Legende, also auszufehen hat: auf halben To-

l L ofinihiaen aufführt. Man denkt gleich wieder an unfern großen Bach. ' KbasÖfter Oratorium" ift nicht verbürgt echt. Auch ist das, ' * uns öä vorliegt, nicht aus der gleichen Höhe wie ähnliche Kvmpo- w-cn des Altmeisters zu anderen Festen. Wohl konnte man aus der

Ktehungstontate und anderen, deren Bibel- und Choraltexte der Oster- k e nnaehören, ein ganzes neues Osteroratorium von Johann «ebastian l zusammenstellen: aber dies hätte weder die schier unermeßliche äiteratur noch die sonst vorhandene Ostermusik notwendig. Ichhenke hier

) an zwei herrliche Werke der vorbachischen Zeit: an die ebenso SÄbe wie in ihrer unendlich schlichten Bauart sofort packende Oster- Le von Christian Ritter, mit dem EmgangschoreGott hat Äum erwecket". Hier konzertieren zwei geteilte Geigen, Continuo (Orgel, sscmbalo und Streichbässe) in-edlem Wechselgesange mit einem vier-

I fijtaen, zwar reich ausgestniteten, aber leicht singbaren Chore, der K Viinfterium der Erweckung erst geheimnisvoll, dann jubelnb ver-

i Lei Nun folgen abwechselnd liebliche und ernstere Arietten .für Sopran Xjrftcrc erinnert im Hauptgedanken an die berühmte Plingstkantate E BachMein gläubiges Herze,- frohlocke fing, scherze ) Alt, Tenor |

Baß und jede mündet aus in den machtvollen Auferstehungsgesang | L ChoresWir fingen mit Freuden". Dieses schöne seine und Nicht I ,Imer wiederzugebende Werk sollte man kennen und zu Ostern aussuhren.

^ Cin anderes schönes Chorwerk ist die Osterkantate, dieHistorie von der I Auferstehung" von Heinrich S ch ü tz. Das Werk ist erst vor kurzem i.cr

Se Äit entrissen worden und erklingtmeines Wi sens zum erstenmal Ä 'Berlin in dieser Osterzell in einer Feier der Akademie. Reich an «ter Schönheit, an der für Schütz so charakteristischen eindrucksvollen | Kmation, kühn in den harmonischen Verbindungen und warm aus I fiefftejn Herzensgrund das sind die klarsten Kennzeichen- dieses gmu- I ^"uiüer^Chorah^und Gesangbuch birgt neben anderen Dftertoeifen das I unsterblicheChrist ist erstanden", welches alte rote neue Meister zum

Cante finnus manch schöner Osterkompofition verwandt haben. Eine i eigene Weise des Auserstehungsliedes fand Berlivz tn feinerDam- nafipn" anaeregt durch die zwar nicht originalen, aber gut ins nran-

I zösjicho 'übertragenen Goetheverse des Faust-Osterchores. Auch haben die e I fflneibefdieu Osterglocken manche andere gute Komposttlon beschworen, o I in ben guten Faustbühnenmusiken von ß in Span n tue r, e ß e c e r f, I Weingartner und S ch i l l i n g s. Von Dfterhebern ist nur uor allem i tjn iauchiender Hymnus von Hugo K a u n gegenwärtig: Ostern halleluiah.

I So erklingen von ber tragischen Trauerweise des Karfreitags- bis zum Fnihlingsjubellied bes Auferstehungstages nut den dumpsen Glocken der

I Vai'sionswvche und dem Hellen Läuten ber Osterglocken unsre Seelen in f Msik, mitschwingend in ihrem Rhythmus und sich erlebend m ihren ui = I melobien.

Ostern in der Dachluke.

Aon Peter Warmund.

In diesen Wochen um Ostern, ba die Auferstehung der Natur mit einem heiligen Symbol geistiger Erneuerung zusammenfallen soll, die

I Sonne aber sich immer noch sträubt, ihre Pflicht gegen die aufatmende Erde recht zu erfüllen, während alle Kreatur schon auf das Ende der

I kalten Winde harrt und die Hellen sonnendurchgluhten Stunden yerbei- I sthnt in diesem Zwischenreich von uugeroiffen Stimmungen und auf- I dämmernden Hoffnungen also denke ich oft genug an jene Ostern vor oem | Eiherenfernrohr zurück, ba ich bie Ahnungen dieser Zeit nicht als ein um I mittelbarer Mensch, sondern als ein Subjekt zweier Glaser erlebte, tue l mir damals die Welt zu bebeuten hatten. Das geschah am Ausgange des I zweiten Kriegswinters, ist aber gleichwohl ein friedliches und oun.es | Abenteuer. , . .

Das Dorf Oftrowitz lag auf einer steilen und zufälligen Anhohe .gleich | hinter unseren Schützengräben und war von ber russischen Artillerie oft I genug mit argem Streufeuer heimgesucht worden, das es ober doch nicht | verhindert hatte, daß über allem Getrümmer eine ärmliche Bauernkate | emporragfe, ein Blockhaus, aus ausgebleichten grauen Stämmen höchst k fimpcl zusammengefiigt, mit einer Kammer im Erdgeschoß und einem I Bodenraum darüber, der durch das spitze Strohdach abgedeckt war. In | diesem Stroh hatten wir mit vieler Mühe einen unauffälligen Ausschnitt I angebracht, und liier stand nun der eigentliche Held dieser Begebenheit. I das Scherenfernrohr unserer Batterie. Seine beiden Stielaugen blinzelten I über den Dachrand in die Welle. ,

Ich aber hatte mit Morgengrauen auf einen wohlgefugten Hochsitz, | °uj eine Art Stuhl zu klettern, welcher mich immer wohltätig an utele | Nächte vor heimischen Bartischen erinnerte, die ich oft genug auf diesen i hohen Sitzen verlumpt hatte. Eisgetränke und bunte Liköre freilich fielen ! in dieser Umgebung fort, dafür hatte ich mich mit ben beiden Okularen Weines Scherenfernrohrs zu beschäftigen und weiter nichts zu tun, als die f Landschaft zu beobachten. Um mein Gesicht wehte immer die eisige Kalte - oieier Gegend, über meinem Kopf pfiffen die russischen Granaten, die zuweilen den schwächlichen Versuch machten, unsere Kate als gefährliches i Objekt zu zerschießen, unendliche Wolken von Schnee fielen auf wich herab uni> hinter einem finsteren Himmel zog die Sonne ihre Bahn, verschleieil und unsichtbar, aber doch nach ewigen Gesetzen Tag und Nacht beftinv menb. Der Städter hatte bisher noch nicht Gelegenheit gehabt, in so V cn9cr Berührung mit dem Wesen der Natur zu kommen. Er haue ost I Unug das WortLandschaft" gebraucht, ohne doch einmal zu erfassen, | was cs bedeutet. '

I . Landschaft. Wenn ich meinen Scherenapparat vornüber tippte, sah ich ; !T: irrsinniger Verzögerung bie Infanterie in unseren Gräben so nah, als wnnte ich sic mit ber Hand greifen. Wenn ich ihn spielerisch gegen ben

I Ruynel hob, sah ich darin ein immerwährendes unverändertes Grau

-'er von diesem Zeitvertreib abgesehen, standen meine ischerenaugen gerecht und beobachteten bie Weite des feinblichen Laubes.

I "Nb da war nun eine unendliche Schwermut über alles hingegossen. I Ä \ortc bie Klagen russischer Gesänge aus ihr. ich verstand auf ein» . mal die gedrückten Seelen aller russischen Menschen, bie sich über sich