dieser Stätte des heiligen römischen Reiches Kaiser war, und in flacher ; Nische daneben windet sich heraldisch ein schwarzer Wurm mit goldenen ! Borsten: Salamander, Molch, Lindwurm, Moordrache — er ist, was er ; auch sei, das Wappentier des Städtleins. Uni mich geht ein Geruch von frischem Ochsenblut, von Rauchfleisch und von Malz.
Wie ich die gescheuerte Bank der Bräustube räume, taumle ich mit müden und heißen Augen über schwere Wolkentreppen in einen krummen und brandroten Mond. Der Mond ist aufgestanden: um die gestaffelten Giebel des Schlosses, um die barocken Schnörkel des Turms von Sankt Nikolaus begann bereits fein wütendes Karussell. Grabkreuze ragen weiß. Drinnen liegt am Seitenaltar auch zu dieser Stunde, da niemand Einlaß findet, der gläserne Sarg der heiligen Viktoria; unbeweglich, indes vielleicht von einem frommen Strahl des trag schweifenden Mondes gestreift, ruht auch jetzt das brüchige Gerippe in seinem köstlichen Kleid aus spinnwebfeinem Tüll, goldenem Brokat und böhmischen Steinen, und auch zu dieser Zeit ist die knöcherne Rechte mit der Palme des Martyriums geehrt: auch nun ist der schneeweiße Stucco im süßen Jubel aufgeschwun- s gen — ein Tanz von Engelsbeinen, der zierlich geschwellte und zierlich gehöhlte Arm einer Seligen, die wehenden und golden gesäumten Hemden des Paradieses, das himmlische Gewölk unter dem Finger und dem weißwehenden Greisenbart des Schöpfers in excelsis ... Ich gehe vorüber, mondwärts trabend. Schon liegt mir, den unreinen Mond badend, der Riegsee drunten, und seine sanften Ufer, gleichsam blond selbst in diesem Schein, wollen mich auch im Licht der Nacht wie mit dem harmloseren Wesen schwäbischer oder fränkischer Landschaft beschwichtigen. Links hin- ! aus breitet sich mit Inselchen und kurvenreichen Strand der milde Staffel- • fee zur Ruhe eines moorigen Teichs in die leere Ebene.
Doch nicht, was ich an diesem überschwänglichen Tage gesehen habe und noch sehe, bewegt mich melancholisch Heimsuchenden in dieser Nacht am meisten: vielmehr was heute nicht gewesen ist — wie ich nun aus verjährter Gepflogenheit stets dort bin, wo ich nicht bin, und dort nicht bin, wo ich bin. Mich hält die Vorstellung verzaubert, die den innigsten und beständigsten Sinn dieser Landschaft umschwärmt, in der das ganze Oberland wie in einer idealen Mitte sich sammelt; die inwendige Vision i von jenem Himmel, den mir über den zwiefach stürzenden Heldentod der : Zugspitze heute nicht, sonst aber oft, beinahe täglich sehen durften. Dort, - wo das bayerische Land an die Grenze des tirolischen stößt, liebt es der • Himmel mit unbeschreiblicher Laune, nilgrün zu sein, bevor der Abend i einsinkt, und rosengelbe, rosenrote, fischgraue, erdbeerfarbene Wölkchen schwimmen zu lassen. Dort ist die echte Heimat des Föhns, der das Zeichen dieser Landschaft ist. Jener nun geträumte Himmel hat die Kirchen dieses Landes gemalt; die Farben des Barocks find die Farben jenes Himmels. Das passionierte Wehen zwischen Schnee und Glut, das Wehen des Föhns, des schmelzenden und formenden, hat die barocken Gewinde des Stucks gebildet. Scheinen sie nicht zu vergehen, während sie sind — und verweilen sie nicht, indem sie wehen?
Nun ist es finster um den senkrechten Sturz jener großartigen Kante, an der die oberbayerische Landschaft auf ihrem Wege gen Süden anhält. Aber in wenigen Tagen, vielleicht schon Stunden, werden Farben dort wieder ihre märchenhafte Zweideutigkeit auftun, die so metaphysisch und so sinnlich ist wie das Barock der Kirchen dieses Landes: Farben des föhnigen Himmels, aus deren fraulicher Süßigkeit mein immer, immer nördliches Exil sein bißchen Leben zieht.
Die FentralfchalLstsUe des Leibes.
Das Institut für hirnforfchung.
Von Dr. Erich Gutkind, Berlin.
Fast an die Geheimkulte vergangener Zeiten erinnern jene kleinen Konventikel, in denen eine Schar Eingeweihter auf den höchsten unzugänglichen Gipfeln der Wissenschaft ein entrücktes Dasein führt. In Laboratorien, umgeben von phantastischen Instrumenten, Tag für T«g geniale Erfinder unerhörter Methoden, mit denen wir Natur bezwingen, übersteigen, so schafft eine kleine Schar das Weltbild einer neuen anderen Zeit. Auf unserer Wanderung durch diese Wunderwelt, die mitten in dem Ueberschwang der Riesenstadt verschwiegen lebt, betreten wir ein altes, häßliches Haus. Nichts verkündet von außen, was hier vorgeht. Und wir finden ein Stück ruhmreicher Forschung, das „Kaiser-Wilhelm-Jnstitut für Hirnforschung und das Neuro-Biologische Institut der Universität". Leider eingepfercht in unzulängliche verwohnte Zimmer. Forscher sind hier mit Inbrunst bemüht, in Gebiete vorzudringen, nicht minder unzugänglich als die polaren Eiswüsten. Und ihre Hingebung, mit der sie unermüdlich unsägliche Einzelheiten beobachten, von denen aber auch nicht die feinste ihrem geübten Auge entgeht, ist nicht minder verehrungswürdig, als die gefeierten Erfolge des Wagemuts. Schwer vermag sich der Laie vorzustellen, wie ein kaum noch bemerkbares Detail außerordentliche Einsichten eröffnen kann.
Der Leiter des Instituts, Professor Oskar Vogt, informiert uns, daß dieses Unternehmen vorläufig noch nicht irgendwo seinesgleichen hat. Ein von ihm kürzlich in Moskau geschaffenes zweites Institut für Hirn- forfchung hat noch keine eigene Geschichte. Professor Vogt arbeitet mit feiner Gattin, einer ebenfalls längst bekannten Autorität. Ein Stab von Mitarbeitern, darunter viele Damen, leiten zahlreiche Unterabteilungen. Nun sehen wir eine Unzahl von Gehirnen, normale, kranke, tierische. Wir sehen, wie die Gehirne, von Alkohol gehärtet, in Paraffin gebettet und mit Mikrotomen in Schnitte zerlegt werden, die in einer Dünne von einem Fünfzigstel Millimeter ausgeführt werden können. Raffinierte Färbemethoden taffen bann den feinen Zellenbau hervortreten. Mikrophotographische Apparate machen Aufnahmen der feinsten Stuktur. Eine eigene kleine Druckerei erlaubt, die Präparate unmittelbar auf Drucktafeln zu übertragen. Und wir sehen Tafeln, Photos, Präparate, Schnitte, in verwirrender Anzahl, musterhaft geordnet, fo daß jeder Einzelsall sofort auffindbar ist.
Die Photos erinnern uns fast an jene Aufnahmen, die unsere Riesen, fernrohre von den Sternemvelten machen. Beim Anblick dieser Zell- schwärme denkt man an die Photos der Milchstraße mit den Wolken von Sonnen. Und vielleicht ist der Bau des ganzen Fixstern-Systems recht ein. fach im Vergleich zu dem Bau auch nur eines Gehirns. Diese große Einsicht veranlaßt Vogt zu der Meinung, daß unser Gehirn in seiner Kompliziertheit sehr wohl fähig sei, dem Reichtum unseres Seelenlebens zu entsprechen. Diese Meinung ist nicht unwidersprochen geblieben. Krae- pelin und Hoche protestieren. Hoche meint, daß insbesondere eine ein- heutige Beziehung der einzelnen geistigen Vorgänge auf bestimmte Strub turefemente des Hirns nie gelingen werde. Vogt ist sich wohl im Klaren, daß Seelen- und Geistesleben etwas total Wesensanderes ist als Gehini- vorgänge. An eine Wechselwirkung dieser beiden Reiche zu glauben, ist philosophische Barbarei und zerstört jede strenge Forschung. Bogt bleibt besonnen bei der Theorie vom Parallelismus von Körper und Seele stehen. Vorläufig ein ausreichendes Prinzip, um Hirnbiologie treiben zu können. Wer fragt, wo im Gehirn denn nun die Seele zu'finden fei, ist wie einer, der ein Klavier in feine Teile zerlegt, um „die Musik" darin zu finden. Hätte er das Klavier als unzerlegbare Einheit, als Gestalt erschaut, so wäre ihm auch die Musik nicht unauffindbar geblieben. Also wohl werden wir in diesem Institut in ein Zentrum geführt, aber nicht in ein philosophisches oder ein psychologisches, sondern in ein biologisches.
Die Forschung befaßt sich zur Zeit stark mit der Großhirnrinde, jener gefurchten Schicht, die auch der Laie als 'bas charakteristische Bild des Hirns wohl kennt. So wie etwa ein Tuch zusammenge knüllt in einen engen Raum gepreßt werden kann, so hat die Natur hier einen Weg gefunden, eine große Fläche in der Schädelkapsel unterzubringen. Aus- gebreitet dehnt sich diese Fläche auf einen halben Quadratmeter aus, Größe und Gewicht des Hirns ist, von extremen Schwankungen abgesehen, nicht so entscheidend, wie man früher glaubte. Auch nicht die Relation zum Körpergewicht. Eher schon die Durchbildung ber Furchung. Das wahrhaft Entscheidende aber liegt in der feineren Struktur. Diese Rind« ist so recht ein Privileg höherer Arten, denn die niederen haben an ihrer Stelle nur eine Vorstufe davon, ein membranartiges Häutchen. Zu Beginn des Jahrhunderts kannte man auf dieser Rinde etwa zehn „Zentren" Das find Partien, von denen aus bestimmte Funktionen versorgt werden, wie Gehen, Sehen, Sprechen, Bewegung der Finger. Heut kennen wir bereits etwa dreihundert solcher Nindenzentren. Diese Zentren sind schay umgrenzte Gebiete, von einigen Quadratmillimeter Ausdehnung, in denen man etwa zehn verschiedene Schichten unterscheiden kann. Jede dieser winzigen verwickelten Welten hat eine besondere charakteristische Funktion. Wegen der Einheitlichkeit dieser Funktion, die an je solchen wunderbaren Staat gebunden ist, spricht man von „topistischen Einheiten" Auch alle Krankheiten, so weit sie mit dem Gehirn zusammenhangen, haben eine Beziehung zu solchen „topistischen Einheiten". Wir sehen in einem Rinden-Dünnschnitt einige winzige Veränderungen, — ein Kranker, der an Zwangsweinen und Lachen litt. Einige haarfeine Durchlöcherungen eines kleinen Gebietes, — ein Paralytiker. Einige solcher topistischen Einheiten sind 'deutlich ausgefallen, — ein Patient, der nut noch über zwanzig' Worte verfügte, die er auszusprechen vermochte. Dam bas berühmte „Sprachzentrum". Auch hier alles viel verwickelter, als man annahm. Sprachstörungen durch Verletzung dieses Zentrurns dürfe« nicht voreilig gedeutet werden. Ein Vergleich mag es verdeutlichen. Die Uhrfeder treibt die Uhr an. Aber wenn ich ans der Uhr auch andere Teile als die Feder entferne, bleibt die Uhr stehen. Das „Sprachzentrum" ist nicht die Uhrfeder. Beim Papagei find diese Partien schlecht entwickelt ein Beweis, daß es nur ein scheinbares Sprechen ist.
Bedeutsam sind auch die Ergebnisse der vergleichenden Forschung. Embryonen-Hirne zeigten, 'daß sich H a e ck e 1 s „biogenetisches Grund gefetz" keineswegs bestätigt. Es fanden sich bedeutende Abweichungen Mit der Stammesgeschichte und spezifisch menschliche Bildungen, die in bet Deszendenz nicht vorkommen. Das Geruchsgebiet ist beim Mensche« gegenüber dem Tier, zum Beispiel dem Hund, keineswegs degeneriert, nut das Aufmrhmeorgan, der Riechkolben ist erheblich schwächer gebaut. Dagegen ist die höhere Verarbeitung der aufgenommenen Eindrücke viel stärker ausgebildet.
Man ist anfangs überrascht, im Institut sorgsam ausgebaute Abteilungen für Jnsektenforschung zu finden. Profeflor Vogt geht davon aus, daß gewisse Einsichten sich zunächst leichter außerhalb der Hirnsorschmg finden lassen. Diese Resultate werden dann versuchsweise auf die Gehini- biologie übertragen. So finden sich in dem Variieren gewisser Jnsektm- arten die Gesetzmäßigkeiten, die bei pathologischen Vorgängen im Gehirn wiederkehren, und zwar besonders in der Reihenfolge, in der die feinen Strukturelemente befallen werden. Wir befinden uns hier in der NW der de V r i e s scheu Mutationslehre, jener Quantentheorie der Biologie. Anstelle der alten Lehre: „Die Natur macht keinen Sprung", tritt die. neue „Die Natur macht nur Sprünge". Und — ewige Wiederkehr !e- Gleichen — sogar -der große Universalienstreit des Mittelalters wird weder lebendig. Sind unsere Allgemeinbegriffe nur abstrakte Sammelnarrwn für individuelle Fälle, die das einzig Wirkliche sind, ober sind sie reait Mächte, Wesenheiten. Fast scheint es, als ob die Biologie sich für W llSefenheiten entscheidet. Zur Entscheidung hat Vogt mit fast erschrecken-M "Zähigkeit Hunderttausende von Insekten, besonders Hummeln, auf feimte individuelle Abweichungen unterfucht. Das praktische Ziel dieses wisier- schaftlichen Heroismus ist die Gewinnung einer anatomischen Gnmdlog« der Geisteskrankheiten. Es scheint, als ob schädliche Reize, die diffus ganzen Körper befallen, sich immer wieder in relativ wenigen der „top' stischen Einheiten auswirken. Das ermöglicht nicht nur eine KlafsisiM' rung der Geisteskrankheiten, sondern gibt, wenn auch noch fern, die W; nung einer Chemotherapie, denn die Anfälligkeit dieser winzigen Gebnie hängt zuletzt wohl von ihrem physiologischen Aufbau ab._
Der zusammenfaffenden intuitiven Gestaltenschau möchte das W wohl mehr als ein Schaltwerk, denn als schöpferische Werkstütte, w | scheinen. _
Verantwortlich: Dr. Hans Thyr io t. — Druck und Derlag: Brüh l'sche Universitäts-Buch-und Steindrucker ei, 2t. Lange. Gießen,


