Ausgabe 
7.2.1928
 
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deducation et de recreation* der RomanFünfWochenimLuft- b a l l o n" und hatte einen [o starken Erfolg, daß er sich alsGoldmine" erwies, dis Lerne durch fast 40 Jahre unermüdlich ausgebeutet hat. Jedes Jahr erschienen nun ein oder mehrere Romane, ein Schlager nach dem andern: Nach der Ballonfahrt mit ihren tollen Erlebnissen im innersten Afrika kam dieReise nach dem Mittelpunkt der Erde", die ein deutscher Professor unternimmt, dannVon der Erde zum Mond. Direkte Fahrt in 87 Stunden 20 Minuten", auf einer Idee ausgebaut, die uns heute beson­ders aktuell anmutet, denn den Gedanken, eineRakete" nach dem Mond abzuschießen, wie ihn der Dichter mit aller Ausführlichkeit erläutert, hat die modernste Wissenschaft ernsthaft wieder ausgenommen und erörtert die- stlben Probleme, die im Roman so überraschend gelöst werden. DieAben­teuer des Kapitän Hatteras" schildern die Entdeckung des Nordpols mit Einzelheiten, die sich in den Berichten späterer Polarforscher, wie P e a r y und Scott, wiederfinden. Ebenso berührt das Gemälde der Tiefsee, das in den20 000 Meilen unter dem Meer" entworfen wird, merkwürdig modern, wenn man an die neuesten Forschungen der Meereskunde, an die jetzt wirklich erlebten Kämpfe mit den Riesensischen des Ozeangrundes denkt. Auch die Fortschritte der U-Boote sind hier vorausgesehen. Später wiegen die reinen Abenteuerromane vor, die nur einen wissenschaftlichen Einschlag haben, so in den Lieblingen unserer Jugend, denKindern des Kapitän Grant", demKurier des Zaren", den500 Millionen der Begum". Auch das Theater ließ sich diese dankbaren Stoffe nicht entgehen, und mit der Dramatisierung derReise um die Welt" und desMichel Strogoff" wurden Bombenerfolge und Rieseneinnahmen erzielt. Heute greift der Film nach diesen Themen und macht einem großen Publikum Sternes Werke von neuem mundgerecht.

Verne hat auch einige geographische Schriften und eineGeschichte großer Forschungsreisender" geschrieben. Als unermüdlicher Lehrer holte er sich seine Anregungen von überall her und verbrämte mit bett gelehrten Zutaten feine Handlung. Aber das Entscheidende für feinen Erfolg war doch die starke Erzählergabe, die spannende Geschehnisse geschickt zu ver­knüpfen weiß. In seiner Technik ist er der Schüler Victor Hugos, Sues und des älteren Dumas, nur daß er den maßlosen Uebersteige- rungen und wilden Ausgeburten der Phantasie durch die wissenschaftliche Behandlung eine größere Folgerichtigkeit verleiht. Dabei kann er in der Kraft der Erfindung mit seinen Vorbildern nicht wetteifern und wieder­holt sich später vielfach. Eine liebenswürdige Note aber gibt seinem Stil der harmlos frische, manchmal ironische Hutnor und die ausgezeichnete Charakterisierung einiger Figuren, wie z. B. des Schiffsarztes Dr. Claw- bonny imKapitän Hatteras" und des prächtigen Phileas Fogg in der Reife um die Welt". Die einzelnen Völker sind mit typischen, aber be­zeichnenden Zügen charakterisiert. Von einer tieferen Psychologie der Men­schen und Rassen ist allerdings keine Rede, ebensowenig von einer dich­terischen Vertiefung und Beseelung des Stoffes. Jules Sterne war der Märchenerzähler eines mechanistischen und materialistischen Zeitalters, das heute vorbei ist. Er verkörpert den Sieg der Phantasie selbst in einer Epoche, die von ihr nichts wissen wollte ...

Oberbayerische Landschaft.

Von Wilhelm H a u s e n ft e i n.

Urgeschichte ist noch spürbar. Nach Regentagen kehrt das weite Moor zwischen Murnau, dem Vorbruch der Garmischer Loisach und den Amnten- gauer Bergen in jein ursprüngliches Wesen zurück? Das Wasser der Traufe ift auf der von Feuchtigkeit immer satten Moorwiese in blanken Lachen stehengeblieben das Moos ist wieder See geworden. Die südwärts nie­dergehenden Hänge, auf denen ich weile, werden Ufer; ja es ist mir zumute, als seien sie von wallenden Gewässern der Vorzeit aufgeworfen und ausgeformt im Rückprall suchender Flut vom steinernen Hoch­gebirge her. Drüben heben sich die starken Mauern, die den Norden vom Süden scheiden: die Alpen von der zackigen Benediktenwand über die Bastion des Herzogstandes und das blitzlinige Diagramm des Heimgarten­arads und über die scharfen Kanten der seltsam kannelierten Eschenlocher Steinberge bis hin zur weihesten Mitte; dort ist die elegante Pyramide der Alpfpitze geborgen; dort stürzt der heroisch« Anhub der Zugjpitze wie mit wagender Willkür in doppeltem Absprung nieder südwestwärts klafft ein gewaltiger Hiatus. Das Panorama wird danach von der vorder­gründigen Nähe lebhafter und vertraulicher Kulissen ausgenommen und fo ui reizender Unsymmetrie fortgesetzt. Das Ettaler Mandl reckt eine vor­witzige Nase in den blanken Himmel auf. Im Bogen rechtshin erst, dann rechtsher wächst Waldgebirge zu uns nieder, auslaufend in den flachen Rücken zwischen Moor und Staffelfee in den nämlichen Zug, auf dem ich blickend verharre, um eine Welt zu überschauen, die ich in Jahrzehnten, von Meter zu Meter fast, mit wanderndem Fuß betreten habe.

Das Moos liegt horizontal wie eine Wasserwaage. Es ist mit falbem (Bros bewachsen, und mit der torfigen Bräune des nassen Bodens mischt sich die fahle Farbe groben Rasens zu dunklerem Ton. Wie Negerhütten stehen bauchige Kegel aus Stroh und dürrem Schilf längs den Ufern des braun und leise fließenden Moorbachs; an die im klassischen Geschmack erbaute Mühle stnd sie gedrängt wie ein Dorf an einen Palast. Die große bäge des Holzwerks surrt und schrillt; mächtige Stapel rostfarbener Balken tollen Bretter werden für Häuser, Schränke, Wagen, Särge. Inmitten des Torfmoors heben sich Hügel, hochgewühlte, die von Fichten schwarz sind; sie gleichen steilen Inseln, und die Unruhe ihrer Linie ist so lebendig, daß sie sich zu bewegen scheinen. Wer weiß, welches verzweifelnde Leben dort einmal eine Zuflucht fand ... Doch ruhig steigen herwärts die Wiesen on. Dort ähneln sie dem Fell an eingesunkener Flanke einer Löwin in der Wüste; hier blähen sie sich gelinde mit dem zarten Grün erneuernder Jahreszeit. Zwei Wege führen durch die Raine hin: der eine querhinab, mit Birken gesäumt, über deren weißen Stämmen schießende Ruten zu violetter Röte entzündet sind; der andere freundlich gleichlaufend dem Drang des (Sebirgs, behüteter Spaziergang über dem Rand des Moors; «r ist mit Eichen bestellt; das Laub hält eine stumpfe Mitte zwischen Kup­

fer, Gold und Rost; es blieb vom vorigen Herbst und raschelt trocken unb nervös, wenn der Atem des Windes genügsam ankommt. Ein Spatzen» schwarm flattert kreischend durch die dürren Wipfel. Aus den Dächlein aus- gesteckter Kasten hoch oben an silbergrauen Stangen betreiben magere und seidig glänzende Stare ein kornisches Geschwätz. Finken mit kakaofarbener Brust versuchen neu die muntere Unschuld ihrer werbenden Kadenzen. Zwijchen Qual und Entzücken, die nur eines sind, (löten Amseln die frühe­sten Ahnungen des Jahres mit einem Ton, der noch zu feiner herzbe­wegenden Stärke nicht auszubrechen wagt; sie sitzen schwarz und steif, gelb» schnäbelig, mit wollüstig abgespreizten Flügeln auf Telegraphenmasten oder auf den Baumwipfeln, wo sie am höchsten sind. Die Riffe der stei­nernen Berge find verschneit; doch der Archipel von Schneeglöckchen zu meinen Füßen hat den nämlichen Winter schon in feistgrüne Blätter und Schäfte und in weißes Blühen verwandelt. Auf wässeriger Wiese gedeihen sie köstlich und rührend zwischen Mistbrocken, und es verschlägt dem reinen Wunder ihres bleichen Lebens nichts, durch den stinkenden Unrat hindurch­zuwachsen. Ist er nicht goldfarben wie die Malerei des Rembrandt und feit Jahrtausenden eine Nahrung der Erde im Frühjahr?

Die Boden der Fluren kreuzen schwellend einer den anderen. Der licht­grün beflaumte Umhang eines Hügels, sanft gerundet wie eine weibliche Brust, begegnet einem Kirchturm, der drunten im Tal aus alten Zeiten bauender Menschheit übrig ist, und verdeckt ihn zur Hälfte. Weiß schimmert er vom Kalk; erträgt das einfache Winkeldach geringer und stumpfer Dorfkirchen dieses Landes; das Dach ist schwarz wie die vom, Pflüger aufgebrochene Erde der Felder, in denen nasse Kartoffeln eine späte Reife haben. In dieser Landschaft gibt es viele Kirchen. Der Turm der Kapelle überm Moos ist mit einer hochgezogenen Zwiebel augsburgischer Art wie mit einem Turban oder Gugel gekrönt; ähnlich der Kirchturm von Ohlstadt, aus dem es von fernher läutet. Der Turm der Kirche des Marktes Murnau, die dem heiligen Nikolaus geweiht ist, spielt eine lockere, eine närrisch gebauschte und wieder zu bizarren Taillen eingezogene Figur in die leichte Luft hinauf, als wäre hier China ober die Türkei. Haben ober- bayerische Bauern den exotischen Aberwitz, der dieser Landschaft so gut zu Gesicht steht, aus den barocken Kriegen kurfürstlicher Zeit nach Hause ge­bracht aus Kriegen, die den Sultanen der Moslim, den Minareten und dein Halbmond galten?

Vorgestern stand Nebel bis an unsere Augen, Lippen und Nasenflügel. Gestern war der Himmel grau, die Landschaft deutlich und matt; fast schrecklich kenntlich war sie wie der Tod. Die Tannenwälder standen an den Abhängen der Berge, wie mit Tinte gefärbt. Heute reift die Sonne weißglühend wie im Juli an einem Himmel hin, dessen makellose Bläue dem homerischen Purpur des mittelmeerländischen Himmels zugehörte. Noch der Abend ist warm. Das Jahr will feine Einheit weisen: vom Win­ter zum Sommer, vom Frühling zum Herbst ist es nicht weiter als von dieser Landschaft bis zu ihr selbst hin an diesem Tage; jetzt vereint sie alle Jahreszeiten, und alle Jahreszeiten werden das Nämliche. Die fchnee- ichten Zinnen der Alpen sind von einem zärtlichen Duft überspannen, und seine silberne Lieblichkeit verspricht einen schönen Morgen. Wir freuen uns, denn wir hoffen ... Nun malt die niedergehende Sonne mit später Leidenschaft das kalte Gehege der Gipfel feurig; erst malte sie es rosa­rot; jetzt malt sie es röter; letzt hebt sich die Röte, immer mehr gerötet, schon scharlachrot und nun schon himbeerfarben, in berglose Höhen. Sie scheinen ein zwar ungeformtes Dickicht widerständiger Atmosphären darzu­halten, damit das Rote, das die Rippen und Grate der Berge verließ, in wegelosen Himmelshöhen sich noch zu lagern vermöge. Abwärts bis zu den Scharten der Alpen hat sich derweilen eine Zone (amenbelblauer Lust ge- bilbet. Sie ist süß unb kalt; sie bezaubert unb sie macht unruhig. Ich blick« gen Westen. Ueber der finfenben Sonne ist ber Himmel mit einemmal schweflig; Wolkenstreifen, unversehens aus bleigrauen Flocken mit orange­farbenen unb golbenen Rändern stehen in seltsam genauen Geraden wie nach verdächtigem Plan. Der stille Staffelfee am Anfang der nörd­lichen Ebene spiegelt in mannigfachen Buchten gründlich das Feuer und Grau eines abendlichen Himmels. Die erste Dämmerung haucht mich mit einem Obern an, ber bie verführende Wärme und die Schrecken heimlichen Fiebers hat ... Ich weiß, was dies bedeutet. Es sagt, daß dieser schim­mernde Tag ein triumphierender Betrug gewesen ist. So kündet sich der Sturm kommender Mitternacht, ber die Ziegel des Hausbachs wie Herbst­blätter Verblasen wirb. Um die vorletzte Stunde werde ich vom Bett aus durch bas Fenster schauen: keiner der Sterne, die jetzt über den teerofen­gelben Schlüsselblumen treulich blinkend ausgehen, wird geblieben sein; sie werden mich Verurteilten verleugnet haben, und aus dem schwärzesten Himmel wird der nervenerweichende Föhnwind nieberfegen. Gegen die Frühe wird es regnen. Uebermorgen wird es schneien; es wird ein Ge­stöber ohnegleichen fein. Es ist beschlossen ...

Noch zaudert der Tag in die Nacht zu vergehen. Die uralte Glocke der Kapelle ob dem Moos tut ihr Abendläuten. Sie hat den Ton einer Kuh­glocke; es Ift als bete in ihm die unvernünftige Kreatur. Aber die alle Glocke ift auch zersprungen. Sie ist zersprungen, wie seit den Tagen ihres Gießers das einige Mittelalter zerfpellt ist; sie ist rissig wie unser Glaube. Ich weih keine Glocke, deren Ton mich heftiger beträfe. Schier raffelt er; er ist heiser; er schellt, als wäre der Klöppel das böse Gewissen von Jahrhunderten zur Freude Satans so auch; mit jedem Schlag des Schlägels zerschellt der Ton der Glocke wieder, und jedesnwl zerreißt er die Seele.

Jetzt geht bas große Abendläuten der Marktkirche weicher und reicher auf. Es wäre die Stunde, einige Schritte in den Markt zu machen und einen Steinkrug braunen Biers zu trinken. Langsamen Schrittes gehe ich hinab, hinüber und wieder auswärts. Die Häuser bewohnen die steigende Straße mit breiten Fronten und durchaus umgegiebelt; sie stehen wie eine lateinische Häuserzeile, mit klarer Antiqua geschrieben, und die Haupt- R meines Marktes Murnau bestätigt der Ludwigstraße zu München htheit des Daseins. Auf ihrer Marmorsäule steht marmorn unb mürb Maria mit dem Kinde. Sankt Georg, ber Drachentöter, sprengt in gläser­nem Käfig über den Eingang einer Nebengasse; am Rathaus, das zwischen den heiteren Launen roter, blauer, gelber, violetter Bürgerhäuser mit schneeweißer Würde festfteht, ist Ludwig der Bayer gemalt der auch an