Ausgabe 
7.2.1928
 
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kannte er, fei in jeder Hinsicht heilsam für ihn. Einmal sammelte er ge­diegene Kenntnisse, dann sei er immerfort gezwungen, all seine Kräfte anzuspannen, wenn er sich in dem großen Betriebe behaupten wolle. Nach anderthalb Jahren wurde sein Gehalt erhöht. Der Stendant schrieo an seine Töchter, Leonhard scheine bei den Sachsen festen tfufe gefaßt zu haben, er glaube der Sorge um ihn nun enthoben zu sein, dessenunge­achtet war im tiefsten Grunde seiner Seele das Mißtrauen noch lebendig, das sich seit der Affäre mit dem langen Rydenhausen in ihm eingenistet. Leonhard hatte dem Laster des Spiels gefrönt, hatte eine beträchtliche Summe eingebüßt. Es gab keinen Spieler, der nicht wieder zu gewinnen hofste, was er verloren hatte. Die besten Vorsätze schmolzen an der Glut der Leidenschaft. Irgendeine Gelegenheit, und die unselige Neigung würde auss neue geweckt. Den Rendanten ließ der Gedanke nicht los, eines Tages werde eine Hiobspost aus Plauen kommen. Er litt förmlich unter dieser Vorstellung, zumal er sie in sich verschloß und es vermied, sich gegen irgend jemand auszusprechen.--

Zwei Jahre war Leonhard der Heimat fern geblieben. Da er jetzt unvermutet und wie sein Vater wußte, inmitten einer lebhaften Geschäftsperiode seinen Besuch ankündigte, bemächtigte sich des alten Herrn eine große Aufregung. Zwei Möglichkeiten, erwog er, gab es: entweder der Junge hatte sich mit seinem Prinzipal überworfen, oder er war wieder auf Abwege geraten, hatte gespielt und Verluste gehabt. Das letztere war das Wahrscheinliche. Diesmal war Schmittborn fest entschlos­sen, sich nicht breit schlagen zu lassen und keinen Pfennig herauszurücken. Er würde dem leichtsinnigen Burschen den Standpunkt klar machen, würde mit den Worten schließen: das letzte, was ich für dich bezahle, ist die Ueberfahrt nach Amerika. Da gehörst du hin!

Kaum daß sich der Rendant heut nach Tisch niedergelegt hatte, stand i er gegen seine Gewohnheit wieder auf und lief von einem Zimmer in das andere. Später auf der Sparkasse zeigte er sich so gereizt, daß jein alter Kollege Zimmermann die Aeutzerung tat:

Schmittborn, was ist denn in Sie gefahren? Ich glaub'. Sie wer­den krank, sind's vielleicht schon."

Möglich!" erwiderte der Rendant, griff zu Hui und Stock und ver­ließ das Geschäftszimmer. Als er nach einem Gang durch den Stadtwald gegen Abend seine Flurtüre Öffnete, stand Leonhard vor ihm.

Grüß Gott, Vater! Da bin ich schon!" rief er herzlich.

Wann bist du gekommen?" fragte der Rendant kühl.

Mit dem Fünfuhrzug", antwortete der Leonhard, über den wenig freundlichen Empfang betroffen, den ihm fein Vater zuteil werden ließ.

Ich hab' dich erst um sieben erwartet", bemerkte der Rendant.

Sie gingen in die Wohnstube, wo Dortel, die treue Dienerin, bereits den Tisch gedeckt und mit einem Blumenstrauß geschmückt hatte. Der alte Herr ließ sich ermattet auf seinem Sofa nieder und dachte:Nun wird die Bombe platzen!"

Leonhard aber sagte:

Wenn diris recht ist, Vater, bitt ich die Dortel, daß sie das Essen bringt. Du wirst denken, ich komme aus Hungerburg. Der Zug hat sich nirgends länger aufgehalten. Ich hab' mich seit heut' morgen um fünf mit ein paar Schnippel Wurst behelfen müssen und fall schier um."

Laß anrichten", gebot der Rendant und sprach bei sich:Wenn ein Mensch so fidel ausschaut wie der Leonhard, sollte man meinen, er konnte nicht viel auf dem Kerbholz haben. Oder er muß schon tief gesunken sein."

Die Dortel trug das Essen auf. Der Ankömmling verschlang den leckeren Braten in großen Stücken, während der Rendant in Schweigen verharrte und nur ein paar Bissen zu sich nahm. Erst als Leonhard Messer und Gabel hingelegt hatte, hob er an:

Du bist über Hals und Kopf hierhergereist. Was ist denn eigentlich passiert?"

Leonhard lächelte.

Du wirst dich wundern, Vater. Ich habe mich verlobt."

Der Rendant hatte das Gefühl, als fiele ihm ein Stein vom Herzen.

Du hast dich verlobt? Mit wem?"

Mit einem Hebert prächtigen Mädchen, Vater. Sie heißt Hermine Schneider und wohnt in Greiz."

Krieg die Krammenot! Wo habt ihr euch denn kennengelernt?"

Das ist ein ganzer Roman. Und weil ich dir alles erzählen, auch mancherlei mit dir überlegen wollte, habe ich den Chef um zwei Tage Urlaub gebeten. Er wollte erst nicht dran. Wir haben nämlich schrecklich viel zu tun. Hernach hat er doch Ja gesagt."

Seit Eingang des Telegramms hatten die Gedanken des alten Herrn nur den einen Punkt umkreist:Was mag der Junge wieder angestellt haben?" Nun er seine Besorgnisse sich in nichts auflöfen sah, schlug seine Stimmung um und er sagte mit einem Anflug von Gemütlichkeit:

Da bin ich wirklich gespannt!"

Leonhard begann:

Am zweiten Pfingsttag haben wir eine Spritztour nach Jocketa ge­macht. Du bist doch ein großer Naturfreund, Vater. Die Gegend müßt'st du tennentemen. Ich sage dir: herrlich! Der Weg zieht sich alsfort an der Elster hin. Die brubelt, daß man fein eigen Wort nicht versteht. Und die Wälder, Vater. Der Staat all'! Und erst die Felsen. Die werden abends lebendig und glotzen einen an wie wilde Männer mtt feurigen Augen, das es einen überläuft. Wenn man die Teufelskanzel hinter sich hat, steht man die Elstertalbrücke. Das ist ein wahres Wunderwerk. Don da geht's herauf nach Jocketa. Wir waren unser drei, der Herr Kohler, der Lagerist, der Herr Prestinari, der für uns reift, und ich. Wie wir nach Jocketa in den Gasthof kommen, ist da ein Trubel, nicht zu beschreiben und kein Platz zu kriegen. Der Herr Prestinari spricht:Wir gehen ein Haus weiter!" Ich sagte:Habt doch ein bißchen Geduld!" 'S hat den Herren aber nicht gepaßt. Und sie zogen ab. Ich blieb und guckte mich um wie ein Luchs. Und sah, da stand ein Soldat auf und schnallte um. An dem Tisch sah noch ein ältlicher Mann und ein junges Mädchen. Ich machte mich herbei und fragte:Ist der Platz frei?"Ja," sagte der Herr,der Platz ist frei." Nun war ich glücklich untergebracht. 'S hat nicht lange gedauert, da hat der Herr mit mir zu sprechen angefangen. Was man so spricht. Ich horte, er war aus Greiz, und das Fräulein war sein Schwesterkind.

Daß ich ein Ausländer war, hatte er gleich gemerkt. Und er fragt, wo ich dann her wär. Jetzt pass' acht, Vater. Man sollt's nicht für möglich halten. Und 's ist doch wahr. Wie ich ihm Rede und Antwort gab, kommt heraus, er hatte hier als Soldat im Lazarett gelegen und der Onkel Louis hak ihn operiert."

Der Onkel Louis?" warf der Rendant dazwischen,das ist kurios!

Nun war der Herr Grützner sck hieß nämlich der Herr sehr freundlich," fuhr Leonhard {ort,und stellte mir auch seine Nichte vor: Fräulein Schneider!" Eine Schönheit auf den ersten Mick ist sie nicht, ober goldig. Und von Herzen gut und gescheit. Wir zwei haben uns gleich verstanden. Unds ist mir als durch den Kops gegangen:Die hast du schon einmal wo getroffen!" Das glaubt man unds ist doch nicht so. Wie's Zeit wurde, daß man ans Fortgehen denken mußte, hatt's bei mir eingeschlagen. Und ich sagte:Fräulein, auf Wiedersehen!" Den Sonn­tag drauf fuhr ich nach Greiz. Der Herr Grützner ist Optiker und In­strumentenmacher und schickt seine Brillen herunter bis ins Oester- reichische. Er ist Witmann. Seine einzige Tochter ist nach Ronneburg verheiratet. Wie die alten Schneiders gestorben waren, hat er fein Schwesterkind zu sich genommen. Der Hermine ihr »ater war Hof- fourier beim Fürst und hat im Schloß gewohnt. Als Kind hat die Her­mine sogar mit den Prinzessinnen gespielt. Sie hat was los, kann eng= lisch und französisch. Und ist auch vermögend. Dadrauf komme ich noch später. Nun machte ich beim Herrn Grützner meinen Besuch und wurde zum Mittagbrot eingeladen,s war gut bürgerlich. Ich habe aber dem Essen nicht weh getan. Ich war zu aufgeregt. (Fortsetzung folgt.)

Märchenerzähler und Prophet.

Zn Zules Dernes 100. Geburtstag.

Von Dr. Paul Sanbau.

Die Menschen vergaßen die Enge der Gegenwart und stärkten ihre Augen an dem Horizont der Zukunft, achteten nicht mehr auf den Schmutz zu ihren Füßen über den schimmernden Bergen vor ihnen, die Jules Verne ihnen wies. Sie lasen mit leuchtenden Augen und glühenden Backen, bis ihr Licht kleiner brannte, konnten den Tag nicht erwarten, der ihnen neue Spannungen verhieß, und verstanden wieder die Tränen ihrer Kinder, wenn sie ihnen das Märchenbuch aus den sieberhaft feuchten Fm- aern nahmen." So hat Hermann Lons bei Bernes Tode die Begeiste­rung geschildert, die die phantastischen Romane dieses großen oabulierers bei ihrem Erscheinen hervorriejen. Das Entzücken an diesen naturwisten- schaftlichen Märchengeschichten, die den schrankenlosen Triumph der For- schuna und Technik feierten, ist verklungen; nur der Jugend bleibt die kühne Phantasie und Erfindungskraft des begabten Erzählers eine Quelle gesunder Unterhaltung. Wenn er selbst zu sagen pflegte, daß die Wirklich­keit seine Ersindungen stets überflügle, so ist das in unseren Tagen erst recht der Fall, da der Menschheitstraum des Fliegens, der Uebertragung von Ton und Bild auf weite Entfernungen und manch anderes erfüllt ist. DieReise um die Welt in 80 Tagen", mit der Verne die Welt verblüffte, kann uns heute nicht mehr imponieren; ebeniomemg die Fahrt unter bem Ozean, die Erforschung der Tiefsee, die Eroberung des Nordpols, die Reife im Luftballon. Aber Verne bleibt doch eine interessante Erscheinung als Ausdruck seiner Zeit, als der Typ eines logischen Phantasten der vieles von dem voraus sah, was heute erreicht ist, ein moderner Marchenerzayler und zugleich scharssichtiger Zukunstskünder war.

Die Utopie, die Ausmalung ersehnter und erträumter Zustande, hat ihre Nahrung stets aus soziologischen und naturwissenschaftlichen Erkennt­nissen gezogen. BaeonsNeue Atlantis" z. B. entgält die Vorausahnung von Naturkräften und technischen Wundern, die uns teilweise noch heute verschlossen sind. Die Versuche zu fliegen haben die Poeten stets zu kecken Träumen angeregt, und seit Cyrano de Bergerac hat man in der Poesie öfters die Reise nach dem Mond und nach andern Himmelskörpern gewagt. Aber man verknüpfte damit meist die Absicht, der Menschheit in Ernst oder Scherz das Idealbild einer besseren Welt vorzufuhren. Erst bei Verne wird die Utopie Selbstzweck. Sein ganzes Werk mit feinen vielen, vielen Banden ist ein Triumphgesang auf den Fortschritt der Wissenschaft, auf die Leistungen des Menschengeistes. Seine Helden sind stets Abenteurer auf der Jagd nach dem Unmöglichen, besessen von der Sucht nach dem Unbekannten, Unerreichten. Und stets ist es die Forschung, die ihnen hilft, das Ziel zu erringen. Der Glaube an die unbegrenzte Macht der damals auf der Hohe stehenden Naturwifsenschasten verlieh diesen Romanen ihre tiefere Resonanz, mochten auch die gelehrten Berechnung««, Erklärungen, Annahmen, wissenschaftlichen Abschweifungen und Vorlesungen nur ein Mäntelchen für das derbe Erzählertalent des Verfassers sein. Verne benutzt den angelesenen und fleißig gesammelten Wissensstoss nur als Sprung- brett, um sich auf den Flügeln seiner Phantasie ins Fabel- und Märchen­hafte zu schwingen, aber er hat diesen ewigen Ausschweifungen des Dich- tergeistes ein nüchternes, exaktes Gewand gegeben, das seiner Zeit gefiel, und seine Einbildungskraft bewegte sich in fo logischen Bahnen, daß sie i mehrfach spätere Erkenntnisse vorausgeahnt hat.

Ms Verne einmal als berühmter Dichter einen bekannten Minister tn Paris besuchte, bot ihm der Diener, sobald er seinen Namen auf der Karte gelesen, schle-unigst einen Stuhl an.Nehmen Sie Platz, Herr Verne ,, sagte er.Nach so vielen und weiten Reisen werden Sie sicher müde sein. Der Mann, den man nach seinen Schriften für einen unermüdlichen Weltwan­derer hielt, war in Wirklichkeit ein seßhafter Bürger, der all seine Fahrten durch unbekannte Länder und Meere, nach dem Nord- und Südpol, unter dem Wasser und nach dem Mittelpunkt der Erde, durch die Luft und nach dem Mond an seinem Schreibtisch in Amiens machte. Er hatte zuerst Glück als Theaterschriftsteller versucht, aber ohne Erfolg, so daß er R mit Geschäften an der Börse durchschlagen mußte. Da kam ihm ein« Tages ein Genieblitz.Ich habe eine Idee," sagte er zu stinen Freunden, wie sie nach dem Dichterspruch jeder haben muß, der sein Gluck mach« will. Ich werde einen Roman in einer ganz neuen Form schreiben, mm wenn er einschlägt, bin ich sicher, eine Goldmine entdeckt zu haben, iw» war im Jahre 1865. Einige Wochen später erschien in HetzelsMagasin