Ausgabe 
7.2.1928
 
Einzelbild herunterladen

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1928 Dienstag, den Z.Februar Nummer N

Ern Traum.

Von Heinrich Heine.

Ich hab' im Traum gemeine!, Mir träumte, du lägest im Grab.

Ich machte auf, und die Träne Floß noch von der Wange herab.

Ich hab' im Traum gemeinst, Mir träumt', du verließest mich.

Ich machte auf, und ich meinte Noch lange bitterlich.

Ich hab' im Traume gemeinst. Mir träumte, du bliebest mir gut. Ich machte auf, und noch immer Strömt meine Tränenflut.

Das Kartenhaus.

Novelle von Alfred Bock.

(Nachdruck verboten.)

Der Rendant Schmittborn hatte sich nach Tisch auf seinem altertüm­lichen Sofa ausgestreckt. Obrnohl er zurneilen äußerte, daß ihm der Schlaf als ein großer Dieb die Hälfte feines Lebens stehle, und obrnohl er sich mannhaft dagegen mehrte, am hellichten Tage einNickerchen" zu machen, mar ihm das Mittagschläfchen nachgerade zum Bedürfnis gernorden. In An betracht seines Alters er hatte die Sechzig überschritten konnte er mit seiner Gesundheit zufrieden sein. Immerhin hatten sünsunddreißig Dienstjahre und mancherlei Schicksalsschläge ihre Spuren hinterlassen. Wenn er mittags von der Sparkasse kam und das bescheidene Mahl ver­zehrt hatte, das ihm seine alte Dienerin vorsetzte, fühlte er sich so ab­gespannt, daß er nur eben die Zeitung zur Hand nahm, um gleich dar­über einzuduseln. So ein halbes Stündchen die Augen zu schließen, war eine rnahre Erquickung und half ihm, neue Kräfte zu sammeln.

Heute hielt ihn ein Telegramm seines Sohnes mach, der im industrie- reichen Vogtland die Stelle eines Buchhalters bekleidete und für den Abend seine Ankunft meldete. Zwei Töchter, die am Rhein verheiratet rnaren, hatten dem Rendanten nie eine trübe Stunde bereitet, Leonhard, der Jüngste, mar von jeher fein Sorgenkind. Als elfjähriges Bürschchen mar er einmal durchgebrannt, rneil er glaubte, daß er unschuldig be­straft morden sei. Zwei Tage lang hatten die verzmeifelten Eltern den kleinen Ausreißer gesucht. Am dritten kehrte er wohlgemut aus dem nahen Gebirge zurück, wo er sich Herumgetrieben und in der Hütte eines Holz- fchlägers genächtigt hatte. Frau Schmittborn behauptete, der Summe« jungenftreid) ihres Leonhard habe den Grund zu der Krankheit gelegt, an der sie ein paar Jahre später starb. Eigentümlich verfuhr der kleine Leonhard bei der Wahl seiner Kameraden, sofern er nur solche um sich duldete, die seine Führerschaft anerkannten und sich ihm völlig unter« ordneten. Nahm er an einem Gesellschaftsspiel teil und verlor, knuffte er seine Gegner, daß ihnen Hören und Sehen verging, bat er sie hernach wohl auch um Verzeihung, rneil er fühlte, daß es die Leidenschaft war, die ihn beherrschte und fortriß. Dem Rendanten hatte die Energie und auch die Geduld gefehlt, seinen Sohn zu erziehen. Er stand ihm wie einem Fremden gegenüber und suchte in der engeren und weiteren Fa­milie vergeblich nach einer Aehnlichkeit. Der Geometer Schellhorn, der als Hausgenosse manch bösen Auftritt miterlebte, meinte, jeden Tag eine Tracht Prügel sei das beste Rezept, den Hitzeblitz zu kurieren. Dem Ren­danten widerstrebte die körperliche- Züchtigung. Kam es gelegentlich doch hierzu, leistete Leonhard Widerstand, wobei den Vater, der von Natur nicht der stärkste mar, die Kraft seines Sprößlings in Erstaunen fetzte. Auf den Rat der Lehrer vertauschte der Obertertianer Schmittborn das Gymnasium mit der Realschule, rneil er einen entschiedenen Mangel an Verständnis für die klassischen Sprachen bekundete. Als diese aus seinem Lehrplan verschwunden waren, rückte er zu den besseren Schülern auf. Mit dem Berechtigungsschein zum einjährigen Militärdienst verließ er die Schule und trat beim Bankhaus Döderlein als Lehrling ein. Sich dem Kaufmannsstande zu widmen, mar sein eigenster Wunsch. Herr Söder­lein mar mit seinen Leistungen zufrieden, schenkte ihm ein halbes Jahr der vereinbarten Ährzeit und stellte ihn als Handlungsgehilfen an. An den Fähigkeiten seines Sohnes halte der Rendant nie gezweifelt, nun ge­wahrte er zu jeiner Freude, daß aus dem heißblütigen, felbstbemußten Bürschchen ein ruhiger, überlegter Mensch geworden mar, der gewisfen- haft feine Pflicht erfüllte und sich als zuverlässiger Mitarbeiter seines Lehrherrn bewährte. Zu jener Zeit hatte der Rendant einen Ausflug auf die unweit der Stadt gelegene Wolfshöhe unternommen, wo er sich in der vielbesuchten Burgwirtschaft ein Schöppchen kühlen Moselwein gönnte. Seine Blicke glitten in das grüne Talgelände hernieder und flogen hinauf zu den weißen Wolken, die in wundersamen Gebilden vorüberschrvebten.

Hinter den fernen Bergen sank die Sonne, und eine sanfte Röte Überzog den Himmel. In dem "Wanderer stieg ein Frohgefühl auf, daß er bei einem guten Tropfen das alles sehen und genießen durfte. Sas Schicksal hatte ihn hart angefaßt, hatte ihm die Gattin in der Blüte ihrer Jahre genommen. In seiner Verzagtheit hatte ihn damals einzig das Gefühl der Pflicht gegen feine Kinder aufrecht erhalten. Allmählich war er der trüben Gedanken Herr geworden und hatte feinen Seelenfrieden wieder gewonnen. Die Briefe feiner Töchter bekundeten, daß es ihnen wohl er­ging, daß sich ihre Männer nicht umsonst mühten, ja vom Glück be­günstigt waren. Unlängst hatte ihm der Bankier Döderlein gesagt:Wenn Ihr Leonhard so bleibt wie er ist, (eg ich ihm auf Miacheli hundert Mark zu." Ihn, den Rendanten, hatte noch dazu ein Ereignis besonderer Art in angenehme Erregung versetzt. In der ©taatslotetrie roar ihm ein Ge­winn von zweitausend Mark zugefallen. Er spielte nicht aus Geldgier, nur gefiel es ihm, sich von der Laune des Zufalls treiben zu lassen und die Hoffnung auf einen Treffer wie einen schönen Schmetterling vor sich her- fiattern zu sehen. Eben überlegte er, wie er, ohne daß sein Sohn ober sonst jemand davon erfuhr, die zweitausend Mark anlegen solle, als der Staatsanwaltsgehilse Schimpfs, ein auffallend häßlicher und boshafter Mensch, an den Tisch trat und sagte:Herr Rendant, haben Sie ge­hört? Wir haben den langen Rodenhausen in der Schlotzgasse beim Ha- farbfpiel erwischt. Ser macht ein Geschäft braus. Sas wußten wir und hatten ihn schon lang auf bem Korn." Ser Rendant, der einer Unter- Haltung mit bem Schreiber aus bem Weg gehen wollte, erroiberte:Ich hab' nichts gehört. Offen gestanben, 's interessiert mich auch nicht." Der Staatsanwaltsgehilfe lachte hämisch.'S interessiert Sie vielleicht boch. Einer von ben Gerupften ist Ihr Sohn!"Lügner!" schrie Schmittborn sich vergessend und schlug mit der flachen Hand auf ben Disch. Das fahle Gesicht bes Schreibers wurde noch um einen Schatten blässer.Sie dauern mich, Herr Rendant. Sonst tat ich Ihnen den Lügner eintränken. Ihr hoffnungsvoller Sohn hat die Ladung bereits in der Tasche. Empfehle mich!" Auf bem Heimweg ging ber Rendant mit unsicheren Schritten, wie einer, ber zu tief ins Glas geguckt hat. Sein Leonharb war ein Spieler! Allmächtiger Gott, wie kam der Junge zu der Leidenschaft? Wen der Spielteufel einmal in den Klauen hatte, den ließ er nicht mehr los. Wie- viel mochte ihm der lange Robenhausen abgeluchst haben? Geld ver­loren! Dem alten Herrn trieb die Angst bas Blut in ben Kopf unb be­nahm ihm ben Atem. Zu ber Verhandlung gegen den Hasardierer würde sich das halbe Städtchen drängen. Leonhard stand als Zeuge vor den Schranken. Tags darauf würde ihn der Bankier Döderlein zu sich be­scheiden.Leonhard, daß Sies nur gleich wissen, einen Spieler duld' ich nicht nn Geschäft. Wir sind geschiedene Leute!" Und nun wohin mit dem Jungen, dem unter solchen Umständen gekündigt worden war? Und die Trätscherei in der Stadt. Gott sei Dank/er, ber Rendant, brauchte sich vor niemand zu verstecken. Er blickte auf fünfunddreißig Dienstjahre zurück, feine Vorgesetzten hatten seine treue Arbeit anerkannt. Und doch, wenn der Mensch sein Bestes getan zu haben glaubte, wurde er erst seiner Schwäche inne. Daß er sich's nur eingestand: als Erzieher seines Sohnes war er wie ein Rohr gewesen, das im Wind hin und her schwankte. Das rächte sich nun. Am selben Abend hatte er Leonhard ins Gebet ge­nommen. Der gab unumwunden zu, daß er gespielt und verloren habe. Um seinen Verpflichtungen nachzukommen, hatte er sich genötigt gesehen, von einem stadtkundigen Wucherer Geld zu borgen. Mit dem langen Rodenhausen war er im RauchklubBlaue Wolke" bekannt geworden. Was ihn an den Spieltisch gefesselt und verführt hatte, Summen zu ris­kieren, die zu seinem Einkommen in gar keinem Verhältnis standen, darüber lautete seine Auskunft verworren. Seinen Reden nach war es weniger die Sucht nach Gewinn als der dämonische Reiz, den Kampf gegen die dunkle geheimnisvolle Macht zu wagen, die über Gewinn unb Verlust entschied. Indessen empfand er bittere Reue unb gelobte mit Hand und Mund, fortan bas Spiel zu meiden. Ser Rendant hatte seines Sohnes Schulden mit dem Lotteriegewinn bezahlt, ber nun eine nicht er­wartete unb unliebsame Verwendung fand. Was er befürchtet, erfüllte sich: Leonhard ging feines Postens im Bankhaus Döderlein verlustig. Nachdem er drei Monate lang die Zeitungen durchstöbert und allent- halben vergeblich feine Dienste angeboten hatte, gelang es endlich einem feiner Schwäger, ihm in Plauen, der Hauptstadt des Vogtlandes, eine Stelle zu verschaffen. Dort traf er just zu der Zeit ein, als die Industrie einen gewaltigen Aufschwung nahm. Franzosen, Engländer unb Simen- taner erschienen als Käufer ber berühmten Stickereien auf bem Markt. Arbeitgeber unb Arbeitnehmer verdienten Gelb in Hülle unb Fülle, unb ein Strom fröhlichen, ja üppigen Gebens flutete durch die Stabt unb bas oewerbreiche Eyratal. Als ein gewandter Mensch verstand es Leonhard, sich rasch den neuen Verhältnissen anzupasfen. Sein Haus fertigte ©ar- bißen unb Decken und führte diese nach allen Weltteilen aus. Ueber Art unb Weise der Fabrikation berichtete Leonhard seinem Vater und schil­derte mit Humor, wie es seinem Chef gelungen war, die englische Kon­kurrenz aus dem Feld zu schlagen. Der Aufenthalt in der Fremde, be-