Ausgabe 
7.1.1928
 
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Fernsprechers gewisse Zustände an irgendeiner anderen Sprechstelle er­fahren und dort auch Vorgänge auslösen kann. Statt dies nun klar und deutlich zu sagen, wird die Darstellung so aufgebauscht, als sei das eiwas ganz besonderes, als habe der Erfinder ein Ei von gewaltiger Größe aus lauterem Golde gelegt. Die Leser aber werden durch solche Berichte vollkommen irregeführt.

Der Gedanke, solche Einrichtungen zu schaffen, ist nicht neu, er ist Kzar schon lange auch in Deutschland in die Wirklichkeit übersetzt. So ben z. B. die leitenden Männer unserer großen Werke eine Einrich­tung, durch die man mit dem Fernsprecher feststellen kann, ob sie frei sind oder etwa eine Sitzung, Besprechung usw. haben: Man wählt dazu mit dem Fernsprecher eine bestimmte Nummer, die man aus dem Buch ersieht, und erhält dann entweder das bekannte Frei- oder das Besetzt­zeichen, und zwar ohne daß der Angerufene davon irgend etwas bemerkt. Er wird also nicht gestört.

Aus Amerika wird nun berichtet, der künstliche elektrische Mensch stelle aus Anruf den Wasserstand in einem Behälter fest und melde ihn dann durch Fernsprecher in Gestalt einer Reihe von Summerzeichen. Auch daran ist nichts besonderes: man braucht nur einen Kontaktstreifen von einem Schwimmer einstellen und ihn bei Anruf von einer sog. Bürste abfühlen zu lassen, in deren Stromkreis ein Summer eingeschaltet ist: Das ist eine Vorrichtung, die heutzutage in einer kleinen Zigarrenkiste Platz hat aber irgend etwas Geheimnisvolles oder mit einem elektrischen Menschen gemeinsames hat sie nicht.

Dan» wird berichtet, ein anderer elektrischer Mensch jeder solcher Mensch übt nämlich nur einen ganz besonderen Beruf aus öffne auf ein bestimmtes Wort eine Tür. Auch das ist nicht neu: Man hat z. B. auf Schiffen die Einrichtung getroffen, daß auf das Notzeichen SOS der Bordtelegraphist herbeigerufen wird: Die Vorrichtung spricht eben nur auf ! die Zeichenfolge SOS ...---..., aber auf keine andere an. So gut

man nun durch das Ansprechen den Alarm für den Bordielegraphisten einschalten kann, kann man natürlich auch einen Elektromotor in Gang setzen, der eine Tür öffnet ober schließt, oder man kann den elektrischen Heizkörper einer Kaffeemaschine damit einschalten oder beispielsweise das elektrische Licht ober die elektrische Wohnungsheizung, damit es warm ist, wenn man nach Hause kommt. Freilich mit der menschlichen Stimme ist das schwer zu machen, und es geht auch nur bei der ganz bestimmten Person, auf deren Stimme der Empfänger abgestimmt ist, und auch dann nicht ganz sicher. Das haben die Herren Amerikaner auch schon gemerkt, und sie haben deshalb an Stelle der menschlichen Stimme Stimmgabeln, oder was auf dasselbe hinauskommt, Summer gesetzt. Sie sind also auf das zurückgegangen, was allgemein bekannt ist und sich auch anderwärts schon bewährt hat. Natürlich geben sie nicht zu, daß sie das der Schwie­rigkeiten wegen getan haben, sondern sagen, sie wollten der Ver­schiedenheit der Sprachen wegen so machen, damit die Einrichtungen in allen Sprachen der Erde verständlich seien.

Der Selbstanschlußfernsprecher eignet sich in der Tat zu solchen Schal­tungen, und ich glaube, wir werden nicht lange zu warten brauchen, bis wir allerdings nur in Deutschland sehr vollkommene Einrichtungen dieser Art haben werden, so die selbsttätige Feuer- und Einbruchsmeldung durch den Fernsprecher. Man kann nämlich durch Erwärmuna auf die allerverschiedensten Arten einen Kontakt schließen, z. B. indcin ein zwi­schen dem Kontakt liegender leicht schmelzbarer Körper herausschmilzt. Wenn sich so der Kontakt schließt, löst er ein Uhrwerk aus, und dieses Uhrwerk dreht ein Zahnrad, dessen Zahngruppen die Rusnummer der geuermad)« bilden, lieber die Zähne schleift nun eine Bürste, die die Stromstöße in die Fernsprechleitung schickt, die man sonst mit der Finger- kcheibe sendet. Die Feuerwehr wird also angerufen und erfährt durch ein besonderes Zeichen, wo es brennt. Sie wird in vielen Fällen erscheinen, ehe der Wohnungs- oder Geschäftsinhaber von dem Brande überhaupt etwas bemerkt hat. Eine zweite Scheibe trägt die Nummer des Ueber- fallkommandos der Polizei und ruft dieses herbei, sobald sich irgendein Langfinger auch nur an der Wohnungstür zu schaffen macht ober bei­spielsweise mit einem falschen Schlüssel aufzuschließen versucht. Auch diese Einrichtungen, die als durchaus betriebssicher anzusehen sind, haben in einer Zigarrenkiste Platz, auch sie haben ebensowenig etwas Geheimnis­volles wie etwa ein Fernsprechapparat. Aber wenn ein Amerikaner der beschriebenen Sorte darüber berichten würde, so würde er das so be­schreiben, daß erstens kein Mensch wüßte, worum es sich eigentlich han­delt, und den Aufsatz mit dem Gefühl aus der Hand legte, daß uns die Amerikaner wieder einmal um ein Erkleckliches in der Technik überholt hatten! Der Laie staunt natürlich über solche Berichte und der Fachmann wundert sich aber nur darüber, wie man einfache und selbstverständ- llche Dinge so aufblasen kann.

Leider sind die Berichte über Mr. Teleoox auch in deutsche Zeitungen mit ebenso unklaren Beschreibungen und mit Bildern übergegangen, die den Anschein erwecken müssen, als habe Mr. Televox wirklich eine men- sa-enähnliche Gestalt. Das ist sehr bedauerlich. Es ist besser, man be- 1 wahrt sich seine Nüchternheit und nennt das Kind beim wahren Namen. Mr. Teleoox ist kein Menschenersatz, sondern eine längst bekannte An­ordnung, die sofort verwendungsbereit ist, sobald ein Bedürfnis dazu besteht. Ich möchte st« übrigens nicht haben, denn es besteht natürlich immer die Gefahr, daß liebe Freunde und Genossen einem, wenn man nicht zu Hause ist, im Juli die elektrische Heizung durch den Fernsprecher einschalten oder an Weihnachten alle Fenster öffnen, einem Mittags -

sämtliche elektrischen Lampen anknipsen oder sonstige Scherze machen. Än !

ber Industrie aber braucht man auch keinen Televox, denn da hat der Be- triebsleiter über seinem Schreibtisch selbstschreibende Vorrichtungen, die i ihm die Drucke in den verschiedenen Dampfkesseln, die Zusammensetzung : ber Rauchgase, den Stromverbrauch, sein Steigen und Fallen und alles, was er sonst wissen muß, viel genauer fortlaufend anzeigen als dies Mr. < Teleoox je könnte. ;

Sen Ausführungen über Mr. Teleoox liegt dennoch ein ganz richtiges, Wenn auch nicht neues Streben zugrunde, bas im wesentlichen eine Lei- ' tungserfparnls durch bessere Ausnutzung der FernsprechlMungen zu er­reichen sucht, inbem sie zur Lösung weiterer Aufgaben heMgezogen wer- ,

ben sollen. Aber die Art ber Beschreibung ist, wie gesagt, Bluff, Humbug oder mit einem kerndeutschen Wort ausgedrückt: Mumpitz.

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Das Fräulein von Seubert.

Von E. T, A. H o f f m a n n.

(Fortsetzung.)

Während nun auf dem Greveplatz das Blut Schuldiger und 33er« bädjtiger in Strömen floß, und endlich der heimliche Giftmord seltener und seltener wurde, zeigte sich ein Unheil anderer Art, das neue Be­stürzung verbreitete. Eine Gaunerbande schien es barauf angelegt zu haben, alle Juwelen in ihren Besitz zu bringen. Der reiche Schmuck, kaum gekauft, verschwand auf unbegreifliche Weise, mochte er verwahrt sei« wie er wollte. Noch viel ärger war es aber, daß jeder, der es wagte, zur Abendzeit Juwelen bei sich zu tragen, auf offener Straße ober in fin­steren Gängen der Häuser beraubt, ja wohl gar ermordet wurde. Die mit dem Leben bavongekommenen sagten aus, ein Faustschlag auf ben Kopf habe sie wie ein Wetterstrahl niedergestürzt, und aus ber Betäubung er­wacht, hätten sie sich beraubt, unb an ganz anberem Orte als da, wo sie der Schlag getroffen, miebergefunben. Die Ermordeten, wie sie beinahe jeden Morgen auf der Straße ober in den Häusern lagen, hatten alle die­selbe tödliche Wunde, einen Dolchstich ins Herz, nach dem Urteil ber Aerzte so schnell unb sicher tötend, baß der Verwundete keines Lautes mächtig zu Boden sinken mußte. Wer war an dem üppigen Hofe Lud­wigs XIV., ber nicht in einen geheimen Liebeshandel verstrickt, spät zur Geliebten schlich, unb manchmal ein reiches Geschenk bei sich trug? Als ständen die Gauner mit Geister» im Bunde, wußten sie genau, wenn ! sich so etwas zutragen sollte. Oft erreichte ber Unglückliche nicht bas Haus, wo er Liebesglück zu genießen buchte, oft fiel er auf ber Schwelle, ja vor dem Zimmer ber Geliebten, die mit Entsetzen ben blutigen Leichnam fand. .

Vergebens ließ Argenfon, ber Polizeiminister, alles aufgreifen in Paris, was von dem Volk nur irgend verdächtig schien, vergebens wütete la Regnie, und suchte Geständnisse zu erpressen, vergebens wurden Wachen, Patrouillen verstärkt, die Spur der Täter war nicht zu fäl­belt. Nur di^. Vorsicht, sich bis an die Zähne zu bewaffnen und fick) eine Leuchte vortragen zu lassen, half einigermaßen, unb doch sanden sich Bei­spiele, daß ber Diener mit Steinwürfen geängstet, und der Herr in dem­selben Augenblick ermordet und beraubt wurde.

Merkwürdig war es, daß aller Nachforschungen auf allen Plätzen, wo Juwelenhandel nur möglich war, unerachtet nicht das mindeste von den geraubten Kleinodien zum Vorschein tarn, unb also auch hier keine Spur fidj zeigte, die hätte verfolgt werden können.

Sesgrais schäumte vor Wut, daß selbst seiner List die Spitzbuben zu entgehen wußten. Das Viertel der Stabt, in dem er sich gerade befand, blieb verschont, während in den anderen, wo keiner Böses geahnt, ber Raubmorb seine reichen Opfer erspähte.

Sesgrais besann sich auf bas Kunststück, mehrere Sesgrais zu schaf- fen, sich untereinander so ähnlich an Gang, Stellung, Sprache, Figur, Gesicht, baß selbst bie Häscher nicht wußten, wo der rechte Sesgrais stecke. Unterdessen lauschte er, sein Leben wagend, allein in den geheimsten Schlupfwinkeln, und folgte von weitem diesem ober jenem, der auf seinen Anlaß einen reichen Schmuck bei sich trug. Ser blieb unangefochten; also auch von bieser Maßregel waren bie Gauner unterrichtet. Sesgrais ge­riet in Verzweiflung.

Eines Morgen kommt Sesgrais zu dem Präsidenten la Regnie, blaß, entstellt, außer sich. Was habt Ihr, was für Nachrichten? Fandet Ihr die Spur? ruft ihm der Präsident entgegen. Ha gnädiger Herr, fängt Sesgrais an, vor Wut stammelnd, ha, gnädiger Herr gestern in ber Nacht unfern des Louvres ist ber Marquis be la Fore ange­fallen worben in meiner Gegenwart. Himmel und Erde, jauchzt la Regnie auf vor Freude wir haben sie! O hört nur, fällt Sesgrais mit bitterem Lächeln ein, o hört nur erst, wie sich alles begeben. Am Louvre steh' ich also, und passe, bie ganze Hölle in ber Brust, auf die Teufel, die meiner spotten. Da kommt mit unsicherem Schritt immer hinter sich schauend eine Gestalt dicht bei mir vorüber, ohne mich zu sehen. Im Mondesschimmer erkenne ich ben Marquis be la Fare. Ich könnt' ihn ba erwarten, ich wußte, wo er hinschlich. Kaum ist er zehn Zwölf Schritte bei mir vorüber, ba springt wie aus ber Erde herauf eine Figur, schmettert ihn nieder und fällt über ihn her. Unbesonnen, über­rascht von dem Augenblick, der den Mörder in meine Hand liefern konnte, schrie ich laut auf, und will mit einem gewaltigen Spunge aus meinem Schlupfwinkel heraus auf ihn zusetzen; da verwickle ich mich in den Mantel und falle hin. Ich sehe ben Menschen wie auf den Flügeln des Windes forteilen ich rapple mich auf, ich renne ihm nach laufend stoße ich in mein Herz aus ber Ferne antworten bie Pfeifen ber Häscher es wird lebendig Waffengeklirr, Pferbegetrappel von allen Seiten. Hierher, hierher Sesgrais Sesgrais! schreie ich, baß es burch die Straßen hallt. Immer sehe ich den Menschen vor mir im hellen Mondschein, wie er, mich zu täuschen, ba bort einbiegt; wir kom­men in bie Straße Nicaise, ba scheinen seine Kräfte zu sinken, ich strenge die meinigen doppelt an noch fünfzehn Schritte höd;stens hat er Vorsprung. Ihr holt ihn ein Ihr packt ihn, die Häscher kommen, ruft la Regnie mit blitzenden Augen, indem er Sesgrais beim Arm er­greift, als fei ber ber fliehenbe Mörder selbst. Fünfzehn Schritte, fährt Sesgrais mit dumpfer Stimme unb mühsam atmend fort, fünfzehn Schritte vor mir springt der Mensch auf die Seite in ben Schatten unb verschwindet durch bie Mauer. Verschwindet? Durch die Mauer? Seid Ihr rasend, ruft laut Regnie, indem er zwei Schritte zurücktritt unb bie Hände zusammenschlägt. Nennt mich, fährt Sesgrais fort, sich bie Stirn reibend wie einer, ben böse Gedanken plagen, nennt mich, gnä­diger Herr, immerhin einen Rasenden, einen törichten Geisterseher, aber es ist nicht anders, als wie ich es Euch erzähle. Erstarrt stehe ich vor der Mauer, als mehrere Häscher atemlos herbeikommen; mit ihnen ber Mar­quis be la Fare, der sich aufgerafft, den bloßen Segen in ber Hanb. Wir zünden die Fackeln an, wir tappen an der Mauer hin und her; keine