wenn auch er in große Rot geraten sei. Sie tritt in den Laden, erkennt auch gleich den Fremden und setzt sich voll Grauen ganz still auf ihren mitgebrachten Sticht. Und sie merkt, daß sie einen von beiden erweichen muß, Hein Di oder den Düwel. Da scheint es ihr doch besser, sich mit dem stolzen Schuster zu vertragen.
„Hein", sagt sie und weist zum Düwel hinüber. „Sitzt der auch fest?
„Gewiß sitzt er," sagt der Schuster mutig, „und er soll wohl sitzen bleiben."
„Was?" sogt der Bös« und will hoch und knattert und rattert und vergißt seine fürnehmen Kleider.
„Hein!" sagt die schöne Sötte, „wenn der hier kleben bleibt, und Baker und ich deine verwünschten Stühle loswevden, dann tanz' ich heut abend mit dir statt mit dem Prinzen."
„Kann geschehen", sagt der Schuster und hält ihr treuherzig die Hand hin, er ist und bleibt ja ein vorsichtiger Mann. Da ist der Vertrag ja nun eigentlich fertig, und Hein Di tut wie ein Zauberer und fängt an, der Jungfer und dem Dicken jedem ein neues Paar Stiefel anzupassen, sehr kurz bei dem Dicken und ganz langsam bei der Jungfer Dott. Und er verlangt drei Gobdpfennige und sie bezahlen und begreifen immer noch nicht, warum er's will. Wie sie jedoch wieder einmal rücken, sind sie wahrhaftig vom Stuhl los und im großen Bogen um den schwefligen Düwel zur Tür. Nur der Bürgermeister kriegt fast noch einen mit der Schwanzquaste an den Kopf, solche Wut hat der Böse.
Na, kaum sind die drei draußen, geht ja ein großes Halloh los. Der Bürgermeister fällt Hein Di um den Hals und verkündet, der Schuster hab« den Düwel gefangen. Und der Rat der Stadt tritt zusammen und beschließt, einen riesigen Graben um Hein Dis Haus zu ziehen; mit Feuer meinen sie ja, 'könnte man dem Düwel nicht zu Leibe.
Und sie graben gleich einen richtigen neuen Hafen darum, und die ganze Stadt wird zur Hochzeit eingeladen und vierzehn Tage lang haben sie gefeiert, so vergnügt sind sie in Kiel, den Düwel gefangen zu haben.
Dschunkenfahrt ans dem Nonnistrom.
Von Dr. Hans Maier, Leipzig.
Der Leipziger Geograph Dr. Hans Maier, der vor kurzem von der Deutschen Helung-Kiang-Expedition zurückgekehrt ist, stellt uns den folgenden Bericht über einen interessanten Teil der Reise zur Verfügung.
Lange Wochen hatten wir in der modernen Großstadt Harbin warten müssen, bis wir unsere Reise in das Innere des Landes antreten konnten. Drei Monate nach unserer Abfahrt aus Deutschland kamen wir endlich in T s i t s i k a r an, der Hauptstadt der Provinz H e l u n g k i a n g. Diese ist die größte Provinz Nordchinas, größer als Deutschland vor dem Weltkriege war, zählt aber nur etwa 5 Millionen Einwohner. Der Militärgouverneur General U h, seit Juni des Jahres 1927 Kriegsminister der Regierung Tschangtsolin, ist ein eifriger Förderer der Kolonisa- tion seiner Provinz, in die seit Frühjahr 1927 über eine halbe Million Chinesen, meist aus Schantung, eingewandert sein sollen. Es ist die größte Völkerwanderung der Neuzeit, die sich dort gegenwärtig vollzieht.
Unser eigentliches Forschungsgebiet lag in den fast ganz unbewohnten Wald- und Berggegenden nördlich von Ölergen, das selber etwa 300 Kilometer von der letzten Bahnstation Tsitsikar liegt, und mit dieser durch eine Karawanenstraße verbunden ist. Diese Straße wird öfters von Hung- een, den berüchtigten Räubern der Manschurei heimgesucht, so daß der irsch dorthin nicht gefahrlos gewesen märe. Da sich in Tsitsikar die Gelegenheit bot, eine Dschunke zu mieten, die uns den Nonni aufwärts bis Morgen bringen wollte, so wählte Herr S t ö tz n e r, der Führer unserer Expedition, den ungefährlicheren Wasserweg, der uns aber leider einen Zeitverlust von 14 Tagen brachte.
Wir versuchten, uns auf der Dschunke einzurichten, so gut das bei den äußerst beschränkten Raumverhältnifsen möglich war. Das Boot, das wegen widrigen Windes noch einige Tage in Tsitsikar festliegen mußte, war 16 Meter lang und 4s Meter breit, und hatte ein« Besatzung von 10 Mann, wozu noch unsere Expeditions-Gesellschaft mit fünf Köpfen kam.
Am 29. Juli morgens 5 Uhr weckte uns der melodische Arbeitsruf der Kulis, die das Segel hißten. Kurz darauf brannte der Steuermann auf dem Vorderdeck das Feuerwerk ab, wie es die chinesischen Schiffer vor Antritt jeder Fahrt machen, um die bösen Geister zu verscheuchen. Da fast vollkommene Windstille herrscht«, muhte die Dschunke abwechslungsweise durch Stochern (Staken) mit langen Stangen von Bord aus oder durch Treideln, Ziehen mittels eines langen Seils vom Lande aus gegen den Strom foribewegt werden. Dabei fangen die Kulis eine monotone Melodie vor sich hin, nicht unähnlich dem bekannten Lied der Wolgaschiffer, ihrer russischen Kollegen. Der Nonni hatte hier eine Breite von über 100 Meter, stellenweise bis zu 300 Dieter, und eine ziemlich starke Strömung, gegen di« anzukämpfen unseren Kulis schwere Arbeit machte. Abends kam mäßiger Wind auf, der uns tüchtig vorwärts trieb. Setzte der Wind aus, so rief ihn der Steuermann durch Gesang und Pfeifen herbei, während Herr Stötzner am Mastbaum kratzte, wodurch bekanntlich bei uns die Seeleute den Wind heranholen wollen.
Der Fluß, der sich durch die topfebene Stepp« dahinfchlängelt, war ziemlich belebt mit Dschunken und Flößen. Wir fuhren an Gehöften tun- gusischer Eingeborener vorüber, einen Stamm nicht chinesischer und nicht mongolischer Rasse, der hier meist in niedrigen Erdhütten wohnt, und vom Fischfang lebt, aber fast keinen Ackerbau treibt. Spät in der Nacht wurde an einer Insel Anker geworfen — wegen der Räubergefahr legten wir auch später immer nur an Inseln an —, worauf die Kulis sich an Deck schlafen legten.
Die folgenden Fahrttage verliefen wie dieser erste. Jeder von uns ging seiner Fachbeschäftigung nach. Herr Stötzner gab Anweisung für die Kinoaufnahmen, der Photograph kurbelte, der Präparator schoß Vögel und präparierte, und ich saß fast den ganzen Tag am Bug neben dem Ankerspill, verfolgte den zurückgelegten Weg nach der Karte und Kompaß, und beobachtete die Landschaft mit dem Zeißglas. Das Leben auf dem
Boot war ziemlich reizvoll. Ein meist wolkenloser blauer Himmel spannte sich über uns, die Sommersonne brannte, aber man konnte sich ja jederzeit durch ein Bad im Fluß erfrischen, nur bei Nacht quälten uns die Moskitos, und die Verpflegung war auch sehr mangelhaft, da unterwegs keine Lebensmittel zu kaufen waren. Der mitgenommene eiserne Vorrat aber durste nicht angegriffen werden, da er für die Landreife im unerforschten und fast unbewohnten Gebiet bestimmt war. So kamen wir später in Ölergen ziemlich ausgehungert und abgemagert an.
Am fünften Tage unserer Fahrt erschien plötzlich in weiter Ferne ein mächtiger hoher Gebirgszug, hoch über den schimmernden Abendwolken. Ich hielt bas Bild zuerst für eine Luftspiegelung, eine Fata Morgan a, wie sie in der Mandschurei öfters vorkommt. Als aber das Gebirge immer klarer hervortrat, gab es keinen Zweifel mehr: Das war das etwa 280 Kilometer von uns entfernte Gebirge des Kleinen Chin- gan. Sogar die Bewaldung der Gebirgsflanken war mit dem Zeißglas auf diese ungeheure Entfernung deutlich erkennbar. Ober sollte hier ausnahmsweise bie ältere Karte recht haben, bie ben Verlaus unb die Lage dieses Gebirges ganz anders angeben, nur etwa 170 Kilometer von uns entfernt. Nach zehn Minuten wurde die Ferne dunstig, und bas Bilb Der- schwanb. Wir hatten auf bie Dauer weniger Minuten bas unbekannteste unb unerforschteste Gebiet Nordchinas geschaut.
Am nächsten Tage fuhren wir aus ber Steppe in bas Hügellanb hinein, bas ben Rest eines alten Gebirgsrumpfes bilbet, ber einst ben Großen Chingan mit bem Kleinen oerbunben hatte. Der Fluh besitzt hier zahlreiche Stromschnellen, deren Ueberroinbung sehr schwierig war. Aber ber Steuermann behielt auch in solchen Lagen seine Ruhe. An einer gefährlichen Stelle ftanb am Ufer ein kleiner Tempel, unb ein Mann wurde ausgeschickt, dort zu opfern unb bie Wasser- unb Winbgötter günstig zu stimmen. Am Abenb gerieten wir in ein schweres Unwetter hinein. Wir hatten uns wegen bes Regens früh zur Ruhe gelegt unb alles sorgfältig abge- dichtet. Ser Regen wuchs zu einem Gewitter von furchtbarer Heftigkeit an. Balb war unsere Dschunke von flammenben Blitzgarben umtobert, und vom Donner umtost. Starke Windstöße erschütterten bas Boot, aber ber schwere Anker hielt es sicher fest. Aber unheimlich war mir ber Gedanke, an unsere 15 Meter hohe Mastspitze, die so leicht als Blitzfänger bienen konnte, unb an deren Fußende im Laberaum gerabc unsere Pul- verkiste mit einem Zentner Pulver ftanb. Es war wie ein Wunber, baß keiner ber im Adstanbe von Bruchteilen einer Sekunbe folgenben Blitze bei uns einfdjlug. Erst gegen Mitternacht kehrte Ruhe ein in ber entfesselten Natur.
Eines Tages tarnen wir an einer Stelle vorüber, wo bie sonst recht brauchbare russische Karte von 1926 eine Eisenbahn verzeichnet, bie vom Norbufer bes Flusses etwa 45 Kilometer weit zu einem Kohlenbergwerk führt Ich erwartete eine belebte Jnbustriesieblung mit Lagerraum, 23er- ladeplatz unb wimmelnden Menschen zu sehen zu bekommen. Statt dessen sah ich die Reste zerfallener Gebäude, vor denen ein Dutzend zerbrochener, verrosteter Kippkarren einer kleinen Industriebahn lagen. Sonst nichts als kahle Steppe, tot und wüst, ein Bild ber Zerstörung bes Verfalls. Nur eine ärmliche Eingeborenenhütte ftanb am Ufer, vor ber sich der schlaue Bewohner aus zwei alten Kippkarren seinen Backofen gebaut hatte.
Am vorletzten Fahrttage kamen wir an einigen Basaltfelsen und einem mit Hunderten von Nestern bedeckten Vogelfelsen vorüber. Da bie Dschunke hier halt machte, ließ ich mich burch ein Boot borthin rubern, um zu photographieren unb geologische Handstücke zu sammeln. Nach mehreren Stunden angestrengter Kleiterarbeit im brüchigen, aus alter Lava bestehenden Gefels kehrte ich zurück. Als ich um die Flußbiegung trat, sah ich unsere Dschunke soeben die Segel lichten unb weiterfahren. Ich mußt« nun ben Weg nach Ölergen zu Fuß zurücklegen, wobei ich zweimal bis zur Brust durch versumpfte, alte Flußarme zu waten hatte. Da ich Photo- graphenapparat, Kartentasche und etwa 30 Pfund geologische Pfundstllcke bet mir trug, die ich in den Händen hochhalten mußte, war dieser Weg durch die Sümpfe nicht gerade angenehm. Völlig erschöpft kam ich in der Nacht in Ölergen an, bem letzten Orte am Raube ber fast unbewohnten Wildnis. Ich wurde von ben chinesischen Kreisbeamten sehr liebensroürbig empfangen, trotz meines abgerissenen Aeußeren zu einem großen Mahle eingetaben, gastfreundlich bewirtet unb beherbergt. Zwei Tage später erst kam unsere Dschunke mit ben Kameraden an. Und nach weiteren fünf Tagen brachen wir von hier mit unserer Expeditionskarawane nach Norden auf.
Der elektrische Mensch.
Ein amerikanischer Bluff.
Von Erich Brandt.
(Nachdruck verboten.)
Es ist zuzugeben, daß Amerika auf dem Gebiete ber Technik Großes geleistet hat — Franklin, Morse, Ebison unb anbere große Er- finber waren Amerikaner —, aber man bars keineswegs übersehen, baß die Technik ihre größten Auswüchse ebenfalls jenfeits bes großen Wassers gezeitigt hat. Eng verdunben mit ber Vorstellung von amerikanischem Wesen ist unb bleibt bas vielsagenb« Wort „bluff", bas auf deutsch soviel wie „fauler Zauber" bedeutet. Und obwohl bie Amerikaner in vielen Dingen so nüchtern unb sachlich urteilen, obwohl gerabe sie in mancher Hinsicht Sinn für technische Dinge zeigen, so sinb sie boch wieberum bie ersten, bie auf den Bluff ihrer eigenen ßanbsleute hineinfallen. Nirgenbs in ber Welt weisen daher bie Zeitungen auch nur annäfjemb so viele „Enten" auf wie im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten. So schwirrten beispielsweise seit geraumer Zeit geheimnisvolle Andeutungen von einem zauberhaften Wesen, genannt „Televox", ber elektrische Mensch, burch alle amerikanischen Blätter, unb vor kurzem erschienen spaltenlange ausführliche Berichte mit Silbern bes Ersinbers unb feines künstlichen Menschen.
Das größte Wunder an dieser ganzen Geschichte ist, daß der Erfinder wirklich lebt; er heißt R. I. Wensley; fein Maschinenmensch ist leibhaftig auf einer Ausstellung in Neuyork zu sehen — nur ist er leider kein Mensch, sondern lediglich eine Vorrichtung, durch bie man mit Hilfe des


