Ausgabe 
7.1.1928
 
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Samstag, den 7. Januar

Nummer 2

Jahrgang 1928

Eichener ZamilieiibMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Stille See.

Bon Leo Sternberg.

Es ebbt die Flut ...

Die Meerfrau ruht mit weißem Leib auf glattem Riff. Tanggrünes Band durchfpielt die Hand.

Im Blauen fährt das Wolkenfchiff.

Die Bucht umfelft.

Ans Land gewälzt des bauchigen Boots gebleichter Klei. Der Frjcher träumt hinaus ... Es schäumt und zischt des Wellenrandes Spiel.

Orangen glühn auf pfauengrün gewellten Wogen Segler weit ... Nicht länger zieht die Möwe mit und läßt fie der Unendlichkeit ...

Hein Oi und der Düwel.

Don Hans Friedrich BI u n cf.

Es tuar einmal ein Schuster in der Stadt Kiel, der hieß Hein Oi. Er wohnte nur drei Häuser vom Rathaus entfernt und hatte sich bis über die Ohren in des Bürgermeisters Tochter verliebt. Ihr könnt euch denken, daß küe Liebe unglücklich war. Hein Oi hat jedoch den Mut nicht ver­loren, er hat sich Tag und Nacht bedacht, wie er di« schöne Sott« doch noch gewinnen könnte.

Nun hat Hein Oi eines Nacksts bei Vollmond sehr spät vor seiner Tür gestanden, vielleicht hat er nickst schlafen können, denn es war ein sehr schwüler und heißer Tag gewesen. Da ist es geschehen, daß die Witte- frtt mit einem großen Zug Vögel vorbeikam. Das war ein Zirpen und lelfes Schilpen und Singen dazu, man mußte feine Lust daran haben. Wie Hein Oi aber noch die Augen aufreißt, kommt die gute Frau selbst auf ihn zu und bittet ihn, ein wenig Wasser für die Tiere hinzustellen. Gewiß", sagt der Schuster eilfertig, bringt einen großen Eimer voll, im>d es ist eine Freude, zu sehen, wie die kleinen Tiere darüber her- flattern. Hein Oi ist sehr vergnügt über seine gute Tat, er tritt neben die Wittefru und wartet ja nun auch, daß er drei Wünsche tun darf. Aber die Holdselige sagt und sagt nichts, sie hat ihn wohl ganz ver­gessen. Da wird er bange, daß er um sein Glück kommt, er räuspert sich und kratzt sich vernehmlich hinter!» Ohr.

Schlechte Zeiten, Fvu Gode!" fängt er an.

So?", sagte sie milde und lockte die fernen Vöglein, die das Wasser nach nicht gefunden haben.

Das Bier wird immer teurer, und die Kunden sehen sich alles an und kaufen wieder aus dem Laden."

Die Wittefru nick! freundlich, aber es ist, als wollte sie ohne Dank bei Hein Oi vorbeiziehen. Dem wird bald heiß, bald kalt.

Ich möchte" lagt er da tapfer und sieht verlangend Frau Gode an.

Was möchtest du denn?" fragt sie gewährend,aber bedenk« es gut."

Da merkt Hein Oi, daß er einen Wunsch frei hat, aber er ist schlau nnd will drei draus machen.

Ich möchte," sagt der Schuster,daß jeder, der auf meinen Stühlen anprobiert, so lange kleben muß, bis er was gekauft hat." Er grinst ein wenig, er hat nämlich drei Stühle. Frau Gode nickt und seufzt, aber vielleicht hat sie von Hein Oi keinen besseren Wunsch erwartet. Dann lockt sie di« Bögel, und sie wandern wie in gläsernem Mondlicht von dannen.

Na, das ging ja von nun an hoch her im Schusterladen. Gleich den ersten Vonnittag ruckt und druckt di« Kundschaft auf den Stühlen herum und wählt dies und das, und wahrhaftig geht keiner von bannen, ohne daß nicht ein paar Stiefeln mitwandern. Kaum kommt Hein Di noch zum Flicken, fo viel hat er zu tun. Zwischendurch aber rechnet er aus, wie rasch reich fein wird, und wann er sich in den Rat wählen lassen will. Und er träumt weitv oraus, wie er den Herrn Bürgermeister zwicken unb zwacken wird, bis der eines Tages selbsteigen in seinen Laden kommt und ihn fragt:Hein Oi, das beste ist doch, wir vertragen uns. Wie wär's, wenn du meine Tochter zur Frau nähmst?"

Wie ber Schuster nun so vergnüg! hin und her denkt und bl in .zelt m»d in den Schrank langt und seine Schläue aus ein Schlückchen hoch- feben läßt ausgerechnet da kommt die schöne Sötte, von der er eben

träumt, aus feinen Laden zu... Na, er Flasche und Mas kopfüber in» Schapp hinein und mit einem Kratzfuß die Tür aufgeriffen.

Ach," sagt das Fräulein etwas hochmütig,ich will mir nur fünf ein Paar Tanzschuhe aussuchen, was hat der Meister denn auf Vorrat?" Spricht's und fetzt sich auf einen der drei Klebstühle, daß Hein Oi gans kunterbunt zumute wird.

Ach du lieber Gott," stöhnt er,Tanzschuhe habe ich nun gerade nicht da, sind alle ausverkauft. Aber ich will gleich Maß und Elle holen!" Und er sieht mit einem langen Seufzer auf den Schuh der schönen Sötte, der unteren Rock herauswippt.

Ob er's bis zum Abend machen könne? fragt die Jungfer. Ra, er wolle fein Bestes tun! sagt Hein Oi flink. Das genügt der schönen Sötte aber nicht, sie will weitergehen. Heut abend ist ein Prinz da, da muß sie bestimmt die allerschönsten Schuhe haben.

Mit dem Aufspringen ist es aber nichts. Ser Stuhl hoppi ein wenig, aber die schöne Sötte mutz sitzen bleiben und Hein Oi rennt in Todes- angst umher. Er kommt mit zwölf Schuhen angelaufen, er beschwört da» Fräulein, dies Paar und das Paar nur eben zu versuchen. O, er schlägt märchenhaft billige Preise vor, er hat ja ein schwefelgelbes Gewissen und hat die einzige Hoffnung, baß die schön« Softe sich mit einem Kauf vom Stuhl ablost.

Aber die Jungfer ist hochfahrend und dun-kelrot vor Zorn. Si« rückt und drückt und meint, ber Schuster wolle sie narren Und am Ende sprüht sie ihn nur so an, hebt verzweifelt ben Bock hoch, wirft ein Tuch darüber und trägt ihn hinter sich schnurstracks zu ihrem hohen Vater aufs Rathaus hinüber.

Wie Hein Oi nun währenddes alle klebenden Stühle verwünscht rmd doch die anderen zwei mit zollangen Nägeln in den Boden schlägt, da- mit sie ihn nicht mehr aus dem Hause getragen werden, kommt auch schon der Bürgermeister angehumpelt. Er ist so dick, daß man m Kiel sagt, ber Düwel habe ihn schon zweimal holen wollen, aber nicht mit» schleppen können, und hat ein puterrotes Gesicht vor Zorn. Aber er ist ein ebenso gestrenger wie gerechter Herr, und weil es eine peinliche Sache ist, läßt er die zwei WNtsschreiber noch vor der Tür zurück.

Er schnauft ja schon mächtig, ber Bürgermeister, wie er bei Hein Oi in den Laden tritt, und sieht sich nach einem Platz um. Der Schifter will ihn gerade noch warnen, da setzt er sich auf ben zweiten Stuhl, und Hein Oi steht mit hängenden Ohren da und gibt heimlich zu, daß er heute noch am Galgen hängen müßte.

Der Bürgermeister räuspert sich noch eine Weile, bis er wieder Lust hat, bann fragt er von unten herauf, was beim Donnerwetter Hem Di in die Krone gefahren fei. Und er schwingt ben silbernen Knüppel und will sich erheben und brüllt, ob ber Schuster nun augenblicks und in Drei Düwels Namen seiner Sötte bas doppelte Gesäß roieber abnehmen wolle?

Hein Di ist ganz ergeben in sei» Los. Er kann nicht einmal das Grinsen lassen, und wie der Bürgermeister das sieht, will er hoch und der Sdfanbe an die Kehle fahren. Da hoppt er aber nur, als habe ihn der Schlag gerührt. Und er merkt jetzt selbst, in dieser Schusterei wird gehext. Was er denn in Kuckucks Namen eigentlich wolle? fragt ter Bürgermeister, so verdutzt ist er.

Ach," sagt Hein Oi,ich hab' mich so in die schöne Satte verliebt. Und ich möchte sie zur Frau haben", sagt Hein Di auch. Er ist jetzt ganz frech, er wird ja doch hängen müssen, denkt er. Der Alte schreit wie ein Stier, und die zwei Amtsschreiber hören es durch den Türspalt, treiben bas Volk von allen Fenstern und lassen keinen näher.

Ist aber doch einer bei ihnen vorbeigekommen, und bas ist nicht ihre Schuld. Wie sich die zwei Bullerbässe nämlich gerade noch wegen ber schönen Sötte anschrein, ist ein dritter feiner Herr in den Laden ge­treten, und als der Bürgermeister ihn sieht, hält er mitten in einem langen Fluch an und wird so weiß, wie er rot gewesen ist.

Ist hier wohl von Schuhputzen die Rede?" fragte ber Teufel lächelnd, der ist es s a.

Gewiß werden hier auch Schuhe geputzt", sagt Hein Di grob und spuckt dem fremden Herrn gleich auf die bestaubten Schnabelspitzen, und er solle sich nur setzen, er käme auch noch daran. Da ist ja kein anderer Stuhl da als der dritte, und Bellhorn, ber Düwel, setzt sich. Inzwischen hat der Bürgermeister wieder Luft gekriegt, aber ihm grimmelt und wimmelt es vor ben Augen, er weih wohl, weswegen der fremde Herr kam.

Hein Di," stöhnte er,hör' mal zu!" Der scheint ihm auf einmal ber einzige, ber noch helfen kann.Hein Oi, alles, was du haben willst, meinetwegen auch die schöne Sötte." Er merkt ja, daß dieser Di ein Zauberer ist, und so einer ist vielleicht doch gut in Rot und Stadt­regiment. Gerade zu ber Zeit ist draußen auf ber Straße allerhand Lärm. Ach, die arme Jungfer Sötte kommt noch einmal in Hein Dis Loden herübergewandelt. Sie hätte sich ben Weg durch das Volk gern gespart, aber wie ihr Vater nicht heimkommt, hat sie eine Ahnung. Äs