Die Zilberrnfel.
Von Ewald Gerhard Seeliger.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.!
In der Mitte des Weges hielt er inne. Hilde war in ihr Zimmerchen getreten, schob die Vorhänge zurück und schaute lange und sehnsüchtig in die helle Nacht hinaus. Nun aber hielt es Balthasar nicht länger aus, er stürmte vorwärts und rief, bei der Grundmauer der Mühle angekommen, leise ihren Namen.
Sie aber hatte ihn längst erblickt, war herabgesprungen, und nun lagen sie sich in den Armen.
„Komm hinüber", flüsterte Balthasar dringend.
„Ich fürchte mich." Fest schmiegte sie sich an ihn.
»Komm nur, es hat reine Gefahr."
Willig folgte sie ihm aufs Wehr hinaus, das vor ihnen lag wie ein schwarzer Steg, der mitten durchs Wasser führte.
„Still, still," mahnte sie, „daß der Hund nicht bellt."
Er trug sie fast hinüber, so stark machten ihn Freude und Glück.
Dann saßen sie lange im Schutze des knorrigen Eichstammes und sahen sich wortlos in die Augen, trunken vor Seligkeit.
Leises Rauschen drang aus dem Gipfel der Eiche. Vom Wehre herauf kam gleiches Geräusch. Heimlich, unmerklich hoben sich die Wasser und leckten gierig die Kämme der Wehre. Hier und da rieselte es schon im weißlichen Schaume hernieder.
Die beiden unter der Eiche aber merkten es nicht, und wenn in ihren Ohren wirklich einmal das Rauschen stärker tönte, meinten sie, es sei der Rachtwind. ,
Im Quellgebirge aber waren an den Felszacken der Berge die Wolken geborsten, und es war ein Regen gefallen drei Tage und drei Nächte lang. Und immer neue Wolkenscharen trieb der tolle Westwind vom Meere daher, daß sie sich an den steinernen Wänden die Köpfe einrannten und in endlosen Strömen niederprasselten. Die Hänge hinab stürzten die Wasser unaufhaltsam zu Tal. Wo sonst der Fuß des Wan- oerers ging, tobte nun des Wildbachs reißende Wut, harmlose Bächlein schwollen zu schäumenden Strömen und rissen die Felsen der Berge von der Brust ihrer Mutter. Gebrüll und Krachen, Geröll und Gerase schreckten die Menschen schon von ferne.
Es war eine Flut, wie sie seit einem Menschenleben nicht gewesen. Wie haltlose Strohhalme knickten die stolzen Tannen und fuhren abwärts im wilden Wurf des Wassers, wie von Riesenhand geschleuderte Speere. Wehe dem, der ihnen in den Weg kam! Brückenpfeiler brachen wie zweckloses Kinderspielzeug vor ihrem Anprall, Hauswände wurden zerstochen wie dünnes Papier, daß das Dach krachend die schreienden Bewohner begrub.
Schneller aber noch, als das Wehgeschrei der Unglücklichen, stürzten die flutenden Massen zur Niederung, vereinigten sich und schossen nun lautloser, aber gefahrdrohender dahin, mörderischen Schlangen vergleichbar.
Rach Norden trieb es sie, dem Strome zu.
Und der Strom, der seit Monden schlief, erwachte aus seinem Bette, dehnte und reckte sich, und machtvoll erhob er sich und trat auf beide Ufer.
Er forderte sein altes Recht, nicht laut und stürmisch, sondern in stummem Groll und Zorn, und da war keiner, der es ihm streitig machte. Er stieg an die Dämme und prüfte ihre Stärke mit tastenden Fingern, und ingrimmig lachend schlug er feine wilden Fäuste dagegen. Und jeder Faustschlag war ein Dammriß, der die dahinterliegenden Fluren überfluten ließ, die Früchte vernichtete und die Felder versandete.
Und der Strom schritt weiter in seinem Werk. Denn er verachtete die Menschen, weil sie hochmütig waren. Er wollte ihren Aberwitz vernichten und ihren Hochmut und ihre Herrlichkeit in Grauen ertränken.
Und so brach er die Dämme, sprengte steinerne Brückenbogen wie eitlen Tand, riß Holzbrücken um, als wären es Bauten aus Spinnweben, und trieb die Trümmer dem Meere zu. Jede Brücke aber, die brach, drohte den Schwestern sichere Vernichtung. Doch, wo ihm das Ufer unerreichbar war, besonders an den Städten, wühlte er im Grunde, baß die Mauern stürzten und die Ufer mit dem, was sie trugen, in seine Arme sanken. Mühlenräder zerknirschten unter seinen Faustgriffen wie dünnes Glas. Mit stetig wachsendem Rachen verschlang er die Inseln in feinem Laufe, und seine Fesseln, die Wehre, zerriß er wie Zwirn- fäden.
Weit vor ihm her bäumte sich das Wasser und schwoll empor in zitternder Erregung.
Und so waren die beiden auf der Silberinfel längst vom Strome eingeschlossen, ehe sie es überhaupt wußten.
„Ich muß gehen", sagte Hilde, und leise drängte sie den Geliebten von sich.
„Bleibe, bleibe noch ein wenig", flehte Balthasar, den die Nähe der Geliebten, die schwüle Luft der Nacht und das Glück der Einsamkeit berauschten.
„Der Vater, roeiin er es merkt!"
„Er wird es nicht. Und morgen werde ich zu ihm gehen und ihn fragen, ob er einen Müllerburschen braucht. Und braucht er keinen, so gibt es hier zu Lande noch andere Mühlen. Das Schreiberhandwerk «ft mir längst zur Last. Nur ausharren und fest bleiben, Hilde, dann muh es gelingen."
„Ich halte zu dir!"
Dann aber Katzen sie schweigend aneinandergeschmiegt und horchten ans das Rausche'' des Nachtwindes.
Plötzlich sprang Balthasar empor.
„Was hast du?" fragte Hilde erschreckt.
I Balthasar schwieg und lauschte in die Nacht hinaus, jede Fiber ne, spannt, dann sprach er ruhig: „Bleib sitzen, gleich bin ich wieder da" „Was ist's, ein Lauscher?"
„Nein!" Er winkte noch einmal mit der Hand, dann verschwand er nach dem Ufer zu.
| Aengstiich harrte sie seiner Rückkehr.
Balthasar wußte im voraus, was er sehen würde; nur einen einzigen Blick warf er aus den weißlichen Gischt der strömenden Wasser, dann wandte er den Fuß, zwang sich zur Ruhe und kehrte zu Hilde zurück.
„Was ist's?" fragte sie dringender.
Statt der Antwort ließ sich Balthasar neben ihr nieder und faßte sie fest in seine Arme.
„Horch!"
„Der Wind?"
„Horch schärfer."
Sie tat's, und ihre Slugen erweiterten sich plötzlich, als müßten sie den Anblick eines Grauenhaften ertragen.
„Die Wehre laufen", sagte Ballhasar tonlos.
„So kann ich nicht hinüber?"
„Nein!"
„Aber der Vater!" schrie sie aus.
„Laß ihn!"
„Wir müssen sterben!"
„Noch leben wir."
„Kommt das Wasser bis hierher?"
„Ich weiß noch nicht. Wenn.es aber kommt, bleibt uns immer nach die Eiche." *
„Und wenn sie bricht?"
„Sie ist fest und steht schon hundert Jahre."
„So laß uns hinaufsteigen."
„Es hat Zeit!"
Er hob sie sanft vom Boden empor und leitete fie langsam zum Rande. Wie ein schwarzes, schillerndes Ungetüm kroch das Wasser die Uferpflasterung herauf, langsam, aber nachdrücklich und unaufhaltsam.
Balthasar kannte den Strom und sein Wachsen genau und konnte nicht mehr hoffen, daß diese Welle bald vorüberfluten würde.
„Ehe der Morgen graut, ist die Insel überschwemmt."
„Aber die Eiche?" rief Hilde hoffnungsvoll.
„Von der Eiche aus können wir keine Rettungssignale geben."
„So schreien wir hinüber."
„Bis zu den Ufern trägt die Stimme kaum, wenn alles ruhig ist; morgen aber werden die Wehre brüllen und tosen und dir den Laut von den Lippen verschlingen."
„So warten wir, bis die Insel wieder frei wird."
„Fünf Tage warten, und ohne Brot?"
„Aber mein Vater wird mich suchen."
„Er wird dich suchen, nur nicht hier."
„Balthasar!" schrie sie entsetzt; jetzt erst war ihr die ganze Größe der Gefahr vor Äugen. »
„Ich weiß, daß ich daran schuld bin, ich weiß, daß ich ganz allein daran schuld bin; aber ich hatte dich gar zu lieb." Damit versank er in tiefes Nachdenken.
„Was willst du tun?" fragte sie, schwerer Banguis voll.
„Noch nichts. Nur ein wenig ruhen. Das Wasser wird uns wecken." Sie bebte vor Furcht in seinen Armen.
„Sei stark und bleibe fest!"
Dann schritten sie stumm zur Eiche und ließen sich an ihrem Fuße nieder. Aufrecht an den Stamm gelehnt, saß Balthasar und blickte in die flutende Nacht. Hilde lag an seiner Schulter und schloß die Augen vor Furcht und Schwäche, aber sie schlief nicht. Balthasar wachte.
Von Minute zu Minute wuchs das Rollen und Dröhnen der Wehre. Ein gewaltiger Unterton in mächtigem Gleichmaß beherrschte das Ganze, darüber aber klatschte, pfiff, brummte, pfauchte, schmetterte, jauchzte, polterte und gellte es in millionenfacher Veränderung, als hätte jeder Wassertropfen, der dort hinunterfiel, seine besondere Zunge.
Abgerissene Töne, Hornsignale tönten vom Ufer herüber. Das waren die Pioniere, die Alarm schlugen, und deren Kasernen dicht am Strom lagen.
Und je stärker das Wehr erdröhnte, um so schwächer tönten die Trompeten.
Nun brachten sie ihre Eisenkähne aus dem großen Exerzierschuppen am Ufer und schoben sie ins Wasser. Und überall wo der Strom Menschen und Tiere bedrohte, würden die tüchtigen Jungen in des Königs Rock erscheinen, um zu helfen und zu retten. Nur nach der Eiche auf der Silberinsel würden sie nicht fahren.
Hätte er nur ein solches Signalhorn hier auf der Insel gehabt, er würde seine Not und seine Bedrängnis hinüberschmettern.
Es galt, andere Wege zu finden.
Feuer? Es fehlten ihm sowohl die Mittel, es anzustecken, als auch das Material, es zu unterhallen.
Irgendein Kleidungsstück als Flagge heraushängen? Die dichte Krone der Eiche taugte nicht zum Signalmast.
Vom Wehre herüber tönte plötzlich ein unheimliches Krachen und Poltern. Die ersten Balkentrümmer hatte der Strom dagegen geschmettert.
Balthasar schöpfte neuen Mut. Wenn er nur ein paar dieser Balken habhaft werden konnte, war es vielleicht möglich, mit Hilfe gedrehter Eichenzweige ein kleines Floß zu binden. Es brauchte ja nur bis zur Brücke zusammenzuhalten. Dort mußte man es bemerken. Bald aber sah er ein, daß auch hierzu seine Kraft nicht ausreichte. Was konnte er mit feinen schwachen Händen gegen die Wucht der Wasser ausrichten! Keinen einzigen Span würden sie ihm Lberlasfen. (Schluß folgt.!
Verantwortlich: Dr. 6an6 Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Llniversitäts-Vuch. uud Steindruckerei,V. Lange, Gießen.


