Ausgabe 
6.11.1928
 
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Den vorliegenden Untersuchungen lag die Erkenntnis zugrunde, datz sich je nach Beschaffenheit der Blutkörperchen vier Blutgruppen unter­scheiden lassen. Jeder Mensch gehört der einen oder anderen dieser ©nip­pen an, und zwar fein ganzes Leben lang immer der gleichen. Es dürfte hin­reichend bekannt fein, welch große Bedeutung die Blutgruppenlehre in der Medizin gewonnen hat und noch ständig gewinnt. Wenn sich die Ent­deckungen Furukawas bewahrheiten sollten, wäre die Blutgruppenlehre von nun an auch ein sehr exaktes Hilfsmittel für die Erforschung der Temperamente und damit indirekt für die Charakterologie. Der Forscher ging von der Fragestellung aus, ob nicht ein Zusammenhang zwischen Blutsgruppenzugehörigkeit und Temperament besteht, ob am Ende nicht gar den vier Blutgruppen die vier Grundtemperamente entsprechen. Die erste Frage konnte nach den bisherigen Untersuchungen bejaht werden; tatsächlich zeigte sich, daß Personen, die der gleichen Blutgruppe ange­hören, auch im Temperament gleich veranlagt sind. Doch decken sich die auf Grund dieses neuen Einteilungsprinzips gewonnenen Grundtypen nicht mit den früheren Grundtemperamenten janguinifch, phlegmatisch, cholerisch, melancholisch.

Nach Furukawas tabellarischer Aufstellung sind die Temperaments­eigenheiten in folgender Weise den einzelnen Blutgruppen zugeordnet:

Blutgruppe I, Aktiver Temperamentstyp (innerlich und äußerlich); selbstisch, selbsttätig, vernünftig, willenskräftig, unbeugsam, trotzig, unrett­bar, energisch.

Blutgruppe II, Passiver Typ (innerlich und äußerlich) selbstlos, nicht selbsttätig, sentimental, mild, scheu, beuctzam, bescheiden, unentschlossen, ängstlich, reizbar.

Blutgruppe III, Aktiver Typ (hauptsächlich äußerlich) munter, beweg­lich, vorwitzig, gesellig, unbeharrlich, unaufmerksam, nervös, geschäftig.

Die der IV. Blutgruppe angehörenden Individuen zeigen eine Ver­mischung der Temperamentseigenschaften der II. und III. Gruppe, wie auch ihre Blutkörperchen die für die Gruppen II und III charakteristischen Stoffe, die Agglutinogene A und B enthalten.

Mit der Feststellung der Temperamentszugehörigkeit des einzelnen Menschen sind aber die Möglichkeiten der Anwendbarkeit der neuen Ent­deckung immer ihre Stichhaltigkeit vorausgesetzt noch lange nicht er- K. Man kennt dank den Forschungen L. und H. Hirschfelds die mppenzugehörigkeit der Nationen, d. h. man weih wieviel Prozent der Bevölkerung jeweils auf die einzelnen Blutgruppen entfallen. Wenn es nun stimmt, daß zwischen Blutgruppenzugehörigkeit und Temperament ein konstantes Abhängigkeitsverhältnis besteht, dann ist die Feststellung der Temperamentszusammensetzung einer Nation direkt an diesen Pro­zentsatz abzulesen.

Bon besonderer Wichtigkeit für die Beurteilung des Durchschnitts­temperaments einer Nation scheint Furukawa das Verhältnis der aktiven Temperamentstypen zu den passiven zu sein (also nach obiger Ein­teilung das Verhältnis der Prozentzahlen von Gruppe I plus III, zu Gruppe II plus IV). Er nennt den so gewonnenen Quotienten den Völker- temperaments-Jndex. Die Jndenxzahl I bedeutet demnach, daß aktive und passive Temperamente in gleicher Anzahl vorhanden sind; je mehr also die Indexzahl 1 übersteigt, desto aktiver ist eine Nation in der Ge­samtheit, umgekehrt, desto passiver. Nach der tabellarischen Aufstellung kommt Japanern, Schweden, Norwegern, Ungarn im Durchschnitt die wenigste Aktivität zu; sie erreichen alle vier nicht die Zahl 1. Der Deutsche erhall den Index 1,13, der Engländer 1,16, der Franzose 1,19. Zu den Aktivsten gehören Zigeuner (2,73), Indianer (3,95) und Philippiner (5,37).

Je mehr die Summe der selbstischen, aktiven Typen in einem Land überwiegt, desto ungemütlicher wird es.

Die Psychologie der Nationen scheint also demnach jetzt mit ganz exakten Methoden feststellbar auf die allereinfachste Weise, durch ein simples Rechenexempel? Seien wir zunächst vorsichtig mit der Ueber- trogung im kleinen Maßstab gewonnener Resultate auf Kollektivwesen wie Nationen und Völkerstämme.. Wenn der Völkertemperaments-Jndex beispielsweise den Nordamerikaner mit 1,10 anfetzt, den Inder aber mit 2,63, so wird uns aus einem Vergleich dieser beiden Zahlen klar, daß bei der Beurteilung der Aktivität eines Volkes wohl noch viele andere Faktoren in Betracht kommen, die zahlenmäßig nicht zu erfassen sind.

Kirchers Keifern denWettraumvvrZüvIahren.

Von Graf Carl von Klinckowstroem.

Man kann es sich heute wohl nur schwer vorstellen, welches Aufsehen es in der gelehrten Welt erregte, als Galilei 1609 zum ersten Male das ein Jahr zuvor erfundene Fernrohr auf die Himmelskörper richtete Und von den Kratergebirgen auf dem Monde, von der leuchtenden Ju- püertugel und von den Phasen der Venus Kunde gab. Für die Astro­nomie begann damit eine neue Epoche, und die Fragen nach dem Wesen, nach den Bewegungsgesetzen und nach der Bewohnbarkeit der Planeten haben seither nicht aufgehört, die Astronomen und die Dichter zu be- fchaftigen.

Dem Motiv der Planeten- und Mondbewohner begegnen wir in der Literatur schon früh. Francis G o d w i n veröffentlichte 1638 einen Roman, dessen Held sich durch zehn Vögel auf den Mond tragen läßt, unb den gleichen Stoff bearbeitete nach dieser Quelle G r i m m e 1 = 2QUfen in seinemFliegenden Wandersmann" (1659). Ebenso bekannt linb Cyranos Mond- und Sonnenroman aus eben dieser Zeit, und ?le von ihm erdachten Mittel, die Erdenschwere zu überwinden (z. B. .och Raketenrückstoß), sind sehr bemerkenswert. Ueber die Möglichkeit »ner Reise nach dem Mond hat sich 1638 der gelehrte englische Bischof ?*?pn Wilkings ernsthaft den Kopf zerbrochen. Er sieht die Schwierig- w" dl'ch'o^'<$te nber glauben machen, daß er sie nicht für unüber«

, Aus dem Jahre 1656 stammt dieekstatische Reise" in die Himmels» rdume, die der Jesuit Athanasius K i r ch e r (1602 bis 1686) uns geschenkt hat. Ohne Zweifel gehört Kircher zu den fleißigsten Gelehrten, die je ge­lebt haben: er hat uns an die 50 dickleibige Bücher und 104 Bande Brief- wechsel hinterlassen. Seine Kenntnisse waren sehr ausgebreitet und er­streckten sich über fast alle Gebiete menschlichen Wissens. Aber sie gingen, wie schon seine ungeheure Produktivität ahnen läßt, mehr in die Breite als in die Tiefe. Wir verdanken ihm Werke über Aegypten und bk Hieroglyphen, über China, den Turmbau zu Babel, die Sünbflut, eine Universalschrift, über die arabischen Philosophen; topographische Werke, ferner solche über Mathematik, Physik, Mechanik, Magnetismus, Optik, Akustik, Musik, Astronomie ufro. Lebendig geblieben ist davon nur sehr wenig. Immer hin sind z.B. seine physikalischen Werke für den Fach- Historiker heute noch von Interesse, weil er fleißig kompiliert und kom. mentiert hat. Freilich behandelte Kircher mit Vorliebe noch kuriose und verblüffende Phänomene und Probleme. Die ernste Experimentalphysik steckte ja zu seiner Zeit noch in den ersten Kinderschuhen: Kirchers Zeit­genossen Otto von Guericke, Robert Boyle und Torricelli haben erst die Grundlagen dafür geschaffen.

Sein oben genanntes WerkItinerarium ekstaticum" (1656), von welchem vier Jahre später sein Schüler und Freund, der Jesuit Caspar Schott eine mit reichen Komentaren und Quellenverweisen versehene Neuausgabe veranstaltete, ist nun für die Ideen, die man sich damals von der Welt der Planeten machte, von nicht geringem Interesse. Als Kircher 1625 zum erstenmal durch ein Teleskop die Wunder des Himmels sich erschlossen hatten, da warf er sich mit Eifer auf astronomische Studien und setzte sich mit den angesehensten Astronomen seiner Zeit in Verbin­dung. So bildet fein Werk einen Niederschlag der astronomischen Kennt­nisse seiner Epoche, deren große Lücken Kircher in phantasievoller Welfe durch Vermutungen und gewagte Kombinationen auszufüllen suchte, was aber gerade seinem Buche einen besonderen Reiz verleiht. Die mangel­haften Fernrohre gestatteten in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts nur eine schwache Vergrößerung und gaben unscharfe Bilder. So hatte Kircher einen weiten Spielraum für seine Deutungen.

Kircher hat seinem Buch die Form einer Reise durch den Weltraum gegeben, durch den ihn im Traume ein himmlischer Führer, Cosmiel, ge­leitet. In Zwiegesprächen mit diesem erfahren wir, wie sich ihm allmäh­lich die Rätsel der Sternenwelt losen. Natürlich hält er noch an der geo­zentrischen Auffassung fest.

Wir können hier nur auf ein paar interessante Abschnitte aus Kirchers Buch eingehen, die veranschaulichen sollen, wie er seine Aufgabe gelöst hat. Er lehrt, daß die Himmelskörper aus denselben vier Elementen zu­sammengesetzt seien, wie die Erde, doch besitze jedes Gestirn feine eigenen Kräfte und Eigenschaften. Der Weltraum ist nach Kircher mit einem überaus feinen Aether angefüllt, und alle Gestirne wirken durch eine magnetische Kraft aufeinander ein, die sich Kircher als eine Art Strah­lung verstellt.

Die Reise führt unseren Planetenforscher zunächst auf den Mond. Kircher klagt bald über die wachsende Kälte und über Atemnot, und Cosmiel klärt ihn über deren Ursachen auf. Anschaulich schildert Kircher dann den Eindruck, den die leuchtende Erdkugel erweckt: er sieht Europa in der Form einer menschlichen Gestalt, Afrika gleicht einem Herzen, Amerika einem Kelche. An den Polen glitzern ungeheure Eismassen. So­dann erschließen sich ihm die Geheimnisse des Mondes: er erblich hohe Berge, Täler, Flüsse und Meere, aber keine Menschen, Tiere oder Pflan­zen wie auf der Erde. Vom Monde aus beobachtet er auch die Erdphalen.

Die weitere Reise führt ihn mit feinem Schutzengel auch zum Mars, der in rotem Feuer flackert. Der Mars erschien den Beobachtern des 17. Jahrhunderts wieFeuer aus einem glühenden Ofen", mit einem schwarzen veränderlichen Flecken in der Mitte der Scheibe. Diesen Flecken deutet Kircher als einen riesigen Schlund von der Große Afrikas, in welchem zahllose Vulkane brennenden Schwefel ufro. ausstoßen. Der Mars stand astrologisch in schlechtem Rus: er bringt Hitze, Trockenheit, Pestilenz, Sturm und Feuersbrunst. Wegen seiner üblen Wirkungen glaubt Kircher ihn aus Schwefel, Arsenik und Auripigment zusammenge­setzt. Cosmiel salbt daher seinen Schutzbefohlenen das Gesicht mit einem schützenden Balsam. Die schlimmen Wirkungen des Mars führt Kircher aber auf schädliche Ausströmungen, nicht auf die uraltüberkommenen astrologischen Annahmen zurück. Der Mars zeigt sich dem Forscher als von ungeheuren Höhlungen durchsetzt. Durch seine blinden Eingeweide ziehen sich nach der Länge und Breite riesige Kanäle Kircher ge­braucht tatsächlich diesen Ausdruck und in den inneren Höhlungen findet sich kochende Materie, die durch Krater ausgeroorfen wird. Die Er­wähnung vonKanälen" bei Kircher ist deshalb interessant, weil der­artige Gebilde bekanntlich erst nach 1877 (zuerst von Schiaparelli) beobachtet wurden und zu lebhaften Diskussionen Anlaß gaben.

Auch den Saturn besuchte Kircher unter dem Schutz feines himmlischen Führers Cosmiel. Vom Saturnring weiß er allerdings noch nichts, ob­wohl dieser 1655 von Chr. Huygens entdeckt worden war. Die Saturn- cheibe erschien den Astronomen vor Huygens mit henkelförmigen An­ätzen, die man sich nicht zu erklären wußte. Kircher schloß sich der An- icht R i c c i o l i s an, daß es sich um zwei Satelliten handle, die den Planeten umkreisen, und so zu der ausfälligen Erscheinung Anlaß geben. Den wechselnden Aspekt erklärt er, wie auch bei den anderen Planeten, durch deren Achsenrotation. In seiner Beschreibung des Saturn gerät Kircher zu Annahmen, die den heutigen gerade entgegengesetzt sind. Wäh­rend wir wissen, daß die spezifischen Gewichte der äußeren Planeten mit ihrer Entfernung von der Sonne abnehmen, der Saturn also aus leich­testem Aggregat besteht, läßt Kircher ihn aus Blei und Antimon zu­sammengesetzt [ein, und die flüssigen Teile, die Meere, Seen und Flüsie, gleichen dem Quecksilber. Von den jenseits der Bahn des Saturn kreisen­den Planeten hat Cosmiel allerdings feinem Schutzbefohlenen nichts verraten.