Ausgabe 
6.11.1928
 
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die

Im Volksmund wurden von jeher Blut und Temperament mitein­ander in Verbindung gebracht, man spricht von schwerblütigen oder , leichtNütigen" Menschen, sagt von bestimmten Eigenheiten, daß !> jemandenim Blute liegen" usw. Nun überrascht uns em Wito Physiologe namens Takeji Furukawa mit der Entdeckung, daß die! volkstümlichen Vorstellungen instinktiv dem wirklichen Sachverhalt sehr nahe kamen, daß wirklich die Verschiedenheit der Temperamente ihren Grund in verschiedener Blutbeschaffenheit hat.

Die Bezeichnung sür die vier Grundtemperamente: sanguinisch, phleg matisch, cholerisch, melancholisch, die heute noch gebräuchlich s'nd gshe" bekanntlich auf die älteste wissenschaftliche Erklärung zuruck, welche d> Temperamente auf die vier Kardinalsaste: Blut, Schleim Galle und schwarze Galle bezog. Fast zweitausend Jahre lang blieb diese Meinung ' herrschende. Erst im 18. Jahrhundert wurde die Frage unter neu artigen Gesichtspunkten wieder aufgegriffen, und Zwar von den deut -yen Aerzten Stahl und Haller. Sie versuchten die Einteilung aus tn- verschiedene Erregung des Nervensystems, des Blutes und der Muskel zu gründen. Von den neueren psychologischen Erklarungsweisen san° von Wilhelm Wund t die weiteste Verbreitung, welche di« Velsch'eoen heit der Gefühlsreaktionen auf einen Reiz als U n t er sch e i d u n g s m er der Temperamente annimmt. Der Choleriker reagiert nach Wuno- rasch und lebhaft, der Phlegmatiker langsam und stark der Sanguinue rasch und schwach und der Melancholiker langsam und schwach.

Rach Furukawa ist nun die Feststellung der Temperamente eine ziem­lich einfache Angelegenheit geworden, sie gründet Pch Nicht m yr , äußere Beobachtung und unsichere experimentelle Messungen. Ew durch das Mikroskop zeigt, welcher Temperamentsgruppe ein JHenw gehört. Der japanische Forscher konnte nämlich in allen von ihm un suchten Fällen feststellen, daß man das Temperament eines Men,wen dem Verhalten seiner Blutkörperchen zu erkennen vermag. Aw mutet das geradezu phantastisch an: Die Art unseres Berhalten^ Ümwelt soll durch die Eigenart dieser mikroskopisch kleinen Ko p w bestimmt werden, die durch unsere Adern eilen; das Temperam Menschen hängt sozusagen vomTemperament" seiner Blutrorp ) jn Der Gedanke hat gleichzeitig etwas Bestrickendes und Emleuch . seiner Folgerichtigkeit. Gleichwohl empfiehlt es sich aber, w gnt- Betrachtungen etwas zurückhaltend zu fein, ehe nicht die ,o n Bedungen durch ein umfassendes statistisches Material und o w Prüfung von anderer Seite als vollkommen gesichert gelten ro

dem Kinn. Der Wind packt seinen Hut, reißt ihn dem Ueberrumpelten vom Kopf, wirft ihn hoch und schleudert ihn in großem Bogen schräg nach vorn zur Erde. So daß er im nächsten Augenblick einer Acker­scholle auf dem Schädel sitzt. Wie es sich gebührt: den schwarzweihen Federstutz nach oben gereckt.

Da macht der Junker von Reibnitz es gilt in den nächsten Se­kunden alles zu retten oder alles zu verlieren: Ehre und Osfiziersein! Ruf und Beruf da macht Reibnitz eine Volte, beugt sich am Halse des Pferdes vorbei tief herab, packt den davongeflogenen Hut beim Federstutz, reißt ihn und sich zu seinem Fuchs wieder hoch, stu.pt den Zuriickgewonnenen auf den Kopf, nimmt von neuem die Zügel mit beiden Händen und sprengt ohne auch nur einen Augenblick lang aus dem Galopp gefallen zu fein mit vorschriftsmäßig sitzendem Hut an Seydlitz vorüber.

Einrücken!" befiehlt der General dem an der Spitze der Kavalkade Vorbeigaloppierenden. Unbeweglich hält er unter der Doppeleiche, bis 6er letzte der Offiziere jeder untadelig in Haltung und Montur wie Reibnitz vorbeigeritten ist. Auch als die Offiziere in einer Staub­wolke unsichtbar werden, halt Seydlitz noch immer unbeweglich auf seinem Platz. Erst da Offiziere und Staubwolke feinen Blicken ent­schwunden sind, gibt er dem Gaul die Sporen. Aber nach einem halben Dutzend Sprüngen nimmt er ihn aufstöhnend aus dem Galopp zuruck und zuckelt nach Hause. ....

Am Abend wurde der Junker von Reibnitz zum General Seydlitz beschieden. Der saß, mit bewickeltem Sein, schmauchend in der Nähe des glühenden Kamins.

Weswegen habe ich Ihn kommen lassen?'

Um mir meinen Abschied zu geben."

Hm" _ ,

Der Hut saß, Exzellenz. Aber mein tfudjs

Bockt, weil er zu wenig Hafer kriegt."

Woher nehmen, wenn man"

Auf dem Kaminsims liegt Hafer. Für den Gaul. Und für den Junker." . , , . _. ..

Drei Rollen Doppellouisdors warteten, wie sich nach wenigen Schrit­ten erwies, auf nichts anderes als von Reibnitz mitgenommen zu wer­den Da der Gerührte sich über die Rechte feines Generals beugen wollte, knurrte Seydlitz:Unsinn. Er hat sie verdient. Was hab' ich ge­sagt- Bester Reiter der preußischen Armee. Nicht: nach mir. Sondern: vor mir. Will Er wohl endlich mit seinem Frauenzimmerkram aufhoren? Noch nicht?? Wegtreten!!"

Als der Junker von Reibnitz in soldatischer Haltung gegangen war, griff Seydlitz mit beiden Händen nach seinem bewickelten Seil? und fegte bald knurrend, bald bewundernd immer wieder vor sich hin: Reiten!

Die arme Lespinasse hat zuviel Briefe geschrieben. Selbst ihr Ge­liebter Monsieur de Guibert, vertrug sie nicht; sie waren zu geist­reich, zu lang, zu gefühlvoll, sie sprühten, sie knisterten vor Bosheit sie karikierten die damalige Welt, sie sind wertvoll und amüsant, sie belehren uns über Sitten, Moden, Menschen des achtzehnten Jahrhunderts; aber für die Liebe ist Geist nicht gesund, nicht zuviel davon. Heute gehen die glücklichsten Verhältnisse auseinander weil der eine dem anderen geist- reiche Briefe schreibt... . . ,

Eine kluge Frau versuchte einmal, in einer westlichen Stadt einen Jour" einzurichten. Die Menschen strömten herbei, neugierig auf diesen Donnerstag. So viele waren gekommen, daß man Stuhle aus den be­nachbarten Häusern holen mußte; aber als die Leute merkten, daß es nichts gab, außer Tee und Kakes und Musik, kamen sie nicht wieder, und derJour rix" ging bald ein.

In England bestellt man Zauberer oder läßt Theater spielen, wenn man Gäste einlädt; man nimmt nicht an, daß diese Menschen imstande sind sich allein zu unterhalten. Auch bet uns fängt man schon au, Künstler einzuladen, wenn man Gäste versammelt, damit sie sich nicht laneemag sein, daß die Frauen heute nicht mehr genügend Zeit be­sitzen, sich künstlerischen Fragen zu widmen; aber die Operetten, die Ein­tagsfliegen der Lustspiele, die Kinos und Zirkusse sind noch immer voller Damen Und wenn man in den Badeorten sieht, was im Stranükorb, in der Hängematte für Bücher gelesen werden, befallt uns em Gruseln, wenn man sich vorstellt, dazu verurteilt zu sein, diese Bucher auch lesen zu müssen. Aber es gibt noch Frauen, die es verstehen, eme Feiertags­stunde am Tage für sich zu behalten. Ich kenne eine junge Frau, oie, als Malerin ausgebildet, nur in großen Städten gelebt hatte und durch ihre Ehe in ein kleines abgelegenes Nest verschlagen wurde, wo es weder Theater, noch Konzerte, noch Verkehr für sie gab. Und doch war fte nicht verbauert, nicht einsam, sie, die mit zarter Gesundheit tljr eigenes Äinber* mädchen, ihre eigene Köchin, die Gärtnerin sogar darstellen mußte. Der Abend gehörte ihr und ihren Büchern, und sie erklärte es für ihr größtes Glück, abends ihr Lämpchen neben dem Bett anzuzunden und bei einer Zigarette zu lesen. ,. , ., . ro .

Sie hat sich über den grauen Werktag hinweggesetzt mit der Grazie, die eigentlich ins achtzehnte Jahrhundert gehört Sie war, was Menschen betrifft, verwöhnt. Von dem Umgang mit geistvollen Menschen laßt sich I dasselbe sagen, was L a r o ch e s o u c a u 11 vom Hosleden behauptet hat:

Es macht nicht glücklicher, aber man fühlt sich anderswo nicht mehr wohl. Die Frauen des 18. Jahrhunderts, die es verstanden, sich und 'hr Haus zum Mittelpunkt einer ganzen Welt zu machen, durch ihren Geist und ©djarme, waren oft blatternarbig, mager, erblindet, Greisinnen kaum I hübsch, doch ihre Worte sind unvergeßlich geblieben Es waren Frauen, die noch als Matronen Liebesbriefe empfingen. Nichts erhalt elastischer I als die Liebe. Sie liebten und wurden geliebt; denn damals wertete man das so hoch, was bei uns eine so billige Ware geworden ist: Espntz üur unsere Zeit gibt es kein sicherer wirkendes Gift für die Liebe, als Esprit, aber bamals hatte diese Eigenschaft noch Goldwert, und umwob jene Frauen mit einer Gloriole, die heute noch beim Rennen ihrer Samen I aufglänzt.

Die Temperamente unter dem Mikroskop.

Neue Entdeckungen der Blutgruppenforschung.

Von vr. C. I a n e t. }

Eine seltene Ware.

Von Siesbet Dill.

(Nachdruck verboten.)

Im achtzehnten Jahrhundert stand sie am höchsten im Kurs, in dem unsrigen ist sie billig 'geworden; man erhält sie fast umsonst, und die meisten können kaum noch etwas damit anfangen. Efprit heißt die Sßare. Mrni kann das Wort auch mit Geist übersetzen; aber bann ist es nicht mehr ganz dasselbe. Es bekommt Gewicht, und das soll nicht sein.

Damals suchte man die Frauen auf, die Esprit besaßen. Man be­trat ihre Salons mit Ehrfurcht; man hatte das Bedürfnis nach einer guten Unterhaltung, wie heute nach einem guten Tabak, einer Zigarette, einer Anregung, die uns über den Alltag erhebt und erfrischt. Man drängte sich in die Salons einer Madame Geoff rin, dieser bürgerlichen Aristokratin, die Fürsten und Könige bei sich empfing, diese früh ver- fettete Frau eines Spiegelfabrikanten. Die Katharina von Rußland fragte einmal die Geoffrin, woher sie eigentlich die Bildung bezogen habe. Und diese gab zur Antwort, sie habe lesen gelernt. Ach, wie viele haben lesen gelernt und machen feinen Gebrauch davon.

Mese Frauen des achtzehnten Jahrhunderts bereiteten sich auf den Empfang ihrer Gäste vor; während man sie frisierte und puderte, lasen sie Bücher, wovon man sprach. Man mußte belesen sein, damals, sonst galt man nichts. In dem einfach eingerichteten engen Salon der Julie de Lespinasse, der geistvollsten Frau des achtzehnten Jahrhunderts, die io schöne Briefe schrieb, und so glücklich war, weil sie Geist hatte; man kann auch zuviel davon haben sie starb daran, daß sie mehr von ihrem Geliebten erwartete, als sie bekam, versammelte sich täg­lich auch im Sommer, ohne Unterbrechung, während des ganzen Jahres, die erste aristokratische und Gelehrtenwelt von Paris. Zwischen diesen abgenutzten, zusammengeborgten, auf Pump gekauften zierlichen Möbelchen, den verschossenem roten Damasttapeten ihres Schlafzimmers sie hatte nur einen kleinen Salon und ein Schlafzimmer, in dem sie empfing wurde nichts geboten, als eine gute Unterhaltung. Es gab weder Tee, noch Zigaretten, noch fönst etwas, und ihr Salon war immer besetzt. Man traf dort die Köpfe von Paris; man unterhielt sich, ohne daß man Zauberer kommen ließ, oder Sonaten gespielt wurden. Diese Leute machten ihr Konzert allein. Wo fände man heute noch einen solchen Salon und woher die nehmen, die ihn füllten? Die einen haben den Salon, Kludsesfel und Bedienung, die anderen haben vielleicht nur Geist; beides vereinigt, findet man feiten. Er ist gestorben, der große Salon. Es gab wohl in Berlin noch einmal Salons, in denen sich das gelehrte Berlin, Künstler und gescheite Leute versammelten, aber sie sind nicht alt geworden; den Frauen versiegte das Lei ihrer Lampen bald. Die Frauen, die man damals aufsuchte, waren oft nicht einmal bedeu­tend, weder reich, noch hübsch; sie wußten nur zuzuhören, hatten den feinen Takt, andere sich unterhalten zu lassen; sie dirigierten bas Ganze unmerklich, in ihrer Hand lag doch die ganze Konversation wie an einem roten Fädchen. Ihre Worte hat man auf Spielkarten gedruckt; ihre Briefe find Dokumente einer glanzvollen Epoche geworden. Wer kann heute noch einen Brief schreiben?