Ausgabe 
6.10.1928
 
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Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Der lag: Brühl'scheUniversitäts-Vuch-- und Steindrucker ei, A. Lange, @icBen'

Amandus richtete die Jammernde sanft empor.

Um Gottes willen, erklären Sie mir doch"

Sie schluchzte krampfhaft.

Mein Mann war wieder so roh, so brutal. Es fehlte nicht viel, hätte mich mißhandelt."

Während sich die Gemüter über das Direktorpaar erhitzten, trat wirr, lich eine Katastrophe ein. Die Platonischen hatten einen Ausflug Qm Hünenburg, einer zwei Stunden von Wilhelmsbad entfernten Schloß, ruine, verabredet. Ein Junge war mit Proviant vorausgeschickt roob den, man wollte einen Imbiß im Freien nehmen und bis zum Abend die stärkende Waldluft genießen. Die Gesellschaft trat marschbereit iu, lammen, nur die Direktorin wurde vermißt. Der gute Amandus erhielt den Auftrag, zurückzubleiben und die Nachzüglerin an Ort und Stelle zu geleiten.. Endlich erschien die Direktorin. Ihre Augen waren von ver- gossenen Tränen gerötet und ihr Körper erbebte wie unter der Wucht eines gewaltigen Schmerzes.

Was ist Ihnen?" fragte der ergriffene Amandus.

Schonen Sie m'ch", bat sie und suchte vergeblich den Strom neu hervorbrechender Tränen zu hemmen. Wortlos schritten sie dahin. Plök- lich warf sich die Märtyrerin dem guten Amandus an die Brust.

Ich bin so elend, lieber Freund, so namenlos elend!"

Entsetzlich! Warum denn?"

Weil ich mich nicht vor ihm erniedrige. Weil ich mir seine Tyrannei nicht gefallen lasse."

Sie werden sich durch diese ewigen Alterationen zugrunde richten, gnädige Frau."

Leider! Ich fühle bei solchen Auftritten jedesnml den Tod am Herzen. Meine Langmut war unendlich. Aber das Maß ist voll. Die Achtung vor mir selbst fordert gebieterisch, daß ich nicht mehr länger unter einem Dache mit ihm bleibe."

Und Ihre Kinder, gnädige Frau?"

Welche Frage, lieber Freund? Meine Kinder gehören zu mir. Er wird sie mir streitig machen, allein ich werde meine Rechte mit dem Mut und der Verzweiflung einer verwundeten Löwin verteidigen."

Die armen Kinder!" hauchte Amandus und wischte sich die feuchten Augen. Die Direktorin benutzte seine weiche Stimmung und ergriff seine Hand.

Ein schutzloses, armes Weib, bin ich den Angriffen und Schmähun­gen eines Barbaren preisgegeben! Und kein Lichtstrahl in dieser Schreckensnacht. Ich vergehe unter der Qual!"

Und doch müssen Sie sich Ihren Kindern erhalten, gnädige Frau!"

Ich fürchte, daß meine Kräfte versagen. Ja, wenn ich wenn ich auß Sie zählen könnte"

Den Hilflosen beizustehen ist Christenpflicht."

Ihr Edelsinn zeigt Ihnen den rechten Weg."

Mir kommt ein Gedanke, gnädige Frau. Wenn ich vor Ihren Mann hinträte und ihm mit glühenden Farben das Glück malle, das er frevelnd von sich stößt? Wenn ich an sein Gewissen, an seine Vater- pflichten appellierte? Ja, wenn ich das Fünkchen wieder anftchte, das vielleicht noch in feinem Herzen für Sie glimmt? Wenn ich"

Er würde Sie auslachen, einfach auslachen. Nein, lieber Freund vergeben Sie sich nichts. Das ist vorbei. Die Brücke ist abgebrochen."

Aber was wollen Sie beginnen, gnädige Frau?"

'Ich suche mir ein st-lles Asyl, wo ich für meine Kinder leben und arbeiten kann."

Wo dachten Sie denn"

3d) schwanke noch, vielleicht in Ihrer ... Ist Ihnen die Umgebung Ihrer Stadt bekannt? Wenn ick) da ach, das würde mir alles sein, mich einer verwandten Seele nahe zu wissen."

Ich begreife das, gnädige Frau. Nur dürfen Sie auf meinen Rat nicht bauen. Ich bin sehr unpraktisch. Ich habe nicht die geringste Er­fahrung in solchen realen Dingen. Wir wohnen leit undenklichen Zeiten vor der Stadt in unserem eigenen Häuschen'

Wie idyllisch!"

Aber Tilli"

SEilli?"

Ja, meine Kusine. Die ist weltgewandt und hat einen merkwürdig scharfen Blick. Die könnte Ihnen"

Wir sprechen noch darüber, lieber Freund. Jede Stunde kann die Entscheidung bringen. Sie sehen, wie ich auf den Wogen dahintmbe und das Eiland suche, wo mir die Götter ein friedliches Heim bereiten. Seien Sie der treue Bootsmann, der mich dorthin steuert, und bleiben Sie mir gut gesinnt!" . ..

Sie näherten sich der Gesellschaft, die im kühlen Waldrevier Jui|t hielt und die Anlommenden mit Jubelgeschrei begrüßte. Die eine der beiden Schriftstellerinnen, die sick) in Improvisationen hervortat, echoe sich und sprach, zur Direktorin gewandt, mit weithin vernehmbarer Stimme:

Nimm, teuerste Direktorin, Die Gabe unserer Liebe hin Und bleib, o holde Kreatur, Der Lichtpunkt unsrer Wasserkurl"

Bei diesen Worten schleppte der Proviantjunge einen Riesenkranz aus Eichenlaub herbei, den die Rednerin der Direktorin überreichte.

Sie lebe" , ,

Hock)!" schrie der Chor der Platonischen,hoch, und abermals yo) Die Dichterin, selbst hingerissen von ihrer poetischen Leistung, dr einen Kuß auf die Stirne der Direktorin und diese bot ihr den

Der Gesellschaft bemächt gte fick) eine allgemeine Rührseligkeit, man sick) in die Arme, man verbrüderte sick) und es regnete so viel c>" feiten, als ob sie von Doktor Wenderoth zur Hebung der Korperr verordnet seien.

(Fortsetzung folgt.) _---

sorin von Below, eine unternehmungslustige, kokette Frau, die unaufhör­lich Ausflüße, Spiele und Tanzvergnügungen veranstaltete und mit ihren Kapricen sehr oft die ganze Anstalt auf den Kopf stellte. Wer sich in die Gefolgschaft dieser Epikuräerin begab, konnte an einen regelmäßigen Kur- gebramh nicht denken. Doktor Wenderoth protestierte gegen die Verge­waltigung seiner Patienten und wünschte die Majorin zu allen Teufeln, Die zweite Gruppe, unter der Aegide der Gattin des Badedirektors, war platonisch-ästhetisch angehaucht. Hier wurde geschwärmt, geseufzt und ge- 8öngeistert. Zwei Schriftstellerinnen, deren Namen ohne Angabe ihrer erke im Kürschnerschen Literaturkalender prangten, lasen abwechselnd ihre Produktionen vor und gaben der Gesellschaft die höhere geistige Weihe. Amandus leistete der Majorin mit den Glutaugen nur wenige Tage Trabantendienste. Ein Zusammenstoß mit dem Referendar Müller- Fellinghausen veranlaßte ihn, seine Beziehungen zur Below-Gruppe ab­zubrechen. Der krankhaft aufgeregte Themisjünger war sterblich in die Majorin verliebt. In dem harmlosen Privatdozenten einen Rivalen ver­mutend,rempelte" er diesen vor versammeltem Volk mit den Worten an:Herr Doktor, Sie renommieren bei den Damen mit einer gemachten Naivität!"

Der gute Amandus wechselte die Farbe, stürzte fort und ließ den Chefarzt um eine Unterredung bitten.Herr Doktor," keuchte er fassungs­los,ich bin fein Freund von Sfandalen und Blutvergießen, aber den unverschämten Referendar fordere ich auf Pistolen." Doftor Wenderoth, der solche Szenen oft in seiner Praxis erlebt hatte, versuchte zu vermtteln, und es gelang ihm, den blutdürstigen Amandus zu beruhigenLieder Doktor," entließ er ihn,Wilhelmsbad ist neutraler Boden. Wollten wir hier jede Herausforderung mit der Pistole in der Hand beantworten, so würden wir von einer Blutlache fortgeschwemmt. Meiden Sie die Kliaue der Majorin und beherzigen Sie stets, daß es Kranke find, mit denen Sie den Aufenthalt hier teilen." Amandus ging nun in das Lager der Pla­tonischen über, wo er mit offenen Armen empfangen wurde.

Schon lange hatte ihn die Direktorin mit wohlgefälligen Augen be­trachtet. Sie war klein und auffallend häßlick). Glattgesd)eiteltes, rötl'ches Haar umschloß ihre Stirn. Vor dem weit vorstehenden spitzen Kinn und den wulstigen Lippen trat ihre winzige Nase vollkommen zurück. Obzwar die Natur sie so stiefmütterlich behandelt, gefiel sie sich in allerlei theatralischen Possen, wobei sie ihren wasserblauen Augen einen elegischen Ausdruck gab. Mit ihrem Mann, dem sie vier Mädchen geboren hatte, lebte sie in unglücklicher Ehe. Das war schon äußerlich bemerkbar, weil der Direktor nicht mit seiner Familie speiste, sondern an den Mahlzeiten der Kurgäste teilnahm

Die Direktorin trat das Amt der Prästdentschaft an die beiden Schrift­stellerinnen ab, um sich ungestörter ihrem neuen Freunde, dem guten Amandus, widmen zu können. Ihm klagte sie ihr verborgenstes Leid, ihm enthüllte sie den klaren Spiegel ihrer schönen Seele. In jungen Jahren verwaist war sie im Hause ihres Vormunds in Stuttgart erzogen worden. Dieser hatte hie und daunter Diskretion" ein Wort von dem großen Vermögen seines Mündels verlauten lassen, und das bescheiden glimmende Lichtchen verwandelte sich über Nacht in eine Sonne, diever­liebte" Schwärmer in ihren Strahlenkreis zog. De Bielbegehrte gab unter allen Verehrern dem eleganten ritterlichen Offizier, der um ihre Hand warb, den Vorzug. Nach der Hochzeit stellte sich heraus, daß die Mitgift der jungen Frau nicht entfernt so bedeutend war, als man all­gemein geglaubt hatte. Der Herr Oberleutnant, der gewohnt war, auf großem Fuße zu leben, geriet in Schwierigkeiten, er muhte seinen Ab­schied nehmen und war nach langem Flanieren froh, das Direktorat in Wilhelmsbad zu erhalten. Am Himmel der jungen Ehegatten stieg ein Gewitter nach dem andern auf. Man überschüttete sich mit Vorwllifen, man war gegenseitig voneinander enttäuscht, und das eheliche Zusammen­sein artete in ununterbrochenes Gezänks aus. Die Geburt der Kinder ver­mochte an diesem traurigen Verhältnis nichts zu ändern. Die Direktorin sprach sich von jeder Sck)uld frei. Als Backfisch hatte sie für das Feuille­ton einer Modenzeitung kleine Beiträge geliefert, nun faßte sie den aben­teuerlichen Entschluß, die Fesseln ihrer jammervollen Ehe zu brechen und irgendwo, womöglich als Schriftstellerin, eine Existenz zu suchen. Aman­dus, den sie ins Vertrauen zog, war ehrlich genug, sie zu fragen, ob ihr Talent stark genug sei, diese Probe zu bestehen. Darauf überreichte sie ihm eine kleine Novelle, die von Trivalitäten wimmelte und sick) in bezug auf Satzbau und Stilistik so mangelhaft erwies, daß an eine Verwertung des Manuskripts nicht zu denken war. Die Direktorin gehörte zu den Frauen, die ohne tiefere Bildung durch das Blendwerk einer glänzenden Unterhaltung zu imponieren verstehen und nicht imstande sind, einen mittelmäßigen Brief zu schreiben. Amandus trug Bedenken, der Ver­zagenden die volle Wahrheit zu gestehen und ihr die letzte Hoffnung zu rauben, an die sie sich klammerte. Er behielt die Novelle unter allerlei Ausflüchten zurück, arbeitete sie in der Stille gänzlich um und schickte sie an die Redaktion einer bekannten Tageszeitung.

Die Majorin von Below bewachte ihre Gegnerin mit Argusaugen und wartete sehnsüchtig auf einen Eklat.

Ihr werdet Jefjen," prophezeite sie ihrer Liga,es gibt eine Ent­führung, und alle Wasserseelen von Wilhelmsbad werden tn Aufruhr geraten."

Ick) gönne dem faden Privatdozenten die Kreuzspinne", geiferte der Referendar Miiller-Fellinghausen.

Die Direktorin ist eine Märtyrerin", sagte eine fettsüchtige alte Barne.

Was?" schrie ein cholerischer Rittergutsbesitzer.Ein Drache ist sie! Ich habe mit dem Direktor in einem Regiment gestanden. War ein bißchen leicht, aber sonst ein guter Junge."

Ich habe meine Quellen, mischte sich ein Berliner Großkaufmann ins Gespräch.Sie soll ihren Mann mit den albernsten Grillen und Ueberspanntheiten quälen."

Es bildeten'sich zwei Parteien, und der Referendar fuhr mit den derbsten Ausdrücken dazwischen. Die Majorin mußte ihre ganze Autorität aufbieten, um Frieden zu stiften.