Der romantische Maler Max Slevogt.
Zu seinem SO. Geburtslage.
Von Dr. Paul Landau.
Der Impressionismus hatte die Phantasie entthront. Der Satz, daß ... Rübe ein ebenso bedeutender Vorwurf für die Malerei sei wie eine Madonna, war dafür bezeichnend. Man ließ höchstens die „Phantasie des i.mes" qelien, wollte nur aus der Beobachtung der Natur schöpfen. Der «Mer, der uns von dieser Enge und Dürre erlöst hat, ist Max Sle- »liat Ihm danken wir es heute, dah er uns die „ewig bewegliche Joors- Ld,ter" zurückführte in all ihrer Herrlichkeit, Größe und Macht, dah er K dunklen und die strahlenden Dämonen des Innern befreite und aus
Tiefen des Unbewussten einen unendlichen Zug von Geistern und Sn von Engeln und Teufeln, von Visionen und Märchen, Abenteuern ,md Wundern heraufbeschwor. Durch ihn wurde der Künstler wieder zum Men Magier, der in seinen Zauberkreis alles bannte, was nie das irdische Auge geschaut hat, was sich nur dem Seherblick des Genies ^Historisch knüpfte Slevogt wieder an die Romantiker und Idealisten I« 19. Jahrhunderts an, an Schwind und B ö ck l i n , aber nachdem ... vorher die ganze Eroberung der Wirklichkeit, die Entdeckung des Mts und der Bewegung durch den Impressionismus in sich ausgenommen batte. Er wurde so der Romantiker des deutschen Impressionismus. Er befruchtete zugleich die kühle Klarheit des deutschen Nordens mit dem tannen Schmuckgeist, mit der lebensfrohen Sinnlichkeit und erfinde- Men Beweglichkeit des deutschen Südens. Den sichern und festen Strich eines Menzel' umrankte er mit dem bunten Arabeskengirlanden des >>> e u m a n n s ch e n Barocks; die Helle dünne Luft der Lieberman lisch e n Landschaft erfüllte er mit glühender Farbigkeit. Eine wimmelnde Welt von Gestalten aus Märchen und Dichtung schuf er um sich, weil in ihm wieder einmal jene begnadete Schöpferkraft des Künstlers auferstan- d-n von dem Dürer verlangte, daß er „inwendig voller Figur" fei.
Den mainsräiikischen Gauen, die der deutschen Kunst seit Riemen- schneide r und Grünewald soviel geschenkt, entstammt sein Ge- chlecht in Würzburg wuchs er aus unter dem Gewoge reichster Ornamentik an Häusern und auf Brücken, im Anblick jener blühend reichen Fresken, mit denen T i e p o l o die Residenz geschmückt. In München erlernte er bei Diez das Malen, von Trübner die reichere Tiefe des Tons, oijnte in Paris das Wunder der beseelten Oberfläche bei Manet und Monet, fühlte in Italien die Majestät höherer Formen, für deren Ge- stoltung ihm Böcklin Führer wurde. Aber zunächst wurde seine Leiden- schast von dem Naturalismus gefesselt, wie ihn damals etwa Uhde und Corinth vertraten. In der Wiedergabe des Hählichen ist keiner weitergegangen als dieser tolle Träumer, der später eine so überirdische Schon- heitswelt offenbaren sollte. Sein intimster Freund der Münchener Zeit, der Kunsthistoriker Karl Voll, erzählt, daß man ihm damals den Beinamen „der Schreckliche" verliehen hatte; ein anderer Freund sprach humoristisch von der Periode bc; „gerösteten Spanferkel". Der junge Meister schwelgte in dumpfen Fleischmassen und unreinen Tönen. Aber doch sind Werke, wie die „Danae" und das Triptychon „Der verlorene Cohn", bei aller Unschönheit der Modelle und Draftik der Darstellung um einer hinreißenden malerischen Kraft, hingesegt mit einem alles Schwere und Dunkle überwindenden Temperament und zugleich von einer Innerlichkeit des Empfindens, die das Schema der „Armeleut- Malerei" mit einem ewig-menschlichen Gehalt erfüllt.
Slevogts Entwicklung führt nun aus dem dunklen Ateiierton ins Helle her Freilichtmalerei, aus der Dumpfheit inbrünstiger Leidenschaft in die leichte Beweglichkeit eines genialen Spiels. Dem Süddeutschen bringt Berlin, wohin er 1901 übersiedelt, die Befreiung. Seine Palette wird immer lichter, zarter, sein Pinfelstrich nervöser, geistreicher, erregter, beschwingter. Die Landschaften und Stilleben, die er in dieser Zeit geschossen, gehören zu dem Reifsten und Reinsten, das der deutsche Jm- xressionismus hervorgebracht; er ist hier den Franzosen, einem Sisley ober Pissarro, ebenbürtig. Aber seine drängenden Kräfte der Vision und des inneren Erlebnisses, die die Wiedergabe des reinen Naturausdrucks nicht befriedigt, lassen ihm keine Ruhe.. Der Hang zum Abenteuerlichen und Wilden, zum Grausigen, ja Grausamen, der sich in (einer „schrecklichen" Zeit stofflich bekundete, findet eine Läuterung und Verklärung in der Sphäre des Scheins, der Bühne. Hinzu tritt der Geist der Musik, der die ganze Lebensarbeit dieser von innerem Wohllaut beseelten Natur immer durchdrungen hat. Es entstehen die Don-Juan- Bilder, ganz eingetauchl in die Magie des Theaters, das Bild der tanzenden Marietta, romantische Visionen, wie der „Ritter im Frauengemaa) und der „Hörselberg". Aber allmählich verschwindet dieser Ton des Rausches und der Phantastik aus den Bildern, die nur noch schöne Landschaften, treffsichere Bildnisse und zarte Stilleben bringen; höchstens in kühn hingeworsenen Fresken, für die nur in Gartenpaoillons und erst Wetzt im Bremer Ratskeller sich Gelegenheit bot, lebt noch der alte Ton des Fabulierers und Visionärs. Denn Slevogt hat unterdessen in der Zeichnung, in der Illustration, in der Graphik das Feld gesunden, auf dem er zum größten Gestalter seit Dürer werden sollte.
Es ist schwer zu sagen, inwieweit ein äußerer Grund, die seit mehr als 30 Jahren ihn heimsuchende Gicht, an dieser Wendung beteiligt ist.
Krankheit hinderte ihn am Stehen an der Staffelei, an der mühsamen Arbeit des Malens. Wieviel leichter tanzten Feder und Blei übers Zapier, zauberten auf dem lithographischen Stein, auf der Padierpiatte m wimmelndes Leben hervor! Aber die Improvisation war schon von eher seine besondere Stärke, das blitzschnelle Hinwerfen gepaart mit langem Träumen und Sinnen. So wie er sich selbst auf dem ersten Blatt emec ersten graphischen Reihe, den „Schwarzen Szenen" bargestellt er- cheint er uns als Schöpfer: auf dem Sofa behaglich rauchend und in ucn Rauchringen Visionen ahnend, von einem mystischen Kätzchen um- spnlt, ein Visionär, ein spielendes Raubtier, das plötzlich mit einem em- Wu Griff seine Beute, das Bild, festhalten wird. Die Gesichte ferner imdheit werden in ihm wieder lebendig. Es lebt etwas vom starken und Üsiunden Jungen in ihm, und schon als Knabe hatte er beim Lesen [einer
Dis Wasserkur.
Von Alfred Bock.
(Fortsetzung.)
Amandus, der argwöhnte, daß diesem Lob eine Portion Spott beige- mischt sei, erklärte gebieterisch: „Brechen wir ab. Ich will mich nicht auf- regen." Nachdem er den zweiten Teller heruntergestürzt, richtete er an Tilli wieder das Wort: „Du kannst mir hernach einen Koffer packen.
„Du willst verreisen?" fragten Tante und Nichte mit gut geheucheltem ^"Drc^Uhr fünfundvierzig," antwortete Amandus, „nach Wilhelms- bad'.' Auf ärztliche Verordnung."
Die Damen spielten mit Geschick ihre Rolle weiter. Amandus behauptete, daß er sechs Wochen, vielleicht noch länger, der Heimat fern- blciben werde. Die bevorstehende Trennung schien er auf die leichte Achsel zu nehmen, dagegen beunruhigte ihn plötzlich der Gedanke, daß Wilhelms- bad siebenhundert Meter über dem Meeresspiegel liege und daß er sich um deswillen mit Winterkleidung versehen müsse. Tilli versprach, beim Einpacken seiner Siebensachen auch daran zu denken. ..
Und dann, Tilli, sieh mir gründlich alle Knöpfe und Knöpfchen nach. Du weißt, daß ich über dergleichen Miserabilitäten rasend werden kann. Beim dritten abgerissenen Knopf kehre ich unfehlbar nach Hause zurück!
Tilli legte die rechte Hand an den Kopf. „Zu Befehl, Herr „Auch Einer". Ich werde dafür sorgen, daß Ihnen der Kamps mit dem ObM °^Raä? diestr tröstlichen Versicherung riskierte der gute Amandus, ein halbes Huhn, einen gehäuften Teller Reis und ein gediegenes Stück Zitronenpudding zu vertilgen. Der Rätin liefen die hellen Freudentranen über die Backen. „Er muh tüchtig essen," dachte sie gerührt, „das hebt sein Selbstbewußtsein und im schlimmsten Falle hat er noch etwas zu- 3U^ Brei Stünden später beförderte die Droschke Nr. 1 — der Droschken- bestand der Universitätsstadt schwang sich bis zur heiligen Sieben empor — den guten Amandus an den Bahnhof.
*
Dem höchsten Gipfel des Gebirges war ein kleines Plateau vorgelagert, das qen Süden sanft abfallend in eine waldumsäumte Talmulde verlief. Hier lag weltabgeschieden, von kristallklarem Bergwasser umrauscht, die Wasserheilanstalt Wilhelmsbad. Dem Wanderer, der vom Gebirge talwärts schritt, fiel zuerst das massige, schmucklose Hauptgebäude in die Augen Unweit davon strebten in luftigem Barockstil zwei zierliche Dependancen empor. Für einige hundert Personen war hier bequem Unterkunft geschaffen. Der ärztliche Leiter der Anstalt, Doktor Wenderoth, war Hydropath von Ruf. Seine erstaunlichen Heilerfolge hatten Aufsehen erregt und Jahr um Jahr die Frequenzziffer von Wilhelmsbad gesteigert. Der qanze Besitz war mit dem Kapital einer Aktiengesellschaft erworben worden. Dem Chefarzt war ein Verwaltungsbeamter mit dem Titel Direktor beiqegeben, der als pensionierter Offizier in wehmütiger Erinnerung an das entschwundene Kommando unter seinen Leuten eine Art militärisches Regiment eingeführt hatte. . ....
Bei seiner Ankunft fand Amandus hundertundfunfzig Kurgäste, die die Hoffnung auf Genesung von mancherlei Uebeln aus allen Richtungen der Windrose in das stille Gebirgstal zufammengeweht hatte. Das Gefühl gemeinsamer Leiden und die Gelegenheit zu gegenseitiger Aussprache verliehen den Kranken Trost und Stärke. .
Amandus unterwarf sich mit peinlicher Genauigkeit den Vorschriften des Arztes. Bald übten die Wasferanwendungen, die ozonreiche Luft und die Entfernung von der Berufstätigkeit auf feinen geschwächten Organismus den wohltätigsten Einfluß. Seine bleichen Wangen färbte ein schüchternes Rot, seine Haltung, wurde elastischer und freier ynd durch seine Adern rieselte ein neuer Sebcnsftrom.
Obgleich sich die Kurgäste in Wilhelmsbad aus der besten Gesellschaft zusammensetzten, zweigten sich doch von der Gesamtheit zwei Zirkelnd, die ihre eigenen Wege wandelten. Der einen Gruppe präsidierte die Ma-
Indianer- und Räubergeschichten Zeichnungen entworfen. Das Wilde und Gräßliche lockt ihn ebenso wie das Geheimnisvolle und Märchenhafte. Zu gleicher Zeit mit den „Schwarzen Szenen", in denen sich diese dämonische Phantastik neben den noch großartigeren „Gesichten' am schroffsten entladet, schuf er die gemütvolle Jdyllik des „Gestiefelten Katers' .
Märchen und Abenteuer sind es denn auch, die er zunächst illustriert. Mit „2m Baba" und „Sindbad" aus Tausendundeiner Nacht wechseln die Lederstrumpfgeschichten, die in der Vermählung von Mensch und Natur sein Höchstes darftellen; daneben stellen sich die homerischen Helden Achill und Hektor, bei denen es nicht weniger indianisch zugeht, ckeno- phons tapfere Zehntausend, die von dramatischem Geschehen explodieren- ien Erlebnisse von Fernando Cortez und Benvenuto Cellini. Dann aber verklärt sich die Sphäre aus Blut, Mord und Wildheit zu immer er- habeneren und seelenvolleren Reichen. Wir erleben die von Mabchen- leibern umblühte Insel Wak Wak, die aus Mozarts Roten in gleichgestimmter Schöne hervorwachsende Melodienfülle der Zauberfloten- Bilder, die Welt Don Juans und ihren Gegenpol, die der „Passion , schließlich als vorläufige Krönung die erstaunliche bildliche Neuschopfung von Goethes „Faust, 2. Teil".
Slevogt ist der ideale Illustrator, der unsere Illustrations-Kunst auf eine unerreichte Höhe gehoben und unendlich anregend gewirkt hat. Mag er ein Märchen ober Volkslied, eine Weltdichtung ober eine Fadel mit bem Ueberschwcmg seiner Phantasie begleiten, jo verwandelt ersich. stets selbst in die Figuren, erfüllt sie mit seiner ungeheueren Lebenskraft. So schafft er die Dichtung im Bilde noch einmal, bereichert und beseelt. Aus den mystischen Ouellen des Unbewußten gespeist, zu höchster, technischer Vollendung durch unendliche Hebung gediehen, hat sich sein Talent seit seiner neue Kräfte entbindenden Reise nach dem Orient, immer reicher und innerlicher entfaltet. Es ist ein glückliches Talent, das durch bas Glätt des eigenen schaffens die vielen glücklich macht, bie daran teil* nehmen bürfen!


