wußte zuerst nicht, was geschehen war. Als er sich aber ein wenig zur Seite wandte und in der Kulisse in einen der großen Spiegel sah, die dort für die nächste Tanzrevue bereitstanden, wurde er blaß wie ein Handtuch. Er spielte seine Nummer nicht zu Ende. Ms man nach langem Klopfen aus feiner Garderobe keine Antwort bekam, sprengte man sie schließlich auf und fand ihn in der verwechselten Maske erhängt an der Türangel seines Gavderobenschrankes neben dem Dreispitz Friedrichs des Großen und der Locke Napoleons. Die Kollegen betrauerten ihn sehr. Sie nahmen das Ereignis als einen Berufsunfall. Der alte Garderobier sagte leicht bekümmert: Er hieß August Schmidt.
Lärm im Theater.
Aus der Geschichte des Theaterfkandals.
Von Peter H a m e ch e r.
Mr wollen nicht nach den Gesetzen forschen. Es gibt keine Gesetze für das Zustandekommen eines Theaterfkandals. Gewiß find Zeiten politischer oder ästhetischer Meinungskämpfe der günstigste Boden. Ost aber ist es nur ein Zufallswort von der Bühne oder der Zuruf eines Witzigen, was die Laune des Publikums aufflackern läßt und es zum Mitspielen veranlaßt.
Die Gewohnheit des Publikums, auf eine mißfällig vermerkte Aufführung mit Lärmen und Spektakel zu reagieren, ist wahrscheinlich so alt wie das Interesse am Theater selbst. Die Geschichte des französiscl)-en Schauspiels verzeichnet den Augenblick, wo das Pseifen als Ausdruck des Mißfallens Mode wurde. Das war im Jahre 1680 bei der Erstaufführung von Fontenelles Tragödie „Afpar". Racine sagt in einem Epigramm, in den Stücken Boyers sei zuerst gegähnt worden, P r a d o n fei zuerst mit Aepfeln beworfen worden, aber Herrn de Fontenelle gebühre die Ehre, daß in seinem Stück zuerst gepfiffen worden sei. Bei der Aufführung einer Komödie von Thomas Corneille, 1686, hatte bas Pfeifen sich beim Publikum schon eingebürgert.
Denkwürdig ist die Aufführung von Schlegels „Marcos" in Weimar durch die Haltung Goethes. Das Publikum begegnete dem Stück mit einem Konzert peinlicher Geräusche. Da beugte sich Goethe aus seiner Loge und rief mit mächtiger Stimme: „Man lache nicht!" Worauf Stille eintrat.
Die beiden großen Theaterskandale von historischer Berühmtheit find die Erstaufführung von Beaumarchais' „Hochzeit des Figaro" vom Jahre 1874 und die Hernani-Sch lacht von 1830. Der Lärm um Beaumarchais' Stück hatte politischen Charakter. Es war sozusagen die Generalprobe zur Revolution. Ludwig XVI. hatte di« Aufführung untersagt: aber ein Teil des Hofes und der Aristokratie fetzte sich für die bedenkliche Gesellschaftssatire ein. Die Stimmung war in ihrem Für und Wider auf das äußerste erhitzt, als endlich im April 1784 die Aufführung in der Comedie frangaise vor sich gehen sollte. Ganz Paris drängte zu der Premiere, und die Aristokratie, die sich das Vergnügen der Angriffe auf ihre eigene Klaffe nicht entgehen lassen wollte, hielt schon Stunden vor der Vorstellung die Logen besetzt. Die Zuschauer aber mach- ten aus der Aufführung eine politische Demonstration. — Bei dem Kampf um Victor Hugos „Hernan i" handelte es sich um den Kampf zweier literarischer Richtungen. Die „Perücken", die Vertreter des Klassizismus, protestierten gegen die Romantik. Am 25. Februar 1830 wurde „Her- nani" aufgeführt. Man hatte sich auf beiden Seiten zur entfcheidenden Schlacht gerüstet. Die Vertreter der älteren Richtung hatten vorher versucht, aus dem König Karl X. ein Serbe herauszupressen; der König aber winkte ab mit den Worten, im Theater habe auch er nur seinen Platz. Hugo verzichtete bei der Premiere auf jede Claqne. Die Jugend, die für Hugo war, und dessen Freunde ersetzten sie aufs beste. Dreihundert Mann stark, saß diese Garde, schon in der ungewöhnlichen Tracht sich von ihnen unterscheidend, zwischen den Männern des Gestern. Wie eine Standarte leuchtete Theophil Gautiers berühmte rote Weste. Gleich beim Beginn des Spiels brach das Lärmen los. Die Schauspieler konnten ihren Sätzen kaum Gehör verschaffen. Dennoch wurde das Stück zu Ende K'elt, und es wurde noch fünfundvierzigmal unter demselben stücmi-
Zeichen wiederholt. Am Ende aber blieb Hugo Sieger.
Mit dem Naturalismus beginnen auch in Berlin die Theaterskandale und werden zur lieben Gewohnheit. Am 20. Oktober 1889 wird von der ° „Freien Bühne" Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang" auf- geführt. Der alte Fontane hatte das Werk entdeckt und es an Otto Brahm empfohlen, der die Aufführung zustande brachte. Wie bei Hugos „Hemani" ging es um ein literarisches Programm. So ging es von vornherein recht stürmisch bei der Aufführung zu. In einer Szene, wo man das Wimmern einer Wöchnerin hinter der Bühne vernimmt, schwang ein anwesender Arzt eine Geburtszange. Es kam direkt zu Prügeleien und die Bühnenleute beteiligten sich an diesem etwas lebhaften Meinungsaustausch.
Ein Riesenfpektakel war auch die Ausführung von Sudermanns Gesellfchastssatire „Sodoms Ende". Schon vorher hatte die Zensur durch ihr Verbot Lärm gemacht. Beim ersten Akt blieb das Publikum kühl. Der zweite Akt wurde beifällig ausgenommen. Aber bei der Verführungsszene war die Hölle losgelassen und tobte, raste, sich übersteigernd, bis zum Schluß. Dieser Lärm war sozusagen der in „moralische Entrüstung" um« geschlagene Aerger des abgeschilderten Tiergartenoiertels, Das Stück wurde jedenfalls weitergespielt und hatte bei feinen späteren Wiederholungen ausgesprochenen Erfolg.
Unvergessen ist der erste Mißerfolg von Hauptmanns „Florian Geyer" vom Januar 1896. Die Meinungen waren schon vorher erhitzt und platzten bei der Aufführung aufeinander. Maximilian Harden beugte sich, ironisch Beifall klatschend, aus seiner Loge und rief: „Bravo, Wilden- bruef)'." Als aber im fünften Akt die Ritter nach den Peitschen griffen, nm aus die Bauern einzuschlagen, wurde der Lärm so schlimm, daß die
Schauspieler nicht mehr weiter spielen konnten und die Vorstellung ad- brechen muhten.
Zwei heftige Theaterskandale erlebte auch Max Halbe: das eine- mal mit seinem schwächlichen Versstück „Der Amerikafahrer" und da« anderemal mit seinem Renaissance-Drama: „Der Eroberer". Bei der Er- oberer-Premiere soll es hoch hergegangen [ein. Es war ein Begräbnis i aus der vergnügtestenHetzstimmung. — In derAera Max Reinhardts gab es den tollen Mißerfolg von Sternheims „Don Juan". Paul Wegener hatte da an einer Stelle zu sagen: „Wer schrieb diesen Unsinn?" Das Publikum nahm das Wort lachend auf, und das Lachen wurde Lärmen, bis Felix Hollaender, der die Regie hatte, die Vorstellung vor ihrem Ende abbrechen lieh.
Im Gedächtnis ist auch noch die Aufführung von V o l l m o e 11 e r S Fliegerdrama „Wieland". Niemand hatte auch nur an die Möglichkeit eines Skandals gedacht. Das Publikum sah durch zwei Akte still da unb langweilte sich. Da, im dritten Akt, ehe die Rumplertaube durch das Tor kommt, hört man hinter der Szene begeisterte Rufe der Zuschauermenge, i die bei der Abfahrt des Flugzeuges zugegen ist. In der Langeweile de« Abends nahm das Publikum diese Ruse begeistert auf und stimmte ein, , und als erst die Rumplertaube durch das Tor geschoben wurde, war - dieser Eindruck so komisch, daß es kein Halten mehr gab. Das Stück ging in Lärm und Gelächter unter. Alb. Bassermann aber, der die Hauptrolle spielte, packte, der Stimmung des Publikums Trotz bietend, den Dichter bei der Hand und schleppte ihn vor den Vorhang.
Einer der größten Theaterskandale ist mit dem Namen Kokoschkas verknüpft. Das „Junge Deutschland" brachte 1920 in einer Matinee zwei Stücke von Kokoschka heraus: „Der brennende Dornbusch" und „Hiob", ; Der Dichter hatte selber die Regie. Das Publikum wußte mit den Stücken nun gar nichts anzufangen. Bald machte sich Unruhe bemerkbar. Bei der Stelle: „Ich verstehe kein Wort", gab es ironischen Beifall und einige riefen: „Wir auch nicht." Die Unruhe steigerte sich, und als am Ende des letzten Stückes der Schauspieler Paul Günther mit den Worten: „Und mir bleibt nichts übrig, als das Licht auszudrehen", zum Lichtschalter ging, war der Zuschauerraum ein rasendes Meer. Vom Rang hielt einer eine Rede. Man bot einander Maulschellen an. Kokoschka kam vor den : Vorhang und versuchte vergeblich, sich in einer Ansprache verständlich gn machen. Eine halbe Stunde lang tobte das Chaos, bis der Zuschauerraum I gewaltsam geräumt wurde.
Lärmszenen gab es auch unter Ferdinand Bonn am berliner Theater. Ein Hauptspektakel aber war die Ausführung des „Wilhelm Teil" bei Iessner. Als Bassermann, zwischen Jessnevschen De.'o- ratioroen, den berühmten Monolog sprach, rief einer vom hohen Olymp herab: „Wo ist denn die Gasse?" Hier fetzte der allgemeine Lärm 'ein. Bassermann suchte vergeblich, mit seinen Worten durchzudringen uni j ging schließlich von der Szene ab. Aber als der Spektakel sich abgetaufen hatte, kam er zurück und nahm den Monolog genau n der Stelle wieder auf, wo er ihn abbrechen muhte.
Lofoten-Fischer.
Von Fritz Löwe.
Svolvaer (Lofoten), im Februar. -
Aus den blauen Wogen des Weftfjords steigen die filberschillcrndw Bergketten des geheimnisvollen Jnsellabyrinths der Lofoten mit seine« > engen Sunden, schroffen Felsab stürzen und weithin leuchtende« Gletschern.
Zerklüftete Gebirgsmasfen schieben sich weit in den Fjord. Soweit das Auge reicht, ein grandioser Irrgarten, umfunkelt von der schäumenden Flut. Tief hängen graue Wolken in schauerliche Schlünde. An die Berge schmiegen sich die pittoresken Häuschen von Svolvaer. Svolva«, das Juwel in der bunten Kette der sommerlichen Nordlandfahrt, ist in den Wintermonaten das Zentrum des Dorfchfanges. Von Januar lm April bilden die Fjorde und Sunde der Lofoten die reichsten Fanz- plätze in den europäischen Gewässern, ein wahres Dorado für Fischer und Aufkäufer. I
Di« Ursache dieses Fischreichtums ist in der Wärme des Seewassers unds«- uem Salzgehalt zu suchen, der von 32 vom Tausend an der Oberfläche bis« vom Taufend in 100 Meter Tiefe zunimmt. Trotz Nordlage ist das Mm« der Lofoten infolge der Wärme des Golfstromes fo mild, daß das SW selbst im Winter oftmals auf die Weide getrieben werden kann, wj Schafe sogar die ganze Nacht im Freien bleiben. Mit Ausnahme der; innersten Fjordteile, friert hier das Meer nie zu.
Dazu kommt die eigenartige Beschaffenheit des Seegrundes. M bis acht Seemeilen von der Kette der Lofoten entfernt liegt der w- denkendste aller Fischplätze, eine Bank von 60 Meilen Länge. Unermch lich reich sind diese Fischgründe. Wenn Ende Dezember die 8#- unter denen der Dorsch wirtschaftlich der wichtigste ist, zum Laichen an die Küste kommen, beginnt der große Fang, der sich bis zum AM ausdehnt.
Dann strömen von der ganzen Küste die Fischer in der Lofotengruppe zusammen. In der Hochsaison des Fanges beteiligen sich fünftausend Booten rund 20 000 Fischer. In Svolvaer, Kabelvaag uro den anderen Fischhäfen ist man auf die Invasion so vieler Tausender von fremden Fischern wohl vorbereitet. Am felsigen Strande sind Hunderte von roh aus Holz gezimmerten Häuschen errichtet, die an on Fischer verpachtet werden, da alle sonstigen Unterkunftsräume <Wi nicht annähernd ausreichen würden.
Svolvaer, der Hauptort der Lofoten, gleicht während der Sanflä® einem aufgeftiiberten Bienennest. Die engen Straßen find vom Morgen bis in die späte Nacht von einer geschäftig hin und? > wogenden Menge erfüllt. Fischer, Lotsen, Arbeiter, Fifchaufkäufer, Ha«


