[er, fluten durcheinander. Der Dorschfang und was mit ihm zusammen, hängt, ist die alles beherrschende Frage. Gehört doch die Seefischerei zu den wichtigsten Erwerbsquellen Norwegens, wenn sie auch nicht mehr, wie im Mittelalter, als fast einziges Existenzmittel des Volkes an erster Stelle steht.
Ist im Sommer die Touristensaison für die Bevölkerung der Lofoten das große Tagesgespräch, so regiert im Winter aus den Inseln der Dorsch. Dann ist er der König im Reiche der Lofoten.
Im Hafen der Lärm und Trubel der aus- und einladenden Schiffe, das Gewirr der Motorboote, Kutter, Fischdampfer und hochmastiger Segler. Das Geld rollt in dieser Zeit gar leicht. Wer in schwerer Arbeit, in stetem Kampf und Lebensgefahr, dem Meere seine Schätze abgewinnt, läßt gern etwas springen. Für die Geschäste ist die Fangzeit eine Goldgrube. Sie haben sich auch entsprechend vorbereitet. In den Schaufenstern lockt alles, was der Fischer braucht. Netze, Angeln, wasserdichte Seemannsstiefel, Oelmäntel, Oelhauben, Tabakspfeifen ufro. Aber auch alles, was ein Frauen- und Mädchenherz erfreuen kann, ist im Ueberfluß vorhanden. Vergißt doch kein heimkehrender Fischer, seinen Lieben zu Hause Geschenke mitzunehmen. Die norwegischen Banken unterhalten während der Fangzeit in Svolvaer Filialen, deren Umsätze lehr bedeutend sind. Der Verkauf der Fische geschieht jedoch nur gegen Barzahlung. In den seltensten Fällen nimmt der Fischer Schecks oder Wechsel in Zahlung.
Wenn die Fischerflotte ausfährt, herrscht im Städtchen frohe Feststimmung. Dann steht die ganze Bevölkerung am Strande und winkt den Männern, Brüdern, Söhnen, Verlobten an Bord noch lange nach. Wie Raubvögel schießen die kleinen Motorkutter aus dem Hafen, stürzen sich in lustiger Wettfahrt in die blau aufschäumende Gischt.
Man fängt den Dorsch mit Angeln und Garnen, mit 200 Meter langen Grundleinen und Netzen von 40 Meter Länge und 4 Meter Tiefe. An jeder Leine befinden sich 120 Angeln. Die Netze, in deren Maschen sich die Fische sangen, umspannen 700 bis 800 Meter. Jährlich werden auf diese Weise etwa 20 Millionen Dorsche gefangen, die einen Wert von 12 Millionen Kronen darstellen.
Wenn draußen im wogenden Fjorde die Riesennetze emporgewunden werden, entrollen sich Bilder von phantastischer Schönheit. Aus den geheimnisvollen Tiefen des Meeres kommt die zappelnde Beute jählings an das Tageslicht. In ohnmächtigem Zorn schnellen Tausende und aber Tausende von überaschten Meeresbewohnern empor, peitschen mit den Schwänzen die Luft und versuchen nach allen Richtungen zu entkommen. Umsonst der Kampf. Die Maschen halten zu fest. Klatschend uni) Plätschernd ergießt sich der silbern und goldig leuchtende Fischstrom in das Innere der Boote. •
Aber nicht immer geht es beim Fange so luftig zu. Unerwartet brechen plötzlich mit furchtbarer Gewalt Stürme herein. Wenn im Februar und März, also gerade in der Hauptfangzeit, die Nordoststürme sich zu Orkanen steigern, bilden sie für die Fisck-erslotille eine schwere Gefahr. Und die Stürme sind nicht die einzigen Feinde des Fischers. Im Fjorde und in den Sunden finden sich die so überaus gesürchteten Strömungen und Wirbel. So kann der Moskenstrom, auch Malstrom genannt, zwischen der Insel Mosken und Lofoten, außerordentlich gefährlich werden. Zur Winterszeit braust er bei Westwind mit einer Geschwindigkeit von sechs englischen Meilen in der Stunde einher. Das Brüllen seiner Brandung tönt weithin.
Die Ursache aller dieser Stürme und Strömungen ist der warme Golfstrom. Genaue Messungen in den zwölf Monaten des Jahres haben ergeben, daß in einer Tiefe von 100 Faden die Temperatur zwischen 6,3 und 6,6 Grad Celsius schwankt, während das Wasser an der Oberfläche im Januar 2,1 Grad, im August 12,7 Grad zeigt. Diese Gegensätze in der Temperatur zwischen der Luft über den erwärmten Küstengewässern und den schneebedeckten Fjelden müssen sich in Stürmen ausgleichen.
Am Horizont zieht urplötzlich ein Unwetter herauf. Der Sturm singt (ein schauriges Lied. Jagt weißgraue Wolken um die glitzernden Schnee- trnen, ballt sie zu phantastischen Gebilden. Schwarze Nacht senkt sich auf den eben noch leuchtenden Fjord. Schneeweiße Schaumberge werfen Baus d-ie zerrissenen . Klipepn. Riesemoogen stürzen donnernd er die nach allen Richtungen auseinander stiebende Fischerflolte. Als einzige Rettung winkt der Hafen. In schnellster Fahrt streben ihm die Boote zu. In den kleinen Häuschen am Strande liegen Frauen und Kinder im Gebet auf den Knien, während die Alten sorgenvoll nach der Fischerflotte ausspähen.
Hoch ragt der Leuchiturm aus den Fluten. Rasend schlägt die Brandung an ihm empor. Seine Feuer weisen den heimkehrenden Fischerbooten den Weg. Aber nicht alle kehren zurück. Auf die Felsen treiben am nächsten Tage ein paar zersplitterte Balken. Seemannslos — Fischer- schicksal! Wie viele Seefahrer ruhen auf dem kleinen Friedhöfe oder schlummern draußen im grünen Fjord. Ist es doch vorgekommen, daß in einer einzigen Sturmnacht Hunderte von Fischern mitsamt ihren Booten in der Tiefe versanken.
Ist aber der Fischzug geglückt, sind alle Boote heimgekehrt, dann gibt es am Hafen einen frohen Willkomm und in allen Küstenorten herrscht eitel Freude. Bildet doch der getrocknete Dorsch, der als Stock- und Klippfisch, besonders nach den südlichen Ländern, exportiert wird, einen der wichtigsten Handelsartikel Norwegens. Er bringt dem Fischer als Lohn für sein gefahrvolles Mühen reichen Gewinn.
Nichts vom Fisch geht verloren. Aus der Leber wird der Schrecken unserer Kindheit, der goldgelbe Lebertran, gewonnen. Und selbst die «öpfe finden Verwendung. Sie werden in den Fabriken zu Fischguano verarbeitet, oder dienen als Viehfutter.
„Tages Arbeit, abends Gäste, — saure Wochen, frohe Feste!" Diese Worte gelten auch auf den Lofoten. Nach der gefahrvollen Arbeit des Tages gehört der Abend gemütlicher Geselligkeit.
Die lichtüberfluteten Straßen mit den pittoresken Holzhäuschen steifen bis in die Felsen. Hinter farbigen Vorhängen erglänzen helle Lich
ter. Die nordische Nacht ist von Musik und Gesang ersüllt. Einen ichim» mernben Gürtel schlingen die eisftarrenben Berge um die festliche Stabt. Am Hafen werfen die Leuchlseuer rote unb grüne Streifen auf bett schlummernben Fjord...
„E§ waren zwei Königskinder".
Novelle von Theodor Storm.
(Schluß.)
„Marx, laß die dummen Reben!" hörte ich Franz sagen, indem et ihn die Treppe nach dem Bureau hinaussührte, „wenn du dich gewaschen hast, ist die Schande aus!" — Sie stiegen weiter; ich ging aus des Rat- Hause, um eine verdeckte Droschke zu besorgen; und nach einer Welle fuhren wir mit Marx und seinen frischen Kleibern in irgenbein Bad unb, nachbem er mit vieler Mühe gereinigt und anders gekleidet mar, in den Saal unserer „Drehorgel", wo wir uns und vor allem unseren Freund durch einige Seidel und Bratwürstel wieder aufzurichten suchten.
Aber seit jener Nacht ging es dennoch abwärts mit unserem lieben Lavendel; sein Gang wurde schleichend, sein Gesicht magerer unb feine Augen größer; niemals habe ich feitbem einen Wohlgeruch an ihm verspürt, ber sonst bald in Rosen-, batb in Veilchen- ober in dem Dust« seines Namens seinem wohlgepflegten Haar entströmte; am Klavier saß er nur noch, um ben Lehrern gerecht zu werben ober um bie Zeit nur hinzubringen; ich konnte mich nicht überwinden, ihn zum Chopinspielen aufzufordern. Er wurde so reizbar, daß die anderen Freunde sich allmählich von ihm zurückzogen und er seinen Umgang fast auf mich beschränkt«. „Siehst du," sagte er, „sie verachten mich! Sie wollen mich nicht mehr!" — Dann bat ich sie, und sie näherten sich ihm wieder; aber bei nächster Gelegenheit hatte er sie wieder aufs neue von sich gestoßen.
Man sagt von mir, daß ich ein geduldiger Mensch sei, und wenn ich an jene Zeit zurückdenke, so möchte ich es fast selber glauben. Ein- mal war Marx polizeilich vernommen worden; bann schien die Sache stillzustehen, wahrscheinlich war sie dem Gerichte übergeben worden; Vorladungen gelangten nicht an Marx. So ging eine Woche nach der anderen hin; er wurde immer aufgeregter unb die häufigen Adend- fpaziergänge mit ihm immer peinlicher. „Geschändet! Geschändet!" begann er jetzt wieder zu murmeln, wenn er eine Weile in sich versunken neben mir gegangen war. Und wenn ich dawider sprach, bann fuhr er aus: „Du kannst bas nicht "beurteilen! Aus allen Ecken glotzt es auf mich zu; jeder Gassenbube! Ich möcht' ihn an die Ohren schlagen! Mein Name, mein guter Name als nächtlicher Trunkenbold und Ruhestörer in den StraflistenI Als Bestrafter dem Direktorium des Konservatoriums angezeigt! Komm!" rief er plötzlich, ergriff meine Hand unb zog mich aus der Allee, in der wir gingen, in einen Seitenweg; „es ist so hell hier; hier sind so viele Leute! Was fang’ ich an? Es ist alles aus; ich kann mich nicht mehr sehen lassen. — Unb die Zeitungen! Weißt bu, bie beiden Redakteure, die im Winter mit uns aßen! Ich begegne ihnen jeden Augenblick; die frechen Serie sehen mich schon als ihre Beute an; bas gibt einen Artikel — ah, sacre nom de Dien!" und er knirschte mit den Zähnen.
Ich suchte ihn zu beruhigen; jeden Abend redete ich dasselbe und jeden Abend umsonst, und immer wieder begann dasselbe Spiel * aufs neue.
Die Justiz war ihm gleich einem furchtbaren gespenstischen Raubvogel, ber unsichtbar über ihm schwebte, jeden Augenblick bereit, auf ihn herab- zuftoßen unb mit ben unentrinnbaren Krallen ihn zu packen. Wenn ich bei einem Besuche etwas heftig an seine Tür geklopft hatte, starrte er bei meinem Eintritt mir schier verstört entgegen: „Du? — Wie hast bu mich erfchreckt!" Saßen wir bann zusammen, unb es würben Schritte auf der Treppe laut, bann ftanb er auf unb sagte zitternb: „Da kommt wohl ber Gerichtsbiener, um mich vorzulaben!" Kam auf ber Straße ein solcher uns entgegen, so zwang er mich, mit ihm umzukehren ober in irgenb- einen Laben einzutreten, bis ber Mann vorbei war, ober wenn ich nicht wollte, verließ er mich unb kam nicht wieder. „Ich halt's nicht aus," rief er einmal, „wenn bas nicht bald zu Ende ist!"
--Eines Dttoberabenbs, da ich versprochenermaßen zu ihm ging, sah ich auf bem Trottoir eine Mäbchengestalt vor mir herschreiten, die mich auffallenb an Linele erinnerte; sie hatte ein dunkles Tüchkein um den Kopf, und ich sah'blonde Härchen von ben Schläfen wehen, als sie eben unter einer Straßenleuchte ging. Sollte sie wieder in Stuttgart sein? Marx halte mir kein Wort davon gesagt. Ich machte große Schritte, um sie einzuholen; als ich sie erreicht hatte, wandte sie den Kopf, und ich hatte mich nicht getäuscht, sie war es selber, bie mit großen Sinberaugen mich so erschrocken ansah. Sie kannte mich, sie wußte von Marx, baß ich in ihr Verhältnis zu biesem völlig eingeweiht war; aber — ob wir beiden jungen Menschen im Augenblick bas Richtige nicht zu finden wußten und es deshalb für immer versäumten — sie zögerte ein paar Sekunden; bann erwiderte sie meinen Gruß unb schritt eilig mir voraus. Ich gewahrte noch, wie ein Begegnenber ihr mit unverschämter Oeberbe ins Gesicht sah, unb hörte, wie sie einen leichten Schrei ausstieß; auch da trat ich nur laut einige Schritte vorwärts, so baß ber Mensch sie gehen ließ; vergebens sagte ich mir später, baß sie mich traurig unb wie HNf»- slehenb angesehen habe.
Stürmisch stieg ich bie Treppen zu Marx hinauf. Er saß im Sofa unb hatte mit seinem scheußlichen Knaster bas ganze Zimmer vollge- bampft. „Du lärmst ja über bie Maßen. Ist irgendwo ber Himmel ein- gestürzt?" frug er gereizt unb blies einen dicken Qualm von sich.
„Es geht nur dich an", erwidert ich. „Weißt bu, daß deine Linele wieder hier ist? Ich bin ihr eben erst vorbeigegangen."
Er sah mich lange wie mit toten Augen an. „Ich weiß es", sagte er bann.
„Du hast sie schon gesprochen?"
„Was meinst bu?"


