SiehenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Z rhrgang 1928 vrenstag, den 6. März Nummer 19
Katzenidylle.
Bon Justiiuis Kerner.
Was schleicht dort im Garten gar leise? Ein Kätzchen ist es, schneeweiße.
Was suchet im Garten das Kätzchen? Es sucht sich ein sonniges Plätzchen. Es legt aus das Plätzchen sich nieder. Noch weißer zu sonnen die Glieder. Es spinnet, es wichset sein Bärtlein Und wünscht sich ein liebes Gefährtlein. Was kommet ganz schwarz dort so plötzlich! - Mit Bart und mit Hörnern? entsetzlich! — Ein Bock ist's, ein schwarzer, o Schauer! — Das Kätzlein springt über die Mauer.
Herr Dufrant.
Bon Max Geisenheyner.
Dem Garderobier des großen Varietes war es ausgefallen, daß der Verwandlungskttnstler Edouard de Dufrant noch stolzer, noch korrekter und eleganter einhertam als bei seinem letzten Engagement. Wenn ihn der Garderobier von seinem Fenster aus über den Hinterhof des BärietLs, wo die Kulissen standen, zur Vorstellung kommen sah, hatte er in der Tat den Eindruck, ein Diplomat, ein Gras schreite daher. Edouard de Dufrant trug, wie stets um die Herbstzeit, in der er sein Saison-Engagement in dieser Stadt zu absolvieren pflegte, einen langen, dunklen, wolligen zweireihigen Ueberzieher, weiße Handschuhe, Lackstiefel mit Gamaschen, ein seidenes Halstuch und einen schwarzen, steifen Hut. Aber irgend etwas stimmte an ihm nicht. War es die Art, wie er die langen Beine setzte, als könnte sein Fuß unvorsichtigerweise auf ein schmutziges Stück Papier treten, war es die Haltung seines Oberkörpers, dessen Rücke» ausgebuchtet erschien, war es der Sitz des steifen Hutes, der um einen Zentimeter zuviel auf die Nasenwurzel herabgerutscht war; jedenfalls, der Garderobier, der seine Pappenheimer seit Jahrzehnten kannte und in einem Artistencase jedem mit tödlicher Sicherheit die besondere Spezies seines Berufes auf den Kopf zugesagt hätte, hatte diesmal die Empfindung, daß Herr de Dufrant wieder ein bißchen verrückter geworden sei. Bei den Varietskünstlern ist so etwas eine Seltenheit, denn Artisten sind fast ohne Ausnahme harmlose, einfache, bescheidene, nur auf ihre Arbeit bedachte Menschen, die keinerlei Spleen haben als den, am Abend mit ihrer Nummer tadellos und sauber herauszukommen. Wenn sie ihren Applaus empfangen und ihre Verbeugungen gemacht haben, treten sie aus dem Glanz der vielen Lampen wieder in die Anonymität zurück. Mit ihren Trikots streifen sie auch das geschminkte und gedrillte Wesen ab, jene seit Jahrhunderten festgelegten marionetten- haften Gesten, mit denen sie ihre Darbietungen begleiten. Sie sind außer Dienst treue Familienväter, ernsthafte, anhängliche, einander freundschaftlich gesinnte Leute. So mußte Edouard de Dufrant auffallen. Seine Kollegen, die mit ihm für den gleichen Monat engagiert waren, lächelten über ihn, wenn er nachmittags würdevoll und steif in das Cafe kam, in dem man sich traf. Sie erwiderten seinen förmlichen Gruß mit freundlichem Kopfnicken, fanden aber nichts dabei, daß er sich abseits hielt und mit starren Augen ins Leere sah, als fei er eins sorgfältig behütete Figur in einem Wachskabinett. Mochte jeder sein, wie er wollte. Sie wußten zwar ganz genau, daß es bei weitem leichter war, sich die Maske Bismarcks vorzubinden und einen alten Kürafsierhelm darüber zu stülpen, als einen zweifachen Salto vom Erdboden auf die Schulter eines Partners zu machen. Aber sie waren viel zu harmlos, um nun etwa den eitlen Dufrant das fühlen zu lassen.
Dufrant selbst war das Opfer seines Berufes geworden. Er verwandelte sich, ohne daß er es merkte, selbst immer mehr zu einem Schemen von Mensch, dem unsichtbar falsche Orden, genialische Haartollen, martialische Bärte umhingen. Er ging auch auf der Straße in einem Schritt, als ob er die Kanonenstiefel Napoleons trüge oder, je nachdem ihn die Stimmung überkam, die sanften Stiefeletten Kaiser
Sofefs. Neuerdings hatte er sich auch aus Wunsch des Direktors die Maske des ihm persönlich verhaßten Lenin zugelegt. Er zeigte sich 2 ihr immer nur bis zur Brusthöhe, da er nicht recht wußte, welches «chuhwerk er als russischer Revolutionär anziehen sollte. Es war ihm auch peinlich, bis zu den Füßen hinab Revolutionär zu sein, ja, er "npfand es fast wie eine Beleidigung für die Stulpenstiefel Bismarcks, wenn er gleich darauf in irgendwelche ungeschlachten Kähne hätte schlüp- buffen. Es war ganz unzweifelhaft, daß ihm die Darstellung be- re Persönlichkeiten im Lauf der Jahre völlig zu Kopf gestiegen war. Er konnte es gar nicht erwarten, bis es Abend wurde. Die erste
Maske, die er überstülpte — er fing immer mit Friedrich dem Großen an — war ihm wie eine himmlische Erlösung aus der grauen Qual de» Tages. Dufrant war dazu von einer kaum zu überbietenden Beschränktheit des Geistes. Er wußte von Napoleon, von Bismarck, von den Komponisten und sonstigen Männern der Geschichte, die er darstellte, kaum mehr als den Namen und hatte trotz seiner fünfzig Jahre keine andere Vorstellung von ihnen als ein Schüler, der zum erstenmal Anekdoten über solche Persönlichkeiten in der Schule hört. Diese Beschränkt- heit aber war natürlich für ihn ein Segen. Wie hätte er es sonst aushalten können, nun schon im zehnten Jahr Abend für Abend sein eigener ! Narr zu sein. Außerdem wurde er von der großen Masse des Publi- j kums mit Beifall überschüttet und das gab ihm zu alledem noch da» i Gefühl, er habe eine heilige Mission zu erfüllen, um die großen Gestalten der Geschichte im Volke lebendig zu erhalten. Dieses Gefühl war es vor allem, das ihm feine Würde gab, eine Atmosphäre der Unnah. barkeit um ihn zog, und wenn er einmal mit jemand sprach, so geschah es eben über jene Mission, zu der er sich berufen fühlte und die er nut heiligem Eifer zu erfüllen beabsichtigte. Wie konnte er, der noch vor einer Stunde als Richard Wagner, als Altreichskanzler, als König Ludwig von Bayern hinter seinem Stehpult gestanden, die Finger der rechten Hand leicht zwischen die Unisormknöpfe gesteckt, am gleichen Abend mit Kollegen zusammen alberne Witze reißen, Bier trinken und in kleinen Lokalen verkehren! Er bildete sich ein, das Publikum könnte ihm das, wenn es davon erführe, übel nehmen, genau so, wie es einen Geistlichen verachtete, der sich betrank. So saß er nach der Vorstellung — in das gemeinschaftliche Cafö ging er nur nachmittags auf ein Viertel- stundchen — in der Halle eines großen Hotels und trank dort, da seine Gage nicht allzu reichlich bemessen war, stundenlang an einem Kognak, rauchte bedächtig eine Zigarre, sah in die Luft, als entwürfe er Schlach- tenpläne, und bezahlte schließlich den Kellner, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
An dem Abend, an dem ihn der alte Garderobier über den Hof kommen sah, war eine Galavorstellung angesetzt. Im Theater erwartete man großen Besuch. Als Dufrant die Treppen zu seiner Garderobe hin- ausging, rief ihm ein Bühnenarbeiter mit strahlendem Blicke zu: .Herr Baron, es ist alles ausverkauft". Dufrant faßte lässig mit seiner weißbe- handschuhten Rechten an den Hut und schon hatte er das Gefühl, er sei Friedrich der Große, der im Vorübergehen die Mitteilung von einem Siege in Schlesien entgegennehme. Heute wollte er besonders glänzen. Heute wollte er dem Publikum die großen Männer der Historie beson- ders eindringlich und lebhaft vor Augen führen. Heut' wollte er als Alter Fritz feine Augen wie noch nie rollen lassen, den Dreispitz würde er noch kecker auf das linke Ohr setzen und den Mund leicht schmerzlich wie eine Mahnung an sein Volk herabziehen. Bismarcks Kürassierftiefel sollten nur so klirren und den Helm sollte der Garderobier noch einmal blankputzen, kurz bevor er ihn aufstülpte. Dufrant ging in seiner Garderobe wie ein Löwe auf und ab, mit erhobenem Kopfe, selbstbewußt, von einer kindlichen Heiterkeit, die ihn sympathisch gemacht hätte, wenn ihm in diesem Augenblick jemand hätte zusehen können. Er dachte barüberjtad), wie weit er es doch eigentlich gebracht hatte. Als ganz kleiner Schauspieler war er einst an minderwertigen Provinz, theatern herumgezogen, entlohnt wie ein geringer Arbeiter, ohne An- sehen, von den Bürgern verachtet. Und nun saßen sie da zu Tausenden und warteten auf ihn. Nun war er berufen, ihnen geheimnisvollen Schauer der Ehrfurcht einzujagen, wenn er in zwölf großen Gesichten der Weltgeschichte auf die Bühne trat. Er überlegte, ob er nicht heute Lenin weglassen solle. Aber der Direktor wollte es ja. Also gut. Seine Lieblinge, die Könige, Kaiser, vor allem aber Bismarck, würde er um so triumphaler herausbringen. Schon stand er auf der Bühne. Der Vor- Hang war noch heruntergelassen. Er ordnete feine Bärte, Stiefel und Helme. Er war ein wenig aufgeregter als sonst. Die Hände zitterten ihm. Sein Kopf war gerötet. Das Bewußtsein seiner Mission durch, glühte ihn wie ein neues Feuer. Die Kollegen, die ihn hinter der Bühne gesehen hatten, schüttelten heute über ihn etwas stärker die Köpfe als sonst. Der Athlet Fargo, der soeben zehn Zentner gehoben hatte, starrte ihm nach und tippte langsam mit dem Finger auf die schmale Stirn. Aber es war mehr Mitleid als Bothaftigkeit in dieser Geste. Die Tänzerinnen in den Garderobengängen lächelten, als er voruberging, der Tierbändiger knallte mit der Peitsche und der Elown machte winke, winke.
Niemand weiß, wie die Verwechslung eigentlich zustande gekommen war. Aber in der dritten Maske, die Dufrant dem Publikum vorführen wollte, ereignete sich das Unglück. Nachdem er sich mit dem Rücken zum Publikum, der Kopf über feinen Schminktisch gebeugt, fertig gemacht hatte, trat er plötzlich vorn an die Rampe. Der Ansager rief mit lauter Stimme Lenin! Und Dufrant stand da in der Kürassieruniform Bis- marcks, den Helm in der Hand, die Maske Lenins über dem Gesicht. Da» Publikum war einen Augenblick sprachlos Dann brüllte es los. Duftant


