ljche Bekämpfung der fortschreitenden Erkenntnis verfolgen. Bis endlich unwiderlegliche Beweise erbracht werden konnten, bis in England und Oesterreich Kindbettfieber und Wundinfektionen, die Würgeengel damaliger Hospitäler, in richtiger Erkenntnis der wahren Zusammenhänge bekämpft und ausgerottet wurden, bis in Frankreich mancherlei Pflanzen- und Tierkrankheiten auf Mikroben beruhend entdeckt, später die Tollwut ihres Schreckens beraubt wurde, bis vor allem in Deutschland Milzbrand, Tuberkulose, Cholera durch Rol>ert Koch, Diphtherie durch seinen Schüler Behring in ihren Erregern festgestellt und damit einer sinngemäßen Behandlung zugängig gemacht wurden. Nun folgte Schlag auf Schlag die Entdeckung fast sämtlicher Krankheitserreger, all der verheerenden Stäbchen und Pünktchen, die Erforschung ihrer Lebensbe- dingungen und Giftwirkungen im Menschen. Was die ersten Vorläufer der Mikrobenforschung Im 17. und 18. Jahrhundert mit genialer Intuition ahnten, erfaßten und selbst sahen, das konnte damals noch nicht bahnbrechende Erkenntnis werden, weil die technischen Hilfsmittel der Verbreitung solchen Wiffens fehlten. Wenn der als komischer Kauz, als halbirrer Phantast verlachte Anton van Leeuvenhoek, der in dem kleinen holländischen Städtchen Delft als Krämer und Pförtner hauste, sich selbst seine optischen Linsen schliff und faßte, seine plumpen Schrau- und und Gestelle konstruierte, und das, was er dann an Wunderbarem im Wassertropfen, im Fliegenauge, im Speichel sah, in formlos drolligen Briefen an die Royal Society in London berichtete, so erregte es wohl Aufsehen, aber bald war es wieder versunken und vergessen.
Wenn Lazzaro Spallanzani, trotz seines triebhaften Naturforscherdranges vorsichtshalber erst Mönch und Geistücher (denn noch drohte Acht und Bann neuen Erkenntnissen!) geworden, als Erster die Teilung eines einzelligen Lebewesens in zwei einzellige Lebewesen unter dem Mikroskop sah, wenn er die Wahrheit von dem ersten Entstehen primitiven Lebens dann als Universalprofessor an der Universität Pavia kündete, so stand noch die Mitwelt in einem Entrüstungssturm gegen ihn auf. Er hatte es gesehen, dieses unglaubwürdige Wunder der Natur. Aber wie konnte er's all den Schreiern und Hetzern und Neidern beweisen?
Die Technik fehlte, die technischen Voraussetzungen für die Verbreitung und Fundierung solch umwälzender Lehren und Begriffe. — Als aber Pasteur das Wesen der Gärung erforschte und Hefesporen entdeckte, als dem 28jährigen bescheidenen Landarzt in Bomst, jenem völlig unbekannten und bedeutungslosen Robert Koch, dem seine Frau zum Geburtstag ein Mikroskop schenkte, bei seinen Tändeleien und zuerst fast nur spielerischen Mikroskopierereien die Entdeckung des Anthrax- Bazillus gelang, dem damals noch Hunderte und Tausende von Rindern und Schafen, ja ganze Viehherden und viele Menschenleben durch Milzbrand zum Opfer fielen, als ihm später die Entdeckung des Tuberkulose-Bazillus gelang, und als schließlich der zu Ruhm, Ansehen und Würdigung gelangte Forscher auf seiner indischen Reise den Cholera-Bazillus fand, — selbst diese Entdeckung wurde nocb so bestritten und belächelt, daß , einer der heftigsten Gegner Kochs ein Glas voll Cholera-Bazillen austrank, um die Sinnlosigkeit seiner neuen Theorien zu beweisen — damals stand schon in jedem ckniversitätsinstitut, in der Stube eines jeden Forschers, jedes Naturwissenschaftlers, ja selbst bei fortgeschrittenen Privatärzten ein Mikroskop. Die technische Verbreitung, die Nachprüfung, die Bestätigung, die Bervollkornmnung des Entdeckten, Neugefundenen, war jetzt eine Kleinigkeit. Mit der erhöhten Anforderung an die technische Bollkommenheit der Apparatur wuchs auch das Streben der Industrie nach immer umfassenderer Weiterentwickelung der Optik und der Feinheiten des Mikroskops. Und in ständiger Weiterentwicklung ergab jede technische Vervollkommnung neue Ausblicke, neue Möglichkeiten.
Bon der Kkeinstndl zur MiMonensiedlung.
Von Rudolf Vier.
Wellstadt — wie eine Zusammenfassung des modernen Lebens klingt dieses Wort, und wer es ausspricht, zaubert die Bilder von Neuyork, London, Berlin, Paris vor die Seele, erinnert blitzartig an buntes Völker- aemisch, jagenden Verkehr, rauchende Fabrikschornsteine, grellbeleuchtete Vergnügungspaläste. Der Statistiker, der an nüchterne Definitionen schwer zu beschreibender, von buntem Leben erfüllter Dinge gewohnt ist, erklärt auch dieses Zauberwort mit einer einfachen Zahl: für ihn ist eine Weltstadt ein Ort, in dem mehr als eine Million Menschen wohnen. Diese Erklärung zeigt sofort, daß die Weltstadt keine Erfindung unserer Zeit ist: gab es doch schon im Altertum Orte mit mehr als einer Million Einwohner, und man braucht nur an Rom, Syrakus, Byzanz zu erinnern, um zu zeigen, daß die Millionenstädte in der Zeit ihrer Blüte tatsächlich Mittelpunkt ihrer Epoche, ihrer Welt waren. Heute gibt es freilich weit mehr Weltstädte, als der Bürger, der sein Leben ja nicht mit statistischen Forschungen zu verbringen pflegt, Im allgemeinen ahn Sicherlich verdienten vor einigen Jahren schon 27 Orte diesen Namen, und heute mögen es 28 sein. Die Statistik ist insofern ungenau, als bei manchen Orten die Vorstädte mitgezählt worden sind, während in anderen Ländern nur die Einwohner der inneren Stadtgemeinde berücksichtigt wurden. Wie groß der Unterschied bei dieser verschiedenartigen Berechnung ist, zeigt deutlich das Beispiel Neuyorks. Im Jahre 1923 zählte man in der eigentlichen Stadtgemeinde von Neuyork sechs Millionen und in den Vororten Newark, Jersey-City, Paterson, Jonkers, Elizabeth, Hoboken usw. weitere drei Millionen, in Groß-Neuyork also neun Millionen Einwohner. London-City hat 4 615 000, Groß-London 7 742 000, Paris knapp drei Millionen, Groß- Paris aber 4,4 Millionen Einwohner. Rechnet man also nur die Stadtgemeinde, so ist Berlin wegen seiner weitgehenden Eingemeindungen mit vier Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt der Welt, während eine großzügigere Statistik zwischen London und Berlin noch Paris einschalten r»uß.
Es ist in Europa wenig bekannt, daß Chikago nicht viel kleiner als Paris ist, nämlich 2,7 Millionen Einwohner hat. Unmittelbar darauf
folgt kn der Statistik Tokio mit 2,3 Millionen. Nicht weit non der Zweimillionengrenze stehen Philadelphia, Wien, Moskau, Vueuos Aires. Anderthalb Millionen Menschen wohnen in Hamburg, Schanghai und Hankau. Aber auch Kalkutta, Peking, Osaka, Budapest, Liverpool, Birmingham, Bombay, Rio de Janeiro, Leningrad, Detroit, Glasgow' Boston, Manchester, Sidney, Konstantinopel sind Millionenstädte und wahrscheinlich hat inzwischen auch das siamesische Bangkok diese Grenze erreicht, da es im Jahre 1920 schon 931 000 Einwohner zählte und in ben beiden letzten Jahrzehnten einen ungeheuren Aufschwung genommen hat. Noch im Jahre 1910 hatte Bangkok nämlich nur 629 000 Einwohner. Rechnet man Bangkok hinzu, so wohnen in den genannten 28 Weltstädten rund 63 Millionen Menschen, also gerade ebensoviel, wie bei der letzten Volkszählung im Juni 1925 in Deutschland mit Saargebiet festgestellt worden sind. Gerade in den letzten Jahren sind ja die Weltstädte ganz außerordentlich gewachsen — doch wohnen vorläufig erst 3,5 Prozent bet Menschheit in Städten von mehr als einer Million Einwohner.
Es ist möglich, daß künftige Generationen versuchen werden, die zu groß gewordenen Weltstädte wieder zu zerteilen und in einer Anzahl kleinerer Orte zu zerlegen. Denn aus der Ansammlung so großer Menschen- massen an einzelnen Punkten der Erde müssen sich natürlich Unzuträg, lichkeiten ergeben, deren Bewältigung einen großen Arbeitsaufwand erfordert, ohne daß es doch möglich ist, alle Nachteile einer Millionensieb- iung wieder aufzuheben. Es ist aber schon heute ziemlich sicher, daß die Großstädte nicht verschwinden werden, solange die Menschheit an dem bis- her üblichen industrieellen Produktionssystem festhält. Unter einer Großstadt versteht der Statistiker einen Ort mit mchr als 100 000 Einwohner. Die industrielle Entwicklung unserer Wirtschaft hat dazu geführt, daß ein ständig wachsender Prozentsatz der Bevölkerung aller Länder von dem flachen Land in die Stadt übersiedelt, um dort an der fabrikmäßigen Herstellung und dem Vertrieb der Waren teilzunehmen. So sind an manchen Stellen der Erde, in denen diese Entwicklung sehr heftig vor sich ging, in überraschend kurzer Zeit Riesenstädte entstanden. Neuyork, die Neun- millivnenstadt, zählte vor fünfzig Jahren erst 1,8 Millionen Einwohner. Los Angeles, Hollywoods rasch aufblühende Schwesterstadt, hatte im Jahre 1900 nur rund 102 000 Einwohner, 1910 waren es aber schon 319 000, 1920 sogar 577 000, und heute wird es wohl schon die 700 000 erreicht haben. Aehnlich überraschend ist die Aufstieg von Seattle, einem Ort, der vor fünfzig Jahren noch keine 5000 Bewohner hatte, um die Jahrhundertwende 81000 Einwohner zählte und inzwischen längst mehr als ein Drittel Million besitzt. Besonders gut konnte man auch die Vergrätze- i rung von Detroit verfolgen, das im Jahre 1860 noch eine ganz unbe- i deutende amerikanische Provinzstadt war, um die Jahrhundertwende 286 000 Einwohner zählte und dann durch die Automobilfabriken einen solchen Aufschwung genommen hat, daß es inzwischen zur Millionenstadt i wurde. In 'Deutschland ist die Einwohnerzahl von Essen von 119000 ' im Jahre 1900 auf 295 000 im Jahre 1910 und auf 470 000 bei der letzten Volkszählung gestiegen. Ganz bedeutend war auch der Aufschwung von Duisburg, dessen Bevölkerung in zwei Jahrzehnten von 93 000 auf 273 000 stieg. Gelsenkirchen, im Jahre 1900 eine Stadt von 37 000 Einwohnern, hat inzwischen 208 000.
Cs ist unmöglich, mit wenig Worten eine auch nur leidlich vollständige Uebersicht über das ungeheure Wachstum der deutschen Großstädte zu ' geben. Insgesamt gibt es in Deutschland 46 Großstädte mit einer Einwohnerzahl von 16 837 000 Menschen. Noch im Jahre 1900 gab es in i Deutfchland nur 29 Großstädte, in denen 8,5 Millionen Menschen lebten. Zurzeit wohnen über 26 Prozent der deutschen Bevölkerung in der Großstadt. Noch bedeutender ist ober der Anteil der Großstadtbevölkerung an der Gesamteinwohnerzahl in Großbritannien. England und Wales haben 46 Großstädte, in denen 39,2 Prozent der Bevölkerung leben. Mit Schottland und Irland gibt es in Großbritannien 52 Großstädte. In den östlichen Ländern unseres Kontinents ist die Konzentration der Bevölkerung in Riesenstädten freilich noch nicht so weit vorgeschritten. In der Sowjetunion, und zwar in ihrem europäischen Teil, leben noch nicht einmal acht Millionen in 24 Großstädten, in Rumänien wohnen 2,8 Prozent der Bevölkerung, in Polen 7,7 Prozent und in Jugoslawien 2,7 Prozent der Bevölkerung in Orten mit mehr als 100 000 Einwohnern. Insgesamt gibt es in Europa 216 Großstädte mit ungefähr 76 Millionen Einwohnern. In unserem Erdteil, der 470 Millionen Menschen beherbergt, sind also 16,2 Prozent der Bevölkerung in Großstädten zu
sammengeballt.
Die meisten großen Städte haben natürlich die Vereinigten Staaten. Dort leben in 68 Großstädten rund 28 Millionen Menschen, die 28 Prozent der Einwohner darstellen. Im übrigen Amerika gibt es bagwn nur 38 Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern, so daß dieser ganze Erdteil 106 Großstädte besitzt, von denen 13 auf Brasilien, 6 auf Kanada, und 5 auf Argentinien entfallen. Die neue Welt hat trotz wrer mächtigen Entwicklung doch nur wenig den ältesten Kontinent, V|teit überflügelt; in Asien gibt es 98 Großstädte, wahrscheinlich sogar noch mehr, da für China nur 15 solcher Orte angegeben werden, und das P wahrscheinlich zu wenig. In Japan mit Formosa und Korea gib! es 24 Großstädte, in Indien sogar 34. Das riesige Afrika mit einer Oberfläche von 30 Millionen Quadratkilometern, fast dreimal so groß m Europa, hat bei einer Gesamtbevölkerung von 133 Millionen MeiUche nur 11 Orte mit mehr als 100 000 Einwohnern. Verglichen mit öie|em riesigen Gebiet ist Australien geradezu reich an großen Siedlungen j nennen, da es bei unserrn Antipoden 8 Großstädte gibt. Insgesamt gw es auf der Welt 439 Orte mit mehr als 100 000 Einwohnern. W nicht gerade Geograph ist, wird beschämt gestehen müssen, daß er > mancher dieser großen Städte bisher noch nie etwas gehört hab weiß zum Beispiel, daß es auf Java neben der Hauptstadt Batavia w 254 000 Einwohnern noch die Städte Soerabaja mit 192 000, Sa nm ms mit 158 000, ©oerafarta mit 134 000 und Jogjarkarta mit 104 000 u wohnern gibt? Geographie ist schwieriger, als die Schulweisheit . träumen läßt.
Derantwvrtlich: Dr. Hans Thyriot. - Bruck und Berlag: Brühl'sche Univerfitäts-Buch. und Steindruckerei, A. Lange, Dießen.


