Es ist, rote ich dachte: vier, fünf, sechs Stück halten flofselnd gegen bk Strömung an und schießen dann pfeilschnell unter die schützenden Felsen Ihr Anblick genügt, um nicht erregt zu machen. Jagdfiebrig streife ich hastig die Hose ab und überblicke prüfend das Gelände. Ja, die Steine kenne ich alle und weiß, wie es fast unter jedem von ihnen aussieht.
Das Wasser ist eiskalt. Vorsichtig, mit den Fingerspitzen spielend, greife ich unter den ersten Stein. Die Finger werden Augen, es ist als «b ich durch die Felsen sähe. Sensibelste Tastinstrumente, melden sie jede Glätte, jede Rauhung oder Vertiefung des Gesteins ... Tiefer hinab — tiefer in den Riß hinein ...I Da — ganz hinten, wo sich der Riß zum schmalen Spalt verengt, weht es schleierhaft kühl an die Haut heran. Hier
Aufs äußerste gespannt, geht ruhig und vorsichtig, weitgriffig spielend, die Rechte von unten gegen den Fisch heran. Die Linke deckt breitest mich außen ab ... Runde Glätte: der Bauch! — Der Fisch ahnt, was los ist, und drückt sich enger an den Fels ... Unendlich zart und fein, wie spielend Wasser, geht die Rechte bis dicht an die Kiemen heran; die Linke saugt sich schnell daneben. So müßte der Griff sitzen!
Eine Mertelsekunde prüfender Ueberlegung — Daumen und Zeigefinger liegen genau hinter den Kiemen — also — los!
MU einem Schlag krallen sich die Finger um den glatten Leib, der Fisch zuckt und schlägt, aber es ist zwecklos. Mit kräftigem Ruck saufen die Arme aus dem Wasser, und in weitem Bogen schnellt der erste Viertelpfünder an Land.
Mit zwei Sätzen bin ich dort. Ein mäßiger Schlag mit dem Kopf gegen die Kante eines scharfen Steines schafft dem Fisch ein leichtes Ende. So — damit wäre der Anfang gemacht ... Ich lege die blinkende Forelle aufs nasse Gras und decke sie einstweilen mit dem Rucksack zu. Brennesseln oder Sauerampfer gibt es nicht in der Nähe, zwei sichere Pflanzen, von denen der empfindliche Fisch keinen Geruch annimmt.
Fröhlich fische ich wieder weiter und habe bald drei weitere Forellen bei der ersten liegen. Einige Löcher sind zu tief, so daß ich mit den Armen nicht hinab gelangen kann. Nun scheint die Gumpe erschöpft. Am Rande sind zwar noch einige Unterschlupse unter überhängenden Lrar- und Baumwurzeln — sie werden nicht viel bieten. Vorsichtig untersuche ich auch diese, weil es mir schon einigemale passierte, daß ich einen Frosch, einen schleimigen toten Fisch oder gar eine wütend beißende Wasserratte fing. Einmal auch — in trübem Mooswasser — eine große, fischende Ringelnatter. Tagelang wollte mir der Geruch ihres widerlichen itzkrementes nicht aus der Nase. Jetzt bin ich vorsichtiger geworden.
Dieser schöne Tag läßt sich eher zu ganz besonderes Gutem an. Der klingende Bach ist so fröhlich und hell, so weiß besonnt, daß es eine Luft ist, darin herumzuwaten. Vorsichtig, immer in Deckung, pirsche ich weiter in ihm abwärts. Ein leuchtender Erlenbusch! Unter ihm treibt grün und kühl eine tiefe Gumpe ihr stilles, dämmerndes Wesen.
Dort drüben blitzt etwas — scheinbar ein dicker, morscher Ast, der da im Wasser liegt ... Ein Ast? Nein, nein — es regt sich ja! Ein Ast?? — Zum Henker! Dort steht die stärkste und schönste Forelle, die ich jemals in diesen Gewässern gesehen! Ich muß mich schwer beherrschen, damit ich nicht vor Freude laut in die Berge hinaus schreie.
Schwarz, gewaltig und steilrückig hält der große Räuber gegen die Strömung an. Starr wie ein Torpedo und ebenso gefährlich, sprung- und schußbereit.
unhörbar gleite ich näher, aber o weh! — hat ein Blatt gezittert, traf Me Ahnung eines Schattens den Gumpenrand? — der Fisch stößt tief in den Grund hinab und verschwindet im Gewirr großer, sicherer Felsblöcke.
Ich bin wahnsinnig erregt ... Das steht fest: abwärts kommt dieser Fisch nimmer. Und soll es die größte Mühe kosten, ich muß, ich muß, ich «uß Ihn haben!
So beginne ich mit meiner Arbeit: ober- und unterhalb der Gumpe frage ich große Steine, Aeste, Wurzelstücke und Graswasen zusammen. Damit baue ich beiderseitig drei, vier Wehre. Sie sind so gebaut, daß fit eben noch ohne große Stauung das Wasser durch viele enge Deffnungen »bfließen lassen — zu klein jedoch, um dem Fisch als Durchschlupf dienen i» können.
Dem Bach paHt es gar nicht. Er reißt mir bald hier ein Loch, bald dort eine ganze Ecke weg, aber allmählich weiß ich ihn doch zu zähmen.
Die Sonne steht schon lange über Mittag und brennt mir die Haut ™ Fetzen, bis ich endlich fertig bin. Zwischen die Wehre habe ich noch tauschende Unterschlupfe gebaut, in denen ich den Fisch, falls er darunter schießt, leicht fangen kann
Noch einmal prüfe ich das Gelände. Es ist alles, wie es fein muß.
einer langen dürren Fichtenstange bohre ich unter den Steinen terum — aber der Fisch kommt nicht. Die Zeit geht, ich bin bald müde ® den Armen, aber der Fisch will nicht. Müde setze ich mich hin und uöerlege, was zu tun ist. Einen Stein unter den Arm nehmen, tauchen "d mit der Hand den Fisch —?
Da schießt ein dunkler Blitz aus der Tiefe und schlägt klatschend unter Hindernis ein. Endlich!!
. Ee. verwandelt bin ich! Jeder Nerv ist beherrscht, jede Bewegung & kontrolliert bis aufs äußerste. Langsam, im Schatten der Erlenbusche
ich näher. Es zuckt ungeduldig in den Fingern, juckt in den m,..—- und ein Gedanke will blitzschnell den andern jagen. Ruhig jetzt! mg sein ist alles! — Endlich bin ich so nahe, daß ich deutlich sehen n, wo der Koloß unter dem falschen Deckwerk verborgen liegt.
aus den ich trete, ist schwankendes Moos, über Wasser L.nn des Wurzelwerk. Bloß fein Zittern! Weich in den Handgelenken boih 'he der Boden verräterisch ins Schwanken kommt ... Andert-
••• «eise ins Wasser hinein!
ßrunh Gerstetten trübe ich das Wasser, sachte mit den Zehen den finken »suhlend ... Jetzt! - ich wage kaum zu atmen - die Hände Unenbn* , ?! Neste, die Finger spielen, sich langsam — langsam — durch bas 3^«an. Aber die Augen brennen fast, so bohren sie sich
Da, was ist das? Durch die Zweige starrt mich großes scharfes Auge an. Unglaublich böse beobachtend, faszinierend vor Wildheit und Ge° panntheit. Oh, du ahnst also etwas? Nie habe ich solche Augen erlebt solch hypnotisch scharfen Blick. Eine Sekunde lang bin ich richtig ver- wirrt, unwillkürlich müssen die Finger etwas von ihrer saugenden Konzentration verlieren. Dann stehe ich auf einmal wie verblödet da. Was war nun los? Habe ich einen Ast gestreift?
öuirlenb und blasend, in unerhörtem Stoße, schießt es aus der Setfung hervor — schnellt schimmernd schon über das zweite Wehr — jetzt, nut wildem Satze, über das dritte; — ich brülle laut auf vor Wut $erIoren?aU ^Un9: — ba— schießt er dem letzten Hindernis entgegen!
Dicht vor dem Tier schlägt ein schwerer Stein ins Wasser. Wo kommt der her? Habe ich geworfen? Ich weiß es nicht und sehe nur, brüllend vor Gluck und Jagdlust, wie der Fisch pfeilschnell wendet, und wieder zurück, aufwärts, unter ein mächtiges Grasstück schießt
Wie der Teufel flitze ich näher — diesmal will ich schlauer fein!
Mächtig trübe ich das Wasser, immer mit den Zehen im Grunde wühlend und schneller als vorhin, aber doch zart, nimmer zur Verblüffung aufgelegt, gleiten die Hände unter den Grasklumpen hinein. Ich weiß — dies ist der wichtigste Griff, den ich in meinem ganzen Leben gespielt habe Der Mittelfinger fühlt Glätte, hier der Bauch, dort die Kiemen! Alle Finger spielen sich heran. Das Blut rauscht, hämmert hinter den Schlafen. — Naher! — Die Rechte dicht hinter die Kiemen — Klar? — Die Finger gekrümmt, zum Zielen bereit, und jetzt — erbarmungsloser eiserner Schlaggriff in die Kiemen hinein.
?,er rasend! Das Tier arbeitet, schlägt mit ganz unerwarteter Kraft. Schnell noch die Linke in die Kiemen hinein! So — und nun würgen. Nicht Nachlassen, und wenn die Finger brechen!
Das Wasser ist brauntrüb geworden, losgepeitschte Grasstücke treiben ringsherum. Tier gegen Tier — ich lasse nicht nach ... nie ...
Die Bewegungen werden matter ...
Mit ganzer Kraft, den Körper als Hebel einsetzend, reifte ich das Tier heraus. Es knallt brennend gegen die Lenden, — schlag nur zu! — und stürze jubelnd vorwärts ans Land. Immer weiter, — schreiend, jauchzend — bis in die Mitte der Wiese hinein. Jetzt erst lasse ich los ... Aaah! Der Fisch ist mein!
Donnerwetter, ist das ein Kerl! Wieviel Pfund der wohl wiegen mag? — Ach was, Pfunde! — Schau doch das Tier an, wie es leuchtet! Die braunroten Flecken auf dem dunklen Grund! Und dieses gesähr- liche, fängige Maul! ’
Der Fisch — ich hab' ihn!
Mit einem Steine schlag ich den Riesen tot und stürme pfeifend und singend, überselig, zu meinen Sachen empor.
Technik und Forschung.
Don Dr. Curt Th 0 ma11a.
Wie haben wir's doch so herrlich weit gebracht! Mit überlegener Ueberheblichkett belächelt heutzutage jeder Famulus, jeder Medizinal- praktitant, ja schon der Student die etnftige Generation von Aerzten und Naturforschern, die früher einmal den Typhus als „Nervenfieber", bie Tuberkulose als „Auszehrung", die Malaria als Wirkung giftiger Sumpfgase diagnostizierte. — Heute braucht man nicht einmal Medizin zu studieren, um als Selbstverständlichkeit zu wijsen, daß Mikroorga- nismen, winzigste schmarotzende Lebewesen, die Krankheit verursachen und Tod bringende Urheber all solcher Leiden sind.
Ob wir wohl all unser heutiges Wissen von Infektion, Bazillen, Bakterien und Kokken, von der feinsten Struktur des Zellstaates, den unser Organismus darstellt, von der lebenswichtigen Zusammensetzung der Btut- und Lymphsäfte, der Sekretion innerer und äußerer Drüsen und alle sonstigen Bereicherungen unseres Wissens hätten, wenn wir noch nicht die höchst vollkommenen Mikroskope besaßen, nut denen heute schon jeder Student arbeitet? — Vielleicht würden noch heute jene Theorien und Anschauungen im Umlauf sein, wissenschaftlich tief begründet und mit Feuereifer verfochten und bekämpft wie vor 100, 200 Jahren, wenn nicht in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts der umwälzende Umschwung in all unserem medizinischen Denken und Fühlen gekommen wäre, veranlaßt durch die gewaltigen Entdeckungen von Robert Koch und Louis Pasteur. Wie die Eroberung der Lust mit Luftschiffen und Flugzeugen erst durch die Vervollkommnung des Motors aus utopifttfchen Träumen zur „realen Wirklichkeit wurde, so gab in der naturwissenschaftlichen und ärztlichen Forderung erst die Verfeinerung der optischen Linsen Hilfsmittel, die Ausklügelung raffinierter Untersuchungsmethoden die Möglichkeit, längst geahnten Zusammenhängen auf die Spur zu kommen.
Wir bilden uns heute ein, daß Jahrhunderte hindurch in langsamer Entwicklung all das entstanden und gereift [ein müsse, was wir beute wissen und können. Daß noch im 17. Jahrhundert die Inquisition jeben Naturforscher bedrohte und verfolgte, weil er am Werke Gottes zu drehen und zu deuteln wagte, daß selbst die Reformatton in gleicher Unduldsamkeit die wissenschaftliche Sektion einer Leiche mit Verbrennung des Anatomen ahndete, können wir heute kaum noch glauben. Und daß Im 18. Jahrhundert abergläubische Anschauungen als wissenschaftliche, von den großen Akademien verfochtene und verkündete Wahrheit zu Recht bestanden, die uns heute kindisch und lächerlich dünken, erscheint uns unfaßbar. Bienenvölker entstanden z. B. nach damaligen Anschauungen aus den verfaulten Kadavern von Kälbern, denen man die Hörner absägen mußte, damit die Bienen heraüskonnten. Wenn gegen solche Sinnlosigkeit ein freier Geist auftrat und behauptete, Leben könne nur aus Leben, ein Lebewesen nur aus einem gleichartigen Lebewesen entstehen, sei es ein Rindvieh, eine Biene ober ein einzelliger Mikroorganismus, so würbe er nicht nur verhöhnt ober verlacht, fonbern verflucht und in den Bann getan, denn er zog ja die Allmacht Gottes in Zweifel. Ja bis ins 19. Jahrhundert hinein können wir die Aufrechterhaltung und Verfechtung sinnloser, törichter Thesen, die Wissenschaft-


