«(ll Anhauch ihrer Zukunst, in stiller Vornehmheit durch die Bilder ’' „Dycks schreiten. Flüstert und raunt es nicht hinter dielen sorgsam wohl behüteten Knaben- und Mädchengestalten wie von dem £ Stuart-Fluch:
„Es zieht sich eine blutige Spur, Durch unser Haus von alters ..."
Und wenn auch zwei Kinder, die die wundervollen Gruppenbildnisse i« Turin, in Dresden, in Windsor zeigen, wenn Karl II. und Jakob II. L|er als Herrscher in ihr Heimatland zurückkehren konnten und ein Meres Kind, die früh verstorbene Maria, die Gemahlin des niedcr- lindiichen Statthalters Wilhelm von Oranien, England einen dritten Mig in ihrem Sohn Wilhelm III. geben durfte — das klirrende Fall- bnl das ihres Vaters Leben endigte, setzte dem Glück ihrer sorglosen Anderjahre ein jähes Ende und machte sie aus viele Jahre zu ruhelos umhergetriebenen, von der Gnade fremder Höfe abhängigen Flücht- lingen.
Etwa um die gleiche Zeit, da van Dicks Pinsel den Stuart-Kindern «Herbliche Jugend verlieh, übte in Spanien der große Zauberer Belasquez das gleiche Wunder an den letzten Sprossen des müden Habsburgergeschlechts. Es war, als wollte sich der morsche Stamm noch elntncil in Iugendkraft und Schönheit erneuen, da er Blüten von der frischen Kindlichkeit des Prinzen Baltasar Carlos, von der schimmernden Anmut des Märchenprinzeßchens Margarita Teresia trieb. Aber sein Mark war verdorrt, die Knospen welkten in plötzlichem Versagen des Lebenssaftes oder verblaßten in der fahlen Alltäglichkeit und Unbedeutendheit. Der kühne kleine Reiter auf dem dahinsprengenden Pony, der sest und tapfer aus seinem Stand ausharrende Jäger, der Ritters- mnn in schimmerndem Harnisch, als die Velazquez den munteren, natürlichen Knaben gemalt, sind keine leere Maskeraden, sie sind für den in allen ritterlichen Künsten früh geübten Prinzen die angemessene Ausdruckssorm seiner nach schneller Entfaltung drängenden Kräfte. War (5 ein verhängnisvolles Geschick oder vielleicht das Walten seines gütigen Emus, das den Siebzehnjährigen in jäh anspringender Krankheit dahin- msste, ehe das Gespenst müder Mittelmäßigkeit, das schon in seinem letzten Bildnis im Prado hinter ihm lauert, über ihn Gewall bekam? Jenes Schicksal, dem das Sonnenkind Margarita, dieses Lichtprinzeßchen aus Wunderland, erbarmungslos anheimfiel. Denn die duftige Schön- 5eit dieses Geschöpfchens, die siegreich durch die Jahrhunderte aus den Wnissen in Wien und im Louvre, in Frankfurt und in Madrid leuchtet, erlosch frühzeitig im Leben in matter Gleichgültigkeit, das Feentind wurde zur unbedeutenden Frau des unbedeutenden Habsburgers Leopold I. Um das schimmernde Kindersigürchen aber gleißt es wie blutroter Echem, kündend von den Kämpfen, die lange nach ihrem Tode um ihr Wtererbe entbrannten und von ihrem kurzen Dasein den Rechtsanspruch entlehnten.
Aus der Welt der Höfe und der strengen Pracht in das eigene licht- uud gliickdurchflutete Heim führen die Kinderbildnisse des Rubens, jene jauchzenden Hymnen lachender Lebensfreude und Jugendlust. Und doch schwingt auch in ihnen in dunklen Untertönen das leidvolle Lied ton frühem Vergehen und müdem Sichbefcheiden. Wenn Rubens in seinem Testament verfügte, seine Zeichnungen sollten verkauft werden, falls keiner seiner Söhne nach Erreichung des 18. Lebensjahres Maler geworden und keine der Töchter mit einem Maler vermählt wäre, so klingt es aus diesen Worten wie getäuschtes Hoffen, das doch nicht Snben will. Wohl erfüllen ihn die gelehrten, frühzeitig sich bewährenden eigungen seines ältesten Sohnes Albrecht, dessen derbes, frisches Knabengesicht wir zusammen mit dem anmutigeren seines Bruders Nlklas aus dem Doppelbildnis der Liechtensteingalerie kennen- mit berechtigtem Stolz; aber die unermüdliche Tatkraft des Vaters, der ihm auch schon im 17. Lebensjahre die Würde eines Sekretärs des Geheimen Rats verschafft hatte, scheint diesem grüblerischen Philologen und Archäologen nicht eigen gewesen zu sein. Nur wenige seiner gelehrten Arbeiten hat er bei seinen Lebzeiten überhaupt erscheinen lassen. Und auch keiner der andern Söhne des Rubens, febft nicht das von allen Grazien geliebte, strahlend schöne Bübchen Franz, das die junge glückverklärte «tter auf dem Münchener Bilde auf dem Schoße halt, hat die Schranken bürgerlicher Mittelmäßigkeit durchbrochen, keiner die sprühende Lebenskraft und überlegene Daseinsbeherrschung der Eltern ererbt. In men Mannesjahren sanken sie in das Grab, auch sie ein miidgewor- wnes Geschlecht. Und wer wagte es, den Schleier von den schmerzvollen veelenkämpfen zu heben, die die beiden jüngsten Kinder des Rubens und der Helena Fourment, dieser reinsten Verkörperung bejahender Lebensfreude, in die Weltentsagung des geistlichen Standes flüchten uetzen? Nur dunkel fühlend können wir die Tragik des Geschehens er« yen, das den letzten nachgeborenen Sprossen des fürstlichsten der Kaier zur stillen Nonne Constance Albertine wandelte, die, von Todesahnungen erfüllt, schon mit 13 Jahren ihren letzten Willen aufzeichnete.
Kein jubelndes Bildnis gleich jenen der Rubens-Kinder, aber fchim- ™.rn“ und flimmernd im Zauberreich magisch huschender Lichter, das C ""gelöste Rätsel einer aus den Banden der Kindheit zur ersten ?f?"Wait sich emporringenden Jünglingsseele halb enthüllend und halb feifn r ~ J° h>at Rembrandt die Züge des 14jährigen Titus IS? - • Ein Prinz aus einem fernen Traumland, scheint er heimi- , J >u lener Welt, die ihm aus dem aufgeschlagenen Buch aufsteigt, als
n ""'gebenden Wirklichkeit. Um sein Haupt aber schwebt, einer Sinh r cCn ®*ot’e gleich, der verklärende Schein hingebungsvoller ßrih.» b*e >n den bittersten Stunden der Erniedrigung und des kick im, i? ü" dem Vater gestanden. Und als zweite Märtyrerkrone zieht ibm s *c ne Stirn der blutige Dornenkranz des Epigonenloses: auch in ats »inf "arzehrende Drang zum bildnerischen Schassen und Gestalten oatererbe, aber nicht gepaart mit der begnadeten Kraft des Genius, der i?e?ev künden die strahlenden Bildnisse jener Größten im Reiche WH h öas Märchen von der ewigen Jugend, dem jauchzenden Glück ober »>.r.^"M"nglichen Schönheit dieser Kinder — süß und wundersam, ugerisch wie aller Märchenglaube.
Die Ruinen von Korinth.
Von Dr. G. Fr. Hartlaub.
Schwere Erdbeben, vulkanische Katastrophen haben zum drittenmal im Sauf der Jahrtausende die Stadt Korinth heimgejucht. Der Trümmerhaufen, den heute wehklagend eine verstörte Bevölkerung durchirrt, deckt zwar nicht die Stätte der weltberühmten Handelsmetropole Altgriechenlands, denn nach dem vernichtenden Erdbeben von 1858 hatten die Bewohner nicht den Mut, die letzten Ueberreste der verfallenden Kleinstadt aufzurichten. Sie zogen hinab in den äußersten Winkel des Golfs. Nicht weit von der schmälsten Stelle des Isthmus entstand eine ärmliche höchst ungepflegte Stadt mit regelmäßig angelegten quadratischen Straßenblöcken und niederen Häusern. Eine günstige Konstellation hätte dennoch aus diesem neuen Anfang die schönste Stadt Neugriechenlands machen können, denn ftäbtebaulid) bietet die Situation einzigartige Möglichkeiten. Wandelt man am Ufer durch die kümmerlichen verstaubten sog. „Anlagen" und sieht auf bas Bergpanorama brüben auf ben leuchtenden Golf, die scharf vorspringende Halbinsel Perachora mit dem düsteren Kap Nikolaos, und ben Eingang zum schmalen Jsthmus-Kanal, so begreift man, daß König Otto sich' hier im Herzen Altgriechenlanbs seine Hauptstabt erträumte, — bevor er Athen bezog. Da der Traum nicht Erfüllung mürbe, war Neu-Korinth keine Entwick- luira beschieben.
Nun haben titanische Gewalten auch biese Reste zerstört! Vor dem Bahnhof, wichtigster Station auf der langen Strecke von Athen nach Patras haben sich riesige Erdlöcher aufgetan; er selbst ist zusammengestürzt und der schmale Wartesaal, mit ben roten Plüschmöbeln und den vergilbten Stichen aus der Zeit der griechischen Befreiungskriege ist heute gewiß ein wüstes Chaos. Nicht mehr können sich die hungrigen Reifenden hier auf das lecker bereitete Mahl stürzen, das für das Publikum des einzigen Schnellzuges täglich bereit stand und zu wahren Anstürmen Anlaß gab. Auch das fog. „Hotel" Grande Bretagne, dessen zerschlissene Eleganz und verdorbene Lust dem europäischen Reisenden Beklemmung schuf, mochte der feiste Wirt Themistokles Pelopidas ihn auch in allen Muttersprachen begrüßen, ist zerborsten. Kein internationales Publikum in der schmierigen „hall", auch keine griechischen Typen, wie der General, der etwa zur Inspektion gekommen war, und der mit der unvermeidlichen Kugelkette in der Hand nervös rasselnd einem schneidigen Adjutanten Befehle erteilte. Auch die Kathedrale, die kleine Kuppelkirche dicht am Meer, liegt in Trümmern, wo während des Gottesdienstes die Kinder unter dem Altartisch durchkrochen, während sich unter ben Anbächtigen pariserische Ofsiziersbamen mit elenbesten Bettlern mischten. Unb auf dem Parkplatz, wo man sie gelangweilt promenieren sah, stehen vielleicht Lazarettbaracken für die Verunglückten einer Stabt, bie schon von ben Flüchtlingen der kleinasiatischen Niederlage allzu sehr Überfüllt war.
Es heißt auch, daß bie Katastrophe bie sieben frühborischen Säulen des Apollo-Tempels von Alt-Korinth vernichtet hat, die bas älteste noch vorhanbene Zeugnis frühborifcher Baukunst auf griechischem Boden bildeten. Man erspäht die mächtigen gedrungenen Gebilde schon von weitem, wenn man an der Küste entlang und später durch Korinthen- felber dem kleinen Dorf und den Ausgrabungen der Altstadt entgegen« ro.llt. Parnaß und Helikon grüßen vorn nördlichen Ufer des Golfs wie vor Jahrtausenden, aber vom weiten Becken des antiken Hafenplatzes L e ch a i o n, aus dem einst Schiffe nach Sizilien, Aegypten und Kleinasien auslicfen, sind nur ein paar lagunenartige Salztümpel geblieben. Außer den Resten des Apollotempels findet man nichts mehr von der altgriechischen Stabt, bie die niedere, materielle Seite des klassischen Griechentums verkörpert zu haben scheint, Handels- unb Stapelplatz von fast orientalischem Charakter, Ausgangspunkt ber istmischen Spiele, Sitz vieler Laster unb Ueppigteiten — bis im Jahre 146 v. Chr. ber römische Konsul Mummius bie ganze Häuserwelt bem Erbboben gleichmachte und bie Bewohner als Sklaven verkaufte. Was heute bie amerikanischen Ausgrabungen von Alt-Korinth ans Licht gebracht haben, ist bis auf ben genannten archaischen Tempel römisch ober boch römisch überbaut, Rest der unter Cäsar neuerftanbenen Großstadt, wo schon wenige Jahrzehnte nach Christi Tode ber Apostel Paulus seine Gemeinbe sammelte. Die Ausgrabungen des römischen Korinth gehören für ben Laien zu ben anschaulichsten in ganz Griechenland, sie sind weit verständlicher unb unmittelbar anregenber als Eleusis ober selbst Delphi. Im Geiste des Besuchers ersteht ohne Schwierigkeiten roieber die breite Straße mit bem schönen Marmorpflaster, bie von Lechaion zur Agora hinaufführte. Ohne viel Phantasie ahnt man das Treiben aller Rassen unb Trachten in den riesigen Hallen und mehrstöckigen Läden ringsum, man sieht im Geist die Vornehmen bei den berühmten Ouellhäusern der Peirene und ©laute — die berühmten Hetären von Korinth in den Vergnügungsstätten: eine antike Luxusstabt ersteht so wie sie etwa Flaubert in einem Roman geschildert haben könnte.
An die wechselnden Schicksale, die Korinth unter der Herrschaft der Franken, Osmanen unb Venezianern erfuhr, denkt der Reisende, wenn er sich anschickt zum Aufstieg nach Akrokorinth, einem der herrlichsten Ausflüge in Griechenland. Für den Besucher von Neu-Korinth bildet dieser Aufstieg gleichsam den dritten unb großartigsten Akt in dem bramatischen Erlebnis ber berühmten Stabt. Der kolossale „Serges« rücken", ber bes Wanderers unb Seefahrers Blicken winkt, trug im Alterum bas Heiligtum ber phönizischen Aphrodite auf feinem Gipfel, er blieb auch im Mittelalter die stärkste Festung des Peloponnes. Ein geduldiges Maultier mit bem martervollen Hölzfattel trägt uns empor auf steilen Zickzackwegen. Es scheint, als sei früher ber ganze Berg bebaut gewesen; heute bleibt nur ein riesiges System aufgetreppter Befestigungen mit malerischen Toren, Zinnen und Mauern, auch eingebauten Kapellen. Wir lernen bas unklassische, bas „romantische" Griechenland kennen, ein balladenhaftes Zeugnis von den Taten unb Abenteuern aus Moreas roilben Kriegszeiten.
Der letzte Anstieg geht burch Geröll und Gestrüpp, während bas Maultier am letzten Torvorsprung wartet. Oben ist man von ber Groß-


