drtigfelt und den mächsigcu Kontrasten der Ausfichi fast bestürzt. Tief dringt südlich der Blick in die Bcrgeswett und die Taler der Argalis. Wie aufgewühlter, zerrissener Meeresgrund liegt das baumlose Land endlos ausgedehnt, lieber den blauen Golf grüßen von drüben die Musenberge Parnaß, Helikon und Kithäron. Im Oste« dehnt sich die Bucht von Aegina jenseits des Isthmus — mau ahnt Salamis und Athen. Dichter zu Füßen aber kleinwinzig die Ruinen von Korinth: die künstlich bewahrten aus der Glanzzeit und nun auch die vielleicht nie wieder erstehenden aus der rühmlosen. Gegenwart.
Ein Naturvolk als Sportsvolk.
Bon Rudolf Zadel.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Für uns „Hochzivilksierte" sind Kultur und Natur leider zu Gegen- säßen geworden. Wir Kulturmenschen sprechen die Natur schon rein sprachlich als „Genußmittel" an — wir .^genießen" die Natur, wenn wir einmal in die Berge, an die See oder aufs Land gehen, anstatt uns mit ihr überall und immer eins zu fühlen. Wir sprechen von „natürlicher" Lebensweise, im Gegensatz zu unserer gewohnten, von „Naturheilkunde", von gewollter „Rückkehr zur Natur" und beweisen schon damit, daß wir normalerweise uns als „außerhalb der Natur stehend" fühlen. Ms Jean Jacques Rousseau das Naturmenschentum idealisierte und damit eine Epoche mondäner Naturschwärmerei vorüber- gehend ins Leben rief, war das nichts weiter als eine Modelaune für das geckenhafte Aesthetentum des 18. Jahrhunderts, das die ..Precieu- ses ridicnies“ geschaffen hatte, — also eine Kontrast-Extravaganz. Erst der moderne Sport, trotz aller Auswüchse, das Luftbad und der Adams- i kult bedeuten Kilometersteine an dem Wege, der tatsächlich zur Natur zurückführt. Die körperliche (und -seelische!) Wiederertüchtigung des Kulturmenschen, dem die Leistungsfähigkeit des Naturmenschen abhanden getommen ist, ist das Ziel. Zeiterscheinungen, wie ein N u r m i, ein Dr. Peltzer, wie die Kanalschwimmer und — im ganzen genommen — unsere deutsche Turnerei find für alte, körperlich verweichlichte und entmuskelte Kulturvölker schon Etappen. Auch die Körperkultur und das Morgentraining der jungen Generation bedeuten als allgemeiner Ertüchtigungsoorgkmg immerhin bewußte Kinderschritte zur Wiederannäherung an die Natur.
Aber wie weit entfernt wir noch am Ziele sind, zeigt uns der Blick auf Leistungen von Naturvölkern, bk für diese alles andere als Rekorde bedeuten, vielmehr einfach von Durchschnittsmenschen gekonnt sind. Ein solches Volk von Wsltrekmdmensche» stellen meine Tarahumare dar — ein ganz vergessener und ausgerechnet in Nordamerika selbst von Ethnologen nicht mehr vermuteter Indian er stamm, dessen volkstümliche Eigenarten auf einer Reise in Nordwestmexiko zu erforschen mir vergönnt war, und über die ich demnächst in meinem Buch „Das heimliche Lolk" näher berichten will. Es ist wahrhaftig noch ein Urvolk! Im Gegensatz zu den schweifenden Indianern, wie Apatschen, Komantschen usw. i — Ackerbauer, aber ohne Feuerwaffe und Geld, ohne Eisen und Wohn- ! Häuser, sehr friedfertig, aber scheu und unsichtbar — leben sie vermutlich J seit einigen Jahrtausenden abseits der großen Heerstraße nordamerikani- j scher Völkerwanderungen in den Höhlen und Wäldern der Sierra Madre | del Dccibente Nordmexikos, nahe der Grenze der Vereinigten Staaten ganz für sich und unvermischt auf einem Gebiet von etwa 40 000 Quadratkilometer. Ihr Stammesname — in der eigenen Jndianersprache Ralsmari — bedeutet „di e Dauer l ä u f e r" — und das sind sie, und Dauer- tä uz e r dazu! Glück und Zufall ließ uns den obersten Häuptling und sein Vertrauen finden. Er lud uns an sein Lagerfeuer, und wir erlebten dort eine menschlich-archäologische Offenbarung in den Gebräuchen und Riten dieser Waldmenschen, deren Ethik auch nach unseren Wegriffen so hoch steht, ; daß für Kriminalistik in unserem Sinne bei ihnen sozusagen die Unterlagen ! fehlen. Das schlimmste Verbrechen, dem wir bei ihnen begegneten, war Che- 3 bruch; zur Strafe muß der Mann die Frau — behalten. Diebstahl, Mord, ‘ Raub und ähnliches ist sozusagen unbekannt. Diese Leute nun sind von einer körperlichen Leistungsfähigkeit, von der man sich als Kulturmensch * kaum die richtige Vorstellung macht. Bei.dem großen rituellen Herbstfest, j das wir mitmachte!!, erlebten wir, daß eine Tänzergruppe, die den Chumari, j einen Maskentanz, tanzt, mittags begann, bann die 'Nacht und den fol i Lenden Tag durchtanzte, ebenso die nächstfolgende Stacht und dann noch bis < zum Sonnenuntergang des dritten Togos — das -alles ohne auszuruhen — > in ständiger Bewegung! Dabei wurde gesaftet und kaum ein Schluck Wasser i. getrunken. Am Abend gab es dann das Opfermahl — reichlich, mit vielem i unterdessen gebrauten Jungbier aus Mais-Maische — und in der Nacht i feierten die Tänzer, wie allo anderen, im Maisfeld die Orgie, der der j TarahumaxHamm den neuen Jahresring feines Nachwuchses verdankt. ' Aber das Fabelhafteste ist die Kunst des Dauerlaufes bei den Tarahumare. , Sie haben Wettläuse, die sich über bas ganze Land hinziehe». Männer und l Frauen, Tag und Nacht — nachts bei Fackelschein — durch Feld und ! Wald, über Fluß und Fels. Bei einer verbürgten Gelegenheit liefen sie 340 Kilometer in 24 Stunden, ununterbrochen' mrd ohne Pause. Hierbei stoßen die Männer einen etwa doppelt faustdicken Fußball aus leichtem Holz vor sich her, und die Frauen werfen einen kleinen Ring mittels einer Rute vor sich — beide laufen dem Ball, dem Ring nach, treten oder werfen ihn weiter: die Zeugen laufen nebenher und geben Obacht, daß nichts > Spielregelwidriges vorkommt. Ohne Ball ober Ring darf niemand an t den Start, der auch Ziel ist, zurückkehren. Wenn ein Rind sich in den i Wäldern von der Herde selbständig gemacht hat und wie die Büffel auf i Wanderschaft zieht, läuft ihm der Tarahumara nach, oft über Hunderte > von Kilometer — spurt es auf und treibt es zurück. Den Hirsch jagt der ! Tarahumara zu Fuß und läuft hinter ihm her, bis er ausgepumpt ist ! und sich umlegt — der Hirsch, nicht etwa der Tarahumara! lind das sind für den einzelnen keine Besoitderheiten — das können sie mehr oder i weniger alle! Würde man diese Leute nach Europa bringen — j i e < schlügen einer wie der andere alle Weltrekorde im 1
Da verlauf und würden verlegen werden, wenn man fie desm»». nach Gebühr feiern würde. Sie kennen noch keine Rekorde. Zwar die Läufer mit kleinen Geschenken belohnt, aber alle, auch die zulein n? gekommenen. Denn alle haben ihre Schuldigkeit getan, te haben aleirfil- maßen gearbeitet. Daß einer zuletzt ankommt — Kunststück! Einer doch zuerst ankommen ! Alle diese Leistungen sind für sie selbftverständllck Ebenso würden sie als aufrichtige Freunde des Alkohols (bas Junod^ aus Mais ist alkoholreich und als Festtrank und in entsprechender sehr beliebt) sich genau so wundern, wenn man einige unserer Trinkfest?» aus dem „Klausner" ihnen oorführen wollte, die ohne zu mucken, schont Frühschoppen ihre zehn halben Liter Pilsener „vorkommen" würden 3m auf solche Weltrekordleistungen sind wieder die Tarahumare nicht inis niert. Ob wir es andererseits mit ihren Rauschgiften aufnehmen könnten die sie einatmen und schlucken, wie Mitridaies das Arsen, ist eine aahet, Frage. Letzten Endes ist alles Training — aber die Körperdisposition unk die dauernd natürliche Lebensweise spielen ihre maßgebende Rolle babei und zwar offenbar in Gestalt einer Tüchtigkeitsvererbung. Ich q[ai2 nicht, daß ein Europäerkind, das von Kindesbeinen an bei den Taw. humare zur Erziehung in Pension gegeben würde, dieselben Leistungen er. zielte, wie die Tarahumare selbst. Und dennoch muß eine Annäherum möglich sein. Denn Don Heraklio und Don Juan, zwei Halbweihe wen. kanifche Mischlinge aus dem Grenzbezirk des Tarahumaralandes, die um als Maultiertreiber begleiteten, liefen auch ihre 160 Kilometer am Taue i wie wenn bas gar nichts Besonderes wäre. Auf dem Marsche trabten wir ! voraus — die Karawane trabte auch (ich habe sonst nirgends in der We» schwerbeladene Tragtierkarawanen traben sehen) — die Maultiertreiber trabten auch! Wenn aber, was oft vorkam, die Lasten auf den Maultier, satteln rutschten, daher abgeladen und neu gestaut und geschnürt werden mußten, und wir an der Spitze glaubten, die Leute seien infolge des A». enthalles weit hinter uns, dauerte es keine halbe Stunde, und Mensch 5 Tiere trabten schon wieder fröhlich aufgeschlossen hinter uns.
Der Ordnung halber muß ich nun aber doch sagen, daß an der Sport betafigung dieser Weltrekordmenschen das Auffälligste ist, daß ihnen [eM der Begriff „Sport" offenbar mit allen seinen Wefenselementen aaiü fremd ist. Schon ihre Einstellung zu den „Siegern" besagt das. Sie tennen keine „Sieger", sie kennen keine „Preise", sie kenne» überhaupt feine „Wett"-Leistungen in dem Sinne der Ausscheidung der „Beste»'. „Wetten" als solche kennen sie — d. h. solche entrieren bei Gelegenheit derartiger Spiele die sogenannten „Biancos", die mexikanischen Mestizen, die ja Spielteufel in schillerndsten Variationen sind. Diese wetten wohl untereinander auf diese oder jene Gruppe — aber die Indianer selbst spielen dabei nur die Rolle der Rennpferde — sie setzen selbst nicht, au| sie wird gesetzt. Was in aller Wett — wird da der Sportsmann fragen — ist denn nun das Motiv zu diesen geradezu nationalen Sportsveranstalt ungen, wenn diese keinen sportlichen Motiven entspringe»? Mein Gott, lieber Sportsmann! — vielleicht kannst du dir einen Teil dieser Frage selbst beantworten: Ist dein Ziel nicht die allgemeine Erlich tigung? Nimm an — du hast das Ziel erreicht: die allgemeine Ertüchlt aung ist da. Alte Welk ist im Schwung, und du brauchst nur aus ie» Knopf zu drücken, da rennen sie alle — jeder Weltrekorde! Ist damit der Begriff des „Sports" nicht eigentlich in sich erledigt, nachdem er als solcher Allgemeingut und damit Erfüllung genrorben ist? Wenn jeder sozusagen Champion ist — spielt da die Spitzenleistung noch eine so überragest Rolle, rote heute, wo die Champions dauernd der Versuchung unterliege», Professionals zu werden, weil man den Abstand ihrer Leistung von der Leistung des Durchschnitts als öariefenummer bezahlt und daraus ein Geschäft machen kann?
Mag diese Auffassung vom oölkerpsychologischen Standpunkt aus plausibel sein — für die Völkerkunde als Wissenschaft liegt die Sache fomplizietter — und doch sehr naiv und einfach für den, der sich in dit Gedankengänge und Auffassungen primitivster Menschen hineinverscW kann: Kompliziert erscheint cs zunächst und muß es zunächst erscheine», wenn ich sagen würde — die Motiv« sind religiöser Art Und doch wird die Sache einfach, wenn ich das Stichwort nenne: „Rausch". Man denke an die drehenden (die sog. tanzenden) Derwische. Ich sah sie in ihrer Hauptstadt Koma ihre Drehtänze durchführen - für uns ein tödliches Einerlei —, bis sie mit Schaum vor den Sippen umfielen, die Ekstase war da. Wenn die unverheirateten Frauen suj einer Südseeinsel ihre Reigen aufführen, immer wilder, immer wirbelnder, und zum Schluß eine nach der anderen umsinkt und halb ent« stelt davongetragen werden muß — Ekstase! Wenn die Tarahumort Tag und Nacht ihre noch so monotonen Tänze aufführen, wenn sie da?» ihre monotone Musik oder ihre Sprüche taufendfach wiederholen, I» hält sie dieser Rhythmus an zu Leistungen, die körperlich erstaunlich sind, und reißt sie hin zu Massenempfindungen, die den besten Wille» des einzelnen und seine Hemmungen absorbieren. Der Dauerlaus du Tarahumare entspringt den gleichen Motiven. Wir allerdings sehen I™ allgemeinen nur die äußeren Erscheinungen. Aber auch sie sind erstaun' lich genug — schon deshalb, weil wir hier ganz ohne Rücksicht auf Mo- tive einmal in der Welt die Tatfache sehen, daß ein ganzes Volk - nach unseren Sportsbegriffen — durchtrainiert ist und sich im Besitzt der „allgemeinen Ertüchtigung" befindet, die wir als Ziel und 3®™ des Sports so sehr anstreben und ersehnen.
Für den Kulturmenschen, der nur Stunden kn der Woche mühstn» dem Training widmen kann, sind solche Ziele noch unerreichbar, unk hindern an dem natürlichen Training außerdem die Elektrische, t»f Eisenbahn, die Droschke, das Auto, der Fahrstuhl — alles errungenschaften, die der Trägheit des Körpers Vorschub leisten. 9« Bequemlichkeit, dieser Götze, um den alles Zivilisierte buhlt, ist °a« große enttüchtigende Laster des Kulturmenschen, das ihn in erster Lmtt verhindert, dahin zurückzukehren, wo das glückliche und gesunde Naturvolk der Tarahumare steht — nämlich in die Natur als selbstbewuM Teil der Natur! Wie anders sähe die .Kultur" aus, wenn sie nicht lyu Mutter, die Natur so undankbar verstoßen hätte!
Verantwortlich: Dr. Han« Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fch« Universität«.Vuch« und Steindruckerei, V. Lange, Virhe».


