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,OH, Herr Baron — oh, Frau Baronin, er
Sie mich nicht zur Verzweiflung, auch ich hab'
Tom
ein
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. - Druck und Verlag: Brühl'fche Univerfitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gietze"-
Sie mich nicht zur Verzweiflung", hatte ! fragte sie außer sich.
Uhr geht immer nach. Es wird eher schon
muß bald zurückkommen, sie fahren nie spät nach Hause. Aber Isaak ist
Fuß zurückgekchrt — oh, schon vor ein oder zwei Stunden! Er bog in den Wald ab. Ist er noch nicht zu Hause?"
„In den Wald!" wiederholte die Witwe. „Käthe, hatte er sein Ge
droht hatte. „Treiben eine Mutter. Treiben Bunsing gesagt.
„Wie spät ist es?" „Fast acht Uhr." „Nein, nein, Ihre
Viertel nach sein."
wehr bei sich?"
„Nein, das hatte er nicht", erwiderte die Frau. „Es fiel mir noch auf, denn ich dachte bei mir, im Dunkeln sollte er seine Flinte doch mitnehmen. Wir wissen doch alle, daß Tom Bunsing gesagt hat, er wollte schon mit ihm fertig werden."
„Tom Bunsing — mit ihm fertig werden?" wiederholte die Witwe.
„Ja, Nachbarin, und ich meine nicht wie die andern Leute, daß Sie nichts davon wissen sollen, was Ihr Sohn anfängt — gar nichts. Es mag ja Sachen geben, aber —"
„Was für Sachen?" rief die Witwe aus. „Es kann keine geben."
„Na, ja! Sie werden doch sicherlich wissen, daß Isaak und Bunsing beide hinter Christine her sind?"
„Ganz sicher weiß ich es von keinem von beiden."
„Na, Tom ist ein verwegener Kerl, und ich sage, Isaak sollte sich vorsehen."
„Unsinn!" sagt« die Witwe. „Isaak ist in den Wald raufgegangen, um sich mit Baßet zu treffen."
„Nein, das hat er nicht getan, denn Baßet ist hier vor zehn Minuten mit zwei Wagenladungen Reisig vorbeigekommen— nach dem Dorf zu."
Die Witwe griff an ihre Brust. Jetzt war kein Zweifel mehr. Zwischen Isaak und Tom Bunsing muhte irgendein geheimes Band der Schande bestehen. Statt der Botschaft seiner Mutter zu gehorchen, war der Unterförster allein hinaufgegangen, um den Wilddieb zu warnen cder ihm Trotz zu bieten. Vielleicht lagen sie in diesem Augenblick im finstern Walde miteinander im Kampf, ihr Sohn und der Mann, den sie be-
.. ... - „ „ , ist mein ein und mein
alles", sagte die Witwe. „Äon dem Tage seiner Geburt an ist er Tag gr Tag mein Stolz gewesen! Niemals hat eine Mutter einen edleren ohn gehabt!"
„Na ja," sagte die Frau in entschuldigendem Ton, „ganz genau auf ein paar Minuten geht sie ja nicht. Aber ich glaube doch — —"
Aus dem fernen Waldesdunkel klang ein schwacher Knall von Feuerwaffen hell durch die Nacht.
„Horch, was war das?" schrie Küthe auf.
Aber die Witwe rannte schon auf die Stelle zu, wo die Landstraße sich den Hügel hinan von der Chaufsee abzweigte. „Isaak! Isaak!" rief sie wie von'Sinnen. „Isaak!"
Plötzlich blieb sie keuchend stehen. Die bleiernen Glieder versagten den Dienst, Beklemmung und Uebelkeit lasteten schwer auf ihrer Brust. „Isaak!" — Die endlose Weite ihrer geliebten Wälder dehnte sich erbarmungslos vor ihr in die Finsternis des schweigenden Winterabends hinaus. Mit entsetzlicher Deutlichkeit sah sie ihn regungslos am Boden liegen, lang ausgestreckt unter der gespenstischen Grimmigkeit der Bäume.!
Indem sie so dastand und hilflos ins Dunkel starrte, schien der hohe Horizont sich zu erhellen. Im nächsten Augenblick breitete sich ein blasser Schein über ihn aus, und dann — langsam — ein rosiges und purpurnes Glühen. Der Wald oberhalb ihres Hauses, oben auf dem Hllgelkamm stand in Flammen.
Immer noch stand sie hilflos schauend da. Die Feuersbrunst wuchs mit feierlichem, fernen Gepränge, griff immer weiter um sich und erfüllte den Osten. Nun brannte sicherlich schon das Haus — verbrannten die Tiere! Was war geschehen? Was war ihrem Sohn zugestoßen? ' Sie sank in die Knie. „O Gott!" schrie sie. „O Gott — Gott!"
Ein Wagen näherte sich in rasender Fahrt. Sie raffte sich auf. Der Baron, der nach Hause jagte. Einen Augenblick zuckte der Gedanke durch ihr schwindelndes Gehirn, daß die alte Käthe sich vielleicht geirrt habe! Vielleicht würde sie Isaak in Sicherheit neben dem Kutscher sitzen sehen! ,^)alt", rief sie aus und rannte den Pferden entgegen. „Halt!"
Der Kutscher, der allein auf dem Bock saß, brachte die Pferde mit einen! heftigen Ruck zum Stehen. Durch das Trappeln und Klirren von Pferden und Geschirr ertöirte aus dem Fenster die Stimme des Barons.
„Oh, Herr Baron! — Der Wald — Isaak — Isaak — das Haus —" war alles, was dis Witwe hervorzubringen vermochte.
„Was? Isaak?" rief die Baronin. Der Baron stieß den Wagenschlag auf. „Steigen Sie ein, Frau Quint", sagte er. „Auf dem kleinen Rücksitz ist Platz. Schnell! Wir haben keine Zeit zu verlieren. Wir fahren ins Dorf hinunter, um Hilfe zu holen."
Während der Wagen durch die Dunkelheit dahinflog, gewann die Witwe genug Ruhe und Atem zurück, um ihren Verdacht und ihre Befürchtungen hervorzukeuchen. In abgerissenen Worten erzählte sie von Tom Bunsings Missetaten und Drohungen. „Und wenn Isaak zu Schaden gekommen ist — und das ist er sicherlich — dann bin ich daran schuld, Herr Baroni"
. Sie brach in Tränen aus. Das greise Ehepaar hatte ihr voller Besorgnis und Mitgefühl zugehört.
„Ja, meinen Sie", sagte die Baronin sanft und ergriff ihre Hand.
„Nun, wir werden ja tu wenigen Minuten hören", erwiderte dec Baron.
Der Wagen rasselte schon durch die Dorfstraße, die voller Stimmen und hastender Menschen war. Plötzlich blieben die Pferde stehen.
„Das ist Baßet!" rief der Baron. „Hier, Baßet — wie ist es mit Isaak Quint?" Ist er in Sicherheit?"
„Sicher genug!" gab der Oberförster erregt zurück. „Keine Gefahr, daß der oben im Walde ist, Herr Baron! Das besoffene Schwein ist hier im Wirtshaus — viel zu betrunken, um sich zu rühren!"
Mit einem Schrei, der das Geraffel der Sprttzenwagen übergellte, sprang die Witwe aus dem schützenden Wagen heraus.
„Herr Baron, er lügt — er lügt!" rief sie aus und rannte ins Wirtshaus hinein. Die andern folgten ihr.
Auf einer Bank an der Wand faß Isaak, starrte blöde geradeaus und versuchte, zur Besinnung zu kommen. Fünf bis sechs andere Männer, einschließlich Tom Bunsing, standen neben ihm an einem mit Gläsern bedeckten Tisch.
Beim Anblick seiner bleichen, verzweifelten Mutter schien der Blick des jungen Försters sich zu klären, und er stützte sich gegen die Wand.
„Allmächtiger Gott! Was ist geschehen?" rief die Witwe entsetzt.
Isaak antwortete nicht. Er machte einen Versuch, sich zu besinnen. Als er den Brief seiner Mutter erhielt, hatte er den Baron um Erlaubnis gebeten, sofort heimzukehren, aber statt sich mit Baßet zu beraten, war er in den Wald geeilt, um nach Bunsing zu suchen und sich seines Schweigens zu vergewissern. Er fand den Wilddieb und bekam dessen Ultimatum zu hören: Herausgabe des Netzes vor acht Uhr, odek Aufklärung der Witwe über das Geheimnis ihres Sohnes. Umsonst hatte er seine Machtlosigkeit vorgeschützt. Der ebenso verzweifelte Vun- sing hatte ihm mit der für den Sohn der Kranken völlig neuen Mitteilung geantwortet, daß Frau Quint ihrer Nachbarin Küthe ein Herzleiden eingestanden hübe, von deui^ diese Frau Brodel im Vertrauen erzählt hätte. „Und ein plötzlicher Schreck kann ihr das Leben kosten", sagte Bunsing bedeutsam. Isaak, der wohl wußte, daß ein Appell an seine Mutter' fruchtlos gewesen wäre, war ganz zusammengebrochen, hatte den andern angefleht, wenigstens bis zum nächsten Morgen zu warten, und war dann durch Gestrüpp und Dickicht davongestürmt, um sein Elend im Wirtshaus zu ersäufen. Kaum sah sich Tom Bunsing allein an der Stelle, wo der Beweis seiner Schuld versteckt liegen mußte, als er auch schon Feuer an ein gefährlich zur Hand liegendes Bündel Reisig legte. Dann entfloh auch er, entleerte seine Tasche, damit keine Patronen bei ihm gefunden werden konnten —daher die Entladungen — und eilte querfeldein nach dem Wirtshaus, um dort von aller Welt gesehen zu werden. Diesen Vorfall wollte er sich als Warnung dienen lassen und nahm sich vor, nie wieder zu Wilddieben.
„Ich bin ganz wohl — ganz gesund", stammelte Isaak.
„Isaak, wie kommt es, daß du betrunken bist?" jammerte seine Mutter. „Warunt hast du Baßet nicht gewarnt? Warum ist Tom Bunsing hier? Weißt du nicht, daß der Wald brennt?"
„Der Wald brennt!" schrie Isaak und fuhr taumelnd empor. „Das sagten sie — und ich dachte, sie machten Spaß!" Er blickte suchend um sich. „Du, Bunsing, das hast du getan!"
„Ja, du hast' es getan!" wiederholte die Witwe und sank, nach Atem ringend, zurück. Starke Arme fingen sie auf und ließen sie aus einen Stuhl nieder. „Herr Baron, er hat es getan! Tom Bunsing — der Wilddieb!"
„Ich?" rief Tom aus. „Oder war es Isaak Quint, der betrunkene Förster? — Isaak Quint, der sich jeden Abend im Wald betrinkt und seine Schnapsflaschen da oben in hohlen Bäumen verwahrt? — Quint, der betrunkenste Trunkenbold im ganzen Dorf, wie jeder, der hier ist, weiß — außer feiner alten Närrin von Mutter!"
„Schwelg!" sagte der Baron mit furchtbarer Stimme.
Die Witwe starrte um sich und las Bestätigung in allen Gesichtern. Die unbestimmten Gefahren und Warnungen, die sie den ganzen Tag über dumpf umgrollt hatten, nahmen mit einemmal feste Gestalt an. Indem sie ihren Sohn ansah, trat ein Ausdruck in ihre Augen, den keiner, der ihn gesehen hatte, jemals vergessen hat. Ihr Kopf neigte sich: sie fiel vornüber und sank niedergeschmettert zu Baden.
Sie hoben sie sofort auf, und der Doktor war gleich zur Stelle denn das ganze Dorf hatte sich in oder um das Wirtshaus versammel! — und tat alles, was getan werden konnte. Mit einem Schrei, besten Schall in der Stille kein Ende zu nehmen schien, war Isaak neben oe Leiche in die Knie gesunken. „ .
Die Polizei war int Zimmer und drängte die Menge zurück., Drau st c setzten die ländlichen Feuerwehrleute ihre nutzlosen Vorbereitutkgsn so Der ferne Himmel stand in lodernden Flamme?!. * - ,.
Der Arzt ließ achselzuckend von seinen Bemühungen ab.
„Verhaften Sie diese beiden Männer", sagte der Polizeiinspektor i • . Isaak bot beide Arme für die Handschellen dar, und über Ml
Qual in seinem Gesicht glitt etwas rote ein schwacher Hoffnungsstrat^__,
die Spannung nicht mehr zu ertragen. Sie ging in die Dunkelheit hinaus und begann, ihm, erschöpft wie sie war, auf der Landstraße entgegenzuwandern. Plötzlich nahm eine dumpfe Besorgnis von ihr Besitz: die Angst vor einer herannahenden Katastrophe. Sie fühlte, daß sie mit einem menschlichen Wesen sprechen, eine menschliche Stimme hören mußte, und schleppte sich den Berg hinunter. Im Chausseehäuschen würde sie erfahren, ob dort jemand vorübergekommen war.
„Ja," sagte Käthe, „der Baron ist im Halbwagen nach Rodwell hinübergefahren, mit Isaak auf dem Bock, neben dem Kutscher. Der Baron
„Schuld?" wiederholte der Baron. „Nein, das Wort paßt nicht Sie haben edel gehandelt, in Einklang mit Ihrem ganzen rechtschaffenen Leben."
Beide gaben schweigend zu, daß ihre Angst durchaus begründet sei. Es würde nicht das erste- und auch nicht das letztemal sein, daß ein Wald angezündet wurde, um das Verbrechen eines Wilddiebs zu ver- hehlen.
Der Baron seufzte. „Bis jetzt ist noch nichts sicher", sagte er. „Isaak ist Ihnen immer ein bewundernswerter Sohn gewesen. Kein Wunder daß Sie sich um ihn ängstigen. Aber er wird hoffentlich lebendig und gesund sein!"


