Ausgabe 
4.9.1928
 
Einzelbild herunterladen

Noch viel ließe sich über die Troglodyten erzählen, aber ich möchte nicht schuld daran sein, daß diese Zeitung so dick wird wie das Servier­brett unseres Wirtes, von dem wir uns daher lieber verabschieden wollen. Salem aleikmn ...

Auf dem Heimweg stellte sich, natürlich an der ungeeignetsten Stelle, die Panne ein. Tatenlustig sprang Hadschi Halef Omar, kaum daß der Motor verröchelt war, von seinem Sitz, schlug di« Kühlerhaube auf und erstarrte wie Lots Weib. Keine Benzinzuftihr mehr, das Leitungsrohr gebrochen! Schon war die Sonne gesunken, hämisch hüstelte uns die andere Feindin der Wüste an, die Nachtkälte.

Hadschi Halef Omar murkste eine Stunde, zwei Stunden planlos herum und bekanntlich darf man einen arabischen Chauffeur niemals in dieser heiligen Handlung stören. Endlich gestand er kleinlaut ein, daß er «s nicht schaffe. Es stellte sich heraus, daß der Reparaturkasten leer war.

Ich dachte, dein Ersatztcillager sei komplett?"

Ist es auch", schlug er sich in plötzlicher Erleuchtung vor die Stirne und kramte ein Isolierband aus der Tasche.

Dank diesem Universalmittel erreichten wir noch in der gleichen Nacht die Oase Bethlehem. Klar standen die Sterne über den Palmen, ein weißes Haus leuchtete im Scheinwerfer auf und eine müde Frau wurde von einem Manne in den angebauten Stall geführt.

Stille Nacht, heilige Nacht...

Das neue Testament knüpfte an das alte der Troglodyten an.

sagte

Was

Die Mutter.

Novelle von Maarten Maartens.

(Schluß.)

' Er wich fluchend zurück.Ja, ich bin ein Wilddieb", sagte er.Sorg' dafür, daß dein Förster sich vorfieht!" Er schlich davon und lieh sie bebend vor gemischten Gefühlen zurück. Nur eins war ihr klar bewußt: daß sie den Mann ihrer Liebe nie würde heiraten können.

Inzwischen hatte die Witwe nach ihrem erprobten Grundsatz, daß Arbeit in Gottes Wäldern das beste Heilmittel für Kummer ist, einen Rundgang durch das ihrem Sohn unterstellte Gehege angetreten. Sie fürchtete, ihm zu begegnen, und sehnte sich doch danach. Die Ereignisse des Tages hatten einen schmerzlichen Eindruck auf sie gemacht. Irgend etwas in dem Benehmen der Menschen, mit denen sie gesprochen hatte, erfüllte sie mit unklarer Besorgnis. Eine dunkle Furcht vor Unheil hing lastend in der Luft. Sie war wütend empört über den Pfarrer, der es gewagt hatte, sie die Witwe John Quints mit unnötigem Ge­schwätz über Trunk zu ärgern. Dankte sie Gott nicht jeden Abend dafür, daß er ihr Gebet erhört hatte, daß Isaak mit festem Schritt nach Hause tatg und ihr mit fester StimmeGute Nacht!" sagte?

Als sie durch Holz hastete, um ihren Merger zu verlaufen, ge­wahrten ihre scharfen in der Ferne noch so scharfen Augen eine halbverwischte Fußspur, die ganz gewiß nicht von Isaak herrührte. Sie folgte der Richtung, in der sie führte, und gelangte einen Abhang hin­ab durch dichtes Gestrüpp zu einem halb versiegten kleinen Bach, neben oem sie ein geschickt verstecktes und sehr sorgsam ausgespanntes Netz ent­deckte. Ihr Auge blitzte vor Triumph. Sofort begann sie, es loszu- fchneiden.

Hallo!" rief eine Stimme von drüben herüber. Tom Bunfing richtete sich zwischen dem Gestrüpp auf. Er war gleich nach seinem Gespräch mit Christine hingekommen, um nach seinem Netz zu sehen.Lassen Sie das sein, Sie alter Drache!"

Ich tue, was ich dem Herrn Baron schuldig bin", erwiderte Witwe Quint unerschrocken.Geh nach Hause zu deiner armen Mutter, Tom ounfmg, und trockne ihre Tränen!" sprang über den Bach, ohne zu ant- wortm. In dem Handgemenge, das nun entstand, setzte er sich bald in 6en Besitz des Netzes, wobei er die alte Frau umstieß.

Ich kann nichts dafür", sagte er.Warum mischen Sie sich in solche boajen, die Sie gar nichts angehen, Sie greuliche, alte Person? Machen ®ie, daß Sie nach Hause kommen."

Sie raffte sich auf.Behalt nur dein Netz", versetzte sie voller Ber- Wung.Ich brauch' es nicht. Ich habe das andere, das ganz ebenso M und das ich vor acht Tagen fand. Mir fehlte nur noch der Beweis, f,e dir gehören. Morgen melde ich die ganze Geschichte dem Ober- strsier. Du kannst dich auf ein oder zwei Monate Gefängnis gefaßt

^mem^Schn?""^' ~ tann nirfjt ~ Was weißt du von

». $on Bunsings dunkles Gesicht erbleichte. Er stieß einen schrecklichen Rrt) aus. Er war noch nie ertappt worden, und an Gefängnishaft Ktte er nie gedacht.

e? nieder das Wort ergriff, war er ganz ruhig. ,Hören Sie, Frau »mm, fagte er,ich werde mit Ihnen nach Haufe gehen, und Sie «erden mir das Netz ausliefern."

Das werde ich nicht tun", erwiderte die Witwe und erhob sich, um

Bann werde ich hingehen und es holen. Isaak ist unten im Dorf, ix CF,, roas für den Baron zu besorgen hat. Das wußte ich, sonst wäre ch mcht hergekommen.

gfe Witwe blickte ihrem Gegner mit einem zuversichtlichen Lächeln n, <>3n unserem Hause wirst du das Netz nicht finden", ' ile' »Cs >st im Walde versteckt."

"sm Eiche!" rief Ton aus.

n roas soll das heißen?"

QiiiÄr Versteck, wo er feinen ach, Hosts der Teufel, Frau «i nf®}, be meiner Mutter nichts an, dann tu' ich Ihrem Sohn

Sohn etwas tun? Wie solltest du das wohl können?

^steckt Isaak in der Eiche?" ftertt?-'lmmeru Sie sich nicht darum. Wo haben Sie mein Netz ver-

Nicht mehr als von meinem Netz. Hören Sie, ich taffe Ihnen bis zum Dunkelwerden nein, ich lasse Ihnen bis acht Uhr Zeit. Wenn das Netz um die Zeit nicht wieder da ist, wo Sie es yerhaben, dann*

Run?"

Dann werden Sie den Schoden davon haben."

Pah!"

Sie und Isaak."

'Tom Bunsing, was kannst du Isaak antun?

Bis acht Uhr, verstehen Sie mol);, und keine zehn Minuten drüben Ich will nicht bedenken Sie das wohl! ich will nicht ins Gefäng­nis meiner alten Eltern wegen, die es nicht aushalten würden- Hüten Sie sich! Mit einem Verzweifelten zu kämpfen tut nicht gut* Er wandte sich ab und verschwand im Unterholz, ohne ein weiteres Wort abzuwarten.

Frau Quint lenkte ihre Schritte heimwärts. Sie war sehr besorgt uni» sehr müde. Was war nur mit Isaak? Etwas Schlimmes konnte es nicht fein, aber junge Leute waren nun einmal keine Engel: sie hatte nie er­wartet, daß er sich als vollkommen erweisen würde. Meder kam ihr der fatale Gedanke an unvorsichtige Liebelei. Oder ob er vielleicht ein­mal im Kartenspiel Geld verloren hotte? Nein was war das mit der Eiche? Was versteckte er dort vor anderen Menschen vor ihr?

Als sie sich dem Haufe näherte, sah sie jemand neben der Tür stehen, und gleich darauf erkannte sie John Bost.

Ich hab' eine Bestellung von Isaak zu machen", sagte Lohn.Ich hab' es ihm versprochen; daß Sie aus fein könnten, kam mir gar nicht in den Sinn. Frau, wie sehen Sie krank aus! Gehen Sie rein und setzen Sie sich hin."

Was ist denn ?" sie rang nach Atem.

Der Boron und die, Baronin sind für den Tag zum Bruder des Borons nach Rodwell gefahren, und sie haben Staat"mitgenommen, da­mit er sich Tauben ansieht. Er wird ungefähr um acht zurück fein."

Das war ein harter Schlag für die Witwe. Sie faß und dachte nach, während ihre Hände die Knäufe ihrer Stuhllehnen umklammerten.John Bost, du hast einen Wagen da", begann sie schließlich.Du mußt nach Rodwell hinüberfahren und Isaak einen Brief von mir bringen."

Na, Sie sind aber unverfroren!" entgegnete John.Ein Brief? Wollen Sie die Baronin bitten, mit ihm zurückzukommen und bei Ihnen zu Abend essen?" Sic blickte zu ihm auf, und feine Stimme senkte sich unwillkürlich.Na, ich kann es machen", sagte er.Es ist kein großer Umweg. Aber beeilen Sie sich!"

Sie setzte sich an das Schreibpult ihres Vaters und verfaßte mühsam die nachstehende Epistel:

Lieber Isaak!

Du mußt gleich mit dem Herrn Baron und mit Baßet sprechen^ Die Sache muh heute abend um acht in der Hügelforst gemacht werden. Ich halte alles bereit. Komm zum Abendbrot nach Hause. Komm so schnell als Du irgend kannst. Deine Mutter."

Sie tat den Bogen in ein Kuvert und übergab ihn dem Fuhrmann. Wenn er den Brief nun öffnete und sie verriet? Nein, so etwas taten dis Menschen nur in Zeitungen. Außerdem blieb ihr keine Wahl.

Du bist ein redlicher Mann, John", sagte sie-Das weiß ich und ich werde dir ein Fünfzigpfennigstück geben."

Zum Kuckuck mit Ihrem Fünfzigpfennigstück", erwiderte John und verlieh das Haus.

Einen Augenblick stand sie unentschlossen da, dann lief sie ihm nach und rief ihn zurück.

John, John, hör' noch mal! Antwort' mir noch, eh' du wegfährst, auf eine Frage. Der Pfarrer hat er dich jemals gebeten, dasBlaue Band" zu nehmen, John?"

John Bost starrte der alten Frau scharf ins Gesicht.Und ob!" tagte er fröhlich.Dutzende von Malen. Wen bittet er nicht? Sogar der Baron trägt eins und die Baronin auch."

Nein, das hab' ich noch nie gesehen", wandte die Witwe ein.

Na, zu Temperenzlern hat er sie jedenfalls gemacht", erwiderte John, ein wenig betreten.

Danke! Danke sehr!" rief die Witwe inbrünstig.Mach' dir meinet­wegen keine Gedanken, John, und sorg' dafür, daß Jfaak den Brief kriegt. Guten Abend!"

Das ist es also", sagte der Fuhrmann zu sich selbst und guckte den Brief an.Die arme Alte! Sieht aus, als ob sie nicht mehr lange zu leben hätte. Aber wenn sie am Leben bleibt, muß sie ja einmal da­hinterkommen."

Die Witwe brach, wieder in ihrem Lehnstuhl angelangt, in Tränen der Freude und des Zornes aus des Zornes, weil sie einen kurzen Augenblick an ihrem Jungen gezweifelt hatte.

Er würde ihrs Botschaft schon verstehen, denn wenn sie auch nie wieder über die Sache gesprochen hatten, wußte er doch, daß sie mit Baßet alles vorbereitete, um Tom Bunsing festzunehmen, sobald sie Be­weise für seine Schuld hatten. Daß Isaak keinen Schritt gegen seinen Siebenbubter unternehmen wollte, fand sie bewundernswert, das sah seinem edlen Charakter ähnlich. Aber sie mußte Maßnahmen treffen, wo er sich begreiflicherweise zurückhielt. Gerade daß feine Sage so heikel war, machte es ihr doppelt zur Pflicht, für die Rechte-ckhres Herrn ein­zutreten. Dies Gefühl war es, daß ihr keine Ruhe getanen hatte.Ich will keine Ränke gegen Tom schmieden", hatte Isaak gejagtWenn er mir aber in den Weg läuft, um so schlimmer für ihn." Und für mich", hatte er innerlich hinzugefügt.

Es begann Abend zu werden, und nachdem die Witwe ihre Kar­toffeln geschält hatte, setzte sie sich nieder, um Isaak zu erwarten. Dabei überlegte sie, was wohl geschehen würde, zerbrach sich jedoch nicht über­mäßig den Kopf, da sie entschlossen war, ihre Pflicht gegen den Baron auf jeden Fall zu erfüllen. Der Hund hatte sich nach einigen ungewür­digten Versuchen, die Nase in ihre Hand zu stecken, in ihren Rock ge­schmiegt zusammengerollt. Die Elster ärgerte sie dann und wann mit ihrem sinnlosenSchon gut!"

Die Abendbrotstunde schlich vorüber, ohne daß Isaak kam. Der Kuckuck verkündete die siebente und die folgende halbe Stunde. Da vermochte sie