Ausgabe 
4.9.1928
 
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Jahrgang (928

Dienstag, den H. September

Nummer 7(

M

in meinen geistigen Erzeug-

Früher Herbst.

Bon Johannes Heinrich Braach. Schon wieder Stoppelfelder, schon wieder gelbe Wälder, wie schnell der Sommer schied. Vorbei gehuscht, geflogen, grad wie ein Spiel von Wogen und wie ein kurzes Lied.

Grad' wie ein Lied vom Lieben, das Sturm uns zugetrieben und Sturm verweht, geraubt, da es uns kaum umfangen und wir mit frohem Bangen ihm kaum vertraut, geglaubt. Bald wechselt Glut der Rosen mit stillen Herbstzeitlose», die Nacht wird wieder kalt.

Wir wandern und marschieren, gewinnen und verlieren und werden mtid' und alt.

Dom verruchten Benjamin und der unseligen Anna.

Von Sofie v. U h d e.

Als ich noch sehr klein war, so zwischen vier und sechs Jahren, versprach ich eine graste, deutsche Dichterin zu werden, und zwar eine iieftragische, ein Sanger des Leids Familie und weiterer Bekannten- ki«s glaubten mit mir an diese meine schmerzliche Berufung.

verfaßte damals mit Vorliebe Dramen, die von Tod und Tränen chaurig erfüllt waren und die ich mit herzbrechenden Illustrationen ver- V, 77,?urn sieht die Universalität des Genies! die aber selten zum Abschluß gelangten. Denn ich geriet über mein Werk selbst in so Hoff­nung? oses Schluchzen, daß ich mit einer warmen Flasche auf dem Leibe ZU Bett gebracht werden mußte, ein Opfer meiner Sendung.

tes mt(( mir ja heute beinahe scheinen, als hätten die s meist obend- i'chen Zusammenbruche über der Kunst recht reale Hintergründe gehabt: «s hatten in Unmenge genossene unreife Beeren und beim Nachbarn Zerschlagene Fensterscheiben, die Magen und Gemüt gleichermaßen be- t Lösung suchend, der tragischen Muse in die Arme

gemorfen. Aber damals überblickte ich dies keineswegs, sondern glaubte entschieden an meine traurige Genialität, und mein armer Vater, welcher eigentlich nur abends und also der Kunst und dem Leide hinqe- gcdm sah, erwog kummervoll mein ferneres Los.

war nicht sehr abwechslungsreich in meinen geistigen Erzeug- Sn: waren in der Hauptsache nur zwei Themen, die mich immer wieder inspirierten: der treue Pudel Karo, der auf dem Grabe seines qerru stirbt eine Dichtung, mit der ich überall viel Anklang fand 5Jilb von 2I,,na' die mit aufs Herz gepreßten Händen und W» ha" 2tU9eU verendete, weil ihr Bräutigam Benjamin sie ver-

diesein Sujet erregte ich großes Mißfallen in der Familie; mein 2?cr ml beinahe vom Stuhle, als ich ihm erstmalig dies Poem vor- a J E'N strenges Verhör in den Küchenregionen an, woher uf T ^ema bezogen habe. Ich konnte ihm selbst Aufschluß geben;

.^inen Volksfest, wo ich Karussell fahren durfte, hatte der dl- »i'I reine® Wachsfigurenkabinetts diese Angelegenheit vorgetragen, .'c sofort tief beeindruckte; ich entwich ins Innere der Bude und (A:,, , ®nna's. *uie ste sich soeben anschickte, auf unschöne Weise zu mH ^-ib der verruchte Benjamin feinen Schnurrbart drehte und auRernnm-k ,?^chen davonging. Ich war sehr erschüttert, es muhte etwas Derlnfi9»»0^ Scheußliches fein, von feinem Bräutigam Benjamin auhnnnkm11 "i^rden, ich beschloß, dieses Geschehen in mein Repertoire GnhSronk*1 ?n6 olle Bemühungen der Familie, mich in die reineren ÜMmui-u - treuen Pudels zurückzuführen, scheiterten an der Ent- die tnniM. seines Dichterherzens. Tanke Jenny konstatierte mit Gram ^wpische Amoralität des Genies.

deit gewöhnte man sich auch an dieses Thema Anna nXns T? und ich erwog, ob es nicht angängig sei, die unselige DerEiniai Pudel sterben zu lassen, so daß ich alle meine Sieben iöorfte m r so weit kam es gor nicht, denn schon die bloße [litten hnf? .j gehäuften Leides versetzte mich in solche Tränen- iit mein diA augenblicklich mit besagter heißer Flasche auf dem Leibe ih ein».," erbett versenkt wurde, wo sich sehr bald alle Not der Welt ^rauf ®emafität unbeschwerten Schlaf auflöste: und es ist wohl 4 mzufuhreii, daß mich noch heute, wenn ich traurig bin, eine

SiehenerZamilieiibMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

schattenhaste Sehnsucht nach einer Wärmeflasche und einem Gitterbett überfallt, feerer Hafen, in dem alles Leiden endet. "bett

Tophi,,n!«e "^dermädchen, ungebildete und reale Geschöpfe, sagten, meine s??ven Quatsch, und man solle mireins auf den Povo" geben. Es ist dies keine Art, mit Dichtern umzugehen.' Sie werden ibium'suri^.jnh ^'"ungsein; ich zog mich denn auch tunlichst von Ä'EN Zurück und deklamierte meine Dramen dem knisternden Feuer im R to Sr hnttP geduldigen Ohren unseres Hühnerhunds

.A tr'j; r ^otte die Irrfahrten meines Tages treulich mitgemackt oer» w/tt 'che aber äußerst amüsante Raubzüge in ber NachbmAaft von denen niemand m der Familie etwas ahnte -, fein GerMenwar ntot zur UelanAlie g!ne?gt'"^' f° m°r er benn gleich mir des Abends as asÄiSÄÄ L nunftiges Wort reden. Von ihm ertrug ich Kritik, voralleminbezua Zeichnerischen Leistungen, da schien er mir doch der Heber» l/gene zu fein; unö nur wenn ich dem Pudel Karo, um seine völlige Auflösung sinnfälliger zu machen, nur drei Beine gab und mein dem Difpu/'zwische"n uns"3 Vater auf vieren Bestand, erhob sich

Aber was das Dichterische betraf, da war i ch ber Experte. Mein versuchte wohl zuweilen, mich in fteunblichere Bahnen zu lenken- ^f^lug nnr vor, Herr unb Hund am Leben zu lassen sie könnten 3um Beispiel einen kleinen Spaziergang ins Grüne unternehmen sie mürben vielleicht sogar Schlagsahne essen unb in ber Wiese liegen na ??e w..»! auch die leidige Affäre mit Benjamin könnte sich als ein Irrtum Herausstellen er konnte sich beispielsweise nur verspätet &Vnb ^vuckkommen und Anna eine Tafel Schokolade bringen, gäbe das nicht ein schönes Gedicht? Aber ich frug ihn nur mitleidig» überlegen, ob er denn nicht wisse, daß nur schön ist, was traurig ® ®r wußte es er verstand, was ich da unbewußt unb unbeholfen KechinVräNu"L' un?A»7a°^' W"e9 6etotttmert lInb "»ch

Anna fiel ber Länge lang, Allen Leuten mürbe bang, Doch bas hatte keinen Sinn: Anna mar schon hin."

Könnte ich doch heute noch so unbekümmert dichten!

Der Geburtstag meines Vaters tarn, unb ich gedachte ihn durch ein gouz besonders wertvolles Werk, reich illustriert, zu verherrlichen. Der verruchte Benjamin schien mir für ein Familienereignis kein geeignetes Sujet zu fein ainb ich entschloß mich für Karo. Ich beherrschte nun schon die hohe Kunst des Schreibens und malte meine Verse sauber auf einen fronen Briefbogen mit Tauben und einem roten Herz, welches brannte- mit «porter Orthographie, welche die Originalität des Ganzen sehr un» M .v^len anschaulichen Zeichnungen. Dem festlichen An-

gemäß hatte ich das Thema gründlicher als sonst bearbeitet, es war fogar STBrnter Schnee fiel, ber Grad unb Kränze, Kreuz unb Pudel still Xränenftrömen^te ~ 65 ronr nid)f 3U ertragen! Und ich verging in

* Ab.se Sündflut bereitete meinem Vater keine ©eburtstaqsfreube: ?rr,^rit bald traurig, halb wütend auf und ab unb murmelte:Wohin soll bas fuhren mit biefem Kinbe!" Da klingelte es, unb ber Nachbar erschien, ein einfacher, alter Mann, er brehte den Hut in ben Hänben unb schien zum äußersten entschlossen. Sein Erscheinen mar mir über­aus peinlich ich hatte Grünbe, ihn nicht gerne hier zu sehen. Denn dieser vortreffliche Mann mar vorzugsweise die Zielscheibe meiner rüden Belustigungen: ich beförderte ihm mit Hilfe eines ausgezeichneten Blas­rohres unliebsame Gegenstände in seinen Kaffee, ich weckte ihn vermittels dieses selben Instrumentes unsanft aus seinem Mittagsschläfchen in ber Laube, und bestahl seine Obstbäume, ich schüttete Nießpulver auf seine Schlummerrolle, ich ließ mich vor seinen Augen vom Dach kollern und fing mich in der Rinne, so bah bem Unglücklichen bas Herz stille stand vor Schrecken und er dergestalt um alle wohlverdiente Ruhe des Alters gebracht mürbe. Es mar ja nur vermunberlich, baß er nicht schon viel eher gekommen mar.

ffir legte ohne viel Umschweife los; mein Vater traute seinen Ohren nUht unb sprach die Meinung aus, ber Würbige möchte sich täuschen Aber ba kam er schön an:Ra, na, gnä Herr, ba gibts fei nixen i wer n wohl kenna, ben kloan Satan, den mistigen; wann in nur grab mal erwischen kunnt, i bab's eahm scho zeig'n, aber ber is ja soviel g schwinb, ber kloane Höllenbrut'»!" Und nun begann er eine wohl- assortierte Aufzählung meiner Ucbeftaten. Er sagte nicht zuviel, der wackere Mann, es stimmte alles. An besonders schwerwiegenden Höhe­punkten ber Anklage brehte sich mein Vater nach mir um:Hast du )as getan?" Ja, ich hatte es getan; bas Gesicht meines Vaters wurde immer heller. Und als ber brave, alte Mann seinen Stoff erschöpft hatte