Ausgabe 
4.2.1928
 
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LrsLenrmdcrchtzLgmar Lachen.

Erlebnisse aus einer Insel.

Von Dr. Friedrich Koch-Wawra.

&s ist genügend bekannt, daß der Amerikaner Werte gern in Zahlen ausdrückt mw aus Zahlen am ehesten eine Vorstellung von Werten yeU®rlt Miller, dem die Gattin entlausen ist, denkt nicht daran, etwas qeaen die Entwichene zu unternehmen. Er verklagt den Dritten auf so­undsoviel Dollar wegenAbspenstigmachens der Zuneigung von Mrs. Miller". Und man rechnet vor Gericht ab. Der Herr Pfarrer plata- liert vor seiner 200 OOO-Dollar-Kirche die Sonntagspredigt:Wo willst du die Ewigkeit zubringen? 45 Minuten talk! Sieben verschiedene Pro­bleme behandelt! Fünfzehn ergreifende Stellen! Keine Zwangsrollerte. _ Der Kinobesitzer aber, vom großen Broadway-shower bis zum kiemcn Hinterwaldbudiker annonciertHarolds tollkühne Vrautfahrt. Fesselnd. Abenteuerlich! 65mal Lachen!" _ . , ,

lOOmal Lachen! 150mal Lachen! Ein Lachen zehn wekundcn lang.

Das sind amerikanische Kinowerte. . . , ....

Es gibt auf diesem standardisierten Kontinent eben em Einheitslachen, oder besser gesagt, ein Einheitslachmotiv. Denn das Maßenlachen auf Kommando ist keineswegs eine amerikanische Erfindung. Das konnte man vor dem Kriege in Deutschland viel besser. Ich horte im ^>ahre 1913 em ganzes Batallon einen Witz aus höherem Munde belachen. Dreimal, ^"so "greift in Amerika eine unheimliche Disziplin der Zahl in alle Lebensäußerungen hinein und zwängt den Menschen, ohne daß sie es merken, einen gemeinsamen Stil des Empfindens auf, so daß man sich oftmals wundert, wie sehr man schon selbst dein Zahlenteufel verfallen ist.

Aber ich freute mich dennoch, als ich nach einem zweiwöchigen Besuch bei kindischen Indianern zum erstenmal wieder Englisch hörte. Das war auf der Aleuteninse! Kremtzin im Stillen Ozean.

Auf dieser Insel liegt das kleine StädtchenProfessor Luckenwald. Es ist die Grenze der amerikanischen Zivilisation, aus dem Wege zum Nordpol. Eisberge, Eisschollen und Seelöwen. Ein smaragdgrünes Meer, das Behringsmeer. Dann kommt Sibirien; Sowjetruhland; Amerikas Feind in einer fernen Zukunft. , . _

2[uf dieser Insel legte unser Boot an, ein Kajak mit ausmontierter PatentschraubeVorwärts". Ich stieg zu Lande und stand sosort vor einem hUn*fiafc,atboys! Fischer! Goldgräber! S.M., der amerikanische See­mann! Ausgepaßt! Nur morgen Abend! Unwiderruflicy einmalige Auf­führung: The Clods (Die Verrufenen). Großer deutscher Koloffalf.lm m 8 Akten von Professor Heinrich Zille. Die eine Halste der Menschheit weiß nicht, wie die andere lebt. Aus diesem Grunde haben wir biefen gewaltigen deutschen Lerbrecherfilm zur Aufführung erworben. Acht Akte! Abenteuerlich! Erschütternd! Aufregend! 87 mal

ü q d) e n!w

Soncbcn ftanben bic beutfdjen Drigindlpldicitc niit ber b?kannten Zilleschen ZeichnungMein Milljöh". So wirst der Amerikaoertrag der Filmgesellschaft seinen Segen bis zur Grenze der Zivilisation '-m Beh- rinqsmeer. Ich verzichtete auf die Heimfahrt mit dem kanadifchen Jischdampfer, der schon unter Dampf lag, und zog vor, anderthalb ~age in Professor Luckenwald zu bleiben und den erschütternden Berbrecherfilm zu belachen, der mir vor einem halben Jahr in Berlin entgangen war ...

Der feste Platz Professor Luckenwald war einmal ein Städtchen. Vor einem Menschenalter hatte ein deutscher Professional int Seelowenfang (Zirkusbelieferung) diesen Ort gegründet. Die Mär von Profetzor ^.ucken- wald drang bis nach Portland und San Franzisko und spukte in öen Köpfen der Hobos. Diese Insel sollte viel bares Geld in ihrem schoß bergen, Seelöwen und schmackhafte Robben sollten zu Tausenden das pvlizeilose Eiland abgrasen und alle offiziellen Posten, vom Bürgermeister bis zum Ortsdiener, sollten noch zu besetzen sein.

Aus der Professors Robbenstation wurde auf jenem geheimnisvollen, unberechenbaren Wege, der in Amerika feit jeher von Blockhäusern zu Wolkenkratzern führte, binnen drei Sommern eine hölzerne Hauptstadt. Aber es fehlte wohl irgendein Schräubchen in der imponderabilen Ma­schinerie des Städte-Gründens. Die Schätze im Schoße des Eilandes < Kupfer und Silber) find noch da, die Seelöwen tummeln sich noch in hellen Haufen über die Scharen, aber Professor Luckenwald ist nun eine verblichene Stadt aus modrigem Gebälk ... Doch muß sie einmal sehr bedeutend gewesen sein. Denn die verlassenen Häuser, die im Winter ver­eisen undim Sommer vor Hitze sich krumm biegen, dienen noch dem heutigen Geschlecht zur Feuerung. Ein Lunchroom-boss verheizte eine ganze Kirche zum Braten seinerFranclorters".

Da, wo vor vierzig Jahren der Professor seine Robbenstation an­legte, ist heute nur im Sommer ein geschäftiger Betrieb: Robbenborse, Marinestation, Fischereihasen, Bank, Hotel, Luftschaukel, Schießbude, Pa­noptikum und ein namenloses Haus: der nördlichste Lunapark der Welt.

Ein finsterer Greis druckt auf einer alten Tarantel aus Gutenbergs Zeiten dieNorthern Voice", dieNordstimme", die je nach Bedarf in englisch, russisch oder deutsch erscheint. (Das Reich hat gar keine Ahnung, bis in wie ferne Winkel feine Söhne wandern und Vereine gründen.) Kommt ein Torpedoboot, so geht der Greis an Bord und sammelt Neuig­keiten. Das Feuilleton bezieht er fertig gegossen aus einer Kurze-Ge- schichten-Fabrik in St. Louis. Sind Marineboote zu erwarten, so druckt er in englisch, scheinen Jäger vom Festland herüberzusegeln, so druckt er eine SpalteNeues aus Deutschland", sind russische Fischer im Anzug, so rät die Nordstimme:Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Der Greis hat keine Redaktionssprechstunbe. Sein Revolver verstimmt >eg- lichen Besucher. Der Greis ist sein eigener Austräger; er sieht dem Kun­den ins Antlitz, nennt einen Preis und schweigt wie ein Trappist, der verlangten Münze gewärtig.Deutschen Fürsten alles in Jjals geworfen! So kündet dieNorthern Voice" im September 1926 das Resultat der deutscheir Bolksabstimimmg.... und sind wir der Meinung, daß deut-

¥ jches Volk sich hiermit blutiges Armutszeugnis ausstellt. Was nicht arbeitet, soll auch nicht essen, Jagt Schiller."

Ich verlebte einen ganzen Tag aus dem Anme-Hill, den der Professor einer verflossenen Liebschaft zu Ehren also benannt haben soll. Auf dem Annahügel ist nichts. Man kann sich dort hinfetzen und rauchen. Man hat die tote Stadl zu Füßen und sieht in der kristallklaren ßuft jeben Menschen unten in der Straße. Man sieht z. B. den armen Matrosen, den sie wie einen Toten aus einem leeren Hause tragen, und hort die sehr verständliche Frage des Sheriffs:Was hast du getrunken. Denn Krenitzin ist amerikanisches Territorium.)

Aha, natürlich ein Neuer. Noch nie auf der Insel gewesen. Wurde sonst wissen, wo es Schnaps gibt. Ausgerechnet in die Drogerie mutz er laufen, zum einzigen Platz, wo es keinen gibt; muh sich Haarwasser kaufens statt einen guten Dollar für einen guten drink bei nur hin- ^Jch'sah vom Annie-Hill, wie eine Ziege Milch hergeben mußte und der Matrose wieder flott wurde. Ich sah die Lustschaukel schwingen und rochFranclorters" in Robbenfett bruzzeln. Ich sah das refedagrune Behringsmeer, glatt wie einen Spiegel, und war zufrieden, als die sonne den Horizont in Brand steckte und zu Wasser wurde ...

Ein schnarrendes Grammophon vor dem Lmcoln-Theater lud die boys zur Filmvorstellung ... . c ,r

Wir wissen, daß die Indianer vor Ankunft der Weihen ein vorzüg­liches, nie erklärtes Nachrichtensystem hatten. So ist es beispielsweise ver­bürgt, daß die Crows in Montana am Abend des 26.Juni 1876 trotz der schienenlosen, telegraphenlosen Entfernung von mehr als 700 Meilen bereits von dem Siege der vereinigten Sioux über General Custer wußten. Diese Nachrichtenübermittlung ist auf dieGrenzer ubergegangen. Gott weiß, wie im Hinterwald die Nachrichten mit Blitzesschnelle von Ohr zu Ohr eilen! Als der Theaterdirektor die Kaffs eröffnete, war die Bevölke­rung von 56 auf nahezu 300 Seilen angewachsen. Zu Wasser und zu Lande waren sie erschienen. In der Bucht schaukelten an die hundert Kajaks, die knarrend aneinanderstiehen. Dazwischen lagen Torpedoboote wie gleißende Fabeltiere. ~ . .... ,

Es war eine bunte Festgemeinde von allen Inseln herbeigestromt, und die Stadt schien nun in der Tat ausgestorben. Da saßen zottige Fischer und behäbige Sägergcftalten, Matrosen, Bewaffnete und Unbewaffnete, Nüchterne und Betrunkene. Selbst der druckende Greis sah tm Xfjeater unb führte wohl eine Rezension im Schilde. Die Sache war nicht billig. Fünf Dollar pro Kopf. Der elektrische Strom wurde von einem Torpedoboot hergeleitet, und der Herr Direktor entschuldigte sich in einer Vorrede ge­wissermaßen für den hohen Preis, da leider nur derob umsonst sei ...

Der große Augenblick, auf den mancher Fischer wohl einen ganzen Sommer gewartet hat, bricht schnell herein. (Glücklicherweise wird tm hohen Norden keine Projektionsreklame für die Firmen des Ortes ge­macht.) Die Rollen werden mitgeteilt, Professor Zille erscheint m Lebens­größe.

Da ist er!"

Pst, Pst,"

Ein andächtiges Publikum genießt dankbar den Anfang des Dramas. Die Sache beginnt recht tragisch ... 78mal Lachen? Em ®efangnistor erweckt zuerst die Kritik der Kenner. Da plötzlich schwillt der erste laughter durch die Gemeinde. , _. .

Eine echte Berliner Destille erscheint, und eine Type von einem Schank­wirt schenkt Bier ein.

Großes ober kleines?"

Einen Stiefel!" , , . .

Nun kommt ein Streifen Verhängnisvolles, em abgefeimtes Stückchen Regisseurkunst. Ein riesiges Glas. Unb ein Kran. Aus bem Kran fließt goldgelbes, schäumendes Bier. Bier fließt. Der Stiefel scheint unfullbar.

Einer klatscht. Da wirbbas Lachen" zum Orkan. Die Manner sind hebert vor«Freube. Dreimal hoch für Deutschland! ,.

Das Bier fließt munter weiter. Da plötzlich ein schriller Pfiff. Em Antideutscher. Der einzige Trockene im Lokal? Ein Matrose vom Christ­lichen Verein junger Männer?

Heraus mit ihm! Schlagt ihn tot, den Pharisäer! Hier ist kem Platz für Mucker. Totschlägen!" ,,, , .

Der Film bricht ab. Licht flammt auf. Menschen schlagen aufeinander. Marine gegen Bürgerliche, Liberale gegen ja, gegen wen schlagt man sich eigentlich? Der druckende Greis entweicht durch eine Seitentur. Em Marineoffizier klettert auf die Bank und schießt seinen Revolver ab.

Dieser kleine bewegliche Ossizier ist italienischer Abkunft. Sem Redner- tum arbeitet mit Metaphern unb Strophen, mit Stellen aus Cicero und Holzhackerwahrheiten von Abraham Lincoln. Seine Hande überzeugen, seine Schultern brandmarken. Nun wirst er den Kops zurück wie em Konsul. Seine Mütze fällt herunter. Ein Kopf, wie um auf eine römische Münze geprägt zu werden.Also, boys, Ruhe! Die Nassen sind allnght, die Deutschen sind allright, jedermann ist allnghj wenn ihr fetzt das Maul haltet und euch wieder hmsetzt. üßeiterfpielen.'

Dieser Mann hat offenbar das Geld für den elektrischen Strom zu kassieren. Der Film wird wieder aufgerollt. Der Greis erscheint wieder.

Nun geht der Blick in die Berliner slums seinen unaufhaltsamen Gang.

Aber die Gelächter kommen nur langsam unb spärlich aus

Zwei Schupomänner erscheinen unb ziehen einen attbanbter recht unsanft gefänglich ein. Das verursacht em enormes Gelachter. Der köst­liche Photograph, ber bas Klosett als Dunkelkammer benutzt, erfreut nur die Deutschen. Denn der Begriff 00 ist in Amerika nicht bekannt.

In einem Film das Gelächter zu summieren, erweist sich als eine nationalamerikanische Angelegenheit. Lachen die Amerikaner, so müssen die Deutschen weinen ober zur Flasche greifen. Als das 58eerbtgungs= I Institut im Hinterhaus mit dem weißen Kindersarg im Fenster erscheint (Bestattungen erster und zweiter Klasse, Empfehlungen hoher und höchster Herrschaften) und die Deutschen vor Heiterkeit wiehern, drohen die Ame­rikaner mit Lynchjustiz.Gefühlloses Pack! Pietätlose Deutsches Ms em Mmm in einem Hausflur beraubt wird, schütteln sich zwei Indianer voi Begeisterung.