zeit im Kriege, wenn man mit lieben Freunden zusammenschläft, die am Tage ausgezeichnete Männer sind, die nur zur Nacht furchtbar und aufreizend schnarchen — denn sein eigenes Schnarchen hört man ja nicht.
In der Nähe, im Adelsquartier der Krapotkinstraße, gibt es das Klubhaus des Komitees der „Gesellschaft zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Gelehrten", auf russisch wie alle Amtsbezeichnungen praktisch- amerikanisch abgekürzt in „Zekubu", an sich ein abscheulicher Kasten eines reich gewesenen Fabrikantenpratzen mit Scheiben und nackten kitschigen Marmarwcibern, der aber geräumig ist und in dein die in Moskau weilenden, namentlich auch dort wohnenden Gelehrten ein Tagesheim unL eine Stätte preiswerter Verköstigung haben.
In einer Nachbarstrahe gibt es ein „Haus der Geburt", glaube ich, heißt es, in dem die Säuglinge nach allen Regeln moderner Hygiene und Desinfektion unter viel Aufwand von reinen Bettbezügen und weißen Wärterschürzen gehegt werden. Aber das, mit so viel Stolz die Schwester es auch zeigt, ist mir natürlich nichts Neues. Neu aber, für uns neu und an sich "ganz gewiß groß in diesem Hause ist aber, daß außer den Säuglingen auch der Mütter darin gewartet wird, ich glaube während dreier Monate vor und dreier nach der Geburt. Ich war in den Schlaf- und Frühstückssälen der jungen Weiber (die Mütter sind für den größten Teil des Tages von den Kindern getrennt), wo die Mütter mit frauenhaftem Lärm und Lachen mein ein wenig verlegenes Eindringen erduldeten.
In derselben Straße ist auch in einem schönen alten roten Gebäude die Arbeiteruniversität. Sowjet ist begreiflicherweise, nachdem die bürgerliche Intelligenz zum guten Teile vernichtet oder nicht mehr im Lande ist, bestrebt, eine neue Jntelligenzschicht aus den Kreisen der Arbeiter sich zu schaffen. In einem dreijährigen Kurse werden begabte Arbeiter und Arbeiterinnen in diesein Hause für das Studium an der Universität vorbe- reitet. Ich weiß nicht, in Erinnerung an unsere eigenen langen Vorbereitungszeiten, ob das genügt, ob es nicht auch nur dem Sichbegnügeii mit Halbbildung entspringt oder ob es nur eine zeitliche Verlegenheitsmaß- nahme der Regierung ist, genug, ich war in diesem Gebäude, wo junge Männer und Mädchen zigarettenrauchend und studierend saßen, sehr ordentlich in schwarzen Hemden und Blusen. Viel zu sehen ist aber an einer solchen Anstalt nicht, wenn man nicht eine ziemliche Zeit auf Verfolgung von Methode und Inhalt des wissenschaftlichen Unterrichts, der also dem der Oberklassen unserer Gymnasien entsprechen müßte, verwendet.
Ich sah dann weiter von sozial-kommunistischen Einrichtungen das Haus des Bauern. Auch dies eine Warnung, nicht unmittelbar Rußland mit Deutschland zu vergleichen. Gewiß bedeutet für Rußland dieses Institut etwas, in welchem dem Bauern durch Bildertafeln klar gemacht wird, welche Erfolge seine Feldarbeit haben kann, wenn er mit Kali düngt (der russische Bauer düngt nicht einmal mit seinem Hofmist, in den russischen Steppen muß er aus Mangel an Holz und Kohle den Dung, zu Fladen getrocknet, verbrennen, ja, im nährstoffreichen Schwarzerdegebiet darf er nicht einmal düngen), wo er die Feinde seiner Frucht, die Wühlmäuse, die Insekten und die vielfachen Pflanzenkrankheiten und ihr« rationelle Bekämpfung sehen kann, wo im ehemaligen Gesellschaftsgartcn Mufterzuchten der wichtigsten Feld- und Gartenfrüchte zu sehen sind, wa in den früheren Ställen und Garagen landwirtschaftliche Maschinen, Geräte und jedes Werkzeug bis hinab zur besten Sense und zum zweckmäßigsten Nagel in Natur gezeigt werden — aber das ist nichts anderes, als was bei uns in jeder landwirtschaftlichen Kreisausstellung zu sehen ist. Wichtiger scheint mir, daß dieses Haus des Bauern in jedem Dorfe fein Tochterhäuschen haben soll, wo der Bauer sich in jeder schwierigen Be- russfrage Rat erholen könne. Am allerwichtigsten aber — und da ist Rußland uns, in der Idee wenigstens, iveit voraus: in dem Hause ist auch eine Stelle für kostenlose Rechtsberatung. Erst wenn sie überall auf dem Dorfe von wirklich Rechtskundigen, wozu ein Teil des studierenden Proletariats erzogen werden mag, im dortigen Haus des Bauern geübt werden wird, mag sie ihren Segen verbreiten. Würde man diese heilsame Neuerung bei uns nachahmen, so würde bald eine Unglücksfigur aus den Bauernromanen, der Prozeßhansl, verschwinden.
Natürlich hörte ich vor meiner Reise von den Kennern des neuen Rußland (und habe es auch nach meiner Reife wieder gehört): „Na, na, man wird Ihnen nur zeigen, was man Ihnen zeigen will." Das ist nicht wahr! Ebenso wie ich überallhin, wohin ich wollte, habe reifen können, so habe ich auch alles sehen können, was sehen zu motten mir in den Sinn kam. .
Von den vielen Zügen sog. Pioniere, das sind die Vereinigungen der Kinder unter dem Zeichen von Sichel und Hammer, deren ich viele-, namentlich Sonntags, gesehen habe, kann ich insoweit sprechen, als die blaugekleideten Knaben mit dem roten Halskragen und die Mädchen in blauen Wämsern mit raten Kopftüchern in Museen, zu Ausflügen usw. geführt wurden und eine gewisse stramme Gesamterziehung unter Belassung von jiigendlicher Ungebundenheit von feiten ihrer Lehrer und Führer genossen. Doch das mag es bei uns in den Ausflügen der modernen Schule, in Wandervogelzügen und den Streifen gewisser Jugend- gruppen nicht schlechter geben. Nur mit dem Unterschiede, daß diese Vereinigungen von Kindern in Rußland bereits politischen Charakter haben, daß sie eine Vorschule sind zur Gewinnung eines Stammes zuverlässiger Kommunisten. .
UeberaU in den öffentlichen Anstalten Sowietrußlands sieht man Die Leninecke, die z. B. in irgendeinem Klubzimmer der Arbeiter rotausgeschlagen und mit Abbildungen aus Lenins Leben gefüllt, sich in jeder größeren Arbeitsgenossenschaft, in jedem Klubhaus, auf den Schiffen oder wo immer findet, die einzige Stelle, wie mir scheint, wo der Sowietis- mus sicherlich mit Erfolg die religiös-historische Tradition der russischen Erde aufnimmt, denn die Leninecke ist nichts anderes als die alte Heiligen- ecfe ins Sowjetistische übersetzt, und einem gläubigen Kommunisten ist Lenin gewiß längst ein Heiliger geworden, und ein tiefes Verehrungsbedürfnis im naiven Russen ist befriedigt. ,
' Eine gehässige Stimmung liegt in der blauen Tabaksluft des Lincoln- Theaters. Europäer zeihen einander der langen Leitung, Amerikaner bezichtigen die Deutschen als notorisch einer jeden Gemeinheit fähig: der Sabbatschändung, der Trunksucht, der Frauenmißachtung. ,
Im fünften Akt droht wieder eine Prügelei. Erst als die Handlung am Ende einer guten Ehe zusteuert, legt sich die unterschiedliche Stnn- munq, und ich ziehe das Fazit dieser genußreichen Abendunterhaltung: ein Bewußtlos-Geschlagener, zwei Blutig-Geschlagene, etwa fünfzehn Gelächter auf deutscher Seite, etwa siebenmal Heiterkeit auf amerikanischer
Denn es fiel niemand ins Wasser, es gab keine Schläge mit dem Holzhammer, es wurde keine Polizei verulkt, und der Film endet nicht in einem Wirbel rasend gewordener Automobile.
Am nächsten Tag fuhr ich mit einem Torpedoboot zur Küste, nicht ohne bei dem Greis Geld für die Zusendung der Rezensionsnummer der „Northern Voice" deponiert zu haben.
Rußland, wie ich es sah.
Tagebuchnotizen einer Reise.
Bon Josef Ponten.
Am vierten Tag schöner Seefahrt schwimmen wir im Finnischen Meerbusen wo uns das erste Sowjetrußland in Gestalt brauner Unterseeboote mit roten Flaggen entgegenläuft. Verwegene Kerle in Bekleidungen, die man kaum Uniformen nennen kann, stehen an den dünngelanderten Borden Die Verkleidung verwundert mich heute in der Erinnerung um so mehr, als ich im Lande die Armee wohl aiisgerüstet und sehr ordnungsmäßig bekleidet sah. r _,<
Am Abend des vierten Tages macht unser Schift m Leningrad am Nikolajewskaja-, heute Leutnant-Schmidt-Kai genannten User fest. Wir sind eine Gesellschaft von Gelehrten. Noch während wir für die Dauer des Vertäuens an der Reling stehen, werden die Vorzüglichsten unter uns, unter denen ich natürlich nicht bin, von Land ans von energisch aussehenden. mit Sportmützen bekleideten Genossinnen mit dem Stift gezeichnet und die vom sichern Blicke jener sich auf geistige Bedeutung verstehenden Mädchen Erwählten finden dann auch am andern -tage ihr mehr ober weniger geratenes Konterfei in den Leningrader Zeitungen. Iii Automobilen, o schrecklichen Automobilen aus Olims Zeiten! werden wir in eins der größten Leningrader Hotels, das Grand Hotel in der unver- ändert genannten Gogolstraße gefahren. Die Hotels, wenigstens die großen, sind alte nationalisiert, es ist an der Aufmachung und Bedienung deutlich zu sehen, wie sehr man bemüht ist, sie nach langen Zenen der Verrottung wieder in Stand und Schuß zu bringen. Trotzdem be|>el)et! Die Scheiben der Fenster unseres Zimmers zum Teil noch ans Pappe und das Zimmer selbst ist möbliert mit zusammengestoppelten, nicht zu- iammenpassenden und zum Teil erbärmlichem Hausrat, dessen Herkunst aus Gott weiß welchen ehemals reichen Bürger- oder Adelshäisiern deutlich ist. Und an der Wand spaziert auch Freundin Wanze. Im Hotelgarten wird gespeist über feinen Tischtüchern, mit dem kaiserlichen Monogramm bestickt, die also wohl aus den Wäscheschränken des Winterpalais ftannne t roa^r, man vielfach hört, daß Leningrad in feinem baulichen Teile durch die Bürgerkriege stark ruiniert fei. Wohl liegt das eine oder andere Haus und auch manche Häuser in Trümmern, aber im Verhältnis fallen die Ruinen kaum auf. Daß auch der an sich herrliche Bau des Kriegsministeriums und des Auswärtigen Amtes am großartigsten Platze vor dem Winterpalais, die ja wohl die Hauptgeburtsstätten des Weltkrieges waren, schwarzbeleckte Brandruinen sind und vielleicht mit einer gewissen Absicht noch als solche belassen werden, empfinde ich als einen kleinen Akt geschichtlicher Gerechtigkeit.
Die Bolschewisten sind stolz darauf, daß die russische Revolution mir den Staatsgebäuden, namentlich den kaiserlichen Gebäuden und den Sammelorten von Bildung und Kunst milde umgegangen ist. In der lat, im Winterpalais soll nicht ein Stuhl verrückt worden sein, nur em Saal der Revolution mit Andenken daran und Dokumenten darüber ist eingerichtet worden. In den Museen ist man eifrig mit Sammeln, Neuordnen, Aufstellen, Katalogisieren an der Arbeit. Ja, in der Eremitage gerate ich mit einem wissenschaftlichen Beamten in einen Wortwechsel deswegen, weil ich den europäischen, nun auch im Rätestaat blühenden Unfug verurteile, die Werke bildender Kunst aus den Gebäuden und von den Orten, wo sie lange gestanden oder für die sie gemacht waren, in die Museen zu verschleppen. Wir stehen vor dem Silberaltar des Bolksheiligen Alexander Newski, der aus dem Newskikloster vor den Toren Leningrads in den Saal der Silbersachen der Eremitage gebracht wurde. Durch die Museen ziehen immer Scharen von Schulkindern, Arbeitern und Soldaten, der Museumsbefuch ist offenbar ein Teil des militärischen ^Dicnftc^
‘ Leningrad ist ziemlich still und auch leer, die öffentlichen Gebäude der Zarenzeit namentlich scheinen für die in Leningrad verbliebene Unter» und Teilregierung ein zu weites Gewand zu sein. Für die ganze nach Moskau übersiedelte Hauptverwaltung des Riesenreiches und den Apparat des Zentralismus fcheint Moskau im Gegenteil viel zu eng und drückend, in allen möglichen ungeeigneten, unzuständigen und unpassenden Gebäuden sind die zahllosen Aemter untergebracht, und Moskau wird, wenn Sowjet einmal Geld hat und ans Bauen gehen kann, ein Tummelfeld für Architekten werden, wie das Rom der Päpste es war. Unten an der Moskawa, in der Nähe der Krimischen Brücke, liegt unser Quartier, ein ehemaliges, ziemlich modernes Knabenerziehungsheim, als Unterkunftshaus für reifende Gelehrte eingerichtet. Klösterlich still (so weit es dort, wo Russen in Gesellschaft sind, still sein mag) und behelfsmäßig primitiv ist dieses Unterkunftshaus, aber es ist sauber und auch ein wenig behaglich. Für Männer und Frauen find Schlafsäle mit einfachen eisernen Bettstellen eingerichtet, man erinnert sich wieder an seine Militärdienst
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.


