Ausgabe 
3.12.1928
 
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auf: e:i! «stock und sine Wurst sind i« diesem Sinne gewissermaßen Buch­staben des Hundealphabets. Das Fehlen von Abstraktion wird damit Zusammenhängen.

Und daraus folgt nun, daß auch die zusammensetzende Fähigkeit selbst der höchsten Tiere verhältnismäßig gering ist. Nicht sagen wir etwa, daß sie fehlte, nicht, daß, um in der Sprache moderner Psychologen zu reden determinierende Tendenzen" bei ihnen nicht am Werke seien: jeder, der einen Hund besitzt, weiß, daß sie am Werke sind. Aber die determi­nierenden Tendenzen finden selbst bei den höchsten Tieren einen weit ärmeren Boden für ihre Betätigung vor als beim Menschen, und zwar wegen ihrer geringen Auflösungsfähigkeit.

So ist denn also Mangel an der Fähigkeit, Gegebenes weitgehend aufzulösen, verantwortlich für den niederen geistigen Zustand der Tiere; alle anderen Unterschiede zwischen dem Handeln des Menschen und dem Handeln der Tiere sind Folgen dieses fundamentalen Unterschieds.

Der Typus des Handelns, welchen wir bei Affen und Hunden an- tceffen, ist durchaus nicht auf die höheren Wirbeltiere beschränkt; viele Infekten, nicht nur Ameisen und Bienen, sondern auch z. B. Käfer, können Handlungen von demselben Grade der Komplikation vollbringen. Wie viele meiner Leser wissen werden, haben Forel, Was mann, Lord Avebury u. a. eine Reihe sehr schöner Versuche über die Erfah­rungen der Ameisen ausgeführt; ich brauche hier nur an des letzteren Brückenversuch" zu erinnern.

Primitive Formen von Erfahrung, die sich auf kombinierte Be­wegungen beziehen, lassen sich sehr erfolgreich bei Krebsen studieren. In dem von N e r f e s ausgeführtenLabyrinth-Versuch" wurde eine Krabbe in eine Schachtel gefetzt, in welcher ihr zwei Wege zur Verfügung standen, von denen nur der eine zum Wasser führte. Die Krabbe lief eine Zeitlang,aufs Geratewohl" herum, bis sie endlich nach vielen Versuchen" den Eingang zum Wasser fand; das zweitemal erreichte sie den Weg zum Wasser mit sehr viel weniger Irrtümern", und schließlich lief sie direkt zum Wasser, ohne sich irgendwie zu verlaufen. Hier haben wir einen typischen Fall solcher Erfahrung vor uns, bei welcher der Effekt früherer motorischer Reize in Betracht kommt, und es ist für das Wesentliche ziemlich gleichgültig, ob die Krabbe durch ihr Gesicht oder durch irgendeine Art von uns unbekanntem räumlichen Gedächtnis, wie wir es für gewisse Insekten angenommen haben, geleitet wird.

Erfahrung führte hier zum Auslassen einer Gruppe früherer Reak­tionen zugunsten der früheren letzten, die sich allein als wirkungsvoll er­wiesen hatte. Bei anderen Versuchen, die von S p a u l d i n g ausgeführt wurden, liegt alles etwas anders: ein Einsiedlerkrebs wurde mit Fisch­stücken gefüttert, welche unter einen dunklen Schirm gelegt wurden; nach einer Anzahl von Versuchen lief er auf den Schirm zu, auch wenn kein Fleisch da war. Aehnliche Versuche haben die Schüler des russischen Phy­siologen Pawlow mit Hunden ausgeführt. In allen diesen Fällen wird eine gewisse Reaktion, welche ursprüngliche durch den Reiz a her­vorgerufen war, schließlich durch einen Reiz b, denrepräsentativen" Reiz» (Iennings), hervorgerufen, welcher a immer begleitet hatte. Während im Beispiel von der ihren Weg zum Wasser abkürzenden Krabbe eine sehr deutliche Art vonProbieren" vorlag, gibt es hier fein Probieren; beide Versuche sind gute Beispiele der beiden fundamen­talen Typen unserer historischen Basis: beim ersten sind nicht nur frühere Reize, sondern auch frühere Effekte für die Spezifizität der Reaktion ver­antwortlich, beim zweiten frühere Reize allein. Aber das allgemeine Schema ist immer dasselbe.

Der msdsrns Siem der Welfen.

Von Dr. Siegfried Kurth.

Die Alchimisten des Mittelalters hatten sich zum Ziel gesetzt, mit dem Stein der Weisen" ober anderen wunderbaren Chemikalien unedle Stoffe in Gold zu verwandeln. Dieser Traum ist durch die Forschungen der modernen Chemie zur Wirklichkeit geworden, nicht etwa durch die tatsächliche Herstellung von Gold aus Quecksilber, die Prof. M i e t h e irrtümlich erreicht zu haben glaubte, sondern durch die Verwertung von früher achtlos weggeworfenen flüssigen und festen Abfallstoffen, durch die jetzt der Volkswirtschaft Werte von vielen Millionen Goldmark er­halten werden. Vor kurzen! ist nun in Berlin ein neues Projekt aufge­taucht, um die Berliner Abwässer zur Zeit entfallen 162, in abseh­barer Zeit wahrscheinlich sogar bis 230 Liter täglich auf den Kops der Bevölkerung nutzbringend zu verwerten. Nach diesem Plan sollen stchs große Kläranlagen errichtet werden, deren Bau 67 Millionen Mark kosten und eine Zeit von 18 Jahren in Anspruch nehmen würde. Diese Anlagen werden, falls den Absichten des Projektes entsprochen wird, nach dem Faulverfahren arbeiten. Das schmutzige Wasser wird dabei zu­sammen mit dem Schlamm in besonderen Räumen bis zum Verschwin­den der fäulnisfähigen organischen Substanz zersetzt Solche Anlagen wurden zuerst in England von Cameron und dann auch in Groß- Lichterfelde errichtet. In ihnen wird der Schlamm unter der Mitwirkung von Bakterien zersetzt. Aus den Eiweißstossen bildet sich Schwefelwasser­stoff aus der Zellulose Methan ober Sumpfgas; von diesem brennbaren Gas entstehen jährlich mehrere Kubikmeter aus den Absallstoffen auch nur einer einzigen Person. Die Gase können für Leucht- und Brennzwecke nutzbar gemacht werden. Freilich muß man sich in diesenGasanstalten" noch mehr als in den mit Kohlenoxydul arbeitenden Fabriken vor offenen Lichtern hüten, da das Sumpfgas schon in einer Verdünnung von 3 bis 5 Prozent in der Luft explosionsgefährlich ist.

Die Anlagen bestehen entweder aus einer Verfaul- und einer Aus­faulkammer oder aus zehn bis zwölf Meter tiefen Brunnen aus Eisen­beton. Durch diese Anlagen fließt das schmutzige Wasser, der Schlamm setzt sich ab, und das gereinigte Wasser rinnt weiter. Der ausgefaulte Schlamm wird bann auf großen Plätzen getrocknet unb kann wegen seines hohen Gehaltes an humusartigen Stoffen als Dünger der Land­wirtschaft zugeführt werden.

i Eine andereGoldgrube" hat sich die moderne Wirtschaft erschlossen indem sie die ungeheuren Mengen von Müll unb Kehricht, bie alljährlich in den Großstädten abfallen nutzbringend verwertet. Im Jahre 1925 wurden aus Berlin 1286 600 Kubikmeter Müll fortgeschafft, im Durch, schnitt ein Liter für jeden Einwohner an jedem Tag. Mit Fuhrwerken befördert man den Schutt an die Abladeplätze. Man kann sich nur schwer vorstellen, wie große Mengen dabei fortgeschafft werden müssen. Der Müll Berlins füllt in einem Jahr 93 300 Eisenbahnwagen zu 10 Tonnen. Mit diesen Mengen könnte man den Wannsee in fünf bis sechs Jahren zuschütten. Ein geringer Teil des Mülls wurde dazu verwendet, be­stimmte Gelände aufzuschütten, z. B. eine Rodelbahn auf dem Tempel- Hofer Feld zu schaffen, ein anderer Teil zum Urbarmachen ober Ver­bessern von Ländereien. So werben bamit ehemalige Ziegelteiche unb Sümpfe zugeschüttet; bamit gewinnt man fruchtbares Ackerland, das sich besonders für den Anbau von Kohl, Rüben und Obst eignet. Diese fried­liche Eroberung neuen Landes wird jetzt an verschiedenen Teilen der Havel vorgenommen; die Transportentfernungen betragen bis zu fünfzig Kilometer.

Man kann auch den Müll verbrennen unb auf diese Weise Dampf unb elektrischen Strom gewinnen; boch ist diese Methode nur in einigen Städten üblich. In Berlin eignet sich der Müll nicht gut zur Verbren­nung, und eine entsprechende Anlage in Schöneberg war nur vorüber- gehend in Benutzung. Recht große Werke kann man dem Müll jedoch durch sorgfältiges Aussortieren alles Brauchbaren abgewinnen. Der Müll enthält etwa 76 Prozent Brennstoffe, 15 Prozent Papier und Pappe, 4 Prozent Metallabfälle, 3 Prozent Glas, der Rest besteht aus Gewebe, Knochen unb Leder. Die Brennstoffe lassen Schlacke zurück, bie, ebenso wie die aus Hochöfen unb Kesselfeuerung stammenbe, zu Schlackensteinen verarbeitet wird. In solchen Defen können in einem Arbeitsgang von einer halben Stunde 350 bis 400 Kilogramm Schlacke erzeugt werden, bie dann durch Bindemittel wie Kalk, Zement oder Gips zu gut brauch­baren Mauersteinen verkittet werden. Die übrigen Abfälle werden an Althändler verkauft. Altpapier unb Lumpen finb begehrtes Rohmaterial für Papierfabriken. Sie werden in besonderen Anstalten in dreißig Sor­ten ausgesucht, je nachdem, ob sie grob ober feinfäbig, gebleicht, unge­bleicht, hell ober dunkel finb. Dann entstaubt man sie in Hadernbreschern, befreit sie durch Kochen in Aetzkalk ober Soda vom Schmutz unb ver­arbeitet sie zu Papier. Altmetalle unb Altglas werden eingeschmolzen; Konservenbüchsen und ausgestanzte Blechteile finb wegen des Sinnge­haltes sehr wertvoll. Aus ihnen werden jährlich 10 000 Tonnen Zinn gewonnen, davon allein in Deutschland 2000 Tonnen. Früher geschah dies auf dem Wege der Elektrolyse in alkalischen Lösungen, jetzt stellt Man die Preßpakete in große eiferne Zylinder und leitet unter Heber- druck Chlorgas ein; dann löst sich das Zinn zu flüssigem Zinnchlorid, das sich am Boden des Gefäßes ansammelt.

Die größte Abfallindustrie baut sich jedoch auf der Verwertung bet durch Sammeln in Restaurants ober Krankenhäusern und aus dem Müll gewonnenen Knochen auf; die Leimindustrie, die im Jahre 1925 284 Fabriken mit fast 7300 Arbeitern beschäftigt hat. Die Knochen werden in diesen Fabriken zerkleinert, in riesigen Behältern zur Gewinnung des Knochenfettes, das ein geschätzter Rohstoff der Seifenfabrikation ist, mit Lösungsmitteln extrahiert, und dann in großen Siebtrommeln gescheuert, wobei als Düngemittel wertvolle Putzmehle nebenbei abfallen. Der Schrot wird gebleicht, in Druckgefäßen mit Dampf und heißem Wasser ausgekocht, bie erhaltene Leimbrühe eingedickt; man läßt die Masse er­starren, zerschneidet die Blöcke und trocknet die Tafeln. Was vom Schrot übrigbleibt, ist auch als entleimtes Mehl ein phosphorsäurereiches Düngemittel. Schienbeinknochen finden in der Drechslerei Verwendung, ganze Tierleichen werden in den Abdeckereien verkocht. Aus 300 000 Tonnen Tierkadavern gewinnt man so in Deutschland 8 bis 15 Prozent Fett und 17 bis 24 Prozent Futtermehl. Der Lederleim wird aus einem anderen Abfallprodukt, nämlich dem inneren, fleischigen, in den Leder­fabriken abgekratzten Anteil der Tierhäute hergestellt, indem dieses Leim­leder erst wochenlang in Aetzkalk gebadet unb nach dem Waschen wie die Knochen auf Leim unb feinste Gelatine verkocht wird. Für Gelatine ver­wendet man auch gerne indischen Schrot, der durch das Einsammeln der in Indien von der Sonne gebleichten Tierknochen gewonnen wird.

Neben dieser Verwendung von Müll und von Kehricht, der ein gutes Düngemittel ist, unb von dem in Berlin jährlich eine Menge von 350 000 Kubikmeter fortgettnfft werden muh, hat die moderne Chemie noch viele andere Abfallftoffe in Gold verwandelt. Abfälle bei der Korkenfabri­kation verarbeitet man auf Linoleum, Lederabfälle auf Kunstleder, und der einst so verachtete, schwarze, stinkende Teer ist jetzt zu einem Grund­pfeiler der chemischen Industrie geworden. In Deutschland verarbeiteten im Jahre 1927 140 Teerdestillationen 123 000 Waggons Teer im Wert von 81 Millionen Mark auf Zwischenprodukte. Sali, einst ein mißachtetes Abraumsalz", ist ein so wichtiges Gut geworden, daß davon im Jahre 1925 eine halbe Million Waggons im Werte von 180 Millionen Mark erzeugt wurden. Durch den ständig wachsenden Autoverkehr ist ein neuer Abfallstoff in den gebrauchten Pneumatiks entstanden. Diese werden ge­sammelt, dann zerkleinert und mit Säuren ober Oelen unter starkem Druck lange gekocht. Auf diese Weise erhält man einen regenerierten Kautschuk, der mit Rohkautschuk vermischt, verarbeitet werden kann und reinen Kautschuk vor dem raschen Brüch gwerden schützt. In der ganzen Welt werden so jährlich 20 000 dis 25 000 Waggons gewonnen, davon in Europa ungefähr 1200 bis 1500. Schließlich darf man nicht vergessen, daß in Joachimsthal aus den großen Halden, die sich bei der Verarbei­tung der Pechblende auf Uran angesammelt hatten, nach der Entdeckung des Ehepaares Curie das Radium gewonnen wurde, das durch feine Heilkraft seitdem tausenden von Kranken Linderung und Genesung ge­bracht hat. Freilich ist es nur in winzigen Spuren vorhanden, und man brauchte zwei Jahre, um aus 30 Tonnen der Rückstände drei Gramm Radiumchlorid zu erzeugen.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. Druck und Verlag: Brühl'fche UniverfitätS^Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Giehen.