Ausgabe 
3.12.1928
 
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Karawanen, feiten Wald, aber viel Oedland, Sand und Wacholder. Nie werbe $ .9 vergessen, an dem wir die erste Kamelkarawane

sahen? Wo sind wir? Ist das Traum? Sind wir in Afrikas

Jetzt sitzen wir im fernen Andidschan. Werden wir je unsere geliebte Heimat Wiedersehen? 1 a

II. Andidschan.

Etwa 200 Kilometer von der chinesischen Grenze, von gewaltigen ^en umrahmt liegt im russischen Turkestan Andidschan, eine Stadt mit Einwohnern. Nur die Häuser der Regierung, der Beamten und Fabrikherren sind europäischer Bauart. Die Kirgisen wohnen in einstöckigen Lehmhausern. Diese haben flache Dächer; die Fensteröffnungen sind mit bunten Vorhängen verhangen. Das Haus liegt in einem Garten der von einer Leymmauer umgeben ist. Große Gestalten begegnen uns in den Straßen, Manner und Frauen in langen Stiefeln. Die meist bärtigen Manner tragen Pumphosen, lange Kittel und Deckelmützen mit Turban. Gar bunt sind die Frauen gekleidet. Vor dem Gesicht tragen sie einen ichwarzen, durchlöcherten Schleier, an Hals, Armen und Fin­gern reichen schmuck, der wohl nicht immer echt sein mag. Die Frauen worden schon als kleine Mädchen an ihren Zukünftigen verkauft, und es kommt dem reichen Kirgisen auf einige Gemahlinnen mehr oder weniger nicht, an Mancher arme Schlucker mag dabei auch leer aus- aehen. Man sieht fünfjährige Mädchens die den Schleier tragen, also schon verkauft sind. ä ' 1

Gfrize Leben Andidschang dreht sich um das Hauptprodukt der Eegend, die Baunkwolle. Soweit das Auge reicht, erblicken wir Baum­wollfelder. Die staube trägt Kapseln, die im Juni oder Juli ausbrechen Die herausguellende weiße Wolle gibt die erste Ernte. Dann werden die Korne gesammelt' von Baumwollresten befreit und in Oolmühlen ge-

«n ®QS " *ft oin vorzügliches Speiseöl. Die zweite Sorte

gibt Wagen- und Maschinenöl, der Rückstand Seife. In großen Fabriken mi,ch..vas erledigt. Ich habe in einer solchen gearbeitet, die 1200 Arbeiter beschäftigte. Hier arbeitete der Russe wenig bei viel Verdienst, und der Kirgise mußte bei sehr bescheidenem Lohn viel leisten.

Am 3. Dezember kamen wir in Andidschan an. Unsere Vermutung daß Diehl und Henkel bereits im Lager seien, bestätigte sich. Schon nach Mi Tagen lagen wir alle fünf einträchtig in der Zinkbaracke (für Skor­butkranke). War das eine Freude!

Wir waren also krank und bekamen um 10 Uhr ein Extraessen: Rohe öwiobein, Tomaten, Dickwurz mit Pfeffer, allesfeingeschroten und in Stucken. Diät war das Allheilmittel. Diehl, Hofmann und Schombert wurden im Frühjahr gesund, Henkel und ich am 1. Mai freiwillig Frei- willig meldeten mir uns auch zur Arbeit in einer Oelsabrik in Fetschenko ' 40 Kilometer von Andidschan. Hunger und Langeweile trieben uns dazu Dort war die Verpflegung gut. Wir verdienten zweieinhalb Rubel, wo­von eineinhalb Rubel zur Verpflegung verbraucht wurden. Zu kaufen waren: Reis, Hirse, Buchweizen, auch teueres Fleisch. Natürlich fehlte es nicht an Nebeneinnahmen, waren doch Del und Seife geschätzte Dinge Anfangs verschönerten wir unter Essen und unseren Körper damit, später kam es zum Del- und Seifenhandel. So fehlte es uns eigentlich am Zotigsten nicht. Aber Hunger litten wir auch hier.

III. Hunger!

Lange konnte dieser Handel mit Seife und Speiseöl natürlich nicht dauern selbst im heiligen Rußland nicht. Jrn Herbst schon nahmen wir Abrieb von unserer Delfabrik. Schwerbepackt zog der Transport ab. Doch o Schreck, da gab cs eine Revision! Die ganze Beamtenschaft grinste uns frohlockend an. Doch unser Rettungsengel, der Posten, führte uns trotz allen Protestes, sofort zur Bahn. D, du ahnungsvolle Seele! Drei Stück Seife und eine Feldflasche voll Baumöl habe ich hinüber­gerettet in die kommende Hungerzeit von Andidschan.

Also vom Hunger wollte ich erzählen. Die Tagesration bestand aus Tee, 200 Gramm Brot, etwas Reis in Wasser. Einmal bekamen wir in.vier Wochen kein Brot. Zerlumpt und hungernd verlebten wir den Ivlnter 1917/18. Im Schlachthof holten wir ganze Eimer voll Blut, oas wir mit Salz kochten und aßen. Schwerer als wir jungen Leute luten die älteren Kameraden, die Familienväter. Sie waren dermaßen niedergedrückt, daß sie sich ganz gehen ließen. Einmal sah ich, daß welche altes, stinkendes Blut kochten und aßen. Das Unglück kam Im Früh-

r 8 ^ach Typhus und Cholera aus! In Turkestan sollen damals 45 vH. aller Gefangenen gestorben sein.

Eine bedeutende Erleichterung brachte uns der Friedensfchluh: freien t $an9 Sroctr konnte man auch vorher ausgehen, ober nicht fts! ,maren chir zu zweien schon am 17. Februar in die Kirgisen- » auT Hunderaub! Dafür durften wir zehn Tage im

-toeftiotal hungern und frieren, alles um einen Hund, der doch nur in unseren Gedanken gelebt und gelitten hatte.

arbeit oder Hund", so hieß im Frühjahr und Sommer 1918 die In unseren dünnen feldgrauen Lumpen, mit hohlen Wangen ni( *tl£r.cn ^öen gingen wir, Arbeit suchend, in die Hütten der Kir- yenA... e Aufnahme war verschieden: Heute hinausgeworfen, morgen oiuct Brot, ein andermal ein halber Rubel, selten aber Arbeit ober 0«r einen Hund!

t ^un^e schmecken gar nicht so übel, besonders, wenn man die ent- h» ?lni3en Nnagijchen Verhältnisse" mitbringt. Ich (natürlich auch an- «e) hatte die Hundeschlächterei zu meinem Spezialberuf gemacht. Herz, "chlle Und Leber wurden zu feinemGulasch" gekocht, das Fleisch aber in m t uni) 311 Klopsen verarbeitet. Ein kapitaler Hund brachte mir u ms 15 Rubel, je nach Konjunktur. Einmal trug ich einen Hund durch n^e btadt, weil er immer rückwärts wollte. Also einfach auf den bernk9encmnert "Nd ins Lager getragen! Der Posten wollte mich mit unh s *e uichi einlassen, aber zufällig kam der Lagerkommandant vorbei, Cr K u -te rnehr Mitgefühl. Vielleicht kam das von seinem Umgang, w.^tte nämlich eine Schweinemästerei. Seine Säue lebten von den " Aumen", die von unseren Tischen fielen.

k J,ocy önÖere Erwerbszweige gab es. So schnitt ich Weiden für die lehn k -*er und bekam für das Gebund eineinhalb Rubel. Besonbers

s eni> Uber war die Schildkrötenjagd. Als Waffe ein Sack, ging es

hinaus auf die Felder. Bald verrieten sich die unbeholfenen . - r Gr Locken. Bis neun Eier hatte die Schilbkröte bei sich, jeöes so groß wie ein Taubenei. Gab das einen feinen Eierkuchen! Dann hnd was mitging, gemahlen und wieder Gulasch ge- "Gr. Glücklich dabei der, welcher einen Kocher und Petroleum hatte Letzteres war ein sehr begehrter und seltener Artikel, war es doch ratio« ntert. Einmal lud mir eine Frau eine 25-Literkanne auf zum Pe» troleumempfang. Ich trottete auch geduldig mit und trug ihr die Kanne. Als sie in ein Haus emkehrie, setzte ich mich aus die Straße und wartete. Einmal sah sie auch nach, wohl um zu sehen, ob ich noch da sei. Ganz plotzttch aber ram es Jo über mich:Du mußt fort!" Natürlich ließ ich die scanne nicht im Stich. Also schnell damit ins Lager. Käufer waren ja da, aber wohin mit dem edlen Naß? In die Kappe, das ging nicht. ®° Eden schnell alle Eßnäpse mit Steinöl gefüllt und die leere Kanne ms Feld geschleppt.

IV. Heimkehr.

Hofmann, Schombert und Diehl waren von ihrem Arbeitsplatz nicht wieder nach Andidschan zurückgekommen, sondern nach Taschkent ge- wandert, eo freute ich mich denn von Herzen, als ich mit drei Kame- raben jur Zahnbehandlung nach Taschkent geschickt wurde. Als ich den Fahrschein in der Hand hatte, da kam es mir so in den Sinn: Nach Andidschan gehst du nicht wieder. Am 23. Mai fuhren wir hin. Wir mußten uns zur Verpflegung anmelden. Dabei wurde ich gefragt, ob ich Invalide wäre. Selbstredend Invalide! Acht Tage später ich mit etwa 80 Kameraden auf der Reise nach Buchara, Richtung Heimat!!!

BucharaKrasnowodsk. Dann zu Schiff über das Kaspische Meer nach Astrachan, wo ich Wilhelm Stein aus Beuern traf, lieber Tula ging es dann nach Moskau. Dort wurden wir in Heimen untergebracht "ach fünf Tagen gegen russische Invaliden ausgetauscht. In Brest-Litowsk endlich tarnen mir in deutsche Hände.

Äch bin zu Ende. Als ich endlich an der Haustüre stand, hinter der ich zum ersten Male geschrien habe, da stieg es. heiß in mir empor: Dank gegen den allmächtigen Gott, der mich so wunderbar geführt hat.

Das Handeln der Tiere?)

Von Prof. Dr. Hans Driesch.

^cn Hunde lernen eine ganze Menge; Menschenaffen gebrauchten in Koehlers berühmten Experimenten sogar Instrumente". Ihr Handeln besitzt also eine recht kompliziertehistorische Basis", aber es entbehrt doch so gut wie völlig der sog.Abstraktion . Am besten sagen wir wohl: sie erfassen wohl Bedeutungen und Beziehungenin rebus", b. h. in einzelnen sinnlichen Sachverhalten, aber sie erfassen nicht logische Sebeutungen unb Beziehungen in (begrifflicher) Isolierung. Ober konkreter: fie kennen einzelne Dinge unb einzelne kausale Verknüpfungen, aber nicht bas Ding" unbbas Naturgesetz". Eben beshald erfinden sie nichts und haben nichts, was mehr als oberflächlich einer Sprache gleicht. Mit Recht hat W u n b t einmal bemerkt, bah Tiere nicht aus Grünben ihres Baues keine Sprache besitzen, sonbern weil sie nichts zu sagen haben. Es ist in ber Tat seltsam, in wie geringem Grade selbst den höchsten Assen eine wahre erfinderische, ja selbst nachahmende Fähigkeit eigen ist. D har ndik erhielt einige Assen in einem Stall mit mehreren leicht 3« öffnenden Türen. Er öffnete nun eine Türe mehrere Male besonders sorgfältig und deutlich, um dem Affen den Mechanismus des Dessnens zu zeigen, aber kein einziger ahmte seine Bewegungen nach. Erst bann, wenn irgendeines ber Tiere burch Zufall selbst erfahren hatte, was Desfnen der Tür bedeutete, hatte es bas Deffnenerlernt". Seine Ge- "assen zogen aber selbst bann keinen Vorteil aus ihres Kameraben Er­fahrung: jebes Tier mußte durch persönliche Erfahrung, auf dem Wege des Zufalles, lernen, was Türöffnen fei. Freilich hat nun, wie schon ge­sagt, Koehler für seine Anthropoiden gezeigt, daß sie Werkzeuge ge­brauchen, z. B. Stöcke, unb baß sie Kisten aufeinanbertürmen, um einen hohen Ort zu erreichen; unb das geht in ber Tat über die Ergebnisse ?uherer Versuche weit hinaus. Aber wasFestigkeit" ist wissen Koehlers Assen auch nicht.

Ganz sicherlich gibt es also bei Assen das, was unser Ausdruckhisto­rische Reaktionsbasis" bezeichnet. Die Besonderheit ihres Verhaltens wird durch ihre individuelle Geschichte, d. h. durch die Besonderheit ber Reize welche sie betroffen haben, unb burch bie Effekte bieser Reize bestimmt. Aber die Auflösung und die Neukombination der Elemente ihrer histo­rischen Basis ist trotz allem viel weniger kompliziert und viel weniger variabel als beim Menschen.

Um die Unterschiede im Verhalten zwischen dem Menschen und den höa'isten Tieren richtig zu verstehen, muh meines Erachtens die Analyse auch noch einen anderen Punkt innerhalb der Charakteristik des Handelns in Betracht ziehen: Wir haben bei anderer Gelegenheit bemerkt, daß der AusdruckElement" für das analytische Studium der Handlung etwas Relatives bedeutet; alles Beliebige an den Reizen unb Effekten, bie bei der Schöpfung der historischen Basis in Betracht kommen, kann in irgendeinem Sinne alsElement" angesehen werden. Einzelne Worte ober Buchstaben können bie Elemente eines Satzes ein; die Elemente einer Landschaft können ganze Abschnitte derselben ein ober bie in ihr befinblichen inbivibuellen Körper ober gewisse Teile dieser Körper oder irgend etwas anderes. Ich meine nun, daß mir eine 'affende Beschreibung des Verhaltens ber Tiere gewinnen, wenn wir agen, daß selbst bei den höchsten Tieren die Fähigkeit, Gegebenes im Elemente auszulösen, weniger entwickelt ist als beim Menschen. Sie hängen an den einst empfangenen Reizkombinationen, wie sie sind; auf alle Fälle lösen sie sie nicht weiter als bis zu den inbivibuellen Körpern hin

*) Wer tiefer in ber Gebankenwelt des neuzeitlichen Vitalismus ein« bringen will, fei auf des Verfassers soeben in 4. gekürzter Auslage er­schienenePhilosophie bes Drganischen" hingewiesen, der mir vorstehenden Abschnitt mit Genehmigung bes Verlages Duelle & Meyer in Leipzig entnehmen. (418 Seiten. Geh. 12 Mark, Seinen 14 Mark.)

frühmorgens Tiere durch