eer. Viel Hunger brachte diese
lebe ...
schmales größeren
Und Bowewittche dreht sich strahlend um: „Weil ich noch lebt ist das sechste auch fest! Nichts für ungut, Herr Pastor!"
K'ing kling, trifft der Hammer den Nagelkopf, und ein Hufeisen' sitzt seitdem aus der Schwelle neben seinen fünf Brudern.
Als 223 sr durch zwei Crdtsile.
Erzählt von Otto Dörr, Lardenbach.
In ' vierzehntägiger Cisenbahnfahrt ging
Petersburg nach Archangel am Weihen Mee..-----.
Reife. Zu Schiff ging es dann nach Kandalakscha und im Fußmarsch nach Imandra aus der Halbinsel Kola. Imandra bildet den ersten ruhenden Punkt in der Zeit meiner Gefangenschaft. Deshalb darf ich hier etwas ausführlicher werden. Von Juli bis November waren wir in Imandra, einem kleinen Städtchen am Jmandrafee, einer Station der neuen Murmanbahn. Bis in den August hinein herrschte ewiger Tag, d. h. die Nacht dauerte nur etwa eine halbe Stunde. In dieser Zeit war es warm. Eine Unmenge Heidelbeeren fanden wir. Imandra ist von geschlossenem Tannen- und Kiefernwald umgeben. Dagegen ist keine Spur von Ackerbau zu finden. Ein großes Sägewerk (Bahnbau), etwa 30 Fischer- und Schifferhütten, das ist Imandra. An gieren sahen wir nur Russenpferde und später Renntiere, in Schlitten gespannt. Auch hatte fast jedes Haus einen zahmen Bären. — An Bekannten fehlte es in dieser Notzeit nicht. Zwar hatte' ich in Archangel die Kameraden Gustav Diehl, Höckersdorf, und Karl Henkel aus Grünberg aus den Augen verloren, aber zwei blieben auch jetzt da: Georg Schombert aus Grünberg und Karl Hofmann aus Queckborn. „
Wir arbeiteten an der Murmanbahn. Tagesleistung war für sechs Mann fünf Wagen Erde. Dabei war die Verpflegung gut: Täglich zwei Pfund Schwarzbrot, ein Pfund Weißbrot, Tee, Suppe, amerikanisches Pökelfleisch, ein halbes Paket feiner Tabak und 35 bis 70 Kopeken. Doch war nichts zu kaufen. Auch die Behandlung war menschlich.
Im November erkrankten fast alle Gefangenen mehr oder weniger an Skorbut. Die Beine wurden dick und steif, das Zahnfleisch blau, um die Zähne fielen aus. Todesfälle kamen vor. Auch ich bekam dicke Seine und meldete mich 'mehrmals krank. Nur einmal erhielt ich drei Tage Schonung. Da kam der Abmarsch am 7. November. Postkarten -hatten> wir bis dahin öfters abgesandt, aber keinerlei Post bekommen. Wohin geht es
jetzt? Das war die bange Frage.
5000 Mann trug das Schiff nach Archangel. Auf dieser Reise zahne ich neun Tote. Zu essen gab es Zwieback, Tee und Zucker. Unter groß Zelttüchern hatte ich noch etwas „Wässeriges" entdeckt, und ich zog luw deshalb öfters dahin zurück. Schnaps war es mit viel Wasser, oder wog Wasser mit Schnaps. Es ist unglaublich, wie findig die Not den Ä fchen macht. _
Dann kam die große Cisenbahnfahrt: Archangel — Som,01-“ Orenburg — Omsk — Tomsk — Irkutsk und zurück wieder nach k-ama ", dann weiter über Orenburg — Taschkent nach Andidschan an der cy fischen Grenze. Ankunft am 3. Dezember. „ ,
Diese große Reise brachte uns viel Hunger bei guter Behm > Im ungeheuren Sibirien sahen wir einzelne Städtchen, das s>e
I. Von Galizien bis zur chinesischen Grenze.
Wir lagen in Armeereserve in Buezacz am 13. Juni 1916, vor uns Oesterreicher. Diese wurden atn Pfingstsamstag durch die Russen zurück- geworfen. Wir mußten am 1. Pfingsttag einspringen und hielten die Stellung bis zur Ablösung durch die Oesterreicher am 2. Psmgsttagabend. Am 3. Pfingsttag wurden wir (etwa 70 Mann hatte die 11/223) bei Buezacz gegen Sibirier eingesetzt, welche die in Stellung gewesenen Oesterreicher" bereits gefangen hatten. Davon wußten wir aber nichts. So saßen wir unerwartet in der Tinte. Unter schwerem Artilleriefeuer schmolz die Kompagnie schnell zusammen. Um 3 Uhr nachmittags waren wir nur noch 6 Mann. Rasendes M.-G.-Feuer hielt uns in dem Graben fest. Plötzlich tarnen die Russen in fünf ober sechs Linien an. Wir waren dermaßen niedergedrückt, daß wir an Widerstand, der tatsächlich auch zwecklos, ja unsinnig gewesen wäre, nicht mehr dachten, trotzdem erschlugen die Russen noch zwei Mann von uns. Da griff ein deutsch- fpreebenber Russe ein, und wir drei „Letzten" wurden durch drei Wachleute in eine Talmulde gebracht. Wir waren völlig aufgelöst. Emmerich aus Offenbart) bat um eine Zigarette, und wir bekamen alle eine. Dann wurden wir durch einen Stab ausgefragt. Unser Regiment konnten wir nicht verleugnen, das stand auf den Achselklappen. Damit war man natürlich nicht zufrieden, und so logen wir dazu, was uns gerade in ben Sinn kam. Dann gab es Tee unb ein Stück Brot, bazu Spott und Hohn. Alsdann mußten wir Verwundete tragen. Ein furchtbares Ge- Witter tobte, und der Regen rauschte. Wir hatten keine Mäntel. Stunden- weit ging das so fort, bis wir erlöst wurden. Nun raubte man uns Uhren, Ringe, Brieftaschen, Geld usw. Nur die Pfeife ließ man uns. Dann gab es Dörrgemüse. Wir hatten aber weder Kochgeschirre noch Löffel; also rinn in die Kappe! Andere Deutsche sahen wir hier nicht, aber Unmengen von Kosaken. —
Am anderen Morgen hatten sich 400 gefangene Deutsche und 29 000 gefangene Oesterreicher angesammelt. Wir Deutsche wurden gemustert und beäugett von allen Seiten. Wahrscheinlich hielt man uns für Men- schenfresser oder dergleichen. ,
Acht Tage Marsch nach Kiew. Viel Hunger! Verpflegung in Baracken, Suppe in Mützen. Ich war zu einem gewissen Reichtum gelangt. Ein Oesterreicher hatte mir drei Zigaretten, ein anderer einen ßatb Brot geschenkt. In Kiew konnte ich mich durch allerlei Schliche sogar einmal satt essen. Ich legte mich in der Nähe der Baracke, nicht weit vom Kessel, hin, als wäre mir schwach geworden, um bann bei zeitweiser Erholung neu zum Kessel zu wanken. Das Brot wanderte dabei als Re- serve in den Brotbeutel. Daß mir beim ersten Cssenempfang von mittags 1 Uhr bis abends 10 Uhr standen, will ich nur nebenbei erwähnen.
Nach einer ärztlichen Untersuchung erhielten wir einen Rubel 25 Kopeken. Daß das Verpflegungsgelb fein könnte, bebachte ich natürlich nicht, unb ich kaufte mir dafür Tabak, zwei Bogen Papier und Feuerzeug.
. ..... es nun über Moskau—
Immer böser iah der Finger aus. Es ergriff die Hand.
Kam da der Pfarrer des Weges und trat bei seinem Pfarrkind ein. Redete dies und das. Ob der kleine Fuhrmann morgen eine größere Arbeit übernehmen wolle.
„Hochwürden Herr Pastor, Arbeit schmeckt fuß, aber Freitag fange nicht am Setze fort, aber beginne nicht."
Eben rüstete sich der geistliche Herr mit weltlichen und kirchlichen Waffen — da sah er den Finger.
„Mann — um Gottes willen!"
„Ja," sagte Bowewittche, „schlimm! Doch ich habe das sechste Hufeisen. Nichts für ungut!" t „
Und er erzählte. Aber der Pfarrer: „Hier Hilst nur noch der Arzt. Er allein wird jetzt noch wissen, ob Sie ohne Operation davonkommen. Wir wollen hoffen" daß es noch nicht zu spät ist!"
Ungläubig war der kleine Fuhrmann ja. Es hätte schon mancher eine böse Hand gehabt. Die märe gegangen, wie sie gekommen wäre. Aber es rührte ihn, wie der Pfarrer besorgt war. „Jetzt habe ich die Freude," dachte er; „mußte doch mirklich nicht, wo sie Herkommen sollte!"
Doch die Besorgnis mar wohl übertrieben. Denn — nichts für ungut — der Nagel tötet zwar, aber das Hufeisen mar doch auch noch da! Gefundenes Glück kann doch nicht Tod bringen.
Half ihm alles nichts. Der Pfarrer nahm Bowewittche zum Sanitäts- rat, und der warf nur einen Blick hin: „So, so ... schöne Sachen! Wieviel Hufeisen haben Sie? Fünf ohne das neue? Wenn jedes einen Finger kostet, find Sie Linkpot'. Mahlzeit, bas wäre mir zu teuer. Lieber soll 'mal ein böser Geist in mein Haus!"
Jetzt roürate es ben kleinen Fuhrmann doch. „Die Hand muß weg?" Du Grundgütiger! Und womit auflaben, womit Wolf unb Packan halten, wenn sie 'mal im Laufen waren?
„Jedenfalls sofort ins Krankenhaus."
Verwirrt, bedrückt, wie ein Verurteilter schritt Bowewittche dahin. „Mut und Hoffnung!" tröstete der Pfarrer, — „Halten Sie Ihr Herz fest." Aber er konnte sich doch das eine nicht verkneifen: „Oer Aberglaube ... wenn nur der schändliche, lästerliche Aberglaube nicht wäre! Das ist die Strafe! Ich habe es immer gesagt: es wird doch noch zum Unsegen ausschlagen!" .
Der Fuhrmann sah ihn mit einem großen Blick an. Da wurde der Pfarrer rot unb blies wieder ein besser Stücklein von Mut unb Hoffnung.
Im Krankenhaus wurde am Abend noch zur Operation geschritten. Bowewittche ward dabehalten. Er jammerte nach seinen Hunden. Erst als ihm heilig versichert wurde, daß ein getreuer Nachbar versprochen habe,'Wolf und Packan nicht zu vergessen, beruhigte er sich. Fiebernd lag er nachts im Bett. Oft hob er die rechte Hand empor, daß sie gegen das hellere Fenster stand. Aber er mochte zählen wie viel er wollte: er war schon wieder zu kurz gekommen.
Denn nur vier Finger waren noch da: der eine hatte sich absentiert. Es war schlimm, aber cs war zu ertragen. Wenn es nun die ganze Hand gewesen wäre —!
Nur über eins kam der kleine Fuhrmann nicht hinweg. Trogen die Bräuche feiner Jugend? War dies die Strafe Gottes? War das Hufeisen wirklich ein heidnisch Zeichen?
Das ganze Männlein war in Verwirrung geraten. Da wankten jahrhundertealte Pfeiler. Er kannte sich nicht mehr aus. Und nicht der Schmerz, nicht der Verlust des Fingers an sich hatten ihm die Fröhlichkeit gekommen — die Verwirrung nahm sie ihm. Er hatte den Weg nicht mehr. Er wußte nicht recht, wie alles stand.
Freudig aber war der junge Pfarrer. Gegen die erschütterte Festung richtete er Kanonen. Er kam sich vor wie der Apostel der Deutschen, der den letzten Streich gegen die Wotanseiche tut, daß sie fällt und mit ihr der falsche Glaube. Hatte er Bowewittche erst bekehrt, daß er dem törichten Aberglauben entsagte und er zum Zeichen die Eisen von seiner Tür riß, dann würde Beispiel und Lehre auch weiterwirken.
Es war eine soziale Ausgabe, um die es sich da handelte. Nicht auf die alten Hufeisen kam es an, — aber hinter ihnen stand gleichsam der ganze, das Volk sittlich und geistig schädigende Aberglaube.
Und der kleine Fuhrmann sann schwer und ohne Fröhlichkeit und nickte immer, wenn der Pfarrer etwas sagte.
Als Bowewittche aus dem Krankenhaus kam, war er noch immer verwirrt. Es gärte in ihm, und er wunderte sich weiter Tag für Tag, und alles war fremd unt#*- neu. Aber da riefen die Straßenjungen: Bowewittche! — in der Stabt war er Herr Witt gewesen —, unb bas war Heimatlaut. Ein zages Lächeln. Da stand sein Haus, windschief, doch seines eben, und nicht jeder konnte Besitzer sein! Jetzt ward das Lächeln schon kräftiger. Und da: „Wolf ... Packan!" lieber das ganze Gesicht ging das Strahlen. Und die beiden Getreuen stürzen sich ihm entgegen, als wären es wirklich so blutgierige Bestien, wie ihre Namen vermuten ließen.
Wer ist glücklicher als der kleine Fuhrmann?
Auch bas Hufeisen liegt noch auf dem Fensterbrett. Der böse Nagel steckt noch immer drin. Und alles wird licht, die Verwirrung weicht. Es war doch ein Glück: wer weih, ohne das Hufeisen —
Er schlenkerte die rechte Hand hin und her. Der Nagel wollte den Tod. Aber das Hufeisen hat das böse Wollen durchkreuzt, es hat gerettet, was zu retten war — so blieb nur ein Finger dem Nagel versallen! Und ohne die fünf da draußen auf der Schwelle wäre der Herr Pfarrer schwerlich eingetreten. Dann hätte es kein Krankenhaus gegeben, keine Operation — aber auch jetzt die Freude nicht, sondern statt dessen vielleicht kalten Tod.
Kalten Tod ... Macht der Gedanke daran das warme Leden nicht noch wärmer?
Bowewittche wirft die Beine, als ob er tanzen wollte. Im Nu ist er draußen.
„Gerade weht der rechte Wind ben Pfarrer her, ber ben Gesundeten besuchen will. Er sieht ihn an der Schwelle schaffen.
„Bravo, bravissimo ... bas ist die rechte Arbeit", ruft er schon von weitem Er freut sich, daß das Teufelszeug endlich beseitigt werden soll.


