Ausgabe 
3.11.1928
 
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Obwohl erfinderische Mechaniker immer damit beschäftigt sind, die be° nuhten Apparate und Requisiten zu vervollkommnen, läßt sich trotz aller Vorsicht ein gelegentlicher Konstruktionsfehler nicht vermeiden, der dann nicift schlimm« Folgen noch sich zieht. So war es auch in den, Falle des bimmelradlers Louis, dessen Absturz sich nur dadurch erklärt, daß der ckektro-magnetische Strom, der sein Rad an der Zirkuskuppel sefthielt, »lötzlich versagte. Ein ähnlicher Fall wie im Zirkus Busch stieß vor -insaen Wochen in einem Chikagoer Varietä einem erprobten Artisten

der sich auf einer frei in der Luft schwebenden Leiter befand, mit der schon einmal abgestürzt war. Das erstemal ereignete sich der Unfall, weil plötzlich während der Vorführung der elektrische Strom versagte. Das ganze Theater lag in völliger Dunkelheit da. Er verlor das Gleich- gewicht, und stürzte mit dein Gesicht aut den Boden, ohne sich allerdings schwer zu verletzen. Das zweitemal sollte er seinem Schicksal nicht ent­gehen. Er streifte nur mit der Leiter an eine Kulisse, stürzte ab und blieb liegen, um niemals wieder auszustehen.

Die sogenannten Todessprünge der Akrobaten aus der Kuppel eines Arkusses erfordern außergewöhnliche Tollkühnheit, genaue Kenntnisse der Fallgesetze und eingehendes Studium der anatomischen Beschaffenheit des Körpers, und trotzdem läßt es sich fast nie vermeiden, daß doch einmal der Versuch mißglückt und derKönig der Lust" mit gebrochenem Genick leine Laufbahn in der Manege beendet. Der letzte Luftakrobat, dessen Leben auf diese Weise seinen Abschluß fand, roar Mac Henderson, , ber berühmteTodesspieler" in San Franzisko. Seinen Todsssprung berechnete er folgendermäßsn: Der erste Stoß erfolgt auf die Füße, dann aus die Unterarme, wobei aber die Gewalt des Anpralls sofort dadurch au gehoben wurde, daß Henderson nach hinten zurückschnellte und mit einem Salto Mortale das Kunststück abschloß. Henderson pflegte eine schwankende Leiter auf einen noch schwankenderen Tisch zu stellen, kletterte die Sprossen bis oben hinauf, vollsührte hier die halsbreche­rischste Akrobatik und ließ sich dann plötzlich in die Tiefe fallen. Immer war ihm dieses Kunststück geglückt, nur damals, als der Tisch an der falschen Stelle stand, verlor der berühmte Todesspieler seine Partie. Er schlug mit dem Kopse aus ein« harte Stelle des Bodens auf, und wurde als Leiche aus der Manege getragen. '

Eine der gefährlichsten Aufgaben, vom akrobati,chsn Standpunkt aus gesehen, besteht darin, in der Luft einen doppelten Salto Mortale ous- ! zuführen und trotzdem mit den Füßen auf dem Boden zu landen. Zu den wenigen berühmten Seiltänzern, die dieses Meisterstück ferriggebracht haben, gehören Collcano und Bellino. Colleano ist sogar im­stande, den Salto Mortale nach vorwärts auf dem Seil auszuführen, und er treibt bisweilen feine Tollkühnheit so weit, daß er mit Absicht das Kunststück erst einige Male sehlschlagen läßt, um die Spannung der Zu­schauer zu erhöhen, bis er es dann endlich mit vollendeter Eleganz aus- ühri. E° arbeiten übrigens fast alle Akrobaten mit dem Trick, ihre Nummer erst mißglücken zu lassen, nur die Trapezkünstler können sich dieser List nicht bedienen; denn für sie würde es den sicheren Tod be­

deuten. , , .

Auch schon ivährend der Ausbildungszeit lauert der -lob in jeder Sekunde auf den zukünftigen Akrobaten, um sich seiner zu bemächtigen. Allerdings ist bei ihm das Gefahrenmoment wefsntlich eingeschränkt. Man pflegt die jungen Artisten vorsichtshalber mit einem Strick, der über dem Eül befestigt ist, an ihrem Gürtel festzubinden, so daß sie im Falle eines Absturzes keine besondere Gefahr laufen. Nachdem sie genügend Hebung erreicht und ihr Kunststück ost genug wiederholt haben, läßt man endlich das Hilfsmittel fort, bis der Lehrer den jungen Nachwuchs schließlich für genügend geschickt hält, vor dem Publikum aufzutreten.

Ein besonderes Glück hat während ihrer langjährigen Laufbahn die bekannte Akrobatin Irma Ward gehabt, die ihre verwegenen Todes- sprünge mit verbundenen Augen und einem über den Kopf gezogenen Sack vollführt. Schon mehr als neunhundertmal hat sie auf dies« Weise dem Tode getrotzt, ohne ihm zum Opfer zu fallen. Irma Ward bringt «5 auch fertig, von einem Trapez auf ein anderes, das such etwa ftms- zehn Meter entfernt befindet, zu fpringsn, und sie ist die einzige Frau, die einen dreifachen Salto Mortoie vorzuführen vermag.

Für die im Freien aus Messen und Rummelplätzen arbeitenden Akrobaten stellt das vom Regen glatt gewordene Seil und fetidjt« Hande eine besonders große Gefahr dar, der schon viele von ihnen zum Opfer ^aie" Befestigung des Seiles und der Trapeze erfolgt natürlich immer mit größter Sorgfalt, und stets wird es von dem Akrobaten selbst ju Beginn der Borstellung noch einmal überprüft. Die Bearbeitung der Requisiten erfordert große Zuverlässigkeit; denn ein einziger Konstruk­tionsfehler, die Ungenauigkeit von wenigen Zentimeter in der Aus­messung kann unter Umständen den Artisten das Leben kosten. Nur aus- pewähltes Material wird für die Herstellung der Apparate und Zubehör­teile verwendet. Als zum Beispiel Cliss dürren wahrend des letzten Gommers in der MailänderSkala" gastierte, vollführt« er unter an­derem auch an einer langen Stahlstange, die mehr als 900 Kiko wog, halsbrecherische Akrobatenkunststücke. Er kletterte an ihr bis zu einer Höhe von sünszehn Meter empor, während die Stange einem riesigen Pendel ähnlich, regelmäßig, aber ohne umzusallen, hin und her schwankte. Den Stahl, aus dem diese elastische und doch außerordentlich widerstands­fähige Stange bestand, hatte Curran eigens von einem bekannten deut­schen Gelehrten für seine Zwecke zufammensetzen lassen. Das B«r,ähren ist ein Geheimnis des Akrobaten, von dem niemand etwas erfahren hat, da der betreffende Gelehrte inzwischen verstorben ist. In Arnstenkreljen erzählt man davon, daß der Chemiker etwa zwanzigmal erfolglos den Versuch gemacht habe, eine entsprechend widerstandsfähige Stahlstange zu konstruieren, bis endlich beim einundzwanzigsten Maie das Experi­ment geglückt fei. ,,

Außerordentliche Geistesgegenwart und großes Verantwortlichkeits- 8°sühl erfordert auch die Arbeit der Akrobaten in Gruppen, da das geringste Versagen eines einzelnen die übrigen mitwirkenden Artisten in die schwerste Gefahr bringen kann. Die Geschichte der Akrodatil kennt zahlreich« Fülle, in denen ein Artist die Unzuverlässigkeit seines Partners Mit dein Leden hat bezahlen müssen.

In der letzten Zeit haben sich gerade in Amerika die Fälle gehäuft, daß Luftakrobaten, um die Ausmerkfamkeit des Publikums aus sich zu lenken, ihre verwegenen Streiche in aller Oesfentlichkeit aus dem Dache eines Gebäudes, möglichst eines Wolkenkratzers, ausgefübrt haben. Der Artist S i q in Reuyork, der früher den Beruf eines Kirchendieners aus­übte, hat sich seinerzeit dadurch einen Namen gemacht, daß er die toll­kühnsten Akrobaienkunststücke auf dem Turm seiner Kirche und auch auf anderen Gebäuden ausfübrte, mit dem Erfolg, daß er ein hohes Straf­mandat wegen groben Unfugs, aber gleichzeitig auch ein Engagement mit noch höherer Gage bei einem erstklassigen Varietö sand.

Einer von den amerikanischen Luftakrobaten, deren Leben bei ihren Vorführungen in schwerer Gefahr schwebt, ist Al Johnson, der sogenannteTeufel der Luft", der der erste gewesen ist, der seinerzeit mit einem Fahrrad über ein hundert Meter über dem Erdboden be­findliches ©eil gefahren ist. Heute hat er sich seine Arbeit noch erschwert, indem er das Fahrrad mit einem Flugzeug msarnmengekoppelt hat. Während der Aeroplan ihn mit seinem Fahrrad schließlich von dem Seil sortreißt, löst Johnson die Verbindung, und läßt sich in die gähnende Tiefe fallen. Alsbald aber öffnet sich ein Fallschirm, und er landet immer wohlbehalten, ohne daß ihm bisher das geringste Leid geschehen wäre.

Es ist natürlich verständlich, daß Menschen, die ihr Leben auf der­art gefahrvolle Weise aufs Spiel setzen müssen, auch entsprechend bezahlt werden. Amerika geht auch in dieser Hinsicht allen anderen Ländern füh­rend voran, und es ist nichts Außergewöhnliches, daß ein Akrobat für ein neuartiges, noch nie gesehenes Kunststück eine Gage von mehreren tausend Dollar je Abend erhält.

Alle diese Artisten sind selbstverständlich auch mit äußerst hohen Prämien versichert, da sie ständig damit rechnen, daß ihre Laufbahn eines Tages durch plötzlichen Tod ihr Ende findet. Sie alle sind darauf gefaßt, daß ihnen einmal das Glück den Rücken kehrt. Heute noch leben sic und verfctzen durch ihre Leistungen Tausende von Zuschauern in Wem raubendes Staunen. Morgen aber erwartet sie vielleicht schon der Tod, der Artistentod im Sande der Manege, wie ihn schon fo viele von ihnen gestorben sind ...

Die Silberinsel.

Von Ewald Gerhard ©ecHget.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

,Daß ich ein Starr wäre. Solches Volk Hebt dann wieKletten an einem. Was ich von ihm tveitz, genügt mir vollkommen; daß et eine glatte Larve hat und gerade gewachsen ist, mag fein, daß es so ist, aber sein Verdienst ist das nicht. Wenn er aber ein Kerl wäre, an der Spritze, ein Kerl, her­ben Kops am rechten Fleck hat und die Hände gebrauchen kann, bann säße et nicht mehr auf dem Schreibebock und schmierte Papierbogen voll, um andre Leute damit zu ärgern."

Aber er will ja fort."

Er will, sieh da, als wenns danut getan wäre. Er will, o, rch weiß schon, mit Krausemüller seinem Geld will er ein andres Leben anfangen. Und dieses Leben wird nichts andres sein, als Krausemüller sein Geld zum Fenster hinauszuwerfen. Kennen wir, solche Brüder!"

Das wird er nie 1 .

, Schön von dir, daß du von andern Leuten besser denkst, als dem Vater. Wieviel Gebalt bezieht er? Null. Sein Kredit? Rull, null, null! Das genügt mir. Sonst wissen die Leute nichts von ihm. Bestätigt nur meine Meinung. Ein ehrlicher Mensch mag er meinethalben fein, aber ein Lump ist er doch.'

Vater, nimm das Wort zurück, oder"

WaS denn oder?"

Oder ich muß dich verachten!" t r

Da lachte der Müller hellauf, wischte sich den Bart und erhob sich: Verachten, du Küken! Nun verachte du ruhig deinen Vater, wenn es dir Spaß macht, mir macht das Ding ebensolchen Spaß, und wir haben uns ja feit vorgestern noch keinen rechten Spaß gemacht."

Er trat mit langen Schritten durchs Zimmer, blieb endlich hmter ihrem Stuhl stehen und beugte sich zu ihr herab.Na, du Schmollkater, wie steht'S mit dem Schmatz?"

Nicht eher, als bis du das Wort zurückgeiiommen hast.

Ist zurückgenommen." , , ,, .

, Vater," ein großes Glück begann leise in ihren Augen zu leuchten, ,du bist doch mein guter, lieber Vater." Dann schlang sie ihren Arm um leinen Racken und küßte ihn innig auf beide Mangen und auf den Mund.Und du lvirst ihn nicht zurückweisen, wenn er kommt?"

Hallo", ries er, und machte sich frei,also daher pfeift der Wind. Da verkennst du doch deinen Vater. Der läßt sich nichts abmarkten und ab- schmeicheln. Fang mir erst nicht an zu heulen. Dann geh' ich aus der Tür. Du bist noch jung, lern du erst andre Männer kennen, Männer, die rn der Welt was wert sind, die hier inwendig was haben."

Aber ich lieb' ihn und keinen andern."

Liebe ist dos Blech, in das man mit zwanzig Jahren bläst. Liebe macht blind, und beim Heiraten muß man die Augen offen halten.'

Aber er kommt heute, er will mit dir fprechenl"

Sei still, er wird nicht kommen, ich habe ihm einen Brief ge- torieben, den er sich nicht Hintern Spiegel steckt. Den bist du los! Und wenn er mit seinem Fernrohr von dort Drüben noch weiter hier herum- fpioniert, miete ich ihn einfach beim Hauswirt aus.'

Was haft du ihm denn geschrieben?"

Ich weiß nicht mehr genau, aber jedenfalls was Nachdrückliches.

Da schrillte die Glocke eines leeren Mahlganges herüber, und der Müller griff zur Mütze.

Daß du mir gleich zu Bett gehst und nicht erst durch den Garten streichst. Das hört jetzt auf. Gute Nacht!" Damit ging er hinaus.

Hilde aber ging doch in den Garten. Dann auch wollte sie sich durch diesen Ungehorsam bezeugen, daß sie sich der väterlichen Zuchi ent- wachfen fühle. Und endlich war heute ein Montag, und sie wußte, daß